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Was war. Was wird.

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Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Das Schöne am Journalismus ist, dass es immer etwas Neues zu lernen gibt, immer neue Worte buchstabiert werden müssen. Nehmen wir nur die "Degetoisierung" des deutschen Fernsehvolkes, die der Musikantenstadlerisierung auf dem Fuß folgt. Oder das "Heroengebrumm", mit dem internationale Fußballstars auf die Zumutung antworteten, zur Eröffnung der Bundesligasaison das Deutschlandlied singen zu müssen.

*** Diese Woche habe ich das Wortungetüm "islamischer Faschismus" lernen müssen. Gut, die Wikipedia sagt uns, dass Islamfaschismus schon länger aus den Federn gelehrter Zeit-Redakteure quillt. Doch was islamischer Faschismus wirklich bedeutet, hat der britische Innenminister John Reid (und nicht etwa George W. Bush) in einer Rede deutlich gemacht: Die Europäische Menschenrechtskonvention sei vor 50 Jahren verabschiedet worden, um vor faschistischen Staaten zu schützen, aber nun gehe die Gefahr von "faschistischen Individuen" aus. Und im Kampf gegen faschistische Individuen habe man das Recht, kurzfristig verschiedene Freiheiten zu modifizieren. Wer solche Wort liest, bekommt eine leise Ahnung, warum es Großbritannien selbst ist, das Selbstmordattentäter produziert, muslimische Briten mit stiff upper lips. Rund 1000 dieser Briten können sich vorstellen, als Selbstmordattentäter zu enden, heißt es in "Umfragen".

*** Nach dem Terroralarm in Großbritannien kommen auch auf uns erhöhte Sicherheitsmaßnahmen zu, die gravierend sind. Wer die politische Debatte in Deutschland verfolgt, bekommt den Eindruck, dass die bürgerlichen Rechte gleich mit dem Handgepäck aufgegeben werden müssen. Wie der Kampf gegen das faschistische Individuum die Moral verludert, zeigen die Reaktionen auf die Nachricht, dass die entscheidenden Hinweise von pakistanischen Ermittlern aus den Verdächtigen "herausgepresst" wurden. Mit einem Nein beantwortet ein Kommentator der FAZ die selbst gestellte Frage, ob es in den auf Rechtsstaatlichkeit achtenden Ländern "tatsächlich möglich ist, bei der Vorbeugung gegen einem zu allem entschlossenen Feind der Zivilisation saubere Hände zu behalten". Beim faschistischen Individuum darf also ein bisschen gedaschnert werden, Guantanamo light wird an der Mainzer Landstraße eingerichtet.

*** Wir leben in einer panspektrischen Gesellschaft (ha, noch ein neues Wort, dankefrauprofessor), weil wir unablässig Datenspuren hinterlassen, am Telefon, beim Surfen, in der Mail. Inmitten der pausenlosen Beobachtung der der endlosen Datensammelei kommt es auf die richtige Mathematik, auf die richtigen Algorithmen an, im Guten wie im Bösen. Eine verschlüsselte SMS aus Pakistan wurde von den britischen Behörden abgefangen und entschlüsselt. Sie wies die Mitstreiter an, sofort mit dem Chip&Fish-Leben aufzuhören und den Plan X durchzuführen. Den Rest erledigte eine Razzia im Großen, die auch den arg gebeutelten Ruf von Scotland Yard wiederherstellen sollte.

*** Großbritannien als Vorbild war in der letzten Woche schon vor dem Alarm in der Diskussion. Schließlich werden dort die Bahnhöfe lückenlos überwacht, auch wenn die Video-Leitstellen der British Transport Police Hunderte von Kilometern entfernt liegen. So etwas will man nach den beiden Kofferbomben auch in Deutschland haben, nicht zur Sicherheit, aber zur besseren Aufklärung. Man? Ja, Jedermann und -frau. Ein Kommentar in der alternativen Tageszeitung macht das klar: "In einer demokratischen Gesellschaft mit Videoüberwachung leben die Menschen unbeschwerter als in einer Diktatur ohne Videoüberwachung." Aber sind das die einzigen Alternativen, die wir in der panspektrischen Gesellschaft haben? Übrigens gibt es demokratische Gesellschaften, in denen alle Videos dem Staat in Form seiner Gerichte gehören. Das bringt mich in eine Position, einen alten Fehler zu korrigieren. "Du aber darfst dem Staat nicht geben, was des Staates nicht ist", heißt es in der Antigone des Sophokles in der Übersetzung durch Hölderlin.

*** Vor fünf Jahren, als der Fehler passierte, hätte ich diesen Link noch nicht setzen können. Da war Hölderlin ein Stub. Heute ist ein Link auf die Enzyklopädie der Informations-Hobbits noch am selben Tag möglich, an dem bekannt wurde, dass Günter Grass bei der Waffen-SS war. Dabei ist die Diskussions-Seite besser als jeder Kommentar des Fäuletonisten. Diese Aussage ist allerdings nur mit einem Regional-Code gültig.

