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Was war. Was wird.

In die Scheiße tritt jeder mal, aber so richtig in der Kacke auszurutschen, das ist schon eine eigene Kunst, meint Hal Faber, und stimmt das Lied auf die Freiheit an statt den Winden der Veränderung hinterherzublasen.

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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Denn du bist Ludwigshafen, du schöne Stadt, du Hafenstadt des großen Ludwig I. von Bayern. In deiner maritimen Pracht verdienst du es, in einem Atemzug mit der von Ludwig erbauten großarischen Walhalla genannt zu werden, wo die Reste von Sophie Scholl liegen. Ludwigshafen, du schöne Chemiestadt, die einen Ernst Bloch wie einen Helmut Kohl beheimatete, du bist etwas und wir werden es erst: Heimat. Also kein Vergleich mit Bamberg, einer Stadt, in der sicher auch einmal ein solches Plakat gehangen hat, wie in vielen anderen deutschen Städten auch, als sich die deutschen Herren darum bemühten, im Aufbruch zur Weltherrschaft das Judentum abzutreiben. Denn du bist Deutschland, das war schon ein geschickter Appell. "Denn das ist mein und dein Deutschland", hieß es damals im Film, als Heini Völker als Hitlerjunge Quex begeisterte. Ist es also wirklich einfach nur Pech für die kreativen Werber der bombigen Agentur Jung von Matt, auf brauner Kacke ausgeglitten zu sein?

*** Aber nicht doch. An dieser Stelle empfiehlt sich der Blick darauf, wie andere Kreative den Slogan aufnehmen und beantworten. Besonders im IT-Umfeld kommen dort durchaus aparte Aussagen zustande, die angeblich den Menschen in den Mittelpunkt stellen. Doch was lesen wir da in den aktuellen Tageszeitungen, häufig gleich nach der Deutschland-Kampagne mit dem bunten Hundehaufen??

"Ich bin EADS. Mein Name ist Eurofighter. Verteidigungsexperten halten mich für das leistungsfähigste und vielseitigste Kampfflugzeug der neuesten Generation. Mit über 600 Bestellungen habe ich gegenüber der Konkurrenz die Nase vorn. Ich bin ein Beispiel erfolgreicher Kooperation zwischen den vier Nationen Deutschland, Großbritannien, Italien und Spanien. Von diesen internationalen Fähigkeiten habe ich sehr profitiert. Das unterscheidet mich von anderen Kampfflugzeugen. Ich bin ein wahrer Kosmopolit, der bei Leistungsfähigkeit und Zusammenarbeit keine Schallmauer kennt. Ich bin EADS."

Du bist Deutschland, ich bin ein wahrer Kosmopolit. Ich bin ein Eurofighter oder eine ausgezeichnete hypersensitive Spürnase, die einen wichtigen Beitrag für die Innere Sicherheit leistet, weil ich 30 mal empfindlicher als eine Hundenase bin. Du bist Deutschland und zufrieden damit im schwarzroten Juste Milieu. Was ist die Identifikation mit einem Land gegen die aufregende Identifikation mit einer Firma? Zumal dann, wenn die Identifikation mit diesem unseren Deutschland kreativ im Spreeblick-Kommentar #103 so erklärt wird:

"Der Begriff 'Deutschland' darf nicht für die Vergangenheit reserviert sein. Die Kampagne verurteilt aufs Schärfste Nationalsozialismus, Rassismus und neonazistisches Gedankengut. Wir begrüßen und unterstützen die Aufarbeitung der deutschen Geschichte und verstehen die Kampagne als antifaschistisch, weil wir auf die Leistung und Persönlichkeit jedes Einzelnen und die Zivilgesellschaft setzen."

