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Was war. Was wird.

Heute, da die Tage bis zum Weihnachtsfest an den Fingern von knapp zwei Händen abzählbar sind, widmet sich Hal Faber dem positiven Denken.

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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Da war er wieder, der Vorwurf, dass ich alles schlecht mache und pessimistisch sehe. Ich kann mit ihm leben, denn ich sehe nicht ein, was denn ein Gutmacher Besseres berichten könnte. Wäre es anders, so müsste der kleine hannöversche Verlag in der norddeutschen Tiefebene einen anderen Kolumnisten beschäftigen, ganz nach dem Vorbild der großen Walt Disney Publishing Corporation. Die hat vor sieben Jahren die kompletten Rechte an "Pu der Bär" gekauft und bekanntlich Marketiers von geringem Verstand. Ab sofort hat man bei Disney Christopher Robin abgeschafft, der mit Winnie-der-Pu und Ferkel, mit Tieger, I-Ah und Eule den Hundertsechzig-Morgen-Wald durchstreifte. Christopher Robin ist nicht mehr. Er ist abgeschafft, die Bücher mit dem Jungen werden aus dem Verkehr gezogen. An seine Stelle wird ein jungenhaftes Mädchen treten, "das dem Publikum physische, kognitive und emotionale Reaktionen entlocken wird", so der offizielle Sprachmatsch der Bessermacher und Kulturschänder. So sieht es also aus, das positive Denken, wenn der Roland-der-Berger-Pu kommt, und darum bleibe ich bei den schlechten, alten Dingen, mit denen sich die Säufer und nicht Alkoholiker beschäftigen. Den Rest werden mir die Freunde der reinen, guten Nachrichten schon im Forum nachtragen, dazu brauchen wir doch kein politisch korrektes Meckerblog wie ein Hamburger Blatt mit Bremer Schlüssel – das nicht mal einmal mehr richtig recherchieren kann.

*** Fakten, was sind schon Fakten? Fakten können sich ändern, aber meine Meinung doch nicht. Als ich Mitte der Siebzigerjahre die ersten Schritte in den ebenso hübschen wie vollkommen nutzlosen Beruf des Journalisten machte, wurde der lange Zeit gepredigte Glaube vom objektiven, wissenschaftlichen Journalismus gerade zu Grabe getragen. Stattdessen wurde der Präzisionsjournalismus, wie ihn Philip Meyer predigte, zum Gebot. Und alles, was nicht computer assisted reporting war, war dummes Gefasel, reif fürs Feuilleton. Boolesche Algebra und die Suche in Datenbanken waren wichtiger als eine gute Frage an einen korrupten Politiker. Das war immerhin ein guter Einstieg, Computer kennenzulernen. Doch vom Präzisionsjournalismus kann heute keine Rede mehr sein.

*** Die Präzisision ist dahin, es zählen nicht einmal mehr die Fakten, nur die Märchen: Willkommen in der Welt des narrativen Journalismus. Wie der aussieht, konnte man in dieser Woche in vielen nicht nur englischen Medien lesen: Alle Anfragen zu den Londoner Bombenattentaten vom 7. Juli werden abgeschmettert, eine Untersuchung wird es nicht geben, nur eine Nacherzählung der Ereignisse. Statt Aufklärung bis hin zum Eingeständnis, dass zwei der Bomber im Visier des Geheimdienstes waren, bleibt es beim narrativen Raunen über die Terrorgefahr, mit der sich vieles begründen lässt. Auch die unschöne Sache, dass ein Unschuldiger, von einer Gesichtserkennungs-Software mit einem Täter verwechselt, nur deshalb erschossen wurde, weil der entscheidende Beamte austreten musste, kann von einer schönen Narration sehr viel besser dargestellt werden.

*** Der Anfang des narrativen Journalismus ist schnell gefunden: Die wunderschöne Erzählung von den Massenvernichtungswaffen im Irak hätte auch der Reporter Theodor Fontane nicht besser schreiben können. Die nicht minder anrührende Geschichte über eine Spionageaktion komplettiert derzeit das Bild, und besonders bemerkenswert dabei: Ein ganzes Jahr lang konnte die freie Presse daran gehindert werden, die Geschichte zu drucken. Wir sehen, wie richtige Patrioten denken.

