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Was war. Was wird.

Gibt es eine Autonomie des Subjekts? Ob Ökotopia, katholische Kirche oder EDV-Biotop, manche Leute finden schon die Frage eine Zumutung, befürchtet Hal Faber.

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  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Ich mag keine Aprilscherze, selbst dann nicht, wenn Windows auf dem Mac verrückt spielt und Hurd dann doch endlich kommt. Das war gar kein Aprilscherz? Ach, das Problem kennen auch andere, und trotzdem: Ich mag keine Aprilscherze, schließlich, gelangt man über Kalauer hinweg, werden die meisten Scherze über kurz oder lang zur bitteren Wahrheit, wird das bisschen Wahrheit in der Berichterstattung ein einziger Scherz a la Tom Kummer: ein jämmerlicher Zellhaufen, ein trockener Juhnke.

*** Einen Aprilscherz habe ich aber doch und er ist von besonders ausgesuchter Plattheit: Der Tod ist ein gutes Geschäft. Terri Schiavo ist tot, die Mail-Daten von ca. 10.000 Unterstützern hat ihre Familie an die Spam-Firma Response Unlimited verkauft, die sie jetzt weiter vermietet, natürlich nur für seriöse Kampagnen gegen Abtreiber und Gottlose oder für die schrecklich armen Menschen in Nigeria. Zur Situation dieser Familie, aus der Terri kam, muss man mit David Cooper schreiben: Natürlich sind Menschen Schweine. Belassen wir an dieser Stelle einmal die Moral bei den Mineralien und schauen auf das ganz besondere Wachkoma der Medien im Fall Schiavo . Bis hin zur schrecklich alternativen TAZ sind alle Nachrichten zum Fall Schiavo mit Fotos geschmückt, die ihre Mutter und ihren Vater zeigen. Ignoriert wird der Wunsch des Ehemanns, keine, absolut gar keine Bilder zu zeigen. Die einfachsten Fakten werden sowieso souverän ignoriert, weil Verhungern und Verdursten einfach griffiger ist als die Dehydration. Nur logisch, dass es Morddrohungen von Pro-Life-Aktivisten gibt. Wie hieß es noch gleich in der Zeitung, hinter der immer ein besonders kluger Kopf steckt? "Auch ein Mord ist ein Stück Leben."

*** Noch immer Lust auf Aprilscherze? Bitte, hier ist noch einer: Am 1. April vor 30 Jahren erschien die Reportage des Journalisten William Weston, der im Jahre 1999 eine Reise durch das Land Ökotopia, bestehend aus den aus der USA ausgetretenen Bundesstaaten Washington, Oregon und Nordkalifornien. Ja, Ernest Callenbachs Ökotopia wurde besonders in Deutschland so gern gelesen, dass das Buch sogar Einfluss auf die Gründung der Grünen hatte. Wer vor 25 Jahren wie Ministerin Künast stolze/r BesitzerIn eines Wendenpasses war, hatte diesen natürlich in das Buch geklebt. Ein feines Andenken, so ganz anders als der Feinstaub, der unweigerlich nach einem Kontakt mit dem sattsam bekannten PR-Genie Moritz Hunzinger hängen bleibt. Doch zurück nach Seattle, der Heimatstadt von Ernest Callenbach und Bill Gates. Haben wir es nicht bei dem einsamen barfüßigen Denker in der Waldhütte mit einem echten Fan von Ökotopien zu tun? Oder vielleicht doch mit einem leicht verfrühten Aprilscherz? In der Abgeschiedenheit und Stille seiner Kartause ersann das Genie den Internet Explorer. Aha. Früher, als Microsoft noch eine kleine Firma war und noch nicht von Hunzinger beraten wurde, sprach Gates offener über seine Auszeit, die er mit seiner Freundin Ann Winblad auf einem Boot verbrachte: "Lesen und ..."

