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Was war. Was wird.

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Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Ist es ein historischer Moment? Jeder Leser dieser Wochenschau wird sich daran erinnern können, was er am 11. September 2001 machte, als die ersten Nachrichten aus den USA Deutschland erreichten. Viele werden sich daran erinnern, was sie machten, als die Mauer fiel. Nun liegt ein weiterer histroischer Moment wie der Mauerfall hinter uns: Nach Italien entscheidet sich Deutschland für den Ausstieg aus der Kernenergie: "Nur eine rot-grüne Regierung konnte, im Kosovo-Konflikt, deutsche Soldaten zum ersten Mal wieder in einen Krieg schicken. Nur Schwarz-Gelb kann aus der Atomkraft aussteigen, ohne dass die Republik im Streit gelähmt wird." Es gibt einen Grund zum Feiern, auch wenn das Ziel noch lange nicht erreicht ist, wenn viele krude Kompromisse auf dem Weg liegen.

*** Wie kann dieser historische Moment beschrieben werden? Mit der Rede vom neuen Denken ist es nicht getan. Der Median liegt in Deutschland bei 44 Jahren: Als dieser Durschnittsdeutsche 1967 geboren wurde, begann das "Versuchsprogramm" zur Einlagerung von radioaktiven Abfällen im Salzbergwerk Asse, ein Müllskandal ohne absehbares Ende. Vor 50 Jahren, am 17. Juni 1961 wurde erstmals vom Versuchsatomkraftwerk Kahl Atomstrom in das Verbundnetz der Energieversorger eingespeist. Wenn dieser Irrweg 2022 zu Ende geht und Deutschland vollgepackt mit Windrädern und Solaranlagen das Internet der Dinge füttert, geht es nur noch um die Kleinigkeit, den Müll die nächsten paar Millionen Jahre unter Kontrolle zu halten. No risk, no fun!

*** Von meinem Schreibtisch blicke ich auf zwei Windräder. Eines hat 30 Jahre auf dem Buckel und wurde aus Protest von Atomkraftgegnern aufgestellt. Das andere ist 7 Jahre alt und gehört zu einem Verbund von 232 Anlagen, die zusammen 374 Megawatt erzeugen. Bald werden zwei oder drei weitere Räder aufgestellt. In Ausmaß und Leistung sehr unterschiedlich, ist doch das Prinzip bei beiden gleich geblieben. Bei unserer Technik kann man das nicht sagen: Am 5. Juni 1977 wurden die ersten Apple ][ ausgeliefert, zum Preis von 1300 US-Dollar für ein Gerät mit 4 KByte Speicher. Jede Ähnlichkeit mit der iCloud ist zufällig, wie bei uns die wundersame Transformation von Steve Jobs, ein neues Buch: Was im Original "iLeadership for a New Generation" heißt, wird in der Übersetzung zu "iLeadership: mit Charisma und Coolness an die Spitze". Besser als jedes Merkel-Video vom Neuen Denken kann die deutsche Malaise vom "no risk" und "no fun", diesem furzbequemen das-haben-wir-nie-so-gemacht nicht illustrieren. Coolness ist ungefähr das Letzte, was ich dem eisernen Kontrollfreak Steve Jobs attestieren würde.

*** Ein anderes Jubiläum wurde bereits am Schluß der letzten Wochenschau angekündigt. Heute vor 20 Jahren verschickte Phil Zimmermann die erste Version von PGP, eine Handlung, die er heute vor 10 Jahren ausführlich auf der Cypherpunks-Mailingliste schilderte. Zu seiner Lebensleistung gehört es nicht nur, die Kryptografie für normale Nutzer und leistungsschwache Rechner ermöglicht zu haben, sondern auch, allen Beschuldigungen zum Trotz an seiner Idee von PGP festgehalten zu haben. Im Vorfeld zeitgenössischer Camping-Aktivitäten sei auch an das Outdoor-Treffen Hacking in Progress erinnert, als europäische Cypherpunks PGP befreiten und auf einem Server in Norwegen deponierten: Der Source-Code von PGP 5.0 wurde ausgedruckt, nachdem ein US-Gericht ein Exportverbot für die Software, nicht jedoch für den Quellcode verhängte. Aus dem Ausdruck erstellten 80 Helfer die neue Version und demonstrierten mit dieser Umgehung des Kryptoverbotes, dass Verschlüsselungsfreiheit ein wichtiges Bürgerrecht ist. Wer dies belächelt, sei daran erinnert, dass in jenen jetzt schon fernen Zeiten ein deutscher Innenminister ein Kryptoverbot erlassen wollte, das den Besitz von PGP unter Strafe stellen wollte. Noch die positiv formulierten Eckpunkte deutscher Kryptopolitik nach dem Abdanken dieses Ministers künden vom Misstrauen in die Verschlüsselungsfreiheit, die heute von einem Bundesdatenschützer straflos als Feature angemahnt wird. "Pressefreiheit ist einmal ein gutes politisches Schlagwort gewesen. Was heute verlangt werden muss, ist: Filmfreiheit und Rundfunkfreiheit. Die Zensoren machen aus beiden einen Kindergarten," schrieb Kurt Tucholsky im Jahre 1932. Die Verschlüsselungsfreiheit gehört zu diesen essentiellen Rechten – genau das erkannte Phil Zimmermann, als er mit der Arbeit an Pretty Good Privacy begann.

