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Was war. Was wird.

Die Bobos sind zurück, keine Frage. Und schlechte Musik hören sie auch wieder, barmt Hal Faber, hofft aber auf mutige Menschen und Erkenntnisse, die noch keine 100 Jahre alt sind.

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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Ich bin nur ein einfacher Wochenrückblicker, der bedeppert in die nächste Woche lugt. Hätte ich mehr Verstand, wüsste ich die Lottozahlen oder wenigstens den Unterschied zwischen Gut und Böse. Heute am 14. Oktober, an dem diese Zeilen in einen nicht explodierenden Laptop wandern, kam vor 80 Jahren Pu der Bär (von geringem Verstand) in die Buchläden, die Faktoren dieser Welt zu bekämpfen. Von ihm lernten wir, niemals vor den Faktoren zu kapitulieren. Vor 100 Jahren erblickte Hannah Arendt "bei Hannover" das Licht der Welt, eine Frau von großem Verstand, die gegen die Dummheit und Autoritätshörigkeit kämpfend noch immer die meistgehasste Frau in Israel ist. Von ihr gibt es immer noch viel zu lernen. An ihrem Geburtsort im Stadtteil Linden steht heute das Ihme Zentrum, eine hochverdichtete Ruine, unter deren Pflastern kein Strand ist, sondern Beton. Beton und Israel, das passt schon.

*** Ich muss noch einmal auf die Religion zurückkommen. Auf den im letzten WWWW verlinkten Glauben daran, dass wir mit vorformatierten Festplatten auf die Welt kommen und am Ende als vernetzte Webcam ohne Rückkanal selbige verlassen. Auf den Vorwurf des technischen Nihilismus, der solche schlimmen Gedanken von jemandem verlinkt, der gegen den heiligen "frango ut partefaciam" Steinhöfel antritt, der wiederum knapp nach dem heiligen Bonifatius kommt. Doch was ist schon Religion, wenn nicht eine Konvention mit ungeliebten Konsequenzen?

*** Bleiben wir nur bei Bonifatius im Stadtstaat Bremen (nebenbei: Glückwunsch an Werder, weiter so ...), dem die Wandermönche von Roland Berger für 13 Millionen Euro geraten haben, sich soweit wie möglich von der operativen Arbeit vom Kindergarten an zurückzuziehen. "Angestrebt ist die radikale Veränderung der Aufgabenwahrnehmung im Rahmen einer Gesamtphilosophie, die eine wirkungsvolle strategische Gesamtsteuerung des Konzerns Bremen ermöglicht": Die Gesamtphilosophie des Konzerns Bremen passt genau in einen Kühlschrank. Was wir hier wirklich brauchen, ist ein Frühwarnsystem wie vielleicht jenes von der Firma Armex, die für ihren Kidtracker im Jahre 2004 den Big Brother Award bekam. Nur eben kostengünstiger, damit Kevin & Co später die in sie gemachten Investitionen zurückzahlen können, an die Konzerne Bremen, Hannover, Hamburg usw.

*** Wenn sich heute die Geschichte der Bibel wiederholt, dann vielleicht in einem Land, das Krieg um Öl im Nahen Osten führt und darum alle Jugendlichen mit RFID-Chips "getagged" hat, damit sie im Fall der Fälle schnell einberufen werden können. Nehmen wir nur die Acedah von Isaak, wie sie der Tanach erzählt. Das Chippen der Kinder für einen Gott wie Astarte oder Moloch ist für die Gläubigen eine Selbstverständlichkeit geworden, erzählt uns Douglas Rushkoff in seinem Comic "Testament". Schon wieder ein Hinweis auf die Verleihungen der Big Brother Awards in Bielefeld, der heiligen Stadt des Datenschutzes? Oder weist die Bibeladaption von Douglas Rushkoff auf eine Religion hinter der Religion? Wie sagte noch Steve Jobs: "Why stop at Cairo, when you can go all the way to Mecca?" Wenn die Seele auf den iPod wandern kann und mit gestärkter Pumpe für das nächste Leben beginnen kann?

*** Geht es noch wirrer? Aber sicher doch: Während in London Anzeigen mit Opfer-Bildern von den Bombenattentaten des 7. Juli 2005 schocken, aber nur für eine Organisation namens CALM (Campaign Against Living Miserably) werben, werden die Taten der Bomber heftig diskutiert. Nach einem Bericht der Sunday Times sollten sich die Attentäter nicht mit Bomben in die Luft sprengen, sondern das Nervengas Sarin in die Kabinen der Cricketspieler einleiten, die 2005 das 2. Match England gegen Australien bestritten. Die Order von Al Quaida soll allein deswegen nicht akzeptiert worden sein, weil einer der Täter auch Cricket spielte. So unwahrscheinlich die Geschichte klingt, weil sie nicht in das Schema der Selbstmordattentate passt, so mag sie doch ihren Hintergrund in einem Land haben, das seine Soldaten zurückholen will. In einem moslemischen Land hätte es britischer moslemischer Kämpfer bedurft, um einen belastbaren Frieden herzustellen. Unterdessen treffen moslemische Kämpfer zum Schutz der russischen Pioniere im Libanon ein, die "Helden Russlands" sind. Über die Herkunft der Truppen schrieb Anna Politkowskaja ihren letzten Text. Sie war nicht, wie Wladimir Putin behauptet, eine typische Vertreterin der Presse, sondern eine der Mutigsten ihrer Zunft.