*** Mit ganzseitigen Anzeigen in den Wochenendzeitungen sucht der Mautbetreiber Toll Collect (Slogan "Wir sind unterwegs") nach Mitarbeitern für alle möglichen Positionen im Rahmen des anstehenden Change Managements der OBU zur Version 2.0. Neben dem sicheren Umgang mit Windows und Linux, neben besonders ausgeprägten MS-Office-Kenntnissen ist die Höhentauglichkeit nachzuweisen. Hier kann man trefflich spekulieren, ob die Anforderungen für die Enforcement-Brücken an den Autobahnen gilt oder für die in lichten Höhen schwebenden Politiker, die luftige Argumente zum Besten geben. Obwohl es derzeit technisch nicht möglich ist, Bundesstraßen zu bemauten, versprechen Politiker im Feinstaubtaumel spätestens im Sommer Bundesstraßen mit Maut zu belegen. Vielleicht werden sie von Wissenschaftlern inspiriert, die Einbahnstraßen fordern, damit der Dreck aus der Stadt hinausgeweht wird. Persönlich votiere ich für das ebenso sinnlose Sonntagsfahrverbot, weil es die Abrufe dieser kleinen Wochenschau fördert und Zugriffszahlen in schwindelerregender Höhe aus mir einen reichen Mann machen.

*** Ein freier reicher Journalist, das klingt fast so unwahrscheinlich wie ein Analyst, der mit seinem Ferrari-Laptop brumm, brumm rufend die Wahrheit über SCO erzählt. Ja, SCO, das ist die Firma. die in ihrem neuesten Geschäftsgedicht erklärt: "Our future success depends to a significant extent on the continued service and coordination of our management team, particularly Darl C. McBride, our President and Chief Executive Officer." So hängt der gesamte Erfolg am schönen Darl, während der Misserfolg (-1.739.000,00 Dollar) den bösen, bösen Hackern geschuldet ist, die dauernd die Website von SCO bombardieren und damit verhindern, dass die Firma Geschäfte machen kann. So bricht zusammen, was offensichtlich von Anfang an als großer Bluff geplant war, IBM in die Ecke zu treiben. Shakespeares Hexen kommen zum Zuge, auch wenn es heute nur fontane Reimkost gibt:

Ich komme
Ich mit
Ich nenn euch die Zahl
Ich nenn euch die Namen
Und ich die Qual.

*** Schweigen wir über den Echo 2005: Macht man sich doch ernsthaft Sorgen, ja, tatsächlich Sorgen um eine Musikindustrie und den Geisteszustand ihrer Manager, die von Ertragswende sprechen und dann mit Retorten-Schabracken, zu neuen Rock-Hoffnungsträgern hochgejubelten Jung-Popern und ein paar Vorzeige-Alt-Stars reüssieren wollen. Offensichtlich muss man, geht es um Musik, sich wirklich in extremen Nischen tummeln oder ganz weit in die Vergangenheit zurückgreifen: Like a Rolling Stone von Bob Dylan ist von Rolling Stone gerade zum besten Song aller Zeiten erklärt worden. Das überrascht nicht unbedingt, es ist wie bei den Online-Casinos, die Abbas The Winner Takes It All zum besten Song aller Zeiten kürten, vor Marilyn Monroes One Silver Dollar. Nein, hier wird nicht schon wieder der nächste Wettbewerb um den besten Song ausgerufen, der zum Sonntag erklingen soll. In der Nacht würde sicher Stallman gewählt, tagsüber kommen dann die Cash-Trash-Songs mit den Besuchern, die WWWW immer so schön doof finden, komplett mit Klingeltönen. Meinerseits wird Hard for the Money aufgelegt, natürlich von Diana Spring.

Was wird.

