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Was war. Was wird.

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Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Ich mag Geburtstage, besonders meine eigenen. Die feiere ich ganz außerordentlich gerne mit einer guten Flasche Rotwein aus dem Burgund. So trifft es sich gut, dass ich viele Geburtstage habe, in den verschiedenen Apparitionen meiner Existenz. Noch schöner als Geburtstage sind für mich die runden Geburtstage, an denen die Daten ein Tänzchen machen. Heute ist so ein Tag. Wenn ich richtig rechne, wird ein Halbes meiner Iche hundert Jahre alt. Am 29. April 1907 wurde Walter Faber geboren, einer der ersten Geeks in der modernen Literatur. Das darf, das muss gefeiert werden. Phänotypisch ist der Homo Faber ein Mensch, der sogar Multikulti-Integrationstüten akzeptiert. In der Regel isst er am liebsten, während er sich der Tätigkeit am Computer hingibt. Obwohl das nicht bedeutet, dass Geeks nicht kochen können.

*** Die nerdige, die rationale Hingabe an die Technik, gepaart mit unerschütterlichem Glauben an exakte Testberichte und daran, dass es keine verrückten Zufälle gibt, sind in dem Faberleben immer präsent. Wer im Deutschunterricht das Buch wiederkäuen musste, kennt die Geschichte von der Notlandung in der Wüste, weil gleich zwei Motoren der Lockheed Constellation ihren Geist aufgaben. Das Vorbild für diese Episode war der Absturz einer Super-Constellation am 19. Juni 1947 mit 14 Toten. Immerhin überlebte Gene Roddenberry, um den Geeks dieser Welt Star Trek zu schenken. Mit einem letzten Gruß an Scotty, der rübermacht ins All zu Roddenberry:

"Ein Flugzeug ist für mich ein Flugzeug, ich sehe keinen ausgestorbenen Vogel dabei, sondern eine Super-Constellation mit Motor-Defekt, und da kann der Mond sie bescheinen, wie er will. Warum soll ich erleben, was gar nicht ist?"

*** Heute ist nicht nur ein runder Geburtstag, sondern ein ganz besonderer. Vor 50 Jahren machte ich, auf hoher See schwimmend, einem Rossschwanz einen Heiratsantrag, nicht ahnend, dass der Rossschwanz meine Tochter ist. Ich wurde sentimenal, was sonst nicht meine Art ist. Es war mein erster Heiratsantrag.

"Ich zeigte ihr den Komet, der in jenen Tagen zu sehen war, im Norden. Es fehlte wenig, und ich hätte gesagt, dass ich Geburtstag habe. Aber es stimmte nicht einmal zum Spaß: der Komet war schon seit einer halben Woche sichtbar, wenn auch nicht so deutlich wie in dieser Nacht, mindestens seit dem 26.4. Also von meinem Geburtstag (29.4.) sagte ich nichts."

*** Nichts stimmt nur so zum Spaß, und im damals aufgekommenen Fernsehen gab es bessere Bilder. Aber spaßig gemeint war er nicht: Mein Heiratsantrag war erfolglos und später meine Suche in Paris war es zunächst auch, ehe wir in der Göttin nach Italien glitten. "Anderntags ging ich in den Louvre, aber von einem Mädchen mit rötlichem Rossschwanz war nichts zu sehen, dabei verweilte ich eine volle Stunde in diesem Louvre." Heute wie vor 50 Jahren ist der Louvre ein einziger Bilderhaufen, den man ruhig nach Dubai entsorgen kann. Homo Faber mögen den Louvre, weil Claude Chappe das Gebäude als Zetralstation für die Telegraphenlinien benutzte, die bei uns unter dem Namen Fernschreibemaschine bekannt wurde. Und wenn es denn schon Bilder sein müssen, dann zählt für den Nerd nur das Bild von Samuel Finley Breeze Morse, The Galleries of the Louvre als Vorschau auf den Morse-Code und das viktorianische Internet.

"Das Mädchen will mich unterstützen und bringt das Gespräch, da ich die Skulpturen im Louvre nicht kenne, auf meinen Roboter; ich habe aber keine Lust davon zu sprechen, und sagte, dass Skulpturen und Derartiges nichts anderes sind für mich als Vorfahren des Roboters. Die Primitiven versuchen, den Tod zu annullieren, indem sie den Menschenleib abbilden – wir, in dem wir den Menschenleib ersetzen. Technik statt Mystik!"

*** Weg mit der Aura in der Kunst, nicht die kleinste Spur soll bleiben. Wenn dann noch Spuren bleiben, sind es Datenspuren, aus denen sich die Aura 2.0 zusammensetzt. Da verkünden die Gründer von unddu.de mit seltener Offenheit im Interview, wie sie die Haut ihrer Nutzer zu Markte tragen wollen. "Der Nutzer beginnt im Web 2.0, sich zu outen, und gibt freiwillig Informationen über sich preis. Teil der digitalen Aura, die jeder sich aufbaut, ist ja auch das Bekenntnis zu bestimmten Marken wie zum Beispiel das Auto, das er fährt oder von dem er träumt. Wir brechen diese Informationen allerdings nicht auf einzelne Menschen runter, sondern nur auf sehr feine Zielgruppen." Sehr fein und zielgerichtet bringen diese IT-Entreprenösen die Werbung an den Mann. Ausziehen im Web, das geht ganz einfach, schwärmen die Startupper. So richtig das ist, ein Wiki zur Vorbereitung der Klausurarbeit zu benutzen, so peinlich kann es ausgehen, wenn ein ungesichertes Wiki zur Vorbereitung für das urban style sharing gefüllt wird, das ein "user-zentrierter realtime Mobilecam remix Event-Veranstalter" anbieten will. Wer den Quatsch liest, versteht langsam, warum die nächste Ars Electronica unter dem Motto Goodbye Privacy stattfindet.

