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Was war. Was wird.

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Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Is there life on mars? Das wissen wir bis heute nicht, aber zumindest die Existenz von Außerirdischen ist bewiesen, ganz ohne Einblick in die Area 51. Denn wie soll man sich ohne die erschröcklichen Körperfresser manche Äußerungen unseres Bundesinnenministers erklären, der meint, der Kampf gegen den Terrorismus rechtfertige jedweden Eingriff in private Bereiche der Bürger ... Aber die Körperfresser machen bei den Politikern nicht halt, auch die Musikindustrie ist nicht sicher vor ihnen. Anders ist kaum verständlich, dass sie sich auf das Gute in der Musik besinnt und sowohl Ornette Coleman als auch Sonny Rollins für den Grammy nominiert. Woran man aber auch merkt, wie fies die Körperfresser in Wirklichkeit sind: Die alten Herren Coleman und Rollins mögen jeden Preis der Welt verdient haben – sie sind aber nicht unbedingt diejenigen, die heute neue Wege in der Musik aufzeigen. Auch Bela Fleck oder Diana Krall beispielsweise, Gnarls Barkley oder Red Hot Chili Peppers, Arctic Monkeys oder Outkast sind aller Ehren wert – aber das sind sie auch nicht erst seit heute.

*** Doch zurück zum Ernst des Lebens: Hilfe, wir sind am Ende aller Verschwörungstheoriehn angelangt, denn wir werden von Aliens regiert. Wirklich? Ach was. Es ist der normale Wahnsinn der Sicherheitspolitiker, denen Freiheitsrechte nichts gelten, solange nur die Sicherheit gewährleistet ist. Anderes Beispiel gefällig? Kein Problem: Murat Kurnaz soll Überlegungen angestellt haben, die deutsche Staatsbürgerschaft zu beantragen. Prompt hat sich der SPD-Innenexperte Dieter Wiefelspütz zu Worte gemeldet und verkündet, dass die "Zuverlässigkeit" von Kurnaz für ihn nicht geklärt sei. Ganz abgesehen davon, dass sich Wiefelspütz immer mehr zum besten Argument entwickelt, keinesfalls SPD zu wählen, verkündet er diesen Unsinn wahrscheinlich, um seinen Parteikollegen Steinemeier zu stützen, der im Fall Kurnaz eine miserable Figur abgibt. Genauso gut hätte Wiefelspütz natürlich an der Pünktlichkeit von Kurnaz Zweifel äußern können oder daran, dass die Bartlänge des Kandidaten nicht geklärt sei. Nun ist Dieter Wiefelspütz einer, der in der Debatte über die heimliche Online-Durchsuchung zwar das BGH-Urteil begrüßt hat, nur um flugs klarzustellen, dass er für das tolle Instrument ein schönes neues Gesetz will: "Die Online-Durchsuchung ist weder eine Hausdurchsuchung noch eine Abhörmaßnahme, sondern etwas Drittes, für das wir keine klare Rechtsgrundlage haben." Das ist alles ziemlich bedauerlich, zumindest für einen wie Wiefelspütz. Denn Murnat Kurnaz wurde nach seiner Wiederkehr vom Verfassungsschutz in Bremen observiert. Mit einer heimlichen Online-Durchsuchung hätte ebenso heimlich, still und leise eine Datei ihren Weg in einen von Kurnaz benutzten Computer finden können, die staatsbürgerlich bedenklich die "Unzuverlässigkeit" zuverlässig dokumentiert. Wenn Apparatschicks auf die Idee kommen, einem in US-Gefangenschaft geratenen Kurnaz wegen einem "Meldefehler" bei der Ausländerbehörde die Aufenthaltsgenehmigung zu entziehen, dann ist der Gedanke nicht abwegig, den einmal gefundenen Online-Untersuchungskanal bidirektional zu nutzen.

*** Es ist ziemlich einfach, sich über den Bundestrojaner lustig zu machen und sich in Sicherheit zu wiegen, weil es per Definition keinen plattformübergreifenden Trojaner geben kann. Entsprechend flach fallen die trojanischen Kriegserklärungen aus, die ahnungslose Redakteure von ebenso ahnungslosen Experten bekommen. Bestenfalls können unbedarfte Leser den Eindruck bekommen, dass WLANs in Wohngemeinschaften schon der Anfang einer terroristischen Zusammenrottung bilden. Mit Lügen wie "Außerdem bin ich anständig, mir muss das BKA keine Trojaner schicken" verstärken Politiker die Trojanerdebatte und produzieren Zustimmung. Ebenfalls eifrig das Feld beackernd präsentiert sich der Verfassungsschutz, dem ein FDP-Politiker in Nordrhein-Westfalen bereits freies Geleit auf die Festplatten gegeben hat. Kurzum: Wenn Online-Durchsuchungen kommen, so ist noch lange nicht festgelegt, dass sie eine trojanische Gestalt annehmen müssen. Bei den bisher bekannt gewordenen Fällen wurde einmal ein Hardware-Keylogger nicht anders installiert wie eine normale Abhör-Wanze, ein anderes Mal gleich ein präparierter Computer verschenkt.

*** Kann die heimliche Online-Durchsuchung viele Formen annehmen, so ist der nächste grundlegende Fehler, sich den Einsatz des "Bundestrojaners" als Eingriff in einen Computer eines Terrorismus-Verdächtigen vorzustellen. Wenn die heimlichen Online-Durchsuchungen kommen, werden es Durchsuchungen im großen Stil sein, eine Rasterfahndung auf dem Boden der freiheitlich demokratischen Anti-Terror-Datei. Das kann bei vagen Verdachtsmomenten gar nicht anders sein. Nach dem letzten Terroralarm in Großbritannien wurden 21 Verdächtige festgenommen. Jeder dieser Verdächtigen soll nach Angaben des Geheimdienstes MI5 8 Mobiltelefone, 16 Computer und Dutzende von USB-Sticks besessen haben. 6000 Gigabyte Daten wurden – erfolglos – von Spezialisten durchsucht. Vielleicht sind viele Mujahideen Secret-Sticks unter ihnen gewesen. Diese islamistische Verschlüsselung ist angeblich von iDefense geknackt worden. iDefense ist übrigens die Verisign-Tochter, die unlängst ein Kopfgeld auf Windows Vista ausgesetzt hat. Womit wieder einmal etwas bewiesen ist.

