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Was war. Was wird.

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

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*** Es ist schon ein Kreuz mit dem Internet. Da regt sich die Sicherheitswelt über den Cyberangriff auf eine Wasserpumpe auf, der von Russland aus erfolgte und dann stellt sich dieser Angriff als Wartungsarbeit eines Service-Technikers heraus, der in Russland unterwegs war. Derweil wird in Putins Pumpenreich an ganz realen Angriffsplänen gebastelt, werden die markanten Iskander-Raketen um Krasnodar und Kaliningrad aufgestellt, um beizeiten gegnerische Informationsfunktionen zu zerstören. Wenn dann die verschiedenen "Schutz-Schilde" über unseren Köpfen zusammenkrachen, werden wir erleichtert aufatmen im Wissen, dass das Internet nicht betroffen ist.

*** Wenn dann noch das Internet sicher ist, weil es vom Über-Russen Jewgeni Kaspersky gesichert und gesäubert wird, dann wird alles gut. Der Mann, der vom verängstigten "Digitalen Denken" der Frankfurter Zeitung angehimmelt wird, weil er Internet-Pässe, strenge Internet-Gesetze und eine eigene Internet-Polizei fordert, verkauft auch nur das Schlangenöl der Marke "Anti-Virus", aber das besser als andere. Deshalb darf er auch als Vertreter der Branche an hochwichtigen Konferenzen teilnehmen, auf denen der Cyberraum durch internationale Anstrengungen geschützt wird. Die naheliegende Antwort der Sicherheitsprofis, dass die "hochgezüchtete Infrastruktur, bei der alles, Energieversorgung, Flughäfen, Eisenbahnen, Geldverkehr, Krankenhäuser, an Computern hänge", schlichtweg entkoppelt werden muss, ist Kasperskys Sache nicht. Wobei auch das richtige Entkoppeln gelernt sein will: Wie Vattenfall und Motorola in dieser Woche stolz verkündeten, wird das Mittelspannungsnetz in Hamburg und Berlin via TETRA gewartet. Wer erinnert sich da nicht an Aussagen des Osmocom-TETRA-Projektes über das ungesicherte Vattenfall-Netz?

*** "Ich habe in meinen jüngeren Jahren öfter erlebt, wie alte Männer ihre Lieder noch selbst gesungen haben, und es hat mir jedes Mal mißfallen. Bei einem Lied kommt es ja auch auf den Text an, und worüber soll ein alter Mann singen? Über die Liebe? Lächerlich! Über seine Träume? Wen interessiert das? Wenn er seine Träume sein ganzes Leben lang nicht verwirklichen konnte, soll er es bleiben lassen! Über Politik?"

Georg Kreisler singt nicht mehr, nicht jetzt und nicht in diesem unseren Leben, in dem Anstandsvergifter wie er selten geworden sind. Über Politik? So klang sein Gesang Was für ein Ticker ist ein Politiker:

Ja, die Welt ist eine Ansammlung von komischen Tieren,
Die sich an das Leben klammern und nur selten amüsieren.
Um gleich alle zu beschreiben fehlt die Zeit mir momentan,
Und so führe ich nur einige als Beispiel an:

Ja, ein Dramatiker ist ein Stückeschreiber,
Und ein Fanatiker ist ein Übertreiber,
Und ein Botaniker ist ein Blumengießer,
Und ein Romantiker ist ein Frauengenießer,
Ein Philharmoniker ist ein Staatsmusiker, Der Pension kriegt, wenn er nicht mehr gut gefällt -

Aber was für Ticker ist ein Politiker,
Woher kommt er und was will er von der Welt?
Aber was für Ticker ist ein Politiker,
Woher kommt er und was will er von der Welt?