Ich bin also Deutschland. Ich bin ein Beispiel erfolgreicher antifaschistischer Kooperation zwischen Leistung, Persönlichkeit und Zivilgesellschaft. Wir sind außerdem das Volk und haben eine neue Kanzlerin in Berlin und machen uns darum gleich einmal an die Aufarbeitung der Geschichte, dass es die kreativen Werber nur so antörnt. Ein Beispiel? Nehmen wir einmal an, du bist das hübsche Weimar und hast ein noch hübscheres Einkaufszentrum, das zum Atrium umgetaufte Gauforum, nach Prora eines der großen nationalsozialistischen Bauwerke. Geschmacklos sind wieder einmal die Demonstranten, die sich gegen die umstandlose Eingemeindung wehren, die sich nicht damit abfinden wollen, wie in Deutschland geduzt und gestutzt wird. Besonderen Geschmack haben dagegen die, die die Anlage als italienisches Dorf vermarkten, ganz ohne Mussolinis "Du bist nichts, dein Volk ist alles!" Ein klarer Fall für JVM.

*** Tja, wer im häufigsten Wohnzimmer auf Augenhöhe kommuniziert, hat einfach nichts besseres verdient. Es wird Winter in Europa, die CIA fliegt so tief, dass die finstersten Verschwörungstheorien sich anhören wie Kindergeschichten von schwarzen Hubschraubern, und wir sind immer noch Deutschland. Der Wind der Veränderung bläst uns um die Nase: Was schert schon das Recht, wenns gegen Terroristen geht, Kollateralschäden sind vernachlässigbar. Ja, so ist das mit den Winden der Veränderung, mal blasen sie in die eine, mal in die andere Richtung. Wir in Deutschland aber machen es uns hinterm Ofen gemütlich und freuen uns über die Scorpions, die mit "Wind of Change" den Jahrhundertsong hingelegt haben. Zumindest, wenn man den Zuschauern beziehungsweise Umfrageteilnehmern der Show "Unsere Besten" glauben darf. Ob man es als Trost, als typisch Deutsch oder gar als unverständliches Banausentum bezeichnen soll, dass die dritte Strophe des Lieds von Hoffmann von Fallersleben zur Musik des Kaiserquartetts von Joseph Haydn, allgemein als Deutschlandhymne bezeichnet, sich für die Deutschen hinter solchen ewigen Perlen tiefsten Schmalzes wie "Am Tag als Conny Kramer starb", "Abenteuerland" oder "Ganz in weiß" platzierte? Du bist eben Deutschland, komme was da wolle. Für uns mag es aber ein wenn auch schwacher Trost sein, dass die Freiheitshymne "Ode an die Freude", mit dem von Beethoven leicht abgewandelten Schiller-Text, gleichzeitig ohne jeden Text die europäische Hymne, es immerhin auf Platz Drei gebracht hat. Ja, genau. Wir sind Europa. Und alle Menschen werden Brüder. Das wären doch mal hoffnungsvolle Töne.

*** Erschreckt aber ziehen wir die Köpfe ein, die CIA fliegt noch tiefer, da passt keine Brüderlichkeit und kein Menschenrecht mehr drunter. Also bleibt es erst einmal dabei: Du bist Deutschland. Denn im Grunde genommen ist der zackige Apell ans Subjekt, verbunden mit dem selbstbewussten Auftrumpfen der Dinge zukunftsweisend. Ich freue mich schon auf die Kampagne von Microsoft: Du bist der Office- Anwender. Ich bin das tolle Open-XML-Dokumentenformat, das für Milliarden Dokumente gilt und ein breitgefächertes zivilgesellschaftliches Ökosystem bereitstellt. Wenn du so geschmacklos bist und nicht wie die British Library denkst, die die letzten 250 Jahre das digitale Erbe Großbritanniens verwaltet hat und in jüngster Zeit von Microsoft abhängig geworden ist, dann magst du im Open Document Format abspeichern. Aber das mit dem reichhaltigen Ökosystem knicken wir dann, es war eh nur ein netter Scherz. Warum denkst du nicht an die nachfolgenden Generationen, die auch mit Microsoft-Produkten ihren Lebensunterhalt verdienen wollen?

