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Was war. Was wird.

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Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Das war nichts mit dem Ende der Welt 2012. Das war höchstens ein Rechenfehler der Mayas bei der Datierung, wann alles zusammenbricht, ein bisschen wie XETRA in dieser Woche. Obwohl: Zwei unabhängige Rechensysteme, die zur selben Zeit von einem Hardwarefehler heimgesucht werden, das klingt schon etwas nach Maya-Magie zur nachbörslichen Beruhigung. Das Lebbe geht weida, sagen sie in Frankfurt dazu, während sie bei JP Morgan wahrscheinlich Sätze sagen, die nicht HTML-reif sind. Da verzockt ein Mitarbeiter mit dem netten Spitznamen Lord Voldemort 2 Milliärdchen und schon rauscht der Kurs in den Eiskeller, während die Welt mal wieder nach einer Bankenaufsicht ruft. Magie, wohin man auch schaut, da kann eine Runde Quidditch nicht schaden. Ja, der Mensch stammt vom Affen ab und der lernt bekanntlich wenig, weshalb die Evolution unserer Spezies nur mit Hunden zu erklären ist. Am Ende darf der Schockwellenreiter mit seinem haarigen Vieh über all den Katzencontent triumphieren. Doch das dicke Ende kommt noch.

*** Spielen ist eine wunderbare kindliche Beschäftigung, selbst dann, wenn mit Zinn- oder Plastikfiguren ganze Schlachten oder Indianerüberfälle nachgestellt werden. Anders sieht es aus, wenn Kindsköpfe im großen Stil Weltkrieg spielen. In dieser Woche deckte Wired die Existenz von Planspielen US-amerikanischer Militärs auf, die den "Totalen Krieg" gegen den Islam an einer Militärakademie durchspielten. Unter ausdrücklicher Missachtung Genfer Konventionen wird überlegt, ob man nicht besser Mekka und Medina ausradieren sollte wie weiland Dresden. Und das bitte ohne Fotos von Horst Faas, der von uns gegangen ist. Die Lösung der angenommenen islamischen Bedrohung als Holocaust wurde zwar prompt vom amerikanischen Verteidigungsministerium gestoppt, doch die Debatten laufen weiter. Müssen nicht für alle Fälle Ausrottungen geplant werden, wenn es nach Huntington in den Endkampf der Kulturen geht? Als 1979 über die Stationierung von Atomsprengköpfen in der Bundesrepublik diskutiert wurde, schrieb Ulrich Sonnemann in seiner "Zettelwirtschaft":

Um den Technokraten überlassen zu werden, ist die Technik nicht nur zu mächtig und zu irreversibel, sondern in letzter Zeit zu suizidverdächtig: Im jetzigen Stadium risse sie die Menschheit unweigerlich in ihren Selbstmord hinein. Wer sie, die keineswegs wertneutral ist, aber ihre Richtung ändern kann, den Technokraten anheimstellt, liefert ihnen auch die Herrschaft über Politik, Ökonomie und Geschichte aus. In der Technik selbst liegen anti-technokratische, dieser meist unbewussten Überlassung wegen nur bis heute noch nicht hinreichend gesehene oder beachtete Potentiale. Sie reichen überall selbst bereits, auf die Dauer kontempliert, ins Geschichtliche: dass etwa physische Schwerelosigkeit und die Merkwürdigkeit, dass sie Menschen nicht tötet, erfahrbar wurden, muss für die Zukunft des menschlichen Geistes, also der menschlichen Art, eine unabsehbare Konsequenz haben.

*** Wenn mich die Suchmaschinen nicht täuschen, kann dieser "Memo-Text" von Sonnemann aus dem Konkursbuch Nummer Drei nur in Bibliotheken gefunden oder in Form des ganzen Konkursbuches bei Abebooks & Co gekauft werden. Willkommen in der wunderbaren Welt der Urheberrechtsdebatte, wo die von einem listigen Literaturagenten angeführten Wir sind die Urheber! auf Wir sind die Bürgerinnen und Bürger treffen und beide Polemiken von einem einsichtsvollen Auch wir sind Urheber/innen! begleitet werden. Als Autor bin ich leicht befangen, aber als Bürger, der Abmahnungen kassiert hat und sicher wieder kassieren wird, fehlt mir noch die Proklamation der Profiteure unter "Wir sind die Abmahner", die Aussagen der deutschen Abmahnindustrie. Welches Sprengmaterial dieser Satz enthält, muss jeden mit dem Internet lebenden Bürger wohl kaum erklärt werden: "Die alltägliche Präsenz und der Nutzen des Internets in unserem Leben kann keinen Diebstahl rechtfertigen und ist keine Entschuldigung für Gier oder Geiz." Für Hadopi-artige Sperren wird uns in Deutschland noch ein Begriff einfallen. Wie wäre es mit Hartz 22 nach einem großen Autor?

