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Was war. Was wird.

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Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** "Le ciel lui est tombé sur la tête", der Himmel ist leider dem Schröder auf den Kopf gefallen und mit einem Schlückchen Politzaubertrank zuviel wurde er dann krawallig in der Wahlnacht. Seitdem reißen die hysterischen Kommentare nicht ab, unser schönes Deutschland sei in Gefahr, obwohl das nur für Gallien gilt. In Deutschland geht die Gefahr vom Politvolke aus. Es hat mit den erschwindelten Neuwahlen die Verfassung ramponiert und klagt nur noch. "Wirr ist das Volk", obwohl es eine tolle Sonntagsdemo hingelegt hat. Für den Versuch von Schröder, erneut das Recht zu verbiegen und CDU/CSU zu filetieren, sollte er eigentlich mit einem Hinkelstein getätschelt werden.

*** Aber leider leben wir ja nicht im Comic, obwohl manchmal genau dieser Eindruck entsteht. Nominell hat sich eine Mehrheit links von der Mitte klar gegen die soziale schwarzgelbe Kälte ausgesprochen, doch das ist den Protagonisten egal, allen voran den Politikgreisen der Linkspartei. Wenn sich Ostgoten und Westgoten über Jamaika streiten, aber den nicht ganz so exotischen Landkreis Marburg-Biedenkopf meinen, wenn die angeblich dummen Ostler wie Alien behandelt werden, fühlt man sich an ein bretonisches Dorf erinnert, in dem der Kampf der Häuptlinge ausgetragen wird.

*** Leider ist die Politik auch keine Frage, die mit den Mitteln der IT gelöst werden. So nützlich eine Dual-Boot-Option für jeden Rechner ist, so komisch klingt die flink herbeigeschriebene Variante des Kanzler-Sharing, nach der Schröder zwei Jahre dürfte und dann Merkel an der Reihe wäre. Warum nicht gleich den monatlichen Wechsel oder die Aufteilung in gerade und ungerade Tage? Was wirklich passieren kann, haben wohl nur Daniel Cohn-Bendit und Claus Leggewie sowie Heribert Prantl durchblickt.

*** Leider ist auch die IT nicht viel klüger als die Politik. Die Witze, die Scott McNealy bei der Vorstellung neuer Server über den Zusammenhang zwischen Klimakatastrophe, Flucht von den Küsten und Dell-PCs macht, sind einfach nur noch schlecht. Da hilft es wenig, Andreas von Bechtolsheims Auftritt verspätet als Rückkehr des verlorenen Vaters zu inszenieren.

*** Leider ist auch der Rest der Welt in einem Zustand, da könnte eigentlich nur eine gute Portion Trollex Abhilfe schaffen. Da melden Dutzende Beobachter ein Nippelgate bei Microsoft, doch ist er hinfort, hinweg und nicht dokumentiert, ganz anders als die selbst in Hindustan berichteten Nipplegates beim Münchener Oktoberfest. So bleibt dem angeblich als Garagenklitsche gestartete Microsoft in dieser angeblichen Geburtstagswoche allein das Graubuch-Gate von Windows Vista übrig.

*** Ein hübscher Fehler, doch leider leider kein Vergleich zu einem richtigen Nippel. Überlassen wir also die nötige Portion Erotik in einem Wochenrückblick der Firma Apple, die mit ihren Sexspielzeugen wie immer seit 30 Jahren den Microsoftlern ein Schritt voraus ist. Wie gut Apple ist, kann man an dem Wort Podcasting sehen, das eigentlich purer Unsinn ist. Seit den Tagen der Tonbandgeräte und Kassettenrekorder gibt es verrauschte Aufnahmen "von unten" gegen professionelle Sendungen des Rundfunks. Doch gottseidank ist damit Schluss: Jetzt gibt es das Godcasting, von richtigen Profis gemacht, gefolgt vom Allahcasting, getoppt vom Koalocasting und begleitet vom Oppocasting. Was dann noch an Meinungen übrig ist, wird christianisiert.

*** Womit ich leider noch einmal bei der Richtungswahl bin, bei der es am Scheideweg zur Massenkarambolage kam. Viele putzen jetzt die Blogger in einem Stil herunter, der an die Medienschelte des Nochkanzlers erinnert. Das ist gerecht, wenn man an die miserablen Politikerblogs denkt und ungerecht, wenn man die tolle Blogtour zum Maßstab nimmt. Natürlich bin ich als Journalist da ganz parteiisch und freue mich mit dem einzigen Verein, in dem ich gern zahlendes Mitglied bin. In fünf verschiedenen Sprachen -- nämlich auf Englisch, Französisch, Chinesisch, Arabisch und Farsi -- ist das Handbuch für Blogger und Cyber-Dissidenten erschienen, die unabhängigen Stimmen dieser Welt zu stärken. Denn Blogs wie Lobbycontrol werden gebraucht, solange mächtige Lobby-Verbände es schaffen, technologiekritische Berichte sang- und klanglos aus dem ZDFcasting verschwinden zu lassen.