Wann und vor allem wer der neue Papst wird, das könnte spannend werden. Der alte jedenfalls, mittlerweile bereits als Karol der Große apostrophiert, ist tot, und die Meute überschlägt sich, als wäre der letzte Sozialist, äh, Katholik gestorben. Aber vielleicht war er das wirklich, der letzte Katholik (abgesehen natürlich von Joseph Ratzinger, seines Zeichens Chef der mittlerweile Kongregation für die Glaubenslehre genannten Kongregation der römischen und allgemeinen Inquisition). Als letzter Katholik setzte Johannes Paul II. nicht nur mit dem moralischen Anspruch auf Frieden und Freiheit gegen allen Zeitgeist überraschende Wegmarken. Er setzte auch die Reinheit der katholischen Ideologie und die Geschlossenheit ihres Regelsystems gegen die Beliebigkeit manch liberaler, sogar ins esoterische abdriftender Strömungen, die sich aus den mystischen Gedankenwelten von Regionen und Völkern jeweils das gerade passend Erscheinende und Bequeme heraussuchen. Was immer man davon halten mag: Wenigstens zeugt es von einer gewissen Konsequenz in einer Zeit, in der sich zu nadelgestreiften Außenministern mutierte Ex-Spontis Vorwürfe von Hunzinger über getürkte Parteispenden gefallen lassen müssen, Politik-Patriarchen Versprechen gegenüber anonymen Geldgebern über das Recht stellen dürfen und Kanzler aus einer ehemals sozialistischem Freiheitsbestreben verpflichteten Partei sich ohne Bedenken gegen Waffenbeschränkungen für ein freiheitsunterdrückendes Regime einsetzen. Die Konsequenz eines katholischen Ideologen, die, akzeptiert man denn das dahinterstehende System, auf den ersten Blick trotz aller damit einhergehenden Verwerfungen sympathisch erscheint, gefällt allerdings dummerweise denjenigen, die sich noch nie damit abfinden konnten, dass es in der Welt nicht nur Schwarz oder Weiß, nicht nur Gut und Böse, nicht nur Ja und Nein, also nicht nur These und Negation, sondern auch die Negation der Negation oder Synthese gibt. Die katholische Konsequenz eines Karol Wojtyla gefällt denen, die keine Autonomie des Subjekts kennen: "Bei vielen Menschen ist es bereits eine Unverschämtheit, wenn sie Ich sagen", konstatierte Theodor W. Adorno kurz und trocken. Ausgerechnet Johannes Paul II. aber demonstrierte möglicherweise gegen die eigene Gefolgschaft in seiner katholischen Konsequenz auch Autonomie.

Erwähnte ich eben unser aller Politik-Patriarchen? Ach, wie isses doch schön: Landauf, landab wird der 75. Geburtstag von Kampfelefant Helmut Kohl in den Gazetten gefeiert, der heute in Oggersheim begangen wird. Am 11. und 12. April folgt sogar ein Kohl-Kongress. Da will diese kleine Wochenvorschau nicht hintanstehen und feiert mit diesem seinem Zitat über die Leistungen in diesem unserem Land (Indula): "Keine Volkswirtschaft hätte die deutsche Einigung so gut geschafft wie die deutsche."

Im Banne der 2006er Weltmeisterschaft Indula hat Deutschland seine Hooligans nicht mehr lieb. Da der Export nach Slowenien nicht geklappt hat, müssen die Tickets ganz besonders Hooligan-fest gesichert werden, etwa mit den RFID-Chips. 3,2 Millionen dieser Chips kommen von Philips, das damit die große Chance hat, der Technik einen gewaltigen Imageschub zu bescheren. Dank der klugen Chips werden es datenbankgestützte unvergessliche Spiele werden, für jeden registrierten Zuschauer. Den Krittlern und Mäklern, die am heutigen Sonntag in Bielefeld auch noch über die Kulturflatrate reden wollen, sei mit Picabia nachgerufen: Der Ball ist rund, damit er denken kann!

Einen Aprilscherz hab ich noch, passend zur Telemed 2005, die in dieser Woche in Berlin stattfindet. Der Scherz kam in dieser Woche von einem "Innenexperten" der SPD, der in der elektronischen Gesundheitskarte ein Schlüsselinstrument für die Abwehr terroristischer Angriffe erspäht hat. Wahrscheinlich liegen den geheimen Diensten Erkenntnisse über vorgeschriebene medizinische Vorsorgeuntersuchungen für Schwarze Witwen und ihre männlichen Pendants vor. Wenn die Gesundheitskarte mit dem leisesten Verdacht ausgegeben wird, dass mit ihr Data Mining im großen Stil betrieben wird, dann ist sie den ganzen Aufwand nicht wert, ob mit oder ohne aufgedrucktem Terroristen-Fahndungsfoto. Dass ein SPD-Politiker dem gesundheitsreformerischen Schmuckstück der SPD-Politik im Alleingang den Garaus macht, das ist doch einen kräftigen Schluck wert. Prost! (Hal Faber) / (jk)