*** Die Antwort ist natürlich, dass die Welt den Politiker nicht braucht und es ihn in Zukunft nicht mehr gibt. Die Welt braucht keinen zu Guttenberg, höchstens die "Zeit", die bis zuletzt seinem wie ihrem Leistungsfähnlein ehrerbietig die Treue hielt. 80 Disketten später sind wir klüger: zu Guttenberg war auf einer Dienstreise in Polen und konnte einfach nicht reagieren. Das las sich damals aber ganz anders: Er ließ die Süddeutsche Zeitung wissen: "Dem Ergebnis der jetzt dort erfolgenden Prüfung sehe ich mit großer Gelassenheit entgegen. Ich habe die Arbeit nach bestem Wissen und Gewissen angefertigt." Wer ein Comeback mit einer Lüge beginnt, darf wohl ein Lügenbaron genannt werden.

*** Wie ticken eigentlich Politiker ist eine Frage, die sich übrigens parteiunabhängig stellt. Zu den besten Antworten zählen die Beiträge von Tom Wicker, der ebenfalls gestorben ist. Auf seinen Schultern tummeln uns wir Zwerge und schauen in trübe Wasser. In diesem Sommer ist der in Berlin-Charlottenburg lebende Bundestagsabgeordnete Hans-Christian Ströbele mit seiner Frau im eutrophierenden Weinheimer Waidsee schwimmen gewesen. Dabei schwammen sie offenbar in einem nicht für Schwimmer zugelassenen Bereich, in dem Jugendliche eines Angelklubs die Karpfen mit Boilies anfütterten. Das sind harte Kugeln, die von den Carpern ins Wasser geschleudert werden, um die dicken Brocken anzulocken. Die Frau des Kreuzberger Politikers wurde von einer dieser Kugeln am Kopf getroffen und zeigte Tags darauf den 13-jährigen Täter an. Was angesichts des Alters schon Unfug ist, mutierte mit einem Blog-Eintrag am Dienstag mitten im November endgültig zur Posse. Der sonst für Deeskalation werbende Ströbele beauftragte mit Jonny Eisenberg ausgerechnet den härtesten Anwalt von Berlin mit der Wahrung seiner Persönlichkeitsrechte gegenüber einem Lokalblog, da er die von den Behörden gegebene Fehlinformation beanstandet. Der Anwalt, der auch die Interessen von Wikileaks-Chef Julian Assange in Deutschland vertritt, wird sicher dafür sorgen, dass der/die/das letzte Boilie noch lange nicht geworfen ist. Und wie das mit den Abmahnungen ist, das hat ja gerade einer etwas deutlicher artikuliert, der bei diesen kleinen WWWW-Verlag, der ansonsten auch über Abmahnindustrien aufklärt, meist nicht so oft vorkommt.

Was wird.

Ach, herrlich werden diese Tage, gibt es doch immer wieder äußerst Besinnliches zur Vorweihnachtszeit. Vor allem die US-Amerikaner machen uns da einiges vor, wie immer haben wir viel aufzuholen, oder? Auf Thanksgiving folgt Black Friday - auf den Fressanfall der Kaufrausch. Und auf den Black Friday der Cyber Monday - nach dem Fressanfall und dem Kaufrausch das Onlinebestelldelirium. Und alle Welt blickt wieder einmal auf dieses unser Land und stellt sich die alles entscheidende Frage. Nein, nicht, wann Angela Merkel nun doch endlich Eurobonds akzeptiert. Nein: Will Deutschland denn den Startschussknall fürs Weihnachtsgeschäft nicht auch endlich hören? Wenn man Dreitagebärte sexy findet, warum nicht auch einen auf drei Tage ausgewalzten Cyber Monday? Der Online-Handel jedenfalls operiert getreu dem Motto "die Wissenschaft hat festgestellt, dass Cyber Monday Geld enthält": In den USA startete er laut Wikipedia am 28.11.2005 als ein Tag, an dem jemand entdeckte, dass an diesem Tag die Online-Verkäufe rasant hochgingen – wohl als Folge des davorliegenden Black Friday. In Deutschland allerdings leiden beide US-Erfindungen zur Konjunkturbelebung unter gewissen Akzeptanzschwächen, aber das erging Halloween und Valentinstag am Anfang auch nicht anders. Vor allem ist hierzulande eine seltsame Vereinnahmung durch große US-Firmen zu beobachten. Der Black Friday könnte hier auch gut als Apple Day durchgehen. Der Cyber Monday scheint in Deutschland lediglich eine Amazon Celebration darzustellen. Da steckt Potenzial drin. Wie wärs mit dem Google Feast? Dem Microsoft Memorial? Oder gleich dem Saturn-Feiertag und dem Media-Markt-Festtag. Das Grauen. Das Grauen. Was für verheerende Folgen so eine Tagesüberdehnung haben kann, lässt sich jedes Jahr aufs Neue am Rosenmontag beobachten.

Nun gut. Totensonntag ist vorbei, doch das ist uns einerlei: Wie wir nun bereits wissen, war am Donnerstag in den USA Thanksgiving Day und Truthahngemetzel, doch IBM lieferte seinen Einspruch gegen SCO und damit geht die einzig wahre unendliche Geschichte in eine neue Iteration, komplett mit neuem Richter. SCO ist längst Geschichte, die Ritter-Reste firmieren unter TSG, doch zwei Konstanten bleiben: Die super erfolgreiche Anwaltskanzlei des Staranwaltes David Boies ist weiter dabei, weil sie Ende 2003 einen Vertrag akzeptiert hat, gegen einen 20-prozentigen Anteil an SCO den Prozess bis zum Ende durchzuziehen. Damals glaubte man, mindestens 49,4 Millionen Dollar von IBM zu bekommen. Auch nach wie vor dabei: die IBM-Anwälte, deren Rechnungen bezahlt sind.

Eine besondere Art von Totensonntag feiert heute übrigens Baden-Württemberg. Dort gibt es eine Volksabstimmung, die vom Procedere her unfein angelegt ist. Eigentlich hätte bundesweit das ganze deutsche Volk zur Frage abstimmen müssen, wie schlimm es ist, im Zug auch mal rückwärtszufahren. Doch diese Frage wäre voller Risiko, wo braune Seilschaften doch nichts lieber wollen als rückwärts zum Führer.

Unter der Woche muss vor Twitter & Co. gewarnt werden. Die Operation Lükex 2011 zum Cyberwar läuft an, unter "Einbeziehung der sozialen Medien". Wenn ein Tweet im besten Stil von Orson Welles davor warnt, dass die Chinesen angreifen und erste Trojaner im Handy von Kanzlerin Angela Merkel aufgetaucht sind, muss am Anfang und Ende des Tweet das Wort ÜBUNG beachtet werden. Jede Wette, dass dies übersehen wird. Begleitet wird die Cyberwar-Übung von einem Kongress der Cyberwar-Spezialisten. Wer gewonnen und wer verloren hat, darüber informieren wir, desorientiert wie immer am Rande der norddeutschen Tiefebene.

Wo es ein Tief Unten gibt, gibt es auch ein Ganz Oben. Das ist diesmal in München: Gar mächtig wirft der IT-Gipfel 2011 seine Schatten voraus. "Wirtschaft, Wachstum, Wohlstand" wollen definiert werden, nicht dieses doofe World Wide Web akzeptiert. Zu einer App hat es gereicht, die Android-Version war unbezahlbar, die Microsoft-Variante verteilt die Firma selbst auf ihrem "Corporate Technical Responsibility Event" vor dem Gipfel. In lichten Höhen wird auf dem Münchener Messegelände die Strategie "Deutschland 2015" beschlossen, im "abgekordelten Bereich zwischen Themeninseln und Zukunftsraum" werden wir Journalisten delirieren. Europa ruft? Macht nix, wir leben am E-Fluss. Und wie war das noch mit Prussland?. (Hal Faber) / (jk)

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