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Was war. Was wird.

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Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Es begab sich aber zu der Zeit, als Wolfgang Schäuble Innenstatthalter in Deutschland war und von seinen Mannen die Muslime erforschen ließ. Ein jeder von 970 Befragten musste sich einschätzen lassen, was denn seine Einstellung zur Demokratie, zur Religion und zu Religionen der vielen Anderen ist. Und als das Fest der Menschen nahte, die sich Christen nennen, ließ er die multizentrische Befragung in innerstädtischen Lebensräumen  veröffentlichen, genau am islamischen Opferfest: 40 Prozent der Muslime sind fundamentalreligiös. 10 Prozent sind demokratiefeindlich. 6 Prozent akzeptieren Gewalt gegen Andersgläubige. Gefunden wurde ein "ernstzunehmendes islamistisches Radikalisierungspotenzial". Das kann man als schlechte Nachricht nehmen oder als gute Nachricht. Was sind schon sechs Prozent? 14 Prozent der Deutschen sind ausländerfeindlich und dem Siebtel radikaler Muslime kann man politisch korrekt das Siebtel von Rechtsradikalen entgegenhalten, zumal in beiden Gruppen der Antisemitismus ansteigt. Auf den Juden lassen beide nichts kommen.

*** Vor mir liegt ein gerade erschienenes grünes Büchlein mit dem harmlosen Titel "Deutsche Zustände, Folge 6". Auch hier geht es um Umfragen, nur finden sie über einen längeren Zeitraum statt. Seit 2002 beobachten Soziologen die deutschen Zustände und wollen dies bis 2012 fortführen. Die Langzeitstudie ist darum interessant, weil sich zeigt, dass mit der zunehmenden guten Stimmung am Arbeitsmarkt ein drastischer Umschwung der GMF-Werte einhergeht. GMF steht bei den Soziologen für "Gruppenbezogene Menschen-Feindlichkeit". So etwas kann Antisemitismus sein, aber auch Fremdenfeindlichkeit, Sexismus und eben Islamophobie. Eigentlich können sich die deutschen Zustände sehen lassen: Der Antisemitismus geht zurück (6,9 Prozent 2002, 5,8 Prozent 2007), auch die Fremdenfeindlichkeit (26,8 Prozent 2002, 24,6 Prozent 2007), solange nicht nach den Arbeitsplätzen gefragt wird, die Ausländer Deutschen "wegnehmen". Dann nimmt sie nämlich zu. Im momentanen Wirtschaftsboom haben die Forscher nun ein neues "Syndromelement" gefunden: Die Langzeitarbeitslosen, die 2002 nicht als negativ empfunden wurden, sind mit dem Anstieg der Konjunktur die Prügelknaben der Nation geworden. Krachende 32,7 Prozent finden es empörend, dass sich Hartz-IV-Empfänger auf Kosten der Gesellschaft ein bequemes Leben machen. Wer die erschreckenden Zahlen nicht verstehen will, für den haben die Soziologen ein paar anschauliche Beispiele parat: "Du Hartz-IV-Empfänger" ist im Jahre 2007 eine Schiedsrichterbeleidigung, für die es die rote Karte gibt. Im Jahre 2007 kann Bundestalkmaster Thomas Gottschalk unter dem Beifall des Publikums Bierdosen als "Hartz-IV-Stelzen" bezeichnen. Breite Zustimmung bekam 2007 der Arbeiterführer Beck für diese Sätze, die ihn zum beliebtesten SPD-Politiker machen: "So wie Sie aussehen, haben Sie in ihrem Leben noch nicht viel gearbeitet. Waschen und rasieren Sie sich." Langzeitarbeitlose sind die neuen Paria. Das schöne Weihnachtlied vom chinesischen Weihnachtsessen können sie nicht einmal singen, weil es schlicht zu teuer ist. An ein Schulessen für "Hartz-IV-Kinder" ist gar nicht zu denken. "Moral? Nicht in der BRD! An ihrer statt nur Scheiße", heißt es im Weihnachtsgedicht, das Rolf Hochhuth für Angela Merkel geschrieben hat.

*** Es begab sich zu der Zeit, als Wolfgang Clement Minister für Arbeit, Arbeit und noch einmal Arbeit war, dass die Hartz-IV-Reform eingeführt wurde. Zu seinem Abgang sah Clement eine tolle Reform und ein Heer von "nicht Anspruchsberechtigten". Dass die Reform umsetzungstechnisch ein großer verfassungswidriger Käse ist, hat diese Woche das Bundesverfassungsgericht festgestellt. Bis 2010 darf weiter gewurstelt werden. "Für Betroffene von Hartz IV ändert sich nichts."

