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Was war. Was wird.

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Deutschland duzt. Man biedert sich an im Land der Heuschreckenschwärme und Metaphernflüchtlinge. "Du hast Würde. Zeig sie", verlangten die Gewerkschaften am 1. Mai. "Du bist Deutschland" säuseln die Partner für Innovation, die Heugeber und die regierungsamtlichen Schreckentöter Arm in Arm. Das duzende Deutschland ist ganz klar ein Fall für Deinhard, natürlich als Magnumflasche. "Hier hast du, was du willst", soll ein Banker, ein CDU-Senator, ein Bremer gerufen haben, der auf einem Weinfest einen betrunkenen Obdachlosen mit Sekt duschte. Die noble Geste im Geiste des Über-Fahrers Michael Schumacher kam nicht an. Inzwischen ist der CDU-Mann Peter Gloystein zurückgetreten, Journalisten beschimpfend: "Das Foto hat mich gekillt." Ehe das "Du mich auch" im Heiseforum wieder losgeht: Ich kann mir diese Ur-Szene auch mit Repräsentaten der SPD und sogar der Grünen vorstellen. Nur mit der F.D.P. nicht. Dort vertauscht man die Magnum schnell gegen ein Spendenwasser, das vor Nächstenliebe trieft.

*** Auf das überhandnehmende Duzen gibt es zwei Reaktionsmöglichkeiten. Man kann es ablehnen, wie man die Mutmacher-Kampagne zur Unmutmacher-Kampagner umdrehen kann und mit Ihr seid Deutschland den verlogenen Apell umdreht. Man kann aber auch zurückduzen, etwa mit "Hey, bei dir ist wohl ein Backenzahn locker?", wenn ein öffentliches Denkmal in einen Privatfriedhof der Gutmenschen verwandelt werden soll. Im Wörterbuch des Gutmenschen, 2. Band, wird dieses Denkmal als der größte Gutmenschengenerator aller Zeiten beschrieben, den man weisungsgemäß mit "Du, ich bin echt betroffen" verlassen muss. Muss man nicht. Lieber das Du aufkündigen und in die Gehenna schmoren. Ich bin nicht euer Du. Oder, in leichter Sprache gesagt: Meine Erinnerungsarbeit bleibt unangewanzt.

*** Warum ich nichts zu Schiller schreibe, wurde ich letzte Woche gefragt. Ich antworte mit Schiller: "Ich muss von Schriftstellerei leben, also auf das sehen, was einträgt." Was soll ich mit diesem Heldendichter, dessen biedere Balladen schöne Sinnsprüche für Spießbürger und nationalistische Ideologen abgeben, denen die Gedankenfreiheit -- auch wenn Sire sie gewährt -- nicht viel bedeutet, die Sicherheit unter Glockengeläut und einsichtigen Tyrannen aber alles? Weil all die schillernden Betrachtungen der letzten Wochen mir wenig sagen, verweise ich ohne Link auf Amazon, wo man Abhilfe kaufen und zerstreute Dichter ins Haus holen kann: salzen mit Schiller, pfeffern mit Goethe. Nun gibt es auch Journalisten, die kostenlos arbeiten, die nicht danach sehen, ob es etwas einträgt. Ich meine nicht die Blogger und die vielen Hobby-Journalisten, sondern ausgebildete Profis, die nebenbei in und ganz umsonst ein Blatt wie etwa die LinuxWorld, ja, genau, die LinuxWorld redigieren. Um es mit Schiller zu sagen: Ich muss von Schriftstellerei leben und habe diese Sorte Liebhaberei immer belächelt. Dass jedoch auch diese Spielart der Journalismus sich nicht korrumpieren lässt und weiter zieht, wenn der Herausgeber auf einer durch und durch fragwürdige Linie besteht, verdient Hochachtung: "Du hast Würde. Zeig sie." Damit -- um das klarzustellen, ehe wieder der Vorwurf auftaucht, ich stünde reflexartig immer auf der Seite der Kleinen -- spreche ich niemanden das Recht ab, die Identität einer Person wie Pamela Jones zu recherchieren. Nur ist das, was von Maureen O'Gara gefunden und zu einer Breitseite gegen eine "alte Hexe" verwendet wurde, schlichtweg von derselben Qualität der Code-Recherche der SCO Group: gequirlte Kacke.

*** "Du hast Würde", könnte man Peter Schaar, dem Schützer aller deutschen Du-Daten zurufen, wahlweise auch "Du bist Deutschland". Dem guten Mann, der einstmals gegen die Maut auf Autobahnen kämpfte, hat in dieser Woche einen kleinen Sieg eingefahren: Die biometrischen Daten der neuen Pässe sind nur auf den Pässen gespeichert, nicht in irgendwelchen großen Datenbanken. Das machen nur die Amerikaner bei der Einreise, wenn unsere Daten in die Homeland Security eingelesen werden. Zur Erinnerung: Der Big Brother ist zu duzen. Auch dann, wenn die freiheitlich-demokratische Grundordnung wie der Koran in der Toilette entsorgt wird. "Du, das ist echt nicht nett."

