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Was war. Was wird.

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Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Gerade ist in der schönsten Stadt der norddeutschen Tiefebene mal wieder eine Messe zu Ende gegangen, natürlich mit riesigem Erfolg und mit echter Vorfreude auf die deutsch-japanische Achse im nächsten Jahr. Die Hannover-Messe ist jetzt 60 Jahre alt geworden und begann als Fischbrötchen-Messe mit der Demonstration norddeutscher Lebenskultur. Die Messe startete übrigens auf Befehl der britischen Kommandantur: Man wollte halt sehen, was vom Made in Germany übrig ist und irgendwie verscherbelt werden konnte. Als Hannoveraner Gewächs habe ich die Messe immer sehr gemocht. Denn der Standdienst bei einem Hersteller für Mess- und Regeltechnik hat mir unter anderem Anfang der 70er das tolle Eisenbahnticket beschert, als Interrail gestartet wurde. Älter geworden finanzierte der Nachtdienst beim nämlichen Hersteller meinen Führerschein, auch wenn er ganz ohne Computer damals ziemlich langweilig war. Man pinkelte halt in die schicken pop-farbigen Flüssigkeiten, die da gemessen und geregelt wurden, immer in der Hoffnung auf eine chemische Reaktion.

*** Nun bin ich wieder mal nach langer Zeit über diese andere Messe gebummelt und hatte dabei ein ganz besonderes Heimatgefühl. Die seltsamen bunten Flüssigkeiten sind immer noch da. Den Hersteller für Mess- und Regeltechnik gibt es auch noch, offenbar irgendetwas mit Best Practices und der Kernkompetenz der Old Economy. Seine Standparty hielt den Vergleich mit jedem CeBIT-Event aus. Gefeiert wurden übrigens ein Sieg der Vernunft und eine historische Vereinigung. Ich hab es mir erklären lassen: Mit dem Beitritt der Field Device Tool Group (FDT) zum EDDL Cooperation Team und einer Vereinbarung zur gemeinsamen Weiterentwicklung von EDDL als Pumpen- und Fühlerbeschreibungssprache hat die Mess- und Regeltechnik Systemschranken geplättet. Das also brachte die Partygäste in Stimmung, nur einen kleinen älteren Herrn, Professor für Maschinenbau, nicht. Er nörgelte: "Der Konstrukteur ist nicht mehr Herr über die Maschinen, jetzt übernimmt der Software-Mensch die Verantwortung für die Sicherheit." Wie er Software-Mensch als Schimpfwort aussprach, klang es gar nicht nach einer Win-Win-Situation, wie das die Software-Menschen heute gerne nennen.

*** Bleiben wir in den Königreichen der Hardware, der Pumpen-, Mess- und Regeltechnik. In immer kürzeren Abständen pumpt Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble seine Visionen über die Einrichtung eines Präventionsstaates in die Medien. Das macht er ganz geschickt, wie etwa mit seinen Ausführungen zur Unschuldsvermutung, die prompt Entrüstung erzeugen und unserer flexiblen Justizministerin die Chance geben, sich als Ventil im Kreislauf zu profilieren. Dazu passen die staatstreuen Journalisten, die es grundsätzlich gut finden, wie die Polizei ihre Arbeit macht, die sich modernere Methoden wünschen, London als Hort der Toleranz preisen und Bürgerrechtler als Panikmacher denunzieren. Unter hohem Druck verändern nicht nur Flüssigkeiten ihre Eigenschaften. Unter diesem Druck werden wir alle vom großen Rüssel zu unerwünschten Ausländern. Solche Ausländer vielleicht, wie sie vor 40 Jahren viele Griechen wurden: Mancher, der nichts Schlimmes am Schäuble-Katalog finden mag, möge sich zu Gemüte führen, dass noch bis Mitte der 70er Jahre in einem Land eine Militärdiktatur herrschte, das heute ganz selbstverständlich als schon ewig zur Riege der gefestigten EU-Demokratien gehörend betrachtet wird. "Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch" – mag Brechts Sentenz allzu oft für allzu wohlfeile Faschismus-Warnungen missbraucht werden, so gilt sie doch, auch für all die Bestrebungen, Freiheit und Bürgerrechte aus Angst vor ominösen Feinden – seien sie nun Kommunisten, Terroristen, Moslems, Juden, you name it... – in die Tonne zu treten.

*** Mögen etablierte tazler nichts dabei finden, in einem Volk von Verdächtigen und Abzuschiebenden Volkes Stimme zu verkünden, so gibt es immer noch Menschen, die nicht in dem von Schäuble angestrebten Präventionsstaat leben wollen. Pumpentechnisch gesehen sind sie Fremdkörper, für die es Filter gibt. Das auf der re:publica vorgschlagene Protest-Tagging liefert da schon gute Anhaltspunkte. Zu diesen Tags hat sich mittlerweile ein Logo gefunden. Es kommt bei den sonst mit Katzencontent beschäftigten Bloggern gut an, während sich die tollen T-Shirtdrucker des Web-2.0-Kommerzes weigern, solch ein Logo auf Stoff zu drucken.

