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Was war. Was wird.

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Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Wenn früh am Morgen die Werksirene dröhnt
und die Stechuhr beim Stechen lustvoll stöhnt,
in der Montagehalle die Neonsonne strahlt
und der Gabelstaplerführer mit der Stapelgabel prahlt,

ja, ja, ja dann ist ganz geierklar der 1. April. Ein Tag, an dem eigentlich gewisse Boxkämpfe stattfinden müssten, die ich wegen Terminverfehlung daher einfach mit Nichtachtung strafe, ein Tag aber, an dem ich dafür ungestraft jeden Scheiß und jeden Schrott erzählen kann, auch den vom tollen Bruttosozialprodukt und den stabilen Preisen. Aus diesem feinen Grunde besteht das heutige WWWW zum großen Teil aus besonders sinnigen Aprilscherzen oder zumindest dem, was man dafür halten könnte – was ist real, was Scherz, die Entscheidung bleibt dem Leser überlassen, der sich an einer Wochenschau erfreuen kann, die garantiert frei ist von Knut und dem bayerischen Höschengate. Nur vom dicken Engel Siggi G. kann ich nicht lassen, toppt der Pop-Mann locker jeden Patenbären. Er durfte nicht zu den Nutten, bekommt zum Ausgleich aber lyrische Liebeserklärungen der Umweltschützer:

Nimm was ab und bleib gesund.
Werd der Wolke nicht zu schwer.
Dann wirst du fürs Klima sein,
was fürs Laken Ariel.
Reinigst reiner noch als rein.
Umweltengel Gabriel.

*** Fangen wird mit dem trefflichen Aprilscherz an, dass Post-Chef Klaus Zumwinkel für seine innerstädtischen Briefträger Segways haben möchte, die zwar in Deutschland nicht zugelassen sind, aber von Steve Jobs als beste Erfindung seit dem geschnittenen Apfel bezeichnet wurden.

*** Ja, ja, ja, die Qualität der Aprilscherze hat sich enorm verbessert in diesen unseren Tiefebenen, die eigentlich mehr für ihre Humor-Flatrate und Fips Asmussen bekannt sind. Nehmen wir nur den silbernen Nagel, mit dem der Art Directors Club Deutschland einen Hitler-Werbespot mit dem beliebten KdF-Reiseziel Madeira auszeichnet. Das "Geschenk des Führers", nach Maderia mit dem Arbeitsfront-Schiff Wilhelm Gustloff, hin zur Insel Madeira, frei von aller Kriminalität und ein silberner Nagel, hach wie subtil ist doch der hanseatische Humor. Ja, weitere Führer für den Führer gibt es in Hamburg bei der für Nazistimmen äußerst empfänglichen Buchhandlung Cohen + Dobernigg. Nur bei Beschreibungen für Touren nach Auschwitz, Bergen-Belsen und Neuengamme ist man zur Zeit etwas knapp bestückt. Dabei sind auch diese Plätze bestens geeignet für komische Werbung und Aprilscherzereien.

*** Zum Buchhändler Cohen fallen mir natürlich ein paar ausgesprochen geschmacklose Judenwitze der besten Sorte ein, sie sich Juden immer wieder gerne erzählen, doch ausnahmsweise müssen wir nicht jemanden in den April schicken, sondern einen großen Geist im März verabschieden. Mit dem jüdischen Mathematiker Paul Cohen starb der neben Kurt Gödel größte Logiker des noch nicht ganz vergangenen Jahrhunderts, der sich mit der Unendlichkeit beschäftigte. Cohen gehörte zu den Mathematikern, die nüchtern feststellen mussten, dass Beweisführungen für viele Bereiche der Mathematik außerhalb des menschlichen Verstandesvermögens liegen und viele Beweise nur noch von Maschinen durchgerechnet werden können. Eine bittere Erkenntnis für eine Disziplin, die das Jahrhundert mit 23 Problemen begrüßte, die nur noch gelöst werden müssten.

*** Zurück zu den Aprilscherzen. Gar nicht so besonders witzig ist zunächst einmal der Start der Anti-Terrordatei, ein trickreiches Datenbanksystem offener und verdeckter Dateien, über das Polizei und Geheimdienste ihre Daten ohne Medienbruch, aber elegant an der Verfassung vorbei austauschen können. Alles ganz harmlos, meinen die Experten von Spiegel Online und leisten sich den netten Scherz, die Antiterrorfahndung mit dem Kauf eines Buches bei einem Internetversender zu vergleichen. Ja, da kommt Schmunzeln auf, wenn Terror-Nietzsche und Killer Game Programming zusammengeschmissen werden. Ungefähr so werden die Ergebnisse aussehen, wenn die in Rekordzeit programmierte modernste Datei dieser Art die Faktenlage zusammensetzt und sich etwa auf die Suche nach zwei verdächtigen Taschen samt Trägern macht. Natürlich wird im Wirhabennichtszuverbergen-Land "nicht der Bäcker gespeichert, bei dem ein Verdächtiger Brötchen holt" – sofern es keine Killer-Brötchen sind.

*** Eine besonders guten Extra-Aprilscherz leistet sich BKA-Chef Jörg Ziercke, der geistige Kopf einer Gruppe, die hochprofessionelle Software herstellt, so genannte Zierckejaner oder auch Jörglogger. Von den Grünen befragt, erklärte Ziercke sich bereit, den Quellcode einer Computerattacke dem Gericht unter der Voraussetzung zur übergeben, "dass sich die Justiz in diesem Bereich fachlich fortentwickelt". Warum in aller Welt muss sich dafür die Justiz fachlich entwickeln, um Open Court Source oder Court Open Source zu inspizieren? Beim wieder aufgenommenen Verfahren des großen Lauschangriffes will der nämliche BKA-Chef Ziercke auf die Expertise der Gerichte setzen: Alles wird mitgeschnitten und die fachlich fortentwickelte Justiz entscheidet alsdann, was im Kernbereich privater Lebensführung ausgeblendet oder gelöscht werden muss. Gerichtsbestallte Filter, die die Beischlaflöschtaste oder den Duschausknopf drücken, ja, ja, ja, jetzt wird in die Hände gespuckt und vielleicht bekommen wir auch eine Justizunterabteilung wie das Ministerium für Liebe.

*** Ein kleines April-Scherzchen leisteten sich übrigens auch die Grünen, die so angeregt mit Ziercke plauderten. Danach besorgte sich die Partei aufrichtig darüber, dass diese böse, böse Technik, der Bundesbürger ausgesetzt sind, womöglich noch ins Ausland gelangt. Ich will es mal so formulieren: Was gut für dich und mich ist, hier in Dashabenwirimmersogemacht-Land, könnte im Ausland als "Möglichkeiten der Totalüberwachung" verkauft werden. Selten so saugeil gelacht, wie das die schwer mobile Metro Group gerne mit Bundeserfolgstrainer Joachim 'Jogi' Löw bewirbt. Das ist sauspaßig und saustark, dass so ein Eber mir sagt, wo Lücken in meinem Terminkalender sind. Wo ein Steinhöfel einfach nur eine Beleidigung mit drei Silben ist, zeigt ein Löw ganz große Klasse. Während die Grünen nur zeigen, dass ihre Zeit vorbei ist.

*** Wenn man von der Zeit spricht, muss man von den ewig Gestrigen nicht schweigen. Zu ihnen gehört ein deutscher Außenapparatschick, der kein einziges Wort des Bedauerns über einen Vorgang äußern kann, den er natürlich nicht zu verantworten hat. Vielleicht schreibt dieses personalisierte Wrack einer Sozialdemokratie, die Rauchen, Saufen und Computerspiele verbieten will, einen Brief. "Lieber Murat Kurnaz, der wievielte Tag in Freiheit ist das überhaupt? Haben Sie heute schon geduscht und den Bart getrocknet? Na, dann nichts wie raus ins Leben. Menschen gucken ist herrlich ..." – besonders dann, wenn über den Radieschen trampelnde Menschen keine Ahnung vom geltenden Recht haben. Das ist natürlich ein ganz subtiler und gemeiner Aprilscherz mit einem geistesgestörten Kolumnisten auf der einen Seite, der nicht einmal die Grundsätze seines Blattes kennt und einer Schlaftablette.

Was wird.

Eine vertrackte Form des Aprilscherzes ist ein Witz, der zunächst nicht als solcher erkannt wird und dann als Tatsache die Runde macht. Wie so ein Witz funktioniert, zeigt gerade die elektronische Gesundheitskarte. Nach neuesten Umfragen freut sich der gemeine Mann vor der verrauchten Eckkneipe gemeinsam mit seinen die Flatrate versaufenden Kindern vor allem über den Notfalldatensatz, der ihn retten soll, im Fall des Absturzes. Betrachten wir den Notfalldatensatz näher, so findet sich ein wirklich lustiger Scherz in der Behauptung, dass die Blutgruppe im Notfalldatensatz absoluter Humbug ist. Denn in den echten Notfalleinsätzen wird alles gereicht, bis zum letzten Plasmaexpander samt Oblate. Nur die Blutgruppe spielt absolut keine Rolle. Nun ist die kostentreibende Blutgruppenbestimmung vom Tisch, aber nett ist es doch, wie das Wort Blutgruppe entfernt wird. Die Wayback-Maschinen kugeln sich vor Lachen im Dakönntejajederkommen-Land, das irgendwo in Bayern anfängt. Wenn nicht in Nürnberg, der Stadt der Latex-Jüngerinnen, so doch in in Ingolstadt, der Trutzburg aller Motzer.

Zugegeben, der letzte Aprilscherz in dieser kleinen Wochenschau ist ein Schuss ins Blaue. Aber die kommende Erweiterung von ePass und ePersonalausweis um den digitalisierten Fingerabdruck ist wirklich ein besonders schicker Aprilscherz, den ich chronistenpflichtig erwähnen muss – wenn es denn stimmt, was die Agenturen gerade funken. Nach eingehenden superharten Verhandlungen soll sich die große Koalition darauf geeinigt haben, dass alle abgegebenen Fingerabdrücke nicht nur auf den Dokumenten im RFID-Chip gespeichert sind, sondern in einer Datenbank der Meldeämter gesammelt werden. Natürlich nur zum Kampf gegen den allgegenwärtigen Terror. Was bleibt mir übrig, als an diesen kleinen Auftritt zu erinnern? (Hal Faber) / (jk)