*** Zum neuen narrativen Journalismus gehören immer zwei, die Erzähler und die Journalisten, die die Erzählung verbreiten. Das gilt natürlich auch für die IT-Berichterstattung, die mit Narrationen zufrieden gibt. Man nehme nur die rührende Story zum miesen Rootkit von Sony BMG, dass vom edlen Ritter Microsoft in die Flucht geschlagen wird. Darin verpackt, die Narretei, dass die Firma F-Sercure bereits Ende September Bescheid wusste und mit Sony sprach. Danach: Funkstille. F-Secure hat geschwiegen, die eigenen Nutzer nicht informiert. Ist das nicht Grund genug, die Finger von einem solchen Sicherheitsprodukt zu lassen? Und was ist mit den anderen Firmen, die Sicherheit als Software verkaufen, die gutes Geld dafür kassieren, ihre Kunden in Minuten vor drohenden Gefahren zu warnen? Wenn selbst die großen, etablierten Hersteller von Sicherheitssoftware nicht in der Lage sind, ihre Kunden vor der Schadsoftware der Unterhaltungsbranche zu schützen, wer dann? Was dann? Dann beginnt die Märchenstunde.

*** Ein Märchen habe ich noch. Während die Vorratsdatenspeicherung planmäßig vom EU-Parlament durchgewunken wird, freut sich der deutsche Gewerkschaftsbund über seine Forderung, wirksame Regelungen zum Arbeitnehmerdatenschutz zu vertreten. Besonders freut mich dabei, dass es sie noch gibt, die Politik der schwieligen Faust: "Dabei müsse berücksichtigt werden, dass es einen Unterschied mache, ob Büroangestellte oder Mitarbeiter einer Autowerkstatt Zugang zum Internet hätten." Autowerkstatt! Des Deutschen Auto! Was passiert eigentlich, wenn ein Mechaniker bei der Inspektion surfend ein Rootkit in meine Karre kopiert? Ölverschmierte Hände sollen sich einfach nicht am Internet vergreifen können.

*** Noch ein Märchen? Vor zehn Jahren erschien in Deutschland zur schönen Weihnachtszeit ein Buch der amerikanischen Rechtsanwälte Canter und Siegel unter dem noch schöneren Titel "Profit im Internet". In ihm findet sich die Behauptung, dass das Web nur darum entstand, weil Pornobilder geguckt wurden. Doch wie sahen eigentlich die Bomis Babes der Pioniere aus? Heute können wir Les Horribles Cernettes wieder betrachten, weil es seit dieser Woche Blogger gibt, die keine Märchen erzählen. Leider durfte ich nicht in die nicht jugendfreie Veranstaltung über nackte Pizza-essende Feuerwehrfrauen.

*** Süßer, die Märchen nie enden, gerade zur Weihnachtszeit: "Wir haben vom Faxgerät bis zum iPod eine große Reihe technischer Neuerungen in Deutschland entwickelt", erzählt der Siemens-Zentralvorstand Thomas Ganswindt in der Zeitung, leider nur auf ePaper, nur um zu beklagen, dass Deutschland den Megatrends nicht konsequent genug folgt. Da sollte man sich bitte doch bei Siemens ein Beispiel nehmen. Wie man kreativ mit einem Megatrend wie Open Source umgeht.

Was wird.

Es naht das schönste Fest der Christenheit. Wer mitfeiern will und bis jetzt noch keine passenden Geschenke hat, der findet hier eine passable Erzählung. Doch gilt auch "Mir Sajnen do" und damit bitte ich die geneigte Leserschaft um Vorschläge, was mit dem WWWW passieren soll, das diesmal mitten in die christliche Traufe fällt. Was braucht ein Dutzend diensthabender Admins und zerstreuter Programmierer? In bin in einer atheistischen Familie aufgewachsen, da hatten wir zum Weihnachtsfest eigentlich nur die Pflicht, zwei Stunden Radio Norddeich zu hören. Danach wurde gemampft. Heute sieht das wohl anders aus. Gute Weihnachtsgeschichten gibt es genug.

Heute ist die letzte Gelegenheit, rauszugehen und auf einem Weihnachtsmarkt den grässlichen Glühwein zu kippen. Ach, wie bezaubernd sind diese Buden, die Klickoläuse und all die Engelchen zum vierten Flämmchen. Doch nun musst du hart sein, Virginia, da hilft dir kein Weihnachtsmann: Die geflügelte Jahresendfigur gibt es nicht. Sie hat es nicht einmal zu Zeiten der lebendigen DDR gegeben. Sie ist eine sozialistische Engelslegende, dem Kopf eines heimwehkranken Stasi-Offiziers entsprungen. Das ist übrigens das Positivste, was ich noch zu sagen hätte. Gute Nacht, Freunde, und ein letztes Glas im Stehn. (Hal Faber) / (anw)