Menü
4W

Was war. Was wird.

Von
vorlesen Drucken Kommentare lesen 64 Beiträge

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.


*** "Elektronische Kommunikationsapparate für eine allumfassende tyrannische Überwachung von der Empfängnis bis ins Grab führen zu einem schwerwiegenden Konflikt zwischen unserem Anspruch auf Privatsphäre und dem Bedürfnis der Gemeinschaft, sich Wissen über uns zu verschaffen. Die älteren, traditionellen Vorstellungen eines privaten, isolierten Denkens und Handelns – die Muster mechanistischer Technologien – werden durch die neuen Methoden der instantanen elektronischen Informationsbereitstellung, der elektronisch computerisierten Datenbanken ernsthaft bedroht – von dieser großen Klatschspalte, die nichts vergibt, nichts vergisst, die keine 'Fehler' der Vergangenheit löscht und aus der es kein Entrinnen gibt." (Marshall Mc Luhan/Quentin Fiore, Das Medium ist die Massage, 1967)

"Der Bildschirm ist die Netzhaut im Auge unserer Seele". Mit einem Zitat von Prof. Brian O'Blivion (1983) eröffnen wir die McLuhan-Gedächtnis-Festspiele. Hätte der Kanadier das Johannes-Heesters-Gen gehabt, so könnte er am Donnerstag auf G+ und Facebook die Früchte seiner Arbeit genießen. Er könnte sich darüber amüsieren, wie die anachronistischen Printmedien die große Diskursmaschine zum Orgeln bringen. "Nur hereinspaziert, sagte der Computer zum Spezialisten", heißt es im Massage-Buch von McLuhan und Fiore in schamloser Plagiaterie von Alice im Wunderland, als zuerst das Urteil gefällt werden sollte und dann die Beweise vorgetragen. Ja, das Urteil über McLuhan ist längst gefällt und mit den Beweisen halten wir uns gar nicht auf. Zu schön ist sein Zitate-Baukasten, aus dem sich alle, alle bedienen, auch diese kleine Wochenschau: "Wir sind alle Roboter, wenn wir unkritisch in unsere Technologien verstrickt sind." (Marshall McLuhan/Quentin Fiore, Krieg und Frieden im globalen Dorf, 1968)

*** Eigentlich ist alles, aber auch alles über Google+ gesagt und geschrieben worden, nur nicht von McLuhan. Zehn Millionen glücklich seufzende Früh-Adoptosaurier haben den Dienst wie Wildschweine umgegraben und erkundet. Wer nicht genug hat, dem sei ein geheimes +Tastenkürzel verraten: Ctrl-Alt-ctk wie c't kaufen. Alternativ dazu könnte man die "Blätter" kaufen, die Richard Sennetts hübschen Text über die Software-Vereinfacher und die Krise der Kommunikation enthalten, den dieser auf der Bodybits vortrug. Was die üblichen Trend- und Beraterfuzzis erfreut, ist eine vernichtende Kritik der Google-Programmierer, die mit dem "einfach" zu bedienenden Google Wave die Google-Nutzer zu verdummen versuchten. "Man muss mit den Medien reden, nicht mit dem Programmierer. Mit dem Programmierer reden ist so, wie sich beim Würstchenverkäufer im Stadion über das schlechte Spiel seiner Lieblingsmannschaft zu beschweren." (Marshall Mc Luhan/Quentin Fiore, Das Medium ist die Massage, 1967)

*** Was bedeutet es nun, wenn bei Google+ die Bodybits auf ordentliche Namen referenzieren müssen, wenn Plomlompom, Ennomane oder die endergone Zwiebeltuete um ihre Identität bangen müssen? Auch darüber ist viel geschrieben und gezetert worden. Auch hier hilft die Wissenschaft weiter, in diesem Fall eine Untersuchung des Aufstandes in der World of Warcraft, als dort vergeblich versucht wurde, eine Realnamenspflicht einzuführen. Die Maßnahme von Activision Blizzard sollte des üble Treiben der Trolle eindämmen und das schlechte Benehmen in den WoW-Foren austrocknen. Dagegen protestierten die WoW-Spieler in einem Megathread so vehement, dass Activision die Maßnahme nach wenigen Tagen zurücknehmen musste: Mit den fiktiven Namen setzt in einer funktionierenden Comunity der Prozess einer für die Telnehmer sehr realen Identitätsbildung ein, die die Betreiber respektieren müssen. Auch Google wird diese Lektion lernen müssen, was umso erstaunlicher ist, als Google selbst ein Plädoyer über die Freiheit veröffentlicht hat, wenn +Ich ein Anderer ist. Davon lebt und profitiert übrigens auch das Heise-Forum, in dem Klarnamen und nomes de plume friedlich koexistieren, wo Trolle wüten und wo sich Zeitreisende irritert am Kopf kratzen. Obwohl, obwohl – verheimlichen kann ich es nicht, dass ich liebend gerne einem Gulasch Nikov in den echten Hintern treten würde. "Zu viele Menschen wissen zuviel voneinander. Unsere neue Umwelt zwingt uns zu Engagement und Teilnahme. Heute nehmen wir, ob wir wollen oder nicht, Anteil am Leben aller anderen und sind füreinander verantwortlich." (Marshall Mc Luhan/Quentin Fiore, Das Medium ist die Massage, 1967)

