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Was war. Was wird.

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Was Hund ist, schweigt. Dafür schnattern die Menschen umso lauter. Sonderseiten in den Zeitungen, Sonderausgeben bei den Magazinen, Verschwörungstheorien und natürlich den Puzzle-Sondereditionen all mixed in the same bag. Im dröhnenden Mashup zum 11. September kann diese kleine Wochenschau nicht einfach zu den IT-Themen zurückkehren, sie hat dies schon früher und später nicht getan.

*** In den zurückliegenden Ausgaben dieser Wochenschau verlinkte ich auf Fotos, die im einhundersten Stockwerk eines Turmes des World Trade Centers vom 22-jährigen Paul Battaglia aufgenommen wurden. Den Arbeitsplatz des IT-Werkers gibt es nicht mehr, Paul starb am 11. September 2001. Der menschenleere Büroraum ist im Web eine von vielen kleinen Gedenkstätten. Im Gästebuch findet sich nach fünf Jahren genau ein (1) halbherziger Versuch einer Erklärung von offizieller Seite.

*** Vor fünf Jahren schrieb ich an dieser Stelle: "Wir haben das Pearl Harbour des neuen Jahrhunderts auf den Bildschirmen gesehen, wieder und immer wieder, und warten auf sein Hiroshima." Damit habe ich mich geirrt. So war der Schlag gegen die "Felsenfestungen" von Osama Bin Laden einer, der mit einem Bruchteil der ganzen Kraft der US-Armee erfolgte, eine merkwürdig zögerliche Aktion. Und Hiroshima als Chiffre steht jetzt für eine einzige Bombe, mit der die befürchtete Atommacht Iran den Staat Israel auslöschen könnte. Nach fünf Jahren geht es weiter wie bisher, da kann man unmöglich diese abgedroschene Floskel vom "Kampf gegen den Terror" weiter benutzen. Nein, die Werber haben da schon Recht, dass alles eine Frage des guten Marketings ist. Reden wir lieber von den emotional anrührenden Lovemarks, fangen wir besser an, vom Kampf für eine bessere Welt zu sprechen. Wer Distributed Computing kennt, wird gegen distributed Prisoning nichts sagen können, wenn es denn für eine bessere Welt geschieht. Ist dann nicht jeder vergitterte Bau, den die CIA betreibt, ein Liebeszeichen für eine neue, hellere, bessere Welt? Hat es nicht seine Logik, wenn die Waffen im Kampf für eine bessere Welt anders aussehen als Haubitzen und Sprengbömbchen, sondern schlichte Saatgutkörner sind?

*** Der Kampf für eine neue bessere Welt ist natürlich der Kampf für eine neue besonders flache Welt, in der es nicht auffällt, dass die Regierung Bush praktisch hirntot ist, die Regierung Blair praktisch abgedankt hat und die Regierung Merkel praktisch auf einem umgekehrten Gipfel thront. Der Vorteil einer flachen Welt liegt bekanntermaßen darin, dass die Argumente unendlich flach sein dürfen. Nehmen wir nur die deutsche Polizeigewerkschaft, die das Kunststück fertig bringt, von der Einrichtung eines weltweiten Gottesstaates zu faseln und gleichzeitig den Gammelfleischskandal zum Thema zu addieren. Das Ziel von Al Quaida ist die Wiederherstellung des Kalifats, aber zur Demontage der Grundrechte durch geschickt verknüpfte Anti-Terror-Dateien macht es sich besser, wenn von einem weltweiten Gottesstaat die Rede ist. Schließlich ist der Kampf für eine neue Welt auch ein globaler.

*** Wenn die neue Welt flach ist, dann hat das auch mit der Software zu tun. Im verlinkten Interview mit der FAZ erklärt der Flachwelttheoretiker Thomas L. Friedman, dass der PC, das Internet und die "Workflow Software" ganz entscheidenden Anteil daran haben, dass die Welt so flach geworden ist. Gemeint ist das, was heute eher unter dem Begriff Social Software firmiert. Das Wissen tröpfelt auf einen flachen runden Tisch mit 38 Metern Durchmessern, weil jeder etwas anderes wissen will und mal eben schnell darüber chattet. In dieser Scheibenwelt ist es nicht weiter verwunderlich, wenn die Antwort 42 bei eBay eine schlappe Million Euro kosten soll.