*** Eine unscheinbare Tickermeldung zur automatischen computergesteuerten Auswertung von KFZ-Kennzeichen in Hessen verdient Beachtung. Nicht nur deshalb, weil das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung grob verletzt werden könnte, wie es die anhängige Grundrechtsklage formuliert:

"Auch wenn eine Kennzeichenregistrierung mit anschließender Löschung der Nicht-Treffer für sich genommen harmlos erscheinen mag, stellt sie im Kern einen Präzedenzfall einer allgemeinen, vorsorglichen Überwachung der Bevölkerung dar. Das Gewicht des Eingriffs wird deutlich, wenn man sich die Konsequenzen verdeutlicht, die seine Zulassung hätte: Erlaubte man eine generelle, verdachtslose Kennzeichenüberwachung, mit welcher Begründung wollte man dann einer sonstigen generellen, verdachtslosen Überwachung der Bevölkerung zwecks 'Abgleichs mit dem Fahndungsbestand' entgegentreten, etwa einer allgemeinen Videoüberwachung auf auffällige Bewegungen hin oder einer generellen biometrischen Gesichtserkennung an jeder Straßenecke?"

Pikant ist hier, dass die hessische KFZ-Überwachung mit der PoliScan Surveillance-Technik der Wiesbadener Firma Vitronic erfolgen soll, die für das LKW-Mautsystem von Toll Collect die überall sichtbaren Tollchecker-Mautbrücken liefert. Als würzige Zugabe empfiehlt sich die Pressemitteilung über den Feldtest dieser Vitronic-Technik in Bayern, die nach insgesamt sechs Monaten automatisierter Kennzeichenerfassung das Fazit zieht:

"Mit Hilfe der Erkennung durch die Kennzeichenlesetechnik konnte die Polizei vier teilweise hochwertige Fahrzeuge wegen Unterschlagung bzw. Diebstahl sicherstellen."

Vier Fahrzeuge, teilweise hochwertig. Wo ist der lyrisch gestimmte Polizeibericht im Stil unseres Hauspoeten HelpDesk, der dieses Missverhältnis zwischen Input und Output dokumentiert?

*** Juden sind manchmal komisch. Das gilt nicht nur für den Vorzeigejuden von T-Mobile, dem Blogger Charaijew "Chad" Alexander Kroski. Das gilt erst recht für die alten Juden, die Konzentrationslager überlebten und mich mit bösen KZ-Witzen verstörten. Nun ist Simon Wiesenthal in Herzliya-Pituah beigesetzt worden, ein begnadeter Erzähler pechschwarzer Witze. Ein "Nazi-Jäger". Mit Chuzpe gesagt: "Aber die nächsten Schweine werden kommen, und wenn man etwas von dem kleinen, zusammengesunkenen Mann in seinem kuriosen Büro gelernt hat, dann ist es das Wissen, dass man nicht zuschauen darf, bis etwas passiert."

*** Leider lesen die Trolle, die "Erster"-Schwachmaten, das WWWW nicht gründlich genug. Denn keinesfalls geziemt es sich, das wichtigste Jubiläum des heutigen Tages heute morgen am PC zu feiern. Wenn die üblichen Schleimer vom Format der Scorpions und Peter Maffays von der Bühne verschwunden sind, startet zum 40. Geburtstag der Uschi-Nerke-Show, vulgo Beatclub genannt, die ultimative Dröhnung, etwa sechs Stunden lang. Was damals im Marquee Club in London aufgezeichnet wurde, hat vielen der etwas älteren heise-online-Leser das Leben gerettet. Mitten in Delmenhorst, in Demmingen, in Duttweiler und Dörrmoschel wussten wir, dass auf der anderen Seite der Bär steppt. Und wer jetzt nicht zu NDR/RB rüberschaltet, dem kann ich auch nicht helfen.

Was wird.

Am Montag startet in Paris das jährliche europäische Forum der Analysten von IDC mit den mindestens zum Beatclub passenden Themen wie "From Arthritic IT to Dynamic IT".

In diesem unseren Lande gibt es nach einem happigen Rüffel auf der IT-Trends medizin verstärkten Diskussionsbedarf über die nächsten Schritte bei der Gesundheitskarte. Wie das Beispiel von Österreich zeigt, ist mit herzigen ministeriellen Anweisungen noch gar nichts erreicht, wenn die zentrale Architektur nicht stimmt. Ein Rechenzentrum für die Gesundheitskarte, das keinen Strom hat, ist ein Witz, und dazu ein ziemlich böser.

Leider last but not least startet das HNF in Paderborn eine Ausstellung der Dinge, die ein Spion mit sich führte. Vom Tempeltanz zur Chiffriermaschine, von der Lippenstiftkamera zum Präservativ lehren die hochdekorierten Kämpfer aus den nationalen Abteilungen der Firma "Guck und Horch" einer Marianne Birthler das Gruseln. Mit Spionage-Camp für angehende Agenten. (Hal Faber) / (anw)

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