Menü
4W

Was war. Was wird.

Von
vorlesen Drucken Kommentare lesen 65 Beiträge

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Heute beginne ich rücksichtslos mit den ganz schlimmen Nachrichten, obwohl Weihnachten vor der Tür steht und der geneigte Heiseleser schonmal die Installationsanleitung für den Baum 2.0 ausgedruckt hat. Da wäre die Meldung, dass ich wohl nicht mit den Vor/Vollpixel reich werde, wie im letzten WWWW behauptet. Wie kluge WWWW-Leser erkannten, gibt es üble Konsequenzen, die im Netz der Spammer, Schleimer und Verfüger zwangsläufig eintreten. Den einsamen Kampf, mit dieser Kolumne die maladen Wochenendzahlen von zweieinhalb Millionen Visits am Sonntag wieder über die werktäglich üblichen fünfeinhalb Millionen zu stemmen, den wird mir also nur der kleine bezaubernde Verlag in der norddeutschen Tiefebene vergelten.

*** Doch halt! Wie lange noch? Es gibt noch schlimmere Nachrichten! Wir leben hier in einem bedrohten Erdteil! Drei Viertel des Bundeslandes, das sich rund um das bezaubernde Hannover ausdehnt, liegen in dieser norddeutschen Tiefebene und sind akut bedroht, wenn der Meeresspiegel ansteigt. Das muss man sich einmal vorstellen: heise online unter Wasser, die c't aufgeweicht und zur Manuskriptübergabe muss man mit dem Schlauchboot paddeln. In der norddeutschen Tiefebene wird übrigens die Hälfte der deutschen Windenergie erzeugt. So gesehen ist es nur konsequent, wenn das Land Niedersachsen den Ökostrom abbestellt. Das spart eine Million Euro und ist ein tolles Signal für das nachhaltige Wirtschaften.

*** Es muss wohl, und das ist die dritte schlimme Nachricht dieser Woche, einen Zusammenhang zwischen der Tiefebene und dem Denken der Bewohner dieser Ebenenwelt geben. Langjährige Leser dieser Wochenschau werden das unterstreichen, denn natürlich war früher alles besser, das WWWW inklusive. Ebenenmäßig ist auch das Denken eines tiefniederen Sachsen, der als aktiver Sportschütze die Kriminalisierung von Computerspielen betreibt. Zwei Jahre Haft für den, der die Verherrlichung von Gewalttaten wie der Keilerhetze betreibt, das würde passen. Man könnte nun darüber reden, ob Spiele ökologisch unbedenklich sind oder ob die Unterhaltung virtueller Inseln reale Tiefebenen überschwemmt. Besser ist aber eine Debatte über die Nöte jugendlicher Computerspieler, die medial zu echten Monstern werden. Dabei haben sie es nicht leicht in dieser Welt, wie es von Netzpolitik berichtet wird: "Ich mag keine Kriegsschlachtspiele à la 'Command & Concquer', aber: Die Jugendliche müssen es auch aushalten, dass das ZDF Herrn Knopp hat."

*** Schlimmer als das Bild vom wahnsinnig werdenden Computerspieler ist eigentlich nur das Bild vom Hacker. Während die Szene liebevoll an der Unterscheidung zwischen kreativem Hacker und bösartigen Cracker festhält, nimmt die breite Öffentlichkeit diesen Unterschied nicht zur Kenntnis. Für die gibt es nur noch Datenkünstler und Datenterroristen. Fangen wir bei den hochgelobten Datenkünstlern von ubermorgen an, die mit Hilfe von zwei italienischen Hackern angeblich 3000 Bücher von Amazon geladen haben und die erfolgreiche Erpressung via Amazon Noir als Kunstprojekt deklarieren können. Nun soll es gegen Google gehen, natürlich im Namen der Kunst. In 202 Millionen Jahren soll Google kapitulieren.

*** Dann gibt es die Datenterroristen, die man in zwei Unterklassen einteilen kann, die staatlichen und die nichtstaatlichen. Beide führen den Namen Häcker – bitte, der Bundestag hat diese Aussprache auf einer Art Karnevalssitzung (PDF, ab S. 31) beschlossen. Staatlich sind die Chaos Polizei Häcker oder die BKA-Häcker am Werk, die bisher, wie Staatssekretär Hartenbach in der besagten Sitzung feststellen musste, mit ihrer Online-Festplattenuntersuchung scheiterten. Aber alle Häcker fangen klein an. Wahrscheinlich fehlt dem als Vorauskommando losgeschickten BKA-Trojaner das nötige Quentchen "social engineering". Statt "Hier spricht das BKA. Bitte öffnen sie sofort den Anhang dieser Mail", wäre "Billiges Viagra aus Meckenheim" sicherlich zielführender.