*** Du bist überlagertes deutsches Fleisch und findest nichts dabei, ein paar Pixel umzunieten. Das ist dein gutes Recht, aber wehe, wenn die Killerspiele in die Hände von Jungfleisch gelangen. Denn es gibt die die Koalition der Weisen, die sich bei der "Bild" darüber falsch informiert haben, dass Counterstrike nur dann zu gewinnen ist, wenn man mindestens fünf Menschen tötet. Ich bin Microsoft und bringe die eminent jugendfreundliche Xbox 360 heraus, um die man sich im echten Leben schlagen kann. Mit jedem Gerät mache ich 126 Dollar Verlust, der durch blutige Anwendungen freilich wieder ausgeglichen wird. Eine Geldverschwendung, die sich Microsoft leisten kann und schon für Nokia viel zu kostspielig ist. Da sucht man sich lieber das Taschenfernsehen als Pathway to Glory aus, eben ohne das Töten von mindestens 5 Menschen. Und auf das Internet-Tablett zu Weihnachten warten wir vergebens.

Was wird.

Jaja, ich bin heute ein monothematischer Langweiler. Kein Wunder. Ich bin ja nicht EADS und habe keine Superspürnase. Ich erhöhe also nicht die Sicherheit auf Flughäfen, in Flugzeugen und Gebäuden. Ich leiste keinen wichtigen Beitrag für die Innere Sicherheit. Das macht die EADS, deren Zweig EADS Secure Networks sich zum Beginn des TETRA World Congress als wichtigster Lieferant der europäischen Homeland Security vorstellt, der glänzende Wachstumschancen prognostiziert werden. Denn es ist doch so, dass wir wegen veralteter Dogmen und falsch verstandener Toleranz (Angela Merkel) im europäischen Maßstab sogar hinter der Schweiz herhinken: Überwacht werden müssen wir doch alle, nicht nur auf der Autobahn. Das ist einfach nötig: Wenn du Deutschland bist, ist der Einbrecher in dein Haus natürlich ein Nichtdeutscher. Und wenn ein EADS-Gerät 30-mal besser riecht als ein Hund, dann bekommen wir sicher auch die Apparatur, die 30-mal besser sieht als ein Grenzbeamter. Wir sind schließlich in Deutschland und wollen nicht alles selbst machen wie die in China: Bei uns wird die totale Kontrolle modular eingeführt, gewisserweise als Eenboom-Applikation, aus dem schnell ein Multiboom-Cluster, mit einem BKA, das mehr Befugnisse bekommt, als Otto Schily je erreicht hat.

Du, das ist ein tolles Land, dein Deutschland. Wie übersetzte noch Harry Rowohlt den Song vom Copyright-Nihilisten Woody Guthrie? "Dieses Land ist dein Land, dieses Land ist mein Land, von Kalifornien bis zur Insel von New York". Tja, da Klirren die Fahnen und die Gläser, Deutschland. Wie begann noch ein großes Geburtstagskind dieses Wochenendes seine epochale Abhandlung über die neue Wissenschaft der Kybernetik? Mit einem kleinen deutschen Lied:

Weißt du, wieviel Sternlein stehen
An dem blauen Himmelszelt?
Weißt du, wieviel Wolken gehen
Weithin über alle Welt?

Noch etwas weiter weg auf der Zeitachse, doch überraschend früh mit einem lesbaren Fahrplan melden sich die üblichen Weihnachtsmänner und ihre Haecksen, die Private Investigations betreiben und Entschwörungstheorien verbreiten wollen. Die überraschendste Entschwörung dürfte dabei das generelle Rauchverbot sein, das eine bisher unbekannte Willensstärke beim gemeinen europäischen Hacker freilegt: Auch der Mensch ist skalierbar. Darauf zünden wir uns eine erste Kerze an. (Hal Faber) / (jk)