*** Privacy, pretty good privacy, da war doch was? Allen Geburtstagsfeierlichkeiten zum Trotz muss der Tanz um die Online-Durchsuchung erwähnt werden, die vom gesetzestreuen Innenminister Schäuble nicht locker lassend  vorerst gestoppt wurde, aber vom furchtbaren Juristen Otto Schily per Dienstanweisung befohlen wurde, als er nicht ganz zufällig Bundesinnenminister war. Das Ganze ist mehr als ein antirechtsstaatliches Dauerdelikt. In gewisser Weise, da muss man den Bloggern zustimmen, ist das auch ein Erfolg der Kampagnen für den Einsatz von Kryptographie. Der vermehrte Einsatz von Krypto-Tools, das Abkoppeln persönlicher Daten von Computern, die mit dem Netz verbunden sind, wird zur zivilgesellschaftlichen Dienstanweisung. Sich nicht in die Schäublonen paranoider Geheimdienstler pressen lassen, die allgemeine Sympathiebekundungen als Bildung einer terroristischen Vereinigung interpretieren, wird erste Bürgerpflicht.

*** Nicht ganz zufällig schäumt die RAF-Debatte auf. Die Erinnerung an eine Zeit, in der schon das Schreiben von der "Baader-Meinhof-Gruppe" als Straftat gesehen wurde (Baader-Meinhof-Bande war korrekt) lodert auf, wo das Kollektiv der RAF auseinanderfällt. Die aktuelle Hysterie über einen Stefan Raab, der den Knödelbarden Max Buskohl mit einem RAF-artigen Plakat "seit 196 Tagen in Gefangenschaft von RTL" präsentierte, ist aufgeblasen. Verdeckt wird der Skandal, dass offenbar Aussagen von den Geheimdiensten zurückgehalten wurden, weil sie RAF-Mitglieder zu Spitzeln umdrehen wollten. Wer so mit dem Leben seiner Kronzeugen umgeht, soll bei der heimlichen Online-Durchsuchung vor dem "Schlafzimmer" im PC Halt machen?

*** Vor fünfzig Jahren, auf der Fahrt nach Italien, schrieb Walter Faber: "Wir leben technisch, der Mensch als Beherrscher der Natur, der Mensch als Ingenieur, und wer dagegen redet, der soll auch keine Brücke benutzen, die nicht die Natur gebaut hat. Dann auch keine Glühbirne, keinen Motor, keine Atom-Energie, keine Rechenmaschine, keine narkose – dann los in den Dschungel!"

Carl Friedrich von Weizsäcker war einer, der sich die Sache nicht so einfach gemacht hat. 10 Jahre lang leitete er zusammen mit dem Nicht-Techniker Jürgen Habermas ein Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt. Dort wurde frühzeitig das entwickelt, was heute unter dem begriff Globalisierungskritik bekannt ist. Weizsäcker gehörte zu den hier bereits erwähnten Göttinger Achtzehn. Im Frühjahr 1957, als Geek Faber seine Tochter verführte, forderte er inmitten der allgemeinen Atomlobhudelei den freiwilligen Verzicht der Bundesrepublik auf Atomwaffen. Ob die Welt mit dem Tod von Carl Friedrich von Weizsäcker den "letzten Universalgelehrten" verliert, weiß ich nicht. Es könnten neue kommen. Erst wenn der letzte Mensch auf der Erde die spamverseuchten Rechner und Roboter ausschaltet und mit einem letzten Blick auf Gl581c in den Dschungel zurückkehrt, stirbt die Hoffnung auf eine bewohnbare Welt. Aber die haben viele auch schon vor 70 Jahren in Guernica  verloren.

Was wird.

Der erste Mai naht, komplett mit panischen Berichten über Straßenschlachten in Kreuzberg. 20 Jahre nach Bolle soll es diesmal wieder zur Sache gehen, obwohl die Experten eher skeptisch sind. Angesichts der aufgebauschten Berichte wünscht man sich Reportagen vom Format eines David Halberstam, der mit seinen Berichten vom Vietnamkrieg für uns Journalisten Maßstäbe gesetzt hat. Aber auch David lebt nicht mehr hier.

Im Web 2.0 entwickelt sich dagegen das nackige digitale Leben zügig weiter. In Las Vegas startet Microsoft seine Blogger-Konferenz Mix 07, in Hamburg geht die Firma SinnerSchrader mit der düdelnden Next 07 an den Start 2.0. So manche neue tolle Geschäftsidee wie ein faberzentriertes Chatsystem mit integrierter Sabeth-Paybackcam und vielen bunten Kondomen für Schüler wartet nur darauf, entdeckt zu werden. (Hal Faber) / (jk)