*** 569 Menschen aus Deutschland sind für die EU-Verfassung, 24 sind dagegen. Für den Rest der deutschen Bevölkerung gilt "Du bist Deutschland" -- ist das nicht etwa genug? Wo kommen wir eigentlich hin, wenn auch noch "Du bist Europa" mit einer Kampagne bedacht wird? Wissen wir doch seit Alfred Mechtersheimer, dass es ein "Grundbedürfnis Nation" bei uns gibt, eine Art Sparschweinfrage, die jeder aufrechte Deutsche beantworten können muss. Ob man das rotgrüne oder das schwarzgelbe Schweinderl wählt, ist doch egal. Beim neuen Großen Lauschangriff sind wir wieder wer und auf alle Fälle Weltspitze. Wenn DNA-Daten nunmehr bei wiederholten minderschweren Vergehen wie Ladendiebstählen erhoben werden, ist die Zeit nicht mehr fern, in der der Speicheltest beim Einkauf die Regel sein wird. "Du, ey, haste etwas Spucke für mich?"

*** Und ja: Keith Jarretts Glücksversprechen gilt weiter, im Trio und Solo. Die Kunst der Improvisation verspricht uns noch viel -- oh, einfach schöne Musik. Ach ja, 60 ist Jarrett vor einer Woche auch geworden.

*** Aber Jubiläen, da sind andere Leute vor. Heute vor 209 Jahren impfte der englische Landarzt Edward Jenner einen acht Jahre alten Jungen mit Kuhpocken-Viren. Er hatte beobachtet, dass Milchmädchen keine Pocken bekommen. Für seine auf eigene Kosten veröffentlichte Idee der Schutzimpfung erntete Jenner den Hohn der gesamten Experten seiner Zeit. Doch bereits 1840 wurde seine Pockenimpfung Pflicht. Goethe und Schiller diskutierten Jenners Thesen, weiland sich Militärarzt Schiller mit einer Wassersuppenkur unrettbar in den Tod spülte, während er über die wahre Kunst schrieb, die den Menschen in die Lage versetzt, seinen Traum von Freiheit in der Tat zu verwirklichen. Freiheit? Pocken? Magnum-Flasche? Egal. Ich bin Deutschland. Das passt auch zu Schiller.

Was wird.

Das Duzen macht nicht vor unseren Kindern halt. "Weißt du wieviel Sternlein stehen" ist natürlich ein unverholener Aufruf zur Denunziation, ist der Blockwart Hävelmann pur im Kinderzimmer: "Weißt du wieviel Kinder schlafen, heute nacht im Bettelein?" Natürlich kann kein Kind schlafen, wenn die neue Folge von Star Wars in die Kinos kommt. Ja, die Älteren warten gelassen auf den Towel Day und den Kinostart des Anhalters, doch für die anderen ist, passend zu Pfingsten, die Religion der Technik ausschlaggebend. Ach ja, was heutzutage alles funktioniert: Filmische Mittel und Regiearbeit aus der Steinzeit des Tonfilms, eine Geschichte aus dem Kindergarten für Nerd-Nachwuchs und Zöglinge esoterisch veranlagter Sozialpsychologen -- unfassbar, wie mancher das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit noch einmal auf ein paar -- dabei sogar nur im übertragenen Sinne billige -- Tricks einschmilzt. Dabei hat das teleoligisch korrekte Duzen des Projektes Weltethos streng genommen mit dieser Lucas-Saga angefangen. "Möge die Macht mit dir sein". Ach, das ist doch nett, du. Wenn überhaupt, dann glaube ich, geschädigt und gepeinigt durch Betriebssyteme, Rechner und weitere Inkompatibilitäten. an den Cargo Kult, den jeder Programmierer kennt.

In der nächsten Woche startet die E3, auf der Sony seine neue Playstation vorstellen will. Weil das nicht sein darf, hat Microsoft in dieser Woche seine neue Xbox vorgestellt, die das Weihnachtsgeschäft beleben soll. Jubelnd schreibt darum die FAZ in ihrem Kommentar "Von Apple gelernt" über die Cleverness, mit der Microsoft den iPod von Apple geklont hat. "Wieder einmal hat sich Microsoft von Apple eine Scheibe abgeschnitten." Ist das clever, ist das geil! Ist das nicht ein fundamentaler Unterschied vom Raubkopieren, wenn Microsoft das macht? Die neue Xbox sieht aus wie ein aufgeblasener iPod und wird solchermaßen als genialer Schachzug von Bill Gates gefeiert. Fein Bill, das hast du toll gemacht.

Du, lieber Leser, hast es bis hierhin geschafft. Du bist müde, aber eine ehrliche Haut. Du bist noch nicht weggesprungen, um "Erster" zu brüllen, sondern liest weiter in der Wochenschau, die Gutmenschen wahrscheinlich Erinnerungsarbeit nennen würden. Du hast zwar Fische zum Herüberreichen parat, aber was ist denn, wenn jetzt, gerade jetzt in dieser Sekunde, jemand ganz besonders laut und ganz besonders zackig brüllt "Du bist Deutschland!" Fassade, schlag sie ein und sie wird besser sein. (Hal Faber) / (Hal Faber) / (jk)

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