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Was war. Was wird.

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Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** "Ich bin. Wir sind. Das ist genug. Nun haben wir zu beginnen. In unsere Hände ist das Leben gegeben." Mit Ernst eine Wochenschau zu beginnen, geht lustigerweise nur dann, wenn die Welt vom "Gottesteilchen" spricht, einem Versprecher, den das "gottverdammte Teilchen" seit dem Urknall ignoriert. "Wir sitzen in einem perversen Sonderfall. Vermutlich, weil es eine spontane Symmetriebrechung im Higgs-Feld gab. Nur deshalb gibt es Teilchen, Atome, Chemie, Biologie und schließlich so was Komisches wie eine Menschheit, die über all das nachdenkt. " Dieser Satz des Physikers Thomas Nausmann dürfte noch das Klügste sein, was über dieses Elementarteilchen geschrieben wurde. Noch dauert die Überprüfung an, aber die Chancen stehen eins zu drei Millionen, dass es sich um einen statistischen Zufall oder eine geplante Täuschung des Monopolkapitals handelt. In den Milliarden von Paralleluniversen wird jetzt die supersymmetrische Spiegelwelt zu unserem Universum gesucht, in der die Wochenschau am Anfang einer Woche über alle Ereignisse berichtet, die da kommen werden. Fern leuchtet das Versprechen von Heimat auf, dort, wo die Systemaktualisierung durchgeführt wird und wir Subjekte werden können.

*** Die kleine Wochenschau wird am 132. Geburtstag des Mannes geschrieben, der das geschnittene Brot möglich machte, das zu seinem Geburtstag am 7. Juli 1928 erstmals verkauft wurde. Der deutschstämmige Otto Friedrich Rohwedder war ein mäßig erfolgreicher Juwelier, der mit seiner patentierten Brotschneidemaschine reich wurde und das auch nur, nachdem er die Idee aufgab, das geschnittene Brot mit einer langen Hutnadel zusammenzuhalten. Aus der Werbung "Announcing: The Greatest Forward Step in the Baking Industry Since Bread was Wrapped – Sliced Kleen Maid Bread" entstand die hübsche Floskel "the best thing since sliced bread", mit der großartige Neuheiten wie der iPad Mini bis auf den heutigen Tag begrüßt werden.

*** Das glatte Aus für ACTA wurde von vielen Seiten begrüßt, darunter auch einigen, die sonst jede Entwicklung in Brüssel mit Beifall quittieren. Das sich die Ärzte ohne Grenzen oder die Kampagneros der digitalen Gesellschaft freuen, ist klar. Zu denen, die über Monate hinweg gegen ACTA argumentierten (PDF-Datei) und sich nun über das Abstimmungsergebnis freuen, gehört die Gesellschaft für Informatik. Die deutschen Informatiker, sonst als Zierde des Fortschritts über den grünen Klee gelobt, können sich jetzt die Schimpfe anhören, sie seien Teil eines Mobs, der über ACTA hergefallen ist. Keine Rede von der großangelegten Desinformationskampagne der EU, den von Lobbyisten diktieren Texte und den Geheimverhandlungen. Stattdessen wird der Bürgerprotest zum Shitstorm umgedeutet, das Urheberrecht in sakrosankte Sphären erhoben, die nur bestimmte Urheber verstehen. Die massive Diffamierung aktiver Netzbürger zeigt die Angst vor dem Internet und das insgesamt jämmerliche Niveau der Urheberrechtsdebatte bei den Verteidigern.

*** Ist die Debatte überhaupt vorangekommen? Schauen wir 10 Jahre zurück, da berichetete dieser Newsticker vom Mehrwert digitaler Güter und einer Konferenz, auf der Richard Stallman einen eigentlich banalen Satz aussprach: 'Nur ein totalitärer Polizeistaat ist in der Lage, die Kontrolle über digitale Kopien durchszusetzen." Stallman ging es damals um die Business Software Alliance, die sich seiner Meinung nach zu einer Art Informationspolizei fortentwickeln könnte. Das ist nicht geschehen, stattdessen verbreiten sich die Informationen auf vielen Kanälen, vor allem wegen der Smartphones. Und kein Polizeistaat der Welt dürfte in der Lage sein, die Welle an Google Phones, Facebook Phones, Amazon Phones und Microsoft Phones unter Kontrolle zu bringen, die demnächst auf uns zurollt in all ihrer Kostenlosigkeit. Bleibt nur die Frage, wie hoch die Abgabepauschalen, wie bizarr die Leistungsschutzrechte ausfallen, wenn Medieninhalte weiter und weiter verbreitet werden.

*** Unbemerkt von diesem Newsticker ist ein Beitrag über Fukushima mit dem "Oscar des freien Wissens", der Zedler-Preis:Zedler-Medaille ausgezeichnet worden. Das dokumentiert erstens, dass die Wikipedia doch für viele Menschen eine Art Newsticker ist, die es eher selten zu den Wikinews verschlägt und zweitens, dass es kein Ausrutscher war, als im vergangenen Jahr die erste Heise-Meldung zu Fukushima es auf über 900.000 Zugriffe brachte und alle Rekorde schlug. Da passt es zum Thema, dass in dieser Woche der Bericht der japanischen Untersuchungskommission zu Fukushima veröffentlicht wurde, der klar vom menschlichen Versagen spricht: Wo Menschen sind, machen Menschen Fehler, da hilft kein Gottesteilchen oder Homöomagie.

*** Ein alter Bekannter ist wieder da! Nein, nicht die Stones, die feiern erst am 12. Juli ihr 50jähriges Bühnenjubiläum. Das zuletzt im Mai kritisierte neue Bundesmeldegesetz sorgt für Entrüstung, diesmal nicht wegen der 55-jährigen Speicherdauer der Daten oder der beachtlichen Kosten, die die Länder tragen müssen. Jetzt geht es um den Adresshandel, der künftig möglich sein könnte und eingebaut wurde, damit die Umstellungskosten wieder eingespielt werden können. Angeblich tobt das Internet schon, während die übrige Öffentlichkeit eher an sommerlichen Sportmeldungen von bunten Radfahrern oder Superhengsten interessiert ist. Die Datenschützer blasen dicke Backen im Namen des informationellen Selbstbestimmungsrechtes auf, haben aber die Entwürfe für das Gesetz noch für gut befunden und gelobt. Wie konnte es passieren, dass aus der viel gelobten Einwilligungslösung fast unbemerkt eine Widerspruchslösung wurde, die zudem nahezu wirkungslos ist, wenn eine Firma bereits vorhandene Daten bestätigen lassen kann oder um Berichtigung bittet. Hier hat die Lobby der Adresshändler gut gearbeitet und das Gesetz in ihrem Sinne korrigieren können. Man lobe auch die Ausdauer der Politik: Das Gesetz wurde genau zum Halbfinale zwischen Deutschland und Italien verabschiedet, als sich die Nationalmannschaft verlöwen ließ und kein Schwein wächterte. Das entsprechende Video darf in keiner Gesellschaftskundekurstablet-App fehlen, bittschön! So und nicht anders werden Tore geschossen, wird Politik gemacht: Geschichte geht voran.

Was wird.

In der anstehenden Woche dürfte auf dem DIP-Server des Deutschen Bundestages mehr stehen als die Mitteilung über eine Schwere Niederlage für Sicherheitsbehörden, mit der der überflüssige Verfassungsschutz betrauert wird. Die Publikation der Antwort der Bundesregierung auf Anfrage 17/9545 steht an und jeder darf sich durch die Tabellen wühlen und erfahren, wer da im Namen der Sicherheit Staatsknete kassiert und zwar in einem anderen Maßstab als der freche Ponader. Leider gestattet es die Sicherheit der Bundesrepublik nicht, dass Daten der Beschaffungsaufträge von Polizeibehörden veröffentlicht werden und selbst das BSI ist rundherum beausnahmt, ist es doch für die Sicherheit der Bundeskommunikation zuständig mit diesen SINA-Boxen von Secunet. Ein Lacher am Rande stammt dennoch von den Spezialisten für Informationstechnik: "Da das BSI über kein zentrales IT-System verfügt, aus dem die geforderten Angaben abgerufen werden können, wäre eine umfangreiche, händische Recherche in Altaktenbeständen erforderlich." Igittegitt, die armen Beamten! Lustig klingt auch diese Auskunft der Bundesregierung: "Das BSI hat keine Studien der Entwicklungsvorhaben zur Thematik des sogenannten 'Staatstrojaners' beauftragt." Das Studium von 0zapftis überlässt man wohl lieber den Experten vom Chaos Computer Club.

Es gibt Meldungen, die werfen Schatten voraus, ganz ohne Sommersomme und Sommerloch. Sie haben sozusagen einen higgs-bosonistischen Charakter, da sie eine Masse anziehen, die im Alltag eine stinkende *** genannt werden würde. Wie berichtet, hat die EU-Innenkommissarin Cecilia Malmström eine überarbeitete EU-Richtlinie der ach so erfolgreich praktizierten Vorratsdatenspeicherung angekündigt. Sehr ehrenwert dabei die Absicht, die Suche in den gespeicherten Daten auf Fälle schwerer Kriminalität und terroristischer Aktionen zu beschränken. Doch die Realität sieht anders aus, wie Malmström selber zugibt: "Das größte Problem ist, dass die Mitgliedstaaten die Vorratsdatenspeicherung heute nicht nur zur Bekämpfung von Terrorismus und schwerer Kriminalität benutzen. Nach der sogenannten E-Privacy-Richtlinie können solche Daten auch für andere Zwecke verwendet werden, etwa zur Verbrechensvorbeugung oder zur Gewährleistung der öffentlichen Ordnung, was ein sehr vager Begriff ist." Sollte die Kommissarin erkannt haben, dass genau hier das Problem der Vorratsdatenspeicherung anfängt, wenn Datenschüffler nur um die öffentliche Ordnung besorgt die Daten schnüffeln. 2013 ist weit weg. So weit wie 1984. Die Fehlermeldung 451 lässt grüßen. (jk)