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Was war. Was wird.

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Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Tschüss, kleine Projektdatei und danke für die Aushilfe. Wenn du unter den wachsamen Augen von BKA und BND groß und größer wirst, vollgestopft mit Faktoiden aller Art über den Islam, Terror und die Cocktail-Bars der CIA, dann nehme ich dich zur Entspannung mal mit in die Oper. Opern sind ja nach Einschätzung des Bundeskriminalamtes eine brandgefährliche Sache. Besonders die von Mozart. Bis zur letzten Mozartkugel (!) geht es bei ihm immer wieder um den Islam. Man nehme nur diese Saray-Geschichte, komplett mit einer Entführung durch die Prä-CIA. Eine wirklich hundsgemeine, kaum glaubliche Geschichte. Ein vom Christentum zum Islam übergetretener Pascha Selim, der auf eine schicke Hinrichtung verzichtet, weil er die Unmenschlichkeit der Christen nicht mit Gleichem vergelten will, das ist starker Tobak, viel zu starker Tobak. Im Zuge des allgemeinen Tobak-Verbotes muss man den frei mauernden Mozart einfach verbieten. Aushilfsweise könnte zumindest der Mozart-Fan Schäuble die Sprechrolle des Paschas übernehmen und en roulant erfahren, wie das ist, nicht die harte Tour voller Projekt- und Terrordateien zu gehen.

*** Weil die kleine Projektdatei in meiner Vertretung ein bisserl Data-Drilling für das WWWW betrieb, hatte ich Zeit, ein paar alte Bekannte aufzusuchen. Zum Beispiel in Köln auf der Photokina, einer Messe für digitale Knipsen. Am Stand der Lomografen reparierte ein Techniker analoge Kameras, indem er sie mit einem Gummihämmerchen beklopfte. Wahrscheinlich war das Teil einer raffinierten Absatzstrategie, denn die Lomo-Fabrik arbeitet wieder. Interessant wie immer die Beobachtung, wie Apple die Fotografen anfixt, damit sie Apple-Hardware kaufen und bei jedem neuen Feature ihrer Software Beifall klatschen. Gegen die richtigen Mac-Sex-Foto-Ikoninnen vom Schlage einer Valerie Lewis hat ein nüchterner Vertreter wie Martin Parr, der für die Drucker vom Spionagekonzern Hewlett Packard warb, keine Chance, trotz seiner Bildergeschichten vom Sex in Amsterdam. Jedenfalls wird klar, warum die Verkörperung des PC auch zu den Chancenlosen gehört, selbst wenn ein begnadeter Komiker wie John Hodgman mit von der Partie ist, der 700 Hobo-Namen musikalisch vortragen kann.

*** Die "Wegelagerei" der GEZ, die den "Innovationsstandort" Deutschland austrocknet, die die Ärzte mit ihren Internet-Computern für die elektronische Gesundheitskarte "in den Ruin treibt", produziert weiterhin populistische Blüten in der Politik. Ich könnte all die genannten Begriffe mit Links unterfüttern, aber wir haben ja nicht ewig Zeit, die Platitüden über die Gebührengeier zu lesen. Immerhin gibt es auch ernst gemeinte Vorschläge, ausgerechnet von den Grünen, die einstmals das Blödsehen abschaffen wollten. Der witzigste Kommentar kommt von der GEZ selbst und ist in diesem Werbespot zu finden. Zu sehen ist ein schwarzes Schaf, das gut drauf ist und eine beflissene Studentin im Kreise ihrer beiden Liebhaber (das Schaf hat keine Chance). Während ihre Lover TVau glotzen liest sie Adornos Erziehung zur Mündigkeit, ausgerechnet jenes Buch mit Vorträgen von Adorno, die im rechtlich-öffentlichen Hessischen Rundfunk gesendet worden waren. Eigens für die Vorträge hatte sich Adorno sogar einen Fernseher angeschafft, meinen seine Biographen. Aber wie sieht heute die Erziehung zur Mündigkeit aus? Ich muss dem wirren Hal-Hasser recht geben. Kinder gucken längst kein Fernsehen mehr und schauen allenfalls bei Autohupe und ähnlichen Angeboten vorbei. Der eigentliche Skandal ist die Tatsache, dass TV-Anstalten die GEZ-Gebühr instrumentalisieren und etwas vom Bildungsauftrag faseln dürfen, während sie Boßdorfsche Schleimspuren hinterlassend Radsportler alimentieren und bei dem leisesten Anhauch von Wut das große Zucken kriegen.

*** Mit Wumm hat es gebenqt, sehr laut und sehr lustig für die Vorständler, die ihre Gehaltserhöhung auch mit dem erfolgreichen Abschluss des Handy-Geschäftes begründeten. Noch lustiger sind die Reaktionen der Politiker vom Schlage eines Jürgen Rüttgers. Über Jahre hinweg hat er die Willfährigkeit eines Peer Steinbrücks beklagt, der sich in NRW jederzeit mit Nokia ins Bet^H^H^H^H^H^H^H arrangierte. Am Ende hat Benq alles richtig gemacht. Ein neuer Name wird sich schon finden lassen. Spontan fällt mir Xing ein, aber das ist ein arg bemühter Witz. Ich kann einfach keine guten Witze erzählen. Vor allem keine guten KZ-Witze, die Joe Weizenbaum immer parat hat.

Was wird.

Im Juni 1971 bekannten 374 Frauen im Stern "Wir haben abgetrieben". Details über die mutige Aktion in einer aufregenden Zeit stehen heute auf der Hausfrauenseite. Heute mag man über die Selbstanzeige lächeln, doch sind Selbstanzeigen immer mit einem gewissen Pathos verbunden. Das gilt zum Beispiel für die französische Variante, mit der Aktivisten gegen Kopierschutzsysteme bekennen, welch böse Taten sie begangen haben. Eine Film-DVD mit Open-Source-Software geschaut, ganz böse Sache das. Eine ähnliche Aktion wird auch bei uns am 5. Oktober gestartet, wenn sich die wuchtigen Türen des ersten deutschen Online-Gefängnisses öffnen, all die Bekenner der Aktion "Wir haben privat kopiert!" aufzunehmen. Hoffentlich sind die Zellen angenehm, die Mitinsassen gut drauf. Ich war jung und wollte vögeln, so schnitt ich meiner Angebeteten Band um Band mit tollen Songs. Leider entpuppten sich meine Favoriten wie Harper Valley PTA und King of the Road als der eigentlichen Sache nicht dienlich.

Die Frankfurter Buchmesse steht vor der Tür, komplett mit der Verleihung der Giga-Maus durch Eltern for Family und HP for Plumbers. Passend zur Messe gibt es auch eine Aktion der Verleger, die den "weltweit schnellsten Dummie aller Zeiten" geschrieben haben, nämlich Urheberrecht for Dummies. In ihm heißt es hysterisch zu dem neuen, die Privatkopie abwürgenden Urheberrecht in Verkennung der Tatsachen: "Sollte es in seiner bisherigen Fassung Gesetz werden, hätten in seiner zu Ende gedachten Konsequenz weder Buchhändler noch Verlage mehr etwas zu verkaufen und Autoren nichts mehr zu verdienen." Beim weltweit schnellsten Dummie hatte das Hirn der Verfasser wohl Schwierigkeiten, die Finger zu kontrollieren und den aktuellen Stand der Novelle zu registrieren.

Oh, passend zur Buchmesse muss natürlich eine Buchempfehlung ins WWWW. Gleich doppelt passend, weil das unsichere Internet auch ein Produkt der Militärtechnik ist, entscheide ich mich für die Messe Neuerscheinung "Don't talk – Do it. From Flying to Word Processing. PAA to IBM" von Ulrich Steinhilper. Ein deutscher Jagdflieger, der in der Battle of England mehrere Maschinen abschoss, ehe er selbst über England gebodigt wurde und nun in der englischen Cromwell Press seine Ideen über das korrekte Abschießen und den richtigen Zeileneinzug verbreitet. Das ist politisch unkorrekt und damit einfach passend. Wer immer beim Thema Computer und Rüstung zusammenzuckt, muss weiter zucken.

Der letzte Absatz muss natürlich die Geschichte mit Uschi Obermaier von voriger Woche aufklären. Während sie in der Twen im Juni 1969 mit scharfen Fotos als "Miss Kommune und ihr Leben zu Acht" portraitiert wurde, warb sie züchtig, aber extrem knapp bekleidet in der Schülerzeitung "Underground" für den Bastelcomputer Logikus. Das andere superscharfe Werbe-Mädel war übrigens Iris Berben. Das war der erste Computer, auf den und die erste Anzeige, auf die ich reingefallen bin. (Hal Faber) / (anw)

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