*** Mutig, das ist so eine Sache, die auf keiner Skala geritzt werden kann. Mutig war oder ist Nadesha Reiser gewesen, als sie sich von Hans Reiser trennte. Mutig war Danièle Huillet, als sie die Beziehung mit Jean-Marie Straub einging und fortan nur noch Danièle* war, oder eben Straub-Huillet, ein Doppelwesen. Was bleibt, steht in der Akademie für militärische Erinnerungen. Zuletzt waren es "Jene ihre Begegnungen" (Quei loro incontri), in denen die Sache mit der Webcam zum Finale etwas anders als Verfasstheit der Menschen gedeutet wird: "Ihr ganzer Reichtum ist der Tod. Er zwingt die Menschen, sich anzustrengen, sich zu erinnern und vorauszusehen."

*** Hatte ich nicht versprochen, diesmal witzig zu sein? Gut, es gibt nette Witze, gerade wenn es um Sicherheit geht, für die doch eigentich Chuck Norris steht. Aber wenn man diese Nachricht über die Wahlmaschinen liest, die in einer geschützten Umgebung gelagert werden, dann gibt es Witze, die mit einer Kette von Sicherungsmaßnahmen so scheppern, dass die Hölle gackert. In einer besonders geschützten Umgebung werden also die Wahlergebnisse der Zukunft errechnet. Wie schrieb einstmals Karl Kautsky: "Papier ist geduldig, wenn Wahlversprechen darauf verewigt werden." Kautsky glaubte immer an den Fortschritt. Nun haben wir ihn. Wahlmaschinen sind noch geduldiger.

Was wird.

Ganz groß, ganz fesch kommen die Münchener Medientage daher, aus aktuellem Anlass auch MuTube genannt. Da wird gekreischt, wenn das supergeile IP-TV tripelt und vor Entzücken gestöhnt, wenn die Chief Blogging Officer auftreten und ihre Peitschen beim Toppen schwingen. Ja, wenn man so will, auch eine Art verspätetes Tuesday Wonderland, zu dem das mittlerweile doch sehr gelangweilt wirkende Esbjörn Svensson Trio nur noch mager schunkelnden Clubjazz spielt, der gerade noch solchen CBOs als Avantgarde durchgehen mag. Wessen Horizont etwas weiter ist als der von Bobos  (alt oder neu), der feiert nicht e.s.t, sondern hört lieber Wollny/Kruse/Schaefer – das ist moderner Trio-Jazz (nichts für ungut, sei in Richtung Jarrett/Peacock/DeJohnette hinzugefügt).

Den Medientaglern aber sei immerhin gewünscht, dass die Fleischbeschau der Branche das Niveau des 1. Berliner Opernfestivals erreichen möge, bei dem Ida Mante im Vordergrund steht. Wenn Medien ihre Tage haben, ist der Open Source-Porno "Good Girl" von Erikalust fast chancenlos, sein Download eine Handlung, die Hass erregt. Wir leben nun einmal in einer Welt der nackten Tatsachen.

Ist Deutschland auf dem Weg in den Überwachungsstaat, den ultimativen Big Brother Preis kassierend? Es gibt Zeitgenossen, die das bejahen, wenn sie Nachrichten über den Test der Gesichtserkennung bei den Mainzer Jecken lesen. Andere sind weiter und denken, dass mit der GEZ-Gebühr die allseitige Überwachung mit Fahndung nach Mail-Adressen bereits Realität ist. Das klingt etwas krank, doch die Realität ist noch kranker: Wer mit dem Laptop auf der Bank surft, entreichert den rechtmäßigen WLAN-Besitzer und muss obendrein die bei fortschrittlichen Politikerinnen zunehmend unbeliebter werdende GEZ-Gebühr zahlen. Aber seien wir ehrlich: Wer, wenn nicht die GEZ mit ihren Gebühren für Internet-PCs und Geldautomaten hat Einblick in die Nebeneinkünfte der Politiker, die nicht wie Hartz-IV-Empfänger behandelt werden wollen? Leider, leider, leider ist die GEZ schon im Jahre 2003 ein umjubelter Preisträger der Big Brother Awards gewesen, als sie in der Kategorie "Lebenswerk" gewürdigt wurde. Doch wenn es um Freiheit statt Angst geht, wäre vielleicht noch ein kleiner Sonderpreis fällig, für den unbekannten Mann, der frech auf der Bank den Gebührenstaat entehrt. (Hal Faber) / (jk)