*** So wie die Kunst vom Kaufen abstammt, stammt das Genießen von den Genossen ab. Zu den verdienstvollen Genießern kann man Genosse Wolfgang Clement rechnen, im dritten beruflichen Lebensalter unter anderem Vorsitzender des Adecco-Instituts zur Erforschung der Zukunft der Arbeit. Erinnert sei an seine formvollendete Kiewelei für die Zeitschrift Facts im Januar, ein Editorial, dass die Spracherkennung Dictaplus in den höchsten Tönen lobt. Nach 16 Minuten lag in einem Wettbewerb der automatisch umgesetzte Text vor, verglichen mit 22 Minuten für ein herkömmliches Diktat. 30 Prozent Einsparungen versprach Clement allen Rechtsanwälten, die auf das konventionelle Diktat verzichten. Nun hat der Arbeitsforscher von Adecco einen weiteren Ansatz gefunden: "Wer heute auf dem Papier 70 Jahre alt ist, hat die körperliche Verfassung eines 60- oder 55-Jährigen der vorherigen Generation. Das kann doch nur bedeuten, dass wir den Horizont der Lebensarbeitszeit erheblich erweitern müssen." So ein sozialdemokratischer Horizont ist immer wieder etwas Feines, auf dem Papier.

*** Freut euch, ihr Christen! Während krippentechnisch und baumkugelmäßig alles beim alten bleibt, strahlt das neue Logo +) eine wunderbare Ruhe zum Fest aus. OK, +) ist nur das neue Logo der Evangelen in der norddeutschen Tiefebene, die damit auf ihre gerissene Art dem +[:) ASCII-Papst eine nette Referenz erweisen. Und was assoziieren meine treuen Leser, die irgendwo an diesem Wochenende in einem schlichten Rechenzentrum Dienst schieben müssen? Natürlich erstens an die hoch stehende Fischwerf-Kultur dieses Forums der Fachzüchter von Hommingberger Gepardenforellen; und zweitens an den Wettbewerb zum Bundestrojaner im letzten WWWW. Gewonnen hat Forumsleser Cobolist mit Palim-Palim sowie dem anschließenden Dialog: "Guten Tag, ich hätte gerne eine Tüte Daten." "Auf der Terrasse nur Kännchen."

*** Weihnachten ist ein Fest, an dem +) und +[:) samt Anhang sich gerne von besonders großer Menschlichkeit zeigen wollen, nicht nur den Langzeitarbeitslosen gegenüber. Die Mühseligen und Beladenen, die zur Futterkrippe immer nur die Melkmaschine oder die Bodenhaltung assoziieren, sollen, wenn sie im Knast sitzen, mit einem besonders netten Palim-Palim begrüßt werden. Insofern ist es eine noble Geste der Bundesstaatsanwaltschaft, für einen Gefangenen wie Christian Klar zum Fest die Beugehaft zu beantragen, damit er noch einmal etwas anderes als die normale Haft erleben kann. Während der Verfassungsschutz eine Mauer errichtet, sollte dieses Interview mit Christian Klar nicht unerwähnt bleiben. Als Extra für Tyler Durden hätte ich gern auf das begleitende Foto verlinkt, das Strommasten und einen Schinderanger zeigt. Wir können nur argumentieren.

*** Und sonst? Die Hetze vorbei, das "Fest" kann kommen? Wie wäre es mit ein paar Empfehlungen für die Geschenke in allerletzter Minute? Ein USB-Stick ohne getürkte Größe, dafür aber mit dem wunderbaren Truecrypt an Bord? Wer gar kein Geld hat, möchte vielleicht ein Zettelchen mit Hinweisen verschenken, wie man dem angehenden Wahnsinn der Vorratdatenspeicherung dämmen kann. Es gibt viele Provider mit aufrechten Sinnen, doch kiewelshalber möchte ich nichts empfehlen, sondern aktiv zum Nachfragen und Nachbohren aufrufen, damit es dämmert, welcher Wahnsinn da gegen die informationelle Selbstbestimmung reitet. Ach, gesucht wird nur noch ein aufregendes, spannendes Buch für das nachfestliche Schmökern? Wie wäre es mit Feindbild Demonstrant, in dem wirklich unglaubliche Geschichten erzählt werden? Musik? Nein, hier kann ich keine Vorschläge machen. Alicia Keys räumt ab, dass es nur so kracht. Die Herztöne des Babys der Schwester von Britney Spears? Schüttel, schauder. Wie wäre es, das ganze Gerummel sein zu lassen und dieses kleine Video zu genießen, das garantiert den CO2-Ausstoß reduziert?

Was wird.

Aber vielleicht kann man ja doch noch ein bisschen gute Musik hören, Fred Hersch beispielsweise, Leaves of Grass, eine Vertonung der Gedichte von Walt Whitman. Das hilft vielleicht, oder ganz sicher. Denn aber klar doch: Weihnachten wird es, was sonst? Wer jetzt noch herumschliddert in der norddeutschen Tiefebene, wird seinen Spaß haben am Eis, das von den Bäumen fällt und die Straßen schliddrig macht. Doch was ist schon Eis, wenn es nicht Magnus heißt? Darum freuen wir uns alle auf den Start von Magnus, immerhin der "Launch des Jahres". Alle Computerthemen "werden in einer Breite und Tiefe behandelt, die neue Maßstäbe setzt und alle bisherigen Onlineangebote bei Weitem übertrifft." Neue Maßstäbe sind immer gut, die alten wurden doch recht schnell sehr speckich, in diesem Jahr. (Hal Faber) / (jk)