*** Dabei ist nicht die Frage, ob der Stasi-Vergleich historisch daneben ist. Vielmehr geht es um das Problem, ob Dr. Seltsam Schäuble ein Unikat ist. Diese Frage muss verneint werden. Da, wo die norddeutsche Tiefebene ein bisschen wellig wird, liegt Osnabrück. In dieser Woche gab es eine Pressekonferenz zur sinkenden Kriminalitätsrate in der Region, komplett mit einem blaffenden Polizeipräsidenten, der sich auf die abgesegnete Vorratsdatenspeicherung freute und für Osnabrück dringenden Bedarf am gezielten Einsatz von Trojanern anmeldete. Während er Kritiker am Pumpenmann Schäuble als Verdummer und Hinterbänkler bezeichnete, war sich der Polizeipräsident Rolf Sprinkmann ganz sicher: "Eine DDR-Mentalität gibt es bei uns aber nicht." Auch keine Stasi-Mentalität?

*** Beim Gang über die Hannover Messe gab es so manches zu sehen, das an aktuelle Heise-Themen erinnerte von dem in Echtzeit arbeitenden Pinguin bis zum Bundestrojaner. Denn was ist das berührungslose Ablesen von den Datenspeichern technisch anderes als der Einsatz eines Trojaners, der die Integrität eines Festplatte angeblich nicht antasten soll? Wie schlicht solche Trojaner schleichen müssen, zeigte sich übrigens auf der erwähnten re:publica. Dort wurden "zu statistischen Zwecken" die mit einem Sniffer abgefangenen Passwörter mitgeschnitten und niemand fand das offenbar wirklich schlimm. Aber vielleicht sind die 27.000 aktiven Mitglieder der deutschsprachigen Ferengosphäre nicht sonderlich repräsentativ. Von einem ordentlichen Backup von Laptop-Festplatten scheinen sie ja auch nichts zu halten.

*** Im Feuilleton der FAZ findet sich in einem leider nicht frei verlinkbaren Text über den Killer von Blacksburg eine elegante Variante eines Satzes des großen Philosophen Dieter Nuhr: "In meiner Eigenschaft als Experte möchte ich Ihnen nun kurz erläutern, warum es für mich fachlich geboten ist, den Schnabel zu halten." Darum nichts über Blacksburg und ausnahmsweise nichts über den dicken Sigmar, dies als eine kleine Verbeugung zum 60. Geburtstag vom trashigen Iggy Pop.

Was wird.

In meiner Eigenschaft als IT-Experte möchte ich aber doch noch dieses kleine Entrüstungsstück kommentieren, das die Süddeutsche Zeitung mit einiger Verspätung brachte. Ich finde es nämlich hilfreich, wenn die PR-Agentur ihren IT-Kunden darauf vorbereitet, dass ich in meinen Interviews das Gegenüber gerne anniese oder anraunze, oder dass ich bei Worten wie Workaround, Killerapplikation oder Urgestein mit einem ganz heftigen Ausschlag reagiere, und dass ich unkontrolliert zu zucken und spucken anfange, wenn ich etwas vom "Commitment für unsere User" höre. Umgekehrt finde ich es auch schön zu wissen, wenn eine Firma wie Microsoft mich als negative Type einschätzt oder halt als balanced guy, der auf beiden Seiten die Arme ausstreckt. So freut es doch alle Beteiligten, wenn nächste Woche der Evolutionstheoretiker Steve "Developers" Ballmer nach Deutschland kommt und nur ein einziges Interview führt, das aber mit der renommierten IT-Expertin Isabelle Körner. Ausbalanzierte Journalisten können das Interview mit dem Windows Vista Media Center eine Stunde vor der Sendung abrufen und "sich exklusiv vorab über die Zukunftsstrategie von Microsoft informieren". Negative Typen zucken mit keiner Maus.

Doch die nächste Woche hat viel mehr zu bieten als Ballmers Ansichten über die digitale Zukunft. Schließlich wird da der Girls Day zelebriert und wenn dieses Land etwas ganz dringend braucht, dann sind das Nerdinnen und Su-Shees. Wie heißt es noch bei der Initiative D21? Technik wird zur Mädchensache.

Die Initiative, die sich so nett für Mädchensachen einsetzt, hat allerdings keine Zeit: Am Girls Day veranstaltet sie schließlich einen Gütesiegelkongress für all die Bapperl auf Webseiten, mit denen wir uns absichern können, dass beim Weiterklicken nur geprüfter Knut-Content oder der staatlich lizensierte Bundestrojaner wartet. Ist es nicht immer wieder schlimm, wenn es die frohe klickbereite Jugend nach Lummaland zieht und sie dort nicht Jim Knopf, Lukas und Emma finden, sondern solche schockierenden Sätze für Steve Ballmer & Co, geschrieben nach dem umstrittenen Coup der Woche? "Heul doch, könnt ihr mal sehen, wie das ist, schließlich habt ihr Jahrzehnte lang den Betriebssystem-Markt dominiert und alles dafür getan, dass es so bleibt. Vom volkswirtschaftlichen Schaden durch unbenutzbare Software will ich jetzt gar nicht anfangen. Jetzt nach Regulierung zu rufen, zeigt doch deutlich, wie sehr ihr am Arsch seid." Aber was soll's, wir jedenfalls haben keinen Grund zu heulen: Heute wird Jack Nicholson 70, um einen weiteren Geburtstag zu erwähnen, und morgen, am Montag, ist Welttag des Buches. Was soll uns da schon passieren, Google-Monopol hin, Microsoft-Weltherrschaft her. (Hal Faber) / (jk)