*** Kaum warnte Googles Eric Schmidt vor einer Balkanisierung des Internet, war es soweit. Syrien begann mit einer Aktion, einer Menschenrechtsverletzung, die zumindest in Ägypten nicht von Erfolg gekrönt wurde. Auch Libyen versuchte sich bekanntlich an der Abkoppelung, doch nicht nur das. Mit einem über die Kontaktlisten von Skype verteilten Trojaner hörten die Schergen von Ghaddafi auch die Skype-Telefonate ihrer Gegner mit. Bekanntlich wird auch bei uns mit Trojanern in Ermittlungssachen gearbeitet und diskutiert, ob davon abgesehen die Geheimdienste solchermaßen weiter schnüffeln dürfen. Sind so kleine Schritte, fallen einmal um.

Was wird.

Was wird werden wenn weitere Windräder werkeln? Die Fotos weisen darauf hin: Zunächst einmal kommt der Sommer und mit ihm die passende Füllung für alle denkbaren Sommerlöcher, das Sommerrätsel im WWWW, in den drei Sparten Hardware, Software und Persönlichkeiten, die, ob cool oder nicht, diese Branche prägen. Wer immer Ideen für interessante Rätsel hat, mag Anregungen mailen. Es darf auch ganz und gar trivial sein, wie diese sommerliche Veranstaltung es ausdrückt, die voller Fragen steckt: "Werden Computer zu trivialen Maschinen, der "love affair of the western culture", wie Heinz von Förster sie nannte? Ist nun das Feuilleton der Ort der Kritik des Digitalen, nicht mehr die Ecken der Assemblerprogrammierer? Braucht es keinen Durchblick mehr? Ist alles tatsächlich so trivial geworden?"

Kein Durchblick mehr! Das ist doch schon einmal ein schönes Sommermotto. Und so endet diese Wochenschau zum großen Mauerfall mit einer kleinen Internet-typischen Urheberrechtsverletzung in Erinnerung an das Geburtstagskind Frederico García Lorca, dem wir eines der schönsten Sommergedichte verdanken. Triviale gesinnte Naturen können es von Google Translate übersetzen lassen, so entsteht auch etwas Neues mit eigener Schöpfungshöhe ...

La casada infiel

Y que yo me la llevé al río
creyendo que era mozuela,
pero tenía marido.

Fué la noche de Santiago
y casi por compromiso.
Se apagaron los faioles
y se encendieron los grillos.
En las últimas esquinas
toqué sus pechos dormidos,
y se me abrieron de pronto
como ramos de jacintos.
El almidón de su enagua
me sonaba en el oído,
como una pieza de seda
rasgada por diez cuchillos.
Sin luz de plata en sus copas
los árboles han crecido,
y un horizonte de perros
ladra muy lejos del río.

Pasadas las zarzamofas,
los juncos y los espinos,
bajo su mata de pelo
hice un hoyo sobre el limo.
Yo me quité la corbata.
Ella se quitó el vestido.
Yo el cinturón con revólver.
Ella sus cuatro corpuios.
Ni nardos ni caracolas
tienen el cutis tan fino,
ni los cristales con luna
relumbran con ese brillo.
Sus muslos se me escapaban
como peces sorprendidos,
la mitad llenos de lumbre
la mitad Ilenos de frío.

Aquella noche corrí
el mejor de los caminos,
montado en potra de nácar
sin bridas y sin estribos.
No quiero decir, por hombre,
las cosas que ella me dijo.
La luz del entendimiento
me hace ser muy comedido.
Sucia de besos y arena,
yo me la Ilevé del iío.
Con el aire se batían
las espadas de los lirios.

Me porté como quien soy.
Como un gitano legítimo.
La regalé un costuiero
gfande de raso pajizo,
y no quise enamorafme
porque teniendo marido
me dijo que era mozuela
cuando la llevaba al río.

(jk)