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Was war. Was wird.

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Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Sommer! Sonne? Plätscher, Plätscher. Es gibt doch nichts Schöneres, als mitten in dem sich ausweitenden Sommerloch zu sitzen, am Sommerrätsel zu basteln, das nächste Woche mit einem Frösteln gestartet wird. Diese kleine Wochenschau entsteht an einem Tag, an dem das ehrenwerte Feuilleton durchweg den 100. Geburtstag von Woody Guthrie feiert und jeder brave Feuilletonist den Satz "This machine kills fascists" erwähnt, der auf Woodys Gitarre stand. Ja, so etwas sollte unbedingt auf meinem Thinkpad stehen und mich zum Volksschreiber adeln, wie Woody Guthrie zum Folksinger. Der dem Volk ein wunderbares Lied schenkte, weil er sich über Irving Berlins God Bless America aufregte. Als Guthrie 1944 seinen Anti-Song "God Blessed America for me" schließlich aufnahm, wurde aus dem Refrain "This land was made for you and me" schließlich der Titel "This Land Is Your Land", mit diesem Vermerk:

This song is Copyrighted in U.S., under Seal of Copyright # 154085, for a period of 28 years, and anybody caught singin’ it without our permission, will be mighty good friends of ourn, cause we don’t give a dern. Publish it. Write it. Sing it. Swing to it. Yodel it. We wrote it, that’s all we wanted to do.

Nobody living can ever stop me
As I go walking my Freedom Highway
Nobody living can make me turn back
This land was made for you and me.

*** Aber halt, kann eine Gitarre Faschisten töten? Wie in All You Facists ersichtlich, hatte Woody Guthrie einen eigenen Begriff von Faschisten, als er den Song für die Gewerkschaftsbewegung schrieb, während in Deutschland das Einheitsfrontlied gesungen wurde.

Und weil der Mensch ein Mensch ist,
hat er Stiefel im Gesicht nicht gern.
Er will unter sich keinen Sklaven sehen
und über sich keinen Herrn.

Drum links, zwei, drei, \pi, denn auch du bist in der IT, tralala. Wie, keine Arbeitereinheitsfront mehr? Alles nur noch ausländische Leichtmusikwerke? Wo doch das Hohe Lied von Harter Hände Kraft gerade in diesen Tagen von grantelnden Hausbesitzern mit Inbrunst geschmettert wird, um komische Piraten zu zerschmettern, die Stütze bezogen. Da lob ich mir doch unser schönes Deutschland, wo die schwielige Hand des Programmierers zur Faust geballt wird und der Schlachtruf Occupy IT! erklingt und die Rolle von IT-Spezialisten im kapitalistischen System in Frage gestellt wird. Wenn euer starker Arm es will, stehen alle Rädchen still, heißt es nach einem Lob der guten IT-Ausbildung in Deutschland, die umfassend sein soll, aber völlig unpolitisch. Das will Occupy IT verändern, denn: "Ohne ausgebildete IT-Facharbeiter würde nichts in diesen Tagen funktionieren." Und nun? Campieren wir alle auf der Cloud von T-Systems im Rechenzentrum Magdeburg?

*** Wikileaks arbeitet wieder, das sollte die wichtigste Nachricht anlässlich der Veröffentlichung von E-Mails aus Syrien sein. Ja, Wikileaks arbeitet wieder, aber so zögerlich wie früher, als die US-Depeschen in homöopathischen Dosen erschienen. Wenn an einem Tag einmal 25 Mails aus Syrien erscheinen, kann man schon von einem dicken Brocken reden. Bei diesem Verfahren davon zu reden, dass sich nun alle ein Bild über die verschiedenen Fronten in Syrien machen können, ist Unsinn. Entsprechend sauer sind die Aktivisten von Anonymous, die offenbar die syrischen Mails von den syrischen Servern pflückten. Sollten diese Tweets echt sein, die Cryptome gespeichert hat, so könnte der Unmut über die Ego-Show der Assange-Fraktion dazu führen, dass die kompletten Mails aus Syrien in einem Rutsch veröffentlicht werden. So geschah es mit den US-Depeschen, aus anderen Gründen. Da Cryptome-Eigner John Young den Wikileaks-Gründer Assange für eine windige Gestalt hält, könnten die Tweets auch ein Fake sein. Kein Fake ist das, was sich in Syrien abspielt, wo man dazu übergehen kann, vom "Massaker des Tages" zu berichten und von den täglich veröffentlichten Beschwörungen des Westens.

*** Spielen die Medien ein barbarisches Spiel mit den Menschen in Syrien? Aus der von Telecomix erfassten Tatsache, dass die syrische Regierung Software-Werkzeuge besitzt, um Skype-Gespräche aufzuspüren, ist der von Telecomix verbreitete Vorwurf geworden, dass Journalisten, die mit Angehörigen der syrischen Widerstandsbewegung skypen, sich am Töten beteiligen. Massiv wurde die Nachrichtenagentur AFP angegriffen, die via Skype Oppositionelle in Syrien interviewt hat. Die Reflektion der Beteiligten zeigt das Dilemma auf: Nachrichten von den Zuständen in Homs und anderswo gelangen per Skype in die Welt und werden niemals risikolos verbreitet. Das gilt auch für die syrischen Youtube-Videos der "Quelle: Internet", die im Fernsehen auftauchen. Natürlich ist es die Pflicht von Journalisten, die Kommunikation mit Informanten abzusichern. Wer Informationen mit PGP verschlüsselt schickt, darf beispielsweise erwarten, dass diese niemals irgendwo im Klartext abgespeichert werden. Ebenso ist es die Pflicht, auf unterdrückte Stimmen zu hören, auch wenn sie über eine Skype-Version sprechen, die mit einem Trojaner verwanzt sein könnte. Il n'y a pas de hors-texte, meinte Geburtstagskind Jacques Derrida, und irrte sich.

*** Ja, vor 50 Jahren startete der erste US-amerikanische Kommunikationssatellit Telstar 1 und mit ihm die Geschichte vom globalen Dorf. Die Tatsache, dass Telstar im Jahre 1962 durch das einen Tag zuvor durchgeführte Atombombenexperiment Starfish Prime nach nur 226 Tagen zum Aussetzen gebracht wurde, kann als Sieg der herrschenden Unvernunft gesehen werden. Im Namen der Wissenschaft sollte ein elektromagnetischer Puls erbombt werden, dessen Intensität völlig falsch berechnet war. Noch heute sind Störungen der Magnetfelder nicht vorher berechenbar. Die Antwort auf Amerika war übrigens der Satellit Skynet 1A, der weniger als ein Jahr durchhielt, weil auch hier falsch ermittelt wurde: Der britische Geheimdienst GCHQ hatte im Rahmen der Operation Zircon eigene Sigint-Überwachungstechnik installiert, die die zur Verfügung stehende Bandbreite okkupierte. Heute wissen wir, dass es sich um Vorabeiten für Echelon handelte, ganz im Sinne von Orwells Law: Jedes Kommunikationssystem ist auch ein Überwachungssystem.

*** Falsch gerechnet hat auch Hans-Peter Uhl bei dem Versuch, das neue Melderecht im Sinne der Datenkraken auszurichten. Was bleibt, sind nicht nur die im letzten WWWW gemeldeten 57 Sekunden einer Prozedur, die in keiner Gesellschaftskundekurs-Tabletapp fehlen darf. Das Kommunikationsdesaster, von dem die Rede ist, hat erst begonnen, wenn man liest, wie das Meldegesetz gelobt wird, rätselhafterweise mit einer Karikatur zum Staatstrojaner 0zapftis. Soll das ein Hinweis auf einen großen Auftritt von Hans-Peter Uhl im Namen der deutschen Sicherheit sein? Der Run auf die melderegistergestützten Qualitätsdaten hat jedenfalls begonnen, während Kalkül und Chaos grüßen. Ja, ja, Demokratie ist kein einfach Ding, Betroffene mitreden lassen auch nicht. Wo auch immer. Lohnt sich aber. Wie auch immer. Und macht sogar Spaß.

Was wird.

Plätscher, Plätscher, Schütt. Wenn es ein Sommerloch gegeben hat, so ist das sicher längst gefüllt. Warum kann der Regen nicht stilecht über London bleiben, wo inzwischen die Sicherheitwarnung die allerhöchste Alarmstufe erreicht hat? Ab sofort sind kritische und hämische Links untersagt und können mit einer Boden-Netz-Rakete verfolgt werden, auf dass den offiziellen Protestierern Hören und Sehen vergeht. Der Ring of Steel ist scharf geschaltet, Demonstrationen sind verboten und Peking lässt grüßen. Was sind Menschenrechte gegenüber den Rechten von Sportverwertern? Solche Weltfestspiele der Jugend sind schließlich kein Spaß, sondern ein beinhartes Geschäft mit vielen kleinen Nebengeschäften, wie diese nette Headline mit 141.967.500,93 CHF beweist, die auch in olympische Regionen geflossen sind. Churchill-eisern heißt es hier darum "No Sports", wenn das Sommerrätsel in dieser kleinen Wochenschau beginnt. Gestartet wird in der nächsten Wochenschau mit der Wetware, eben den Menschen hinter und vor den Computern, die in 10 Fragen zu raten sind. Denn rätselhaft genug geht es ja zu in der IT-Welt, in der der Groupon-Gründer nach dem Tieflug seiner Aktien beim Chinesen arbeitet und womöglich bald bei Occupy-IT auftaucht. Sport und IT, das geht selten gut. Erinnert sei an Martin Lauer, der in einem anderen Sommerrätsel mit olympischen Bezügen geraten werden sollte.

Wer W wie Woody sagt, muss J wie Johnny sagen, meinte Neil Gaiman. Auf Arte heute:

I hear the train a comin'
It's rollin' 'round the bend,
And I ain't seen the sunshine,
Since, I don't know when,
I'm stuck in Folsom Prison,
And time keeps draggin' on,
But that train keeps a-rollin',
On down to San Antone.

(jk)