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Was war. Was wird.

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Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Es gibt viele Menschen, die stellen sich einen Zeitstrahl so vor, wie er in Geschichtsbüchern auftaucht. Da wird das Pferd erfunden, dann das Rad und hopps rast Ben Hur über die Kreuzung. Tatsächlich ist die Sache viel komplizierter. Man muss sich den Zeitstrahl als gordischen Knoten vorstellen, als Palstek des Grauens. 40 Jahre, nachdem Daniel Ellsberg in mühseliger Arbeit am Fotokopierer "United States-Viet Nam Relations, 1945-1967: A Study Prepared by the Department of Defense" kopierte, werden diese Pentagon Papers am Montag offiziell freigegeben. Heute ist Ellsberg ein Held, der Über-Whistleblower schlechthin, damals brachen die "Klempner" von US-Präsident Richard "Dirty Dick" Nixon in die Praxis von Ellsbergs Psychoanalytiker ein, um belastendes Material zu finden, mit dem die "Ratte" als Geisteskranker weggesperrt werden konnte. Feierlich sollen nun die 7000 Seiten der Pentagon-Papiere online gestellt werden, hübsch drapiert mit Festreden über die vierte Macht im Staate, die sich nicht einschüchtern ließ – aber über ein Jahr brauchte, die Papiere zu veröffentlichen. In dieser Zeit war Ellsberg fast am Durchdrehen, heißt es in dem Film The Most Dangerous Man in America, der zur Feier des Tages vom öffentlich-rechtlichen US-Fernsehsender PBS online als Stream gesendet wird. Drücken wir die Daumen, dass die leicht reizbaren Charaktermasken von Anonymous in dieser Handlung nicht wieder ein Angriff auf den Heiligenschein von Wikileaks sehen.

*** Während die Pentagon Papers ordentlich auf dem Zeitstrahl der Geschichte markiert sind, ist das "National Security Study Memorandum No. 1" weit weniger bekannt, obwohl es auch von Daniel Ellsberg öffentlich gemacht wurde. Das Memorandum ist ein Schreiben von Nixons Sicherheitsberater Henry Kissinger an das Pentagon, die NSA, CIA und das FBI. Kissinger wollte am ersten Tag der Präsidentschaft Nixons wissen, ob die südvietnamesischen Truppen gut genug gerüstet sind, um im Falle eines Abzugs der US-Armee alleine gegen den Vietcong kämpfen und bestehen können. Besonderes die Antwort der NSA war niederschmetternd: Die Truppen haben keine Chance und der Rückzug der Amerikaner ist unvermeidlich. Damals hatten viele Amerikaner das Gefühl, einen sinnlosen Krieg in Asien zu führen, doch erst das Memorandum lieferte das Wissen. Das Recht auf Wissen, wie es Perry Barlow funktioniert, ist wichtig und kostbar. In all den hübschen Gedenkartikeln fehlt dank Ellsberg nicht der Hinweis auf Bradley Manning, dem mutmaßlichen Informanten der derzeit homöopathisch arbeitenden Informationsplattform Wikileaks.

*** Was fehlt und mit zum großen Knoten gehört, ist die große Härte, mit der Barack Obama gegen Whistleblower vorgeht und damit längst seinen Amtsvorgänger Bush in den Schatten gestellt hat. Der Mann, der letzte Woche vom kleinen Mädchen Angela schwärmte, kassierte beim Versuch, einen anderen aufrechten Whistleblower für 35 Jahre wegzuschließen, eine empfindliche Niederlage. Die Rede ist von Thomas A. Drake, dem Kritiker des milliardenschweren Softwareprogrammes Trailblazer, dessen Entwicklung in einem Fiasko endete. Ein billigeres von der NSA selbst entwickeltes Programm namens ThinThread wurde gestoppt, damit Trailblazer keine Konkurrenz hatte. Drake wurde in zehn Punkten angeklagt, bei der NSA spioniert und hoch geheimes Material zu diesen Projekten verbotenerweise nach Hause mitgenommen zu haben, wo es ein Reporter der Baltimore Sun zu Gesicht bekam. Für diese besondere Variante des Whistleblowing ordnete der Richter Einblick in die Dokumente an, die angeblich bei Drake gefunden wurden. Die Papiere, die die Anklage letzte Woche präsentierte, reichten nicht, um das Gericht von einem schweren Geheimnisverrat zu überzeugen. Nun wird Drake wegen Computermissbrauch auf Bewährung verurteilt, eine harmlose Strafe.