*** Inmitten der regen Vorbereitungen auf einen übungshalber vorbereiteten IT-Angriff zum Testen von Stabsrahmen sorgt die Nachricht vom Datenloch bei der Bundespolizei für Humor der feinsten Art. Mit dem Hacken des Verfolgungssystems PATRAS hat unser nationales Cyber-Abwehrzentrum seinen ersten schweren Vorfall bekommen, den es untersuchen muss. Wenn dieser zwerchfellerschütternde Bericht stimmt, hat McLuhan wieder einmal ins Schwarze getroffen, als er den Humor als besten Ratgeber bei sich rasch verändernden Wahrnehmungen bezeichnete: Wer immer den Apache-Stack XAMPP als Billig-Software und Antivirus-Software beschreibt, muss entweder gehörigen Schalk besitzen oder ist nach allen Regeln der Kunst veräppelt worden. Seit Herbst 2010 sollen die Hacker, von denen drei mit Klarnamen operierten (!) sich dank längst bekannter XAMPP-Lücke auf dem Server der Bundespolizei umgetan und nerdgemein genau 42 Trojaner installiert haben. Nimmt man zu dieser Meldung noch den Bericht, wonach einige Verfolgungswanzen der Bundespolizei noch aktiv auf ihrem Horchposten sind und angerufen werden konnten, sind wir voll bei McLuhan: "Humor als Kommunikationssystem und Sonde unserer Umwelt eignet sich vorzüglich zur Erzeugung von Gegenumwelten." Wobei die eigentliche Bedrohung nicht in der schlampigen Installation liegt, sondern in dem Cyberwar, in dem der Gegner von irgendwo solch schlampiges Zeug nach allen Regeln der Einbruchskunst ausnutzt und nicht wie "politisch motivierte Hacker" darüber genüsslich plaudert. "Der echte, totale Krieg ist zum Informationskrieg geworden. Ausgetragen wird er mit raffinierten elektronischen Informationsmedien, unter kalten Bedingungen und ohne Unterlass. Der Kalte Krieg ist die eigentliche Front – eine Umzingelung – die alle einbezieht – die ganze Zeit – überall. Wenn heute heiße Kriege unvermeidlich werden, führen wir sie in den Hinterhöfen der Welt mit alten Technologien. Diese Kriege sind Happenings, tragische Spiele." (Marshall McLuhan/Quentin Fiore, Krieg und Frieden im globalen Dorf, 1968)

Was wird.

Den Umzug in der norddeutschen Tiefebene haben alle Beteiligten samt ihrer Rechner und superteuren Messgeräte überstanden. Selbst der große Stromausfall in Hannover konnte die hartgesottenen IT-Journalisten nicht beeindrucken, die Zeitungsente schon gar nicht. Bemerkenswert, das neben der quakenden Fauna sich auch die Flora auf die seltsame Truppe in der Winkelriede eingestellt hat. So kann der Blick nach vorne schweifen und gleichzeitig auch noch einmal zurück: In der nächsten Wochenschau startet das Sommerrätsel, das Sommerloch ausfüllend, ein Quiz mit Bildern und Fragen zur Hard- und Software und zu den Menschen "dahinter". Beim Umzug und beim großen Aufräumen fanden Redakteure kuriose Dinge, etwa ein Modem, dessen Pfeifen und Trällern den jüngeren Kollegen nichts sagte. Das heißt nicht, dass es sich ausgeträllert hat, ganz im Gegenteil: Zur internationalen Funkaustellung in Berlin wird LG Electronics eine Waschmaschine vorstellen, die pfeift und trällert, wenn ein Fehler vorliegt. Dazu gibt es eine App für Smartphones, die die Modulation der Tonfrequenzen aufnimmt und abspielt, wenn die Hotline angerufen wird, wo ein Computer die Fehlerdiagnose übersetzt. Das ist der dampfgetriebene Fortschritt, den unsere Zeit durchzieht, angepriesen als Revolution des Wäschewaschens. Die Waschmaschine war übrigens nach dem Bericht seines Biographen Philip Marchand die einzige Maschine, die der sechsfache Familienvater McLuhan bedienen konnte, immer mit der Klage, dass ihn die Maschine auf einen stumpsinnigen Servo-Mechanismus und Wäsche-Fütterer reduziere.

(Bild: Segway)

Passend zum Einstieg ins Sommerrätsel ist hier ein Bild der Segway-Prototypen aus den Labors des trickreichen Erfinders Dean Kamen zu sehen. Es steht als Erinnerung an den Segway-Inhaber Jimi Heselden, der in einem Akt der Höflichkeit seinen Segway an den Rand fuhr, um Platz für einen Hundebesitzer zu machen, der seine Wege kreuzte. Er fuhr ein Stück zuweit zurück. Damit zur ersten Frage: Wie hieß das Gerät, das einstmals ein Computerpionier baute, um den Verkehr zu revolutionieren? (Hal Faber) / (vbr)

Anzeige
Anzeige