*** Damit komme ich zu den negativen Seiten des Journalismus. Die gibt es, weil Journalisten auch nur Menschen sind, wie Blogger. So gibt es Interviews, die an der Grenze zum Borderline-Journalismus geführt werden. Die in Deutschland so bewunderte Wired musste gerade Geschichten zurückziehen, die ehrbare Nachrichtenagentur Reuters entschuldigt sich gerade in Israel für ihren photoshoppenden Fotografen. Dafür lernen wir die wahre Seite des Krieges kennen. Und weil jede Wahrheit einen Mutigen braucht, der sie ausspricht, wackelt mein Hinterteil. Und breitbeinig stehe ich da.

*** Wo bleibt das viel gepriesene Positive? Ist es der 25. Geburtstag des PC, an dem sich einige alte Säcke daran erinnern, dass sie alte Säcke geworden sind? Fällt es heute aus, wie damals beim PC, als mit negativen Signalen gearbeitet werden musste, damit das Timing stimmt? Aber nicht doch. Wir haben ja die deutsche Telekom, ausgerechnet. Sie arbeitet perfekt positiv mit negativen Signalen. Mit rekordverdächtigen 43 angeschlossenen Haushalten ist ihr Bundesliga-IPTV gestartet, meldet die Süddeutsche Zeitung. Vergessen wir mal die Kosten für die VDSL-Infrastruktur, die die Telekom partout nicht öffnen will – Regulierungsferien ist übrigens auch ein tolles neues Wort. Üben wir mal folgende Divisionsaufgabe: Für jeden Bundesligaspieltag überweist die Telekom etwas unter 1,5 Millionen Euro an die Deutsche Fußball-Liga. Dividiert durch 43 Haushalte ist das also das viel gepriesene Triple Play, mit Einnahmen von 427,85 Euro.

Was wird.

In einem richtigen Terroristen-Wochenrückblick darf der Unabomber Ted Kaczynski nicht fehlen, der als Student durch einen Psycho-Test der CIA schwer geschädigt wurde. 17 Jahre lang versuchte er, die verhängnisvolle Computer-Welt wegzubomben. Seine Bombenbaupläne, zu denen die bisher raffinierteste Flugzeugbombe zählt, die am 15. November 1979 an Bord einer Maschine der American Airlines explodierte (durch einen Rechenfehler wurde nur ein Brand entfacht), werden nun öffentlich versteigert. Die Einnahmen aus der Auktion, die alle Habseligkeiten von Kaczynski feilbietet, sollen den Opfern und ihren Angehörigen zukommen, denen Kaczynski insgesamt 15 Millionen Dollar zahlen muss. Besonders wertvoll soll sein verschlüsseltes Tagebuch sein, das vom FBI nur geknackt werden konnte, weil man die zugehörigen Verschlüsselungs-Pads fand. Kaczynski ist den USA die Todesstrafe erspart geblieben, weil er als geistesgestört gilt. Seine entfernten Verwandten wollen sie in Europa wieder einführen.

Aus aktuellem Anlass muss der letzte, der Wetware gewidmete Teil des lustigen Sommerrästels verschoben werden. Die vorab ausgewählten Bilder wollten einfach nicht zu diesem kleinen Wochenrückblick und seinen so gar nicht lustigen Themen passen. Immerhin folgt nach dieser Wochenschau kein öder Brennpunkt. Ein klitzekleines Rätsel mag ich mir aber dann doch nicht verkneifen. Welcher Firmenchef hat in dieser Woche folgendes logisch vertrackte Statement abgegeben: "Today is a big day for xyz. This marks the full turning point for the company going forward." Gestern standen wir noch vor dem Abgrund. Heute ...

Und morgen, morgen ist dann der 50. Todestag von Bertolt Brecht, Brecht, dem bösen Brecht dem asozialen. Dem von all den saturierten Feuilletonisten abgeschriebenen Dichter. Dem Hassobjekt der Verkünder anschwellender Bocksgesänge. Der Drangsal all der geplagten Oberschüler, denen die verbrauchten Deutschlehrer keinen Zugang mehr zu Brechts Lyrik und Dialektik des Theaters vermitteln können.

Alle Laster sind zu etwas gut
Nur der Mann nicht, sagt Baal, der sie tut.
Laster sind was, weiß man was man will
Sucht euch zwei aus: Eines ist zu viel!
Nicht so faul, sonst gibt es nicht Genuss!
Was man will, sagt Baal, ist, was man muss.
Wenn ihr Kot macht, ist's sagt Baal, gebt acht
Besser noch, als wenn ihr gar nichts macht!

Die seltsame Nicht-Aufregung und dann doch historisierende Einverleibung anlässlich Brechts 50. Todestag verleitet dazu, sich ebensolch einen Kollaps wie Frau Berg angesichts der Bayreuther Festspiele zu wünschen. Wenigstens etwas Aufsehen. Ansonsten aber gilt auch in diesen kriegerischen Zeiten, bei all diesen umherschweifenden faschistischen Individuen aus welcher Ecke auch immer und für all die geschriebenen und noch zu schreibenden Wochenschauen, was für den guten Menschen von Sezuan galt:

Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen
Den Vorhang zu und alle Fragen offen.
Der einzige Ausweg wär aus diesem Ungemach:
Sie selber dächten auf der Stelle nach
Auf welche Weis dem guten Menschen man
Zu einem guten Ende helfen kann.
Verehrtes Publikum, los, such dir selbst den Schluss!
Es muss ein guter da sein, muss, muss, muss!

(Hal Faber) / (jk)

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