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Was war. Was wird.

Hurra, alle sind guter Laune, und Du bist Auslosungsweltmeister. Da schmeckt man die Wermutstropfen gar nicht mehr. Nur alte und kranke Männer schenken sie noch aus, befürchtet Hal Faber, und malt den Teufel der Meinungsfreiheit an die Wand.

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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Es ist hoffnungslos. Wenn Gangsta 50 Cent mit Pop-Prinzchen Robbie Williams bei Thomas Gottschalk eine flotte Fußball-Sohle aufs Parkett legt, fragt man sich, wozu all dieser DRM-Mist erfunden wird: Wer will denn noch Musik von Hampelmännern klauen? Es ist hoffnungslos: Selbst gute Musiker wie 50 Cent sind nichts mehr wert ohne Unterwerfung unter noch die blödesten Auswüchse in der Vermarktungsmaschinerie der Musikindustrie, Technik ist schon lange kein Hilfsmittel mehr, das Leben einfacher und den Genuss freudiger zu machen, und Literaturnobelpreisträger müssen sich die Wut der Feuilletons zuziehen, um noch etwas Aufmerksamkeit für abweichende politische Meinungen zu erreichen. Es ist hoffnungslos.

*** Aber was soll das Gejammer. Etwas Aufmunterung gefällig? Bitte sehr: Hurra, Deutschland! Da zauberte und hüpfte und zündelte der Niederländer Hans Klok auf den Treppchen und Podestchen der großen Auslosungsgala herum, doch gebracht hat es nichts. Der große Schamane sprang wir ein Irrwisch umher und patzte dennoch: Die Käseköppen schafften es nicht in die deutsche Gruppe! Die WM darf angemessen mit einem Aufbau-Kick gegen Costa Rica eröffnet werden! Darum ließ selbst die entklumte Welt eine schreckliche Latino-Simulation über sich ergehen, während der große Rest bereits den Castro-Cumbia a la Google tanzt, weil Südamerika gewinnen wird. Als Vorrundenzweiter kommt der deutsche Fußball etwas weiter, während sich die deutsche Sicherheit von ihrer besten, ersten Seite zeigen kann: zu Gast bei Freunden, im Knast bei Freunden. Ach je: Es ist hoffnungslos.

*** Oder doch nicht? Denn eines, eines haben wir ja immer noch drauf: Erinnern wir uns an die Sicherheitsgarantie, die das Bundesinnenministerium gegenüber der allmächtigen FIFA am 30. Juni 1999 zur Unverletzlichkeit der Spieler und Fans abgegeben hat, die "@ home w/ friends" genießen wollen. Ich finde so eine "Regierungsgarantie Sicherheit" eine tolle Sache. Da verpflichtet sich ein Staat, das Leben von Gästen zu schützen, die eigentlich nur möglichst viel Geld bei uns lassen sollen. Ja, so einen umfassenden Sicherheitsschutz wünschte man sich als Staatsbürger selber auch von seinem Staat, doch da ist Deutschland etwas knausrig, wie der Fall al-Masri zeigt. Es ist ja auch schwierig, wenn deutsche Staatsbürger nicht Schröder, Schily oder Schäuble heißen, sondern so fremde Namen tragen wie al-Masri. Deutsche Sprache, schwere Sprache, da kann man schon mal Völkerrecht und Folterrecht verwechseln. Ach, ich schweife vom Thema ab, wenn sich unser Staat entblößt? Na, dann freuen wir uns doch mit dem gastfreundlichen Polen über die schöne Gruppe.

*** Ziffel: Wenn Sie meine Meinung wissen wollen: Raus aus jedem Land, wo Sie einen starken Freiheitsdurst finden. In einem günstiger gelegenen Land ist er überflüssig.
Kalle: Sie haben recht, es ist verdächtig, wenn wo viel von Freiheit die Rede ist. Es ist mir aufgefallen, dass so ein Satz "bei uns herrscht Freiheit" immer kommt, wenn jemand sich über Unfreiheit beschwert. Dann heißt es sofort: "Bei uns ist Meinungsfreiheit. Bei uns können Sie jede Überzeugung haben, die Sie wünschen". Das stimmt, in dem das überall stimmt. Nur äußern könnens Ihre Überzeugung nicht. Das wird strafbar. /.../
Ziffel: Gemeint ist, dass Sie im Privaten einige Freiheiten haben und nicht gleich verhaftet werden, wenn Sie an einem Biertisch eine Überzeugung haben, die von der erlaubten abweicht.
Kalle: Hier dürfens auch am Biertisch keine Meinung mehr haben. Die Deutschen und vor ihnen schon andere haben entdeckt, dass auch das schon gefährlich ist. Sie sind auch untern Biertisch gekrochen. Sie haben den Freiheitsdurst der Kleinbürger an der Wurzel gepackt.
Ziffel: Sie tun, was sie können, aber sie sind noch nicht ganz durch.