*** In einer flachen besseren Welt kann es keine Frage der Perspektive mehr geben, sondern nur noch die von Gut und Böse. Das Gegenstück zur Social Software ist das Social Engineering, eine der beliebtesten Methoden der ach so schlimmen Hacker. Social Engineerering ist böse. Wenn es in feiner Gesellschaft stattfindet und von Privatdetektiven betrieben wird, ist es gut und als "Pretexting" sogar rechtlich abgesichert, wenn auch eine kolossale Dummheit. Wer noch auf einer Rundwelt lebt, wird sich darüber amüsieren können, dass ausgerechnet Hewlett-Packard Integrity-Server vertreibt und das Garagen-Denkmal der Gründer bei Sun gelandet ist. Derweil werden findige Hacker in Österreich gesucht, die das "Posttexting" beherrschen und die Daten aus einem C64 auslesen können, bei dem die streikende Datasette offenbar Rätsel aufgibt. Derweil gibt es schon mehr Natascha-Kampusch-ExpertInnen als Experten für den Kampf für eine bessere Welt. Aber manche halten ja auch eine 40 Jahre alte TV-Serie für einen Ausblick auf die integren Heroen einer besseren Welt. "No more Heroes" sangen einst die Stranglers, und das ist der bessere Kommentar zu einer Welt, die noch weit davon entfernt ist, besser zu werden, da sie keine Helden mehr braucht.

Was wird.

Gegen die wohlfeilen Gedenken zum 11. September lohnt es sich, den Blick von der neuen Welt in Flachbauweise auf die alte Welt in Kugelform zu richten. Wie wäre es mit einem Gedenken an den 12. September, als in Deutschland vor 20 Jahren ein fast perfektes Verbrechen passierte? Das schreibe ich in einer Woche, in der die Deutsche Emissionshandelsstelle im Rahmen des eGovernment-Wettbewerbes des Preis für das beste virtuelle Unternehmen kassiert hat. Das Gegenstück liefert diesmal nicht der dicke Umweltkönig Sigmar Gabriel, der eigentlich zu den Popp-BeauftragtInnen will. Sondern eher Werner Neubauer.

Wer historisch denkt, denkt nicht an den Pop-Beauftragten Gabriel oder die von Schröder vererbten Scorpion-Rebellen und ihren Pfurz of Change, sondern an die wahren, echten Rebellen mit einem Grund von IBM, die am 13. September 1956 die Festplatte vorstellten, dieses unzuverlässige Ding, Eingang zum großen Daten-Nirwana. Meine erste Festplatte war 5 MByte groß, kostete 3500 DM und semmelte nach 5 Monaten ab. Damals erklärte mir ein Techniker, dass ich nichts Besseres von einer 30 Jahre alten, überkommenen Technologie erwarten könne. Heute erklärt uns Utimaco, dass sie 35 Jahre lang warteten, bis sie eine Verschlüsselungen für die Viecher produzierten.

Warnung: Ab hier wird es extrem parteiisch, seitig und unflach, denn ich mache ausdrücklich Werbung für die Wizards of OS 4, eine der besten deutschen Veranstaltungen, wenn es gilt, einen klaren Kopf in Digitalien zu bewahren. Passend zum Software Freedom Day findet die WOS 4 in Berlin statt. Obendrein ist die Columbia-Halle Heimstätte des Schreibrechts-Wettbewerb. Kurzum, die Konferenz ist ein guter Grund, endlich einmal die richtigen Blues-Akkorde zu lernen. Oder wollen WWWW-Leser etwa nur das theweleitsche Fever in der Interpretation des Nasenflöten-Orchesters hören?

(E)(A)Woke up this mornin' turned on the news
somebody's trying to steal the blues.

(A)They try to license E-Major and put my songs in danger
(B)It's my favourite blues chord soon it ain't free no more.

Went to O'Malley's to fetch me some gin
sat down at the bar when i saw him walking in
His name was Tux he gave me a grin
said try open source fella that's how you win.

cause culture is free and should always be
it's creative and common for both you and me
let's share this song so we can get along
let's share this song so we can get along

Das nächste WWWW berichtet natürlich leif von dieser wunderbaren Veranstaltung. Denn wie heißt es so schön in Digitalien: Creating your own blog is about as easy as creating your own urine, and you're about as likely to find someone else interested in it. Pissen für eine bessere Welt, das hat was. (Hal Faber) / (Hal Faber) / (jk)

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