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Was war. Was wird.

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Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** "Darling...." Wie seltsam, dass ein einziges Wort, mit jenem unverwechselbaren Timbre in der Stimme gehaucht, bereits ausreicht, um einen trivialen Sonntag in einem wunderbaren Feiertag zu verwandeln.

"Darling ... ich brauche deine Hilfe." Das klang dramatisch, wie immer, wenn Sabrina Probleme hatte, die nicht mit einer grazilen Bewegung weggetupft werden konnten. Wahrscheinlich hatte sie wieder etwas auf Telepolis gelesen, was sie beschäftigte. Aber nein: "Ich habe da was in diesem entzückenden Forum gelesen, wo sich all die netten Spinner aufhalten. Was ist eigentlich ein Gelübde? Und warum hört Twister auf? Wird sie Cellitin oder Ritaschwester? Die tragen alle so schrecklich schwarze Kleider."

Ich überlegte angestrengt. Es gibt keine einfachen Antworten, wenn sich jemand aus dem Leben verabschiedet, in dem er oder sie viele Freunde gefunden hat. Der Cyberspace ist da nicht viel anders als die netten Flecken in der norddeutschen Tiefebene. War Twister zu häufig online, gar forumssüchtig geworden? All das Geunke über die vielen Internet-Süchtigen hilft nicht weiter, selbst wenn der Heiseticker ein- und dieselbe Meldung mehrmals bringt, damit sie wahrer und wahrer wird. Und Twister hat doch viele Freunde, oder? Gerade vorgestern, als sie mit blauschwarz glitzerndem Haar passend zum Schwarzbuch Datenschutz in Bielefeld auf der Demonstration gegen den Überwachungsstaat redete, da schien sie viele Freunde zu haben.

Sabrina unterbrach meine Grübelei. "Darling, kann es sein, dass Twister nun Angst hat vor diesem Internet oder einfach die Lust verloren hat, mit einem Computer anderