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Was war. Was wird.

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Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Noch ist jeder RFID-Chip, der in den Preisetiketten der Metro-Firmen Saturn und Media-Markt steckt, nur dazu da, gekillt zu werden, damit die Diebstahlsicherung nicht empört aufheult, wenn man das Portal durchquert. Doch das möchte die Metro Group bald ändern. Mit etwas geschwätzigeren Chips, die nach dem Verlassen des Ladens noch melden können, an welchem Gerät sie bappen, kann zum Beispiel die Reparaturannahme effektiviert werden. Wenn das Internet der Dinge ausschwärmt, werden nicht nur Kosten gespart, befürchten die Kritiker. Sie haben Angst um ihre Privatsphäre, die nicht nur Verurteilten genommen werden kann. Denn die Privatsphäre ist ohnehin am Schrumpfen, seitdem Digitaltrampel mit ihren Kameras pausenlos Bilder fremder Leute nach Flickr laden oder mit Ich seh dich! drohen. Anonyme Kommunikation geht anders.

*** Wie es um die Privatsphäre eines Toten bestellt ist, darüber berichtet diese kleine Wochenschau nun schon zum dritten Mal. Schließlich gibt es in Sachen Tron einen zünftigen Showdown unter Hackern zu vermelden, die vorläufige Schließung einer minder wichtigen Webseite und ihre Öffnung nach einem erfolgreich durchgesetzten Vollstreckungsschutz. Doch damit ist der Streit um den Namen Boris Floricic noch nicht zu Ende, ganz im Gegenteil. Die Wikipedianer diskutieren weiter in der ihnen eigenen unvorstellbaren Art und Weise. Und die Trittbrettfahrer suchen eilends ihre Trittbretter auf, um auch etwas von dem seltsamen Kuchen zu haben, der da aufgetischt wird. Selbst die so genannten "Parodisten", die mit Buch und Hörspiel offenbar der Auslöser der Floricic-Debatte waren, sind sich nicht zu schade, eine Pressemeldung zur Leichenfledderei herauszugeben. Die Hörspielserie und das Buch zu kommentieren, ohne eine einstweilige Verfügung zu bekommen, fällt mir schwer. Der geballte Zorn aller Götter, das wäre vielleicht die richtige Antwort.

*** Götter, welche Götter? Diesen Schlenker von einem Selbstmörder, dessen Ruhm am Wachsen ist, zu einen der berühmtesten Selbstmörder werden manche Leser geschmacklos finden, doch die Freunde der Fantasy sind da etwas härter im Nehmen: Heute vor 100 Jahren wurde Robert E. Howard geboren, dem wir den kimmerischen Barbaren Conan und Kull von Atlantis verdanken, alles Gestalten, ohne die meine Schulzeit endlos langweilig gewesen wäre. Zusammen mit seinem Mentor H.P. Lovecraft machte er die Dauer-Lektüre von Dürrenmatt und Brecht erträglicher. Wir hatten Ctulhu wie später andere Schüler ihre Illuminaten, Hobbitts und diese zaubernden Pennäler hatten. Der schwer depressive Amateurboxer erschoss sich an dem Tag, an dem seine Mutter sterben sollte. Für echte Howard-Fans übrigens auch ein Grund zum Feiern.

*** Im Leben kann man sich die Daten und Jubiläen nicht einfach aussuchen. Und auch die Menschen nicht, die uns verlassen – während die künstlichen Aufgeregtheiten von "Deutschand sucht den Superstar" einmal wieder dünne Stimmchen ohne jedes Musikgefühl (eine Ausnahme unter den Teilnehmern bestätigt die Regel) als die Sensation des Tages verkaufen wollen, ist Wilson Pickett von uns gegangen. Möge sein Vermächtnis uns von dem weichgespülten Soul befreien, der bei der Musikindustrie so beliebt ist, weil er die dünnen Superstar-Stimmchen nicht überfordert. Weichspülereien waren auch der Journalistin Carola Stern fremd, die ein Doppelleben in der Öffentlicheit diskutierte, die ihren Beruf als Engagement begriff und die nun nicht mehr mitdiskutieren kann. Etwas mehr Mitdiskussion, etwas weniger Weichspülerei, ja das wünscht man sich bei manchen Gelegenheiten, auch bei manchen Jubiläen, die man sich nicht ausgesucht hat, sondern die über seltsame PR-Manöver zu uns dringen – wie jüngst von der die Firma F-Secure, die mit großem Trara an den ersten PC-Virus vor 20 Jahren erinnern möchte. Ein paar Ältere werden sich wohl daran erinnern, dass der erste Virus dieser Sorte schon 1985 in der Bayrischen Hackerpost beschrieben wurde – und auch der war nicht der erste. Streng genommen gebührt das Verdienst, Viren erfunden zu haben, den Pionieren John von Neumann und Konrad Zuse, die unabhängig voneinander in den 40er Jahren über Theorien von selbst reproduzierenden Automaten grübelten. Bei Zuse wurde daraus später der "rechnende Raum", der in den zellulären Automaten vom Mathematica-Erfinder Stephen Wolfram wieder gefunden werden kann. Wer sich als PC-Benutzer mit Viren plagen muss, wird diese, ähem, kreative Dimension der Programme gar nicht wahrnehmen können. F-Secure entdeckte übrigens nicht nur den 20. Jahrestag des Pakistani Brain, sondern auch als erste Sicherheitsfirma Ende September 2005 die sonderbare Rootkit-Programmierung des Kopierschutzes von Sony BMG. Darüber hätte ich mir eine frühzeitige Meldung an die Presse gewünscht. Stattdessen schwieg F-Secure auf Wunsch der Plattenfirma. Künftig wird ein Tag am Septemberende anno 2005 als Jubiläumstag begangen werden, an dem Antivirus-Hersteller ihre Unschuld verloren.

Was wird.

E-Mail, schreibt die Süddeutsche Zeitung im aktuellen Wochenend-Teil, ist eine geschwätzige Sache mit unwürdigen Folgen, weil das Schreiben schneller geht als das Darübernachdenken. Noch geschwätziger wird die Sache, wenn sie an einen großen Verteiler geschickt wird. So amüsiert sich Deutschland über eine Mail von Jean-Remy von Matt an Mitarbeiter und Kunden, in denen er sich über die Miesmacher beschwert, die über die wunderbare Kampagne "Du bist Deutschland" herziehen. Unter den Miesmachern kommt Kritik von einer Gruppe, die der Superstar der Werber so beschreibt:

"2. Von den Weblogs, den Klowänden des Internets. (Was berechtigt eigentlich jeden Computerbesitzer, ungefragt seine Meinung abzusondern? Und die meisten Blogger sondern einfach nur ab. Dieser neue Tiefststand der Meinungsbildung wird deutlich, wenn man unter www.technorati.com eingibt: Du bist Deutschland.)"

Es hilf nicht, hier den Artikel 5 des Grundgesetzes zu zitieren, weil der Werbeprofi andere Maßstäbe hat und in Impacts und Reichweiten denkt. Der jambatisierte Handybesitzer toll findet und in jedem Computerbesitzer den Untertan für seine Werbebotschaften sieht. Der Verachtung der Klowände des Internet entspricht der hirnlose Appell "Du bist Deutschland" und der stumpfsinnige Kaufrauschschrei Geiz ist geil. Du brauchst neue Klingeltöne, Podcasts voller Werbung, jede Menge neue Elektronik, keine Meinung: Du bist Deutscher. Und hast bitteschön ein blitzsauberes Klo und die Schnauze zu halten. Du bist Weichspüler. Du bist Superstar.

Unter den über 800 geladenen Gästen, die sich zwei Tage lang auf dem Digital Lifestyle Day von Burda Media amüsieren, sind Werber und PR-Berater eindeutig in der Mehrzahl. Die meisten von ihnen denken ähnlich wie der Experte für Klowände. Blogger, Chats, das ganze Getue um digitale Lebensplätze ist ihnen alles nur ein Vehikel, Werbung oder Produkte zu verkaufen. Das ist nicht böse gemeint: Es wird immer Menschen geben, die sich um Werbung in Podcasts kümmern und solche, die an der Verbesserung der Qualität von Speex arbeiten. Problematisch ist, dass der Blick der Leute, die im Web 2.0 die nächste große Dot.com-Welle, den neuesten Cluetrain-Tsunami anrauschen sehen, definieren will, was denn digitaler Lifestyle ist: Konsum, Konsum und noch einmal Konsum. Ich behaupte, dass noch die kleinste Mitarbeit an der Wikipedia mehr vom digitalen Lebensstil der Zukunft vermittelt als das verklärte Staunen auf die Gadgets und schnieken Powerpoint-Präsentatioen auf dem Digital Lifestyle Day. Selbst wer das die vollen 24 Stunden lang durchhält, hat noch nichts begriffen.

Was haben sie also vom Debütantinnenball all der Firmen, die Social Software verkaufen wollen, vom Raunen der Gurus, die "The Next Big Thing" anpreisen? Sie können zum Beispiel die aufgedonnerte Studie Deutschland Online 3 mitnehmen, die zum Lifestyletag präsentiert wird und rosigste Zukünfte im Triple Play-Alltag malt. Mehr als ein schneller Check, was nach den Klingeltönen in die Konsumentengans gestopft werden kann, wird auf dem Lifestyle Day aber nicht möglich sein. Vielleicht noch eine spielerische Demo, wie die Gans dann mit Social Location Based Software mitsamt RFID-Tags besser ausgenommen werden kann, noch ein paar Tips und Tricks für Taschengeldgangster? Dann ist es aber gut, man hat ja Networking-Pflichten. Oder, um es in Marketingsprech zu sagen, nicht jedes Würstchen ist eine Pfeife.

Auf lustige Weise kontert übrigens Microsoft die Münchener Veranstaltung. In Nachbarschaft zum Digital Lifestyle Day lädt die Firma am kommenden Dienstag zur Präsentation von Officestyle, des Modernen Verwaltungsarbeitsplatzes, des absoluten Killer-Desktops, der mit weniger Klicks den leidigen Linux-Migrationsdebatten in den Behöreden ein Ende bereiten soll. Ein Paket wie Lucky Luke: schneller als sein Schatten. (Hal Faber) / (jk)

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