Das wurde Anfang der 40er Jahre geschrieben. Inzwischen sind wir weiter, besonders im linken Lager. So sieht es aus, wenn revolutionäre Kräfte sich für das freie Internet stark machen. Sie wollen nicht einfach der Gehherda sein, sind aber gedankengeschwind die Gehindas und Gehwegdas, die zeigen, wie Meinungsfreiheit nach Kalle und Ziffel bei uns heute funktioniert. Wenn netzfremde Richter die Vorzensur fordern, wie es in einer nicht kommentierbaren Meldung heißt, muss man darum schon ganze Foren in vorauseilendem Gehorsam schließen, unter die Biertische kriechen, den Kratzfuß machen, obwohl die Entscheidung noch den Weg durch die Instanzen gehen muss? Fiat iustitia, et pereat mundus. Oder, um es moderner mit Shakespeare zu Formulieren: Es gibt mehr Ding' in den Foren und der FTP-Welt, als sich die juristische Schulweisheit träumen lässt.

*** Ist es hoffnungslos? Es scheint so, schreit die Wut der Feuilletons: Vielleicht muss man heute schon bereit sein, ganz von dieser Welt zu flüchten, um so abzurechnen, wie es jetzt ein todkranker Mann getan hat: "Ich behaupte, die Vereinigten Staaten ziehen die größte Show der Welt ab, ganz ohne Zweifel". Die wütende Abrechnung, die uns Harold Pinter hinterlassen will, wird bereits als das Geschwätz eines kranken, alten Mannes abgetan, das nicht mehr Bedeutung hat als die wissenschaftliche Analyse der Bewohner von Serpo. Vielleicht ist es aber auch das letzte Dokument der Meinungsfreiheit, die ein 2001 abgetretenes Jahrhundert kannte. Die Entschlossenheit, die Würde des Menschen wiederherzustelllen, ist sie ausreichend? Ich schreibe das am Geburtstag einer anderen großen Nobelpreisträgerin, die auf das noble Lob aus Stockholm mit einem Gedicht antwortete und in einem anderen gegen die Sentimentalität derer, die das neue Haus bauen, dichtete:

Baue, wenn die Stundenuhr rieselt,
Aber weine nicht die Minuten fort.

Natürlich haben Dichter eine leise Stimme. Was sind sie im Vergleich zu einem Kernel-Künstler, einem Hausbauer wie Alan Cox? Dennoch erinnert dieser kleine Wochenrückblick nicht an Cox, sondern an Aimé Césaire, der sich in dieser Woche weigerte, Frankreichs Innenminister Nicolas Sarkozy zu empfangen, der neben einigen drastisch die Freiheit einschränkenden Gesetzen auch Urheber eines Gesetzes ist, das von den Schulen verlangt, die positiven Seiten des Kolonialismus zu lehren.

*** Mit dem schönen antiquierten, fast völlig unverständlichen Gehherda aus dem Zoo der bedrohten Wörter bezeichnete Brecht die Haltung der feineren Bürger, den Proleten auszurichten, doch bitte gegen die Hitlerei zu kämpfen. Es ähnelt den schulterklopfenden Anbiederungen an Bürgerrechtler, doch bitte laut gegen die Vorratsdatenspeicherung zu protestieren. Denn unfein ist das schon, wenn 6-12-24-x Monate die Telefonnummern der Nebenfrau gespeichert sind, die Besuche beim Porno-Hunnen nicht mit gerechnet.

Was wird.

Jaja, natürlich ist es nicht hoffnungslos. Natürlich wird es Weihnachten. Oops ... Nochmal von vorne: Wer die neue Fußball-Queen Heidi Klum toppen will, muss Maria Rauch-Kallat heißen und den Quantensprung von Österreich ins digitale Zeitalter mit der Gesundheitskarte eröffnen, die nunmehr landesweit eingeführt ist. Österreich ist saniert, während wir noch auf den großen Hackertest warten. Am Montag nicken wir also nach Österreich, den verständnisvollen Partner des größten Fußballspieles aller Zeiten: COR-DO-BA!

Danach kommt Mehdorn, das Rumple-Stilzchen unter den deutschen Industriemagnaten. Der Manager, der den Hauptbahnhof in Berlin als sein Wohnzimmer betrachtet, der die Bahn nach Hamburg verlegen will, eröffnet zusammen mit Kai-Uwe Ricke von der deutschen Telekom das "schnellste Netzwerk der Welt". Zwischen Köln und Dort.. ähem, Düsseldorf wird auf einer Pilotstrecke das erste zuggebundene Wireless LAN eröffnet, natürlich für ICE-Reisende exklusiv. Unter Journalisten ist die Aufregung groß: wer sich nicht zwischen Köln und Düsseldorf einloggen kann, gewinnt angeblich einen Bordellbesuch in dem Mehrstockhaus, das kurz vor der Einfahrt in den Hauptbahnhof zum Schnee-Desaster die Laken hängte: "Alle reden vom Wetter – wir nicht". Da wartet man doch glatt auf die Gegenkampagne um Stil von Mehdorn: "Alle vögeln – wir fliegen". (Mitunter verspätet)

Schickt man al-Masr durch einen geeigneten Filter, so kommt als Namensvorschlag Hal Maser heraus. Wenn dieser Maser nach Afghanistan entführt werden würde, dann würde Deutschlands Sex-Kloake lettern: Wann wird er geköpft? Das ist natürlich reiner Spekulatius, in dieser Zeit. Noch ein Flämmchen, bitte. (Hal Faber) / (jk)