*** Was fehlt noch? Genau: Es fehlt der große Wurf, der legendäre Langtext, den CCC-Gründer Wau Holland zum Copyright verfasste. Er ist, wie der großartige Werner Pieper schreibt, einer abstürzenden Festplatte zum Opfer gefallen. So haben Waus Enkel nichts zu lesen, sollten nicht doch Spion & Spion eine "Sicherheitskopie" von der Festplatte gezogen haben.

*** In einer nicht-öffentlichen Sitzung des Innenausschusses des Deutschen Bundestages wurde bekannt, dass bei der Vorratsdatenspeicherung die Luft raus ist. Es gibt dazu Kommentare, die davon künden, dass die Totalüberwachung deutscher Bürger für die nächsten zwei Jahre vom Tisch ist und erst in der nächsten Legislaturperiode zur Abstimmung kommt, von der Realisierung ganz zu schweigen. Verglichen mit der Nachricht über die Verschiebung eines brandenburgischen Provinzflughafens steckt in dieser Verschiebung eine Sprengkraft, die eine Regierungskoalition zerlegen kann. Denn dass der Flughafen, dem offenbar beim Brandschutz die notwendige Programmierung des Systems nicht gelungen ist, in der Simulation von 500 auf 1000 Flüge am Tag schlagartig zusammenbricht, wundert keinen S-Bahn-gestählten Berliner.

Was wird.

Das Ende der Welt ist fern, doch nah ist der Börsengang von Facebook, der schon in der letzten Woche erwähnt wurde. Er dürfte mit dem Ende von StudiVZ eine lustige Zeitschiene bilden. Während die Facebook-Bobos nach Singapur fliehen und damit demonstrieren, was sie von Staat, Regierung und Verwaltung halten, werden heute die Piraten in Nordrhein-Westfalen wohl Party feiern. Interessant war ein Brandbrief der Grünen in dieser Woche, der die Piraten als neuzeitliche Form des Schmarotzers darstellte, der auf Kosten der Bürger jetzt eine Ausbildung in Sachen Politik verlangt:

Von jeder Jurastudentin wird bereits nach dem ersten Semester verlangt, eine Klausur im öffentlichen Recht zu schreiben und zu bestehen. Mir stellt sich die Frage, ob fürs "Politik lernen", also dem kompetenten Umgang mit Verfassung und Geschäftsordnung des Landtags, wirklich eine Ausbildung von 5 Jahren bei 10.600 EUR Monatsentschädigung nötig ist. Ist das eine gerechtfertigte Investition aus öffentlichen Mitteln - möglicherweise um den Preis von 5 Jahren politischem Patt einer großen Koalition?

*** Noch ein Stück weiter gehen die Rentner, die den Bericht des Innenministeriums zur politisch motivierten Kriminalität wiedergeben und am Ende in der Zusammenfassung schreiben: "Diese Zahlen wären noch wesentlich höher, wenn die kriminellen Handlungen aus dem Umfeld der Piratenpartei richtig eingeordnet würden. Zur Zeit lassen sich mit dem jetzt verwandten Definitionssystem diese Taten, die durch die Piratenparteianhänger erfolgen, statistisch weder links noch rechts zuordnen." Wer solche Feinde hat, braucht eigentlich keinen Wahlkampf zu führen.

*** Die Debatte über Fussball in der Ukraine mit einer Mordanklage gegen Julija Timoschenko ist noch nicht gestartet, der deprimierende Bericht der Piratin Marina Weisband über ihre Heimat noch nicht verdaut, da lohnt es sich, den Blick nach London zu richten. Dort, wo Lord Voldemort Milliarden verspekulierte, finden bald die olympischen Sommerspiele statt, oder eine kleine Drohnen-Sonderübungseinheit. 12.000 Soldaten und mindestens 12.000 Polizisten sollen dafür sorgen, dass all dem seltsamen Unterhosenbombenterror zu Trotz es sicher zugeht. Die heftige Debatte zwischen Oppenheimern und Orwellianern nimmt an Fahrt auf und ist für manche Überraschungen gut, wenn es darum geht, was ein Überwachungsstaat ist. Ob in all dem die Kommunikation der Sicherheitskräfte klappen kann, ist das Hauptthema des Tetra World Congress im beschaulichen Dubai. Darauf: Musik! Und eine gute Nacht. (jk)