*** Auf der anderen Seite ist der Chaos Computer Club, eine nichtstaatliche Organisation von freundlichen Datenreisenden, die sich früh im Netz tummelten und daher nicht an das Märchen vom bösen Wolf glauben. Zur Erinnerung: Dieser Wolf hatte vor ein paar Tagen erklärt, dass jeder, der online ist, "zielgerichtet die geschützte häusliche Sphäre" verlässt, alle Daten inklusive, die sich auf dem Gerät befinden, mit dem er online ist. Da die Häcker mittlerweile in die Jahre gekommen sind und die häusliche Sphäre schätzen gelernt haben, verweisen sie auf Systeme wie Phantomix, mit denen man den Rechner startet, im Internet herumwolft und dann schnell alle Verbindungen kappt. Dummerweise gibt es auf arabisch ein Anleitung, die genau dieses Vorgehen den Mudschahidin ans Herz legt. Damit ist für die staatlichen Häcker klar, dass die freundliche Häckerei Tarnung ist. Nicht von ungefähr tauchen die Verdachtskritierien islamistischer Terrorismus als befreites Dokument in ihrer Reihen auf. Grund genug für dubiose Anwälte gegen diese chaotischen Computer-Terroristen Anzeige zu erstatten

*** Eigentlich wollte ich an dieser Stelle noch etwas zu einem Ereignis in der abgelaufenen Woche schreiben, das eher beiläufig im Ticker erwähnt wurde. Doch Don Alphonso, den manche Rätselrater lustigerweise bereits für mein Alter Ego halten, nimmt mir die Arbeit ab und berichtet von dem Feuern unliebsamer Journalisten, die schlicht berichten, welch ein Murks im Web-2.0-Zirkus produziert wird, wenn sich die Politik einschleicht. Besonders apart dabei: ein Herausgeber wie Michael Arrington, der seinen Reporter feuert, während er bei Microsoft den tiefen gelenkigen Diener macht, mit dem das WWWW mit Shakespeare in der letzten Woche endete. Weil Don das alles auch noch heute schreibt, entzünde ich das erste Licht. Besser kann Channukah nicht beginnen. Dazu noch ein bisschen Hasidic New Wave, um den akustischen Schmutz des weihnachtlichen Geklingels und Gesäusels, das allenthalben die deutschen Innenstädte erfüllt, aus den Ohren zu spülen: Ja, so geht das.

Was wird.

Gleich zum Wochenanfang setzt es hohe Wellen, und das in Potsdam, das auch dann noch nicht an der Ostsee liegt, wenn von Hannover nur noch ein paar Inseln übrig sind. Ganz seriös tagen dort die Gravitationswellenforscher von der Einstein@home-Community, bei denen ein Team mit dem Namen Special: Off-Topic seltsam vertraut klingt. Etwas unseriöser rummelt es im selben Ort am Hasso-Plattner-Institut beim ersten nationalen IT-Gipfel der Bundesregierung. Dieses stellare Treffen schlägt seit Tagen Wellen, weil Supertanker rumkurven, aber für die grüne Zivilgesellschaft und den Bundesdatenschützer kein Platz im Boot ist. Was kommen wird, hat die Gipfelherrin bereits erläutert: Eine Qualitätsoffensive für Call Center wird gestartet. Das ist für mich zwar nicht gerade IT-Spitzentechnik, aber ausnahmsweise muss ich unser Kanzlerin recht geben. Die Qualität der Callcenter lässt sich nur auf einer nach unten offenen Skala abbilden.

Mehr im IT-Bereich sind die Anmerkungen der Naturwissenschaftlerin Merkel zu den RFID-Chips, mit denen James "Djihad" Bond beim Zocken im Casino Royale besser von der Zentrale kontrolliert werden soll. "Wir werden beschleunigt daran gehen, die Barcodes auf Produkten in Supermärkten durch Radiochips zu ersetzen. Und wir werden eine neue Suchmaschine entwickeln, damit auch Deutschland hier besser an die Spitze kommt." Merke: Quaero getreten macht breit, nicht stark.

Gravitationswellen vor Weihnachten mit Merkel auf dem IT-Kaventsmann? Richtig: Weihnachten naht. Noch nichts Passendes gefunden im allgemeinen Konsumterror? Wie wäre es mit der Fackel der Aufklärung? Oder stilecht mit den Forschern, allen echten Bikern zum Gruß: Big Bang! (Hal Faber) / (jk)

Anzeige
Anzeige