*** Weitere Verfahren gegen Whistleblower beim Pentagon und beim Außenministerium stehen an, schließlich gibt es genug irrsinnige Großprojekte beim Militär, die nicht besonders funktionieren. Eines davon ist die militärische Überwachungstechnologie des Insight-Programmes, das in deutscher Übersetzung gleich zum megalomanen Panoptikum aufgebauscht wird. Liest man die von der Forschungsbehörde DARPA veröffentlichten Dokumente, so scheint die neue Überwachung nicht besonders effektiv zu sein: um 10 bis 20 "High Value Individuals" (HVI) in einem Gebiet von 100 Quadratkilometern rund um die Uhr verfolgen zu können, braucht es 4 Drohnen und insgesamt 168 Mann Bedienungspersonal im Schichtbetrieb. Bei dieser Zahl von Bedienern ist es wohl vorprogrammiert, dass Wikileaks oder eine vergleichbare Whistler-Plattform Videos oder Fotos einer HVI-Verfolgungsjagd veröffentlichen wird. Da macht ein US-Gesetz im Staate Tennessee gleich Sinn, das die Veröffentlichung von Fotos im Internet unter Strafe stellt, wenn diese Fotos eine emotionale Bedrohung beim Betrachter auslösen. Als Beispiel solcher Fotos wurden in der US-Debatte Bilder aus dem Video "Collateral Murder" genannt, für das Wikileaks in diesen Tagen den Whistleblower-Preis 2011 bekam. So schließt sich ein Knoten.

*** "Die Massen machen vielleicht Geschichte, aber sie können sie bestimmt nicht erzählen. Es sind die dominierenden Minderheiten – die man auf der Linken 'Avantgardisten' und auf der Rechten 'natürliche Eliten' nennt – die die Geschichte erzählen. Und die sie nach Bedarf neu schreiben, wenn der Bedarf spürbar wird, und von ihrem dominierenden Gesichtspunkt aus, wird der Bedarf danach oft spürbar." Jorge Semprún schrieb diese Sätze über sein Bedürfnis, von einem Dezembersonntag im KZ Buchenwald im Jahre 1944 zu berichten. Mit ihm ist in dieser Woche eine große Stimme der Literatur gestorben, die auf ihre Art von totalitaristischen Verknotungen in Ost und West berichtete, als wieder der Bedarf da war, die Geschichte zu erzählen.

*** Ein ordentlicher trojanisch-gordisch-zierckensischer Knoten ist die Sache mit der Vorratsdatenspeicherung. Nun ist der Gesetzentwurf des Justizministeriums draußen, über den die Datenfanatiker entsetzt sind, ihre Gegner aber auch. Denn die Speicherdauer von IP-Adressen hat es in sich, auch wenn das Gesetz mit einem Verbot einherkommt, diese Adressen schon für Ordnungswidrigkeiten zu benutzen. Was aber ist, wenn mit diesem wunderbar fluppenden IPv6 mein Stromzähler im Netz herumpöbelt? Gelten die Aufwandsentschädigungskosten von 40 Euro pro IP-Adresse auch für die Dutzende von Adressen, die ein normaler Haushalt künftig besitzt? Und wo ist die Grenze für Kleinunternehmen, die von der Vorratsdatenspeicherungspflicht ausgenommen werden sollen? Vielleicht ist der Blick auf die Details des Entwurfes verfrüht, weil Justiz- und Innenminsterium in dieser Frage so verknotet sind, dass ein Schwerthieb nichts ausrichtet und sogar das Lichtschwert der Jedi-Ritter um Gnade wimmern dürfte. Die Antwort unseres Innenministers auf den Entwurf seiner Justizkollegin steht noch aus. Statt Schwert dürfte er die gesprochene Bombe bevorzugen. Ein passender Termin in Bonn: die offizielle Eröffnung des Cyber-Abwehrzentrums am kommenden Donnerstag oder die offizielle Geburtstagsfeier des BKA am nächsten Tag.

Was wird.

Hopplahopp, schon sind wir in der Zukunft angelangt, so vertrackt sind Knoten. (Das "wir" ist hier gemeint als Puralis Journalistis von nichts schnallendem Journalist und kundiger Leserschaft. In pfingstlicher Ruhe kann noch der 100. Geburtstag von Nobelpreisträger Louis Walter Alvarez begangen werden, der in Deutschland als Erfinder des bodengesteuerten Anflugsystems bekannt wurde, durch den die auch bei schlechtem Wetter funktionierende Berliner Brücke erst möglich wurde. In der Populärwissenschaft ist er der Mann, der das Verschwinden der Dinosaurier durch einen Meteoriteneinschlag erklären konnte. Das Leben von Alvarez ist von seinem Freund Arthur C. Clarke in "Glide Path" beschrieben worden, dem einzigen Tatsachenroman des Science-Fiction-Schriftstellers.

Was ist die Zukunft ohne Knoten? Gleich nach Pfingsten startet ein Kongress, der die Generation Unsicherheit zum Thema hat und von einer Welt im "Veränderungsstress" handelt. Für die kommenden Leader ab 2021 soll in hübscher Umgebung gezeigt werden, wie sie ihr Geld verdienen können. Bleibt die Frage, welches Geld das sein wird, griechische Euros oder diese Bitcoins, über deren Prinzip viel Unsinn erzahlt wird. So warnte ein digitaler Bundesverband, der "Wir sind das Netz" als Motto vereinnahmt, vor den seuchenschrecklichen eGeldstücken, während ein Blatt vom Wikileaks des Geldes schwafelte. Da trifft es sich gut, dass ausgerechnet der Bitcoin-Chefentwickler Nils Schneider die Keynote für die Generation Unsicherheit hält. Die legt dann in Bitcoin in der Cloud an und nicht Old School in Goldbarren im Tresor. Some like it hot. (vbr)