*** Das dritte Missverständnis in Sachen Online-Durchsuchung ist die Frage nach dem Terrorismus, der mit einer Durchsuchung bekämpft werden soll. Das dürfen Politiker behaupten. Juristen driften auffallend schnell in Argumentationsketten ab, in denen Vorteile für die Ermittler eine Rolle spielen, die gegen Kinderpornographie vorgehen. Die ziemlich hirnrissige Beschreibung des Internet als "Universität des Terrors" kommt nur dann auf den berühmten Pudelkern, wenn man die Rolle sieht, die das Internet mit den Märtyrer-Videos bei der Selbstradikalisierung von Jugendlichen spielt. Gut, in Deutschland wird die Homepage der Märtyrer-Brigade von Al-Aqsa von Google nicht angezeigt. Dass damit die Videos aus der Welt sind, glaubt wohl niemand. Genau aus diesem Grund müssen die Tagebücher online untersucht werden, denen junge Moslems ihre Konversion zum Islamisten anvertrauen.

*** Wie aber kann in dieser Wochenschau nur vergessen werden, welch wichtige Dinge die IT-Szene wirklich bewegte. Denken wir nur an die Entdeckung des Eicher Kreisels in dieser Woche, eine der seltsamsten Argumentationen neben der Behauptung, dass es anständige Menschen gibt. Oder an die tränenrührige Geschichte von den Gutmenschen des Web 2.0, die ihren eigenen Vater beim T-Shirt-Drucken 12 Stunden am Tag schuften lassen, während sie mit dem Verkauf der auf Führer-Geburtstage spezialisierten Website StudiVZ Millionen scheffelten – angeblich. Freuen wir uns, dass Design-Professor Erik Spiekermann aufgeräumt hat und die erste Computerzeitschrift auf den Markt kommt, die "die nicht auf den ersten Blick eine Computerzeitschrift ist". Ich persönlich wünsch mir ein Cover mit einem nackten Till "Vanity" Schweiger, der ein niedliches Flokati-Vorprodukt im Arm hält und professionell jubelt: "Endlich! Ein PC ohne Zicken!!" (Untertitel: So kopieren Sie alles).

*** In ihrer neuesten Internet-Ansprache ruft unser aller Kanzlerin dazu auf, dass wir ein Volk von Kleinwagenbesitzern werden und Smart Fortwo Diesel kaufen oder ein erdgasbetriebenes Vehikel mit einem dichten Gazprom-Netz. Passend zum Aufruf feiern wir den Geburtstag von Thomas Alva Edison, der die Glühbirne erfand und zu ihrer Glimmichkeit gleich noch das Elektrizitätswerke und die Stromleitung, mithin den Grundstein legte für eine umfassende Klimaentschützung. Feiern wir den mit 1093 Patenten und über 12.000 Patentprozessen gesegneten Erfinder und freuen uns ein ganz klein bisschen, dass in dieser Woche der Zeitungsfresser Bob Metcalfe zusammen mit David Boggs für die Erfindung des Ethernet in die Inventors Hall of Fame gewählt wurde, genau wie die bereits verstorbenen IBM-Ingenieure William Goddard und John Lynott, die mit RAMAC die erste Festplatte entwickelten.

Was wird.

Wohin ich auch blicke, die Online-Durchsuchungen sind schon da. Am Dienstag beginnt in Berlin der Europäische Polizeikongress. Die Delegierten werden zunächst von Bundesjustizministerin Brigitte Zypries und BKA-Chef Jörg Ziercke begrüßt. Beide werden auf ihre Art erklären, warum die Kampfzone gegen den internationalen Terrorismus mittenmang über unsere Festplatten verläuft. Besonders apart ist die Tatsache, dass die erste nähere Vorstellung des "Bundestrojaners" in einem Prachtgebäude stattfindet, das der Chaos Computer Club gerne für seinen Jahreskongress anmietet, weil es so fnordistisch ist.

Wobei die Frage, ob der "Bundestrojaner" sportlich eine "Schwalbe", zeitungstechnisch eine "Ente" oder IT-mäßig ein "Über-Hack" ist, vielleicht schon auf einem Flugplatz entschieden werden kann. Durch tollkühne Männer in fliegenden Computer-Kisten? Aber nicht doch. Auf Platz 2 der Video-Rankings von Google steht ein CCC-Vortrag aus dem nämlichen fnordistischen Kongresszentrum, gehalten vom Rechtsanwalt Udo Vetter. Thema ist das richtige Verhalten bei einer richtigen Hausdurchsuchung. Was kann dieses Video toppen? Britney Spears und Paris Hilton nackt in einer Ziegenherde? Der Video-Podcast von Angela Merkel zu ihrem Rücktritt als Bundeskanzlerin nach einer Online-Durchsuchung ihrer privaten Festplatte? Weit gefehlt! Natürlich wird es wieder ein Anwalts-Video sein, über das korrekte Verhalten bei einer Online-Durchsuchung. "Sie haben das Recht zu löschen." Mit Till Schweiger in der Rolle der Delete-Taste. QED, zumindest, was die Verschwörungstheorien angeht. (Hal Faber) / (jk)