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Was war. Was wird.

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Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Tretens ein, meine Herrschaften, tretens ein. Was gibt es schon an Sensationen zu vermelden, von der Computer Electronics Show, wenn bald LCDs am Arsch installiert sind und Telefone schnurlos werden?

*** Beginnen möchte ich den kleinen Wochenrückblick mit der ersten Frage aus dem Muslim-Test. Weil der Abruf dieser einzigartigen Dokumentation deutscher Ausländerfeindlichkeit momentan hoffnungslos überlaufen ist (steht da jemand verbotenerweise auf seiner F5-Taste?), hier eine Alternative und hier die 2. Frage vollumfänglich:

Was halten sie von folgenden Aussagen:
– Demokratie ist die schlechteste Regierungsform, die wir haben, aber die beste, die es gibt.
– Die Menschheit hat noch nie eine so dunkle Phase wie unter der Demokratie erlebt. Damit der Mensch sich von der Demokratie befreien kann, muss er zuerst begreifen, dass die Demokratie den Menschen nichts Gutes geben kann ...

Natürlich stecken in den Aussagen ganz gemeine Fangfragen, entwickelt von den führenden Islam-Experten Baden-Württembergs, wahrscheinlich nach ausgiebiger Lektüre der Abenteuer von Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah. Denn jeder wird eigentlich die erste Aussage verneinen müssen: Schließlich haben wir nicht "die Demokratie" als Regierungsform in Deutschland, sondern eine demokratische Doppelstruktur, oder, wie es offiziell definiert wird: "Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat. Die staatliche Ordnung des Grundgesetzes findet in den Verfassungsorganen, im Föderalismus sowie in der Rechtsordnung und dem Wahlsystem ihren Ausdruck."

Wehe den Söhnen und Töchtern Allahs im föderalistischen Teilstaat Bawü, die dies nicht auf die Reihe kriegen! Die vielleicht, ganz wie die apolitischen Hacker vom Chaos Computer Club in ihrer Winterdepression die Aussage so verstehen: "Die Menschheit hat noch nie eine so dunkle Phase wie unter der Demokratie erlebt, die von der Politik gefoltert wird." Wenn es Organisationen gibt, für die die Gesetze anderer demokratischer Staaten nicht gelten, dann sollte man jede Demokratieprüfung flugs einstampfen. So aber kann man festhalten: Der Muslim-Test ist vielleicht pc, aber völlig untauglich für den Nachweis, ob sich ein Einwanderer in unserer deutschen Gemeinschaft auskennt und ihren Mief akzeptiert. Wie wäre es denn im guten Geiste des Föderalismus, wenn jede Behörde nur die einfache Frage stellt: "Wie komme ich zum Flughafen?" Wer auf diese Fangfrage die Antwort gibt, nicht mehr zurück zu wollen, hat schon verloren. Korrekt lautet die Antwort: "Wenn Sie vom äh vom Hauptbahnhof starten Sie steigen in den Hauptbahnhof ein ..." So wirr stammelt nicht die Muslima Osthoff, sondern ein Einheimischer auf der B-Ebene des Politikbahnhofes. IT-Experten haben da offenbar weniger Schwierigkeiten: Sie machen, dass sie wegkommen.

*** Wenn wir in dunkle Phasen gleiten, sind Pseudonyme manchmal nützlich. Das weiß niemand besser als ich. "Protect your screen names" rief der CCC-Kriegstheoretiker Frank Rieger in der erwähnten Weihnachtsdepression, den tollen Zeiten anno 1997 nachtrauernd. Wenn wir so in den Überwachungsstaat gleiten, dass selbst das zartnäsige Feuilleton der Sueddeutschen Zeitung eine Doppelseite füllen kann, auf der sechs Autoren vor der Überwachung bibbern, sollte der Respekt vor Screennames auch bei Tickermeldungen vorhanden sein. Leider gibt es Redakteure, die anderes denken und wahrscheinlich die gesamte Recherche in ihrem Budenarchiv unterbringen, weil sie "nichts zu verbergen haben". Erinnert sei darum an das, was ein gewisser Ignaz Wrobel über Presse und Realität geschrieben hat. Natürlich wissen wir heute, dass Kurt Tucholsky diesen Text geschrieben hat und freuen uns mit ihm, dass seine wichtigen Texte gemeinfrei geworden sind.

*** Wenn aber die Toten ruhen, ins Zwischenreich gewandert sind oder sich mit Jungfrauen vergnügen, bleiben die Lebenden zurück, mit der Pflicht, aufrecht weiter die Mühen der Ebene zu durchstehen. 350.000 Dollar hat die Wikipedia gesammelt, von denen sie gleich den größten Batzen weiter reichen soll, weil sie in einem lexikalischen Artikel zum Leben und Sterben des Hackers Tron seinen bürgerlichen Namen Boris Floricic erwähnt, wie er beispielsweise in Zeitungsartikeln und auf dem Deckblatt seiner Diplomarbeit zu finden ist. Hat der Kunstname dem Lebenden geholfen, so sollte das Wissen der Welt keine Kompromisse eingehen, bis Listen wie diese zur Einnahmequelle deutscher Rechtsanwälte werden. Nur gut, dass die Meute mit ihrer Abmahnungen erst einmal ins russische Sankt Petersburg gallopiert ist. Vielleicht gibt es in der Zwischenzeit einsichtige Menschen, die den hinter der Abmahnung stehenden Menschen erklären, was freies Wissen bedeutet.

Was wird.

Herb war die Kritik, dass die Abschweifungen zum Jahresende nur einen kurzen Ausblick in die strahlende Zukunft anno 2006 zugelassen haben. Das Mozartjahr! Aber wollen wir das wirklich: Deutschland sucht den Super-Mozart? Besser, man wendet sich an Unbekanntere oder an Stars der Volksmusik oder vielleicht an Vernunftunbegabte. Und doch, mancher vermisste noch mehr: Das Jahr der Überwachungskameras, das Heiner-Müller-Jahr, das goldene Jahr der Volksmusik, das Gödeljahr, das Freudjahr! Wie tief sitzen die Verschiebungen bei Hal, dem Verklemmten? Dabei hat unsere Kanzlerin die richtige Antwort vorgegeben: Die Welt ist zu Gast bei Freundinnen!. Angie rockt! Das Weltmeister-Jahr! "Die Frauenfußball-Nationalmannschaft ist ja schon Fußballweltmeister, und ich sehe keinen Grund, warum Männer nicht das Gleiche leisten können wie Frauen." Wenn selbst die überwachungsscheuen Grünen AWACS ganz in Ordnung finden, haben gewisse Höhenflüge ein Ziel erreicht, noch ehe das Verfassungericht über den finalen Luftrettungsschuss befunden hat. Ist das dazugehörige Gesetz durch, steht nichts mehr dem Einsatz der Bundeswehr im Inland im Wege. Wer dann noch von Objektschutz redet, hat vollends die Orientierung verloren: Für die polnischen Hools, die schon einmal mit Kettensägen antreten, wird es eine Frage der Ehre sein, gegen die Nachkommen der Wehrmacht anzutreten.

In deutschen Zeitungen wird an diesem Wochenende nicht nur vor dem Überwachungsstaat gezittert, sondern mindestens ebenso übertrieben die Forschungen des Schweizer Chemikers Albert Hofmann gerühmt, der am kommenden Mittwoch seinen 100. Geburtstag feiert. LSD ist mehr als ein Seitenweg christlicher Nächstenliebe. Bereits 1968 bemerkte Marshall McLuhan in einem Aufsatz, dass "der Computer das LSD der Geschäftswelt" ist, doch erst der Personal Computer machte mit diesem Satz Ernst, weil er weit mehr als die verkoksten Manager mobilisierte. Seit dem Buch von John Markoff wissen wir, was der große Diktator Steve Jobs alles an LSD einwerfen musste, um Apple in Schwung bringen zu können. Heute bereitet er gewissenhaft seine Shows vor, zum Beispiel die auf der kommenden Macworld, wenn wieder etwas vorgestellt wird, das wie ein billig kopiertes Windows Vista aussieht. Ein billiger Witz? Aber nicht doch. Erst wenn Apple ein Security Advisory herausbringt, das einen Satz wie diesen enthält: "Zusätzlich zur Intstallation von MS06-001 sollten Sie keine unbekannten oder fremde Webseiten besuchen, weil diese möglicherweise den schädlichen Angriffscode bereithalten könnten", ja, erst dann wissen wir, dass beide gleichauf liegen: Apple-Anwender, Windows-Fans meidet also das fremde Internet. Eigentlich sollte ich das Google-Pack und die Linux-Kohorten gleich mitbitten. Und doch, das wollte ich doch noch betont haben, religiöse Gefühle sind immer eine etwas heikle Sache. (Hal Faber) / (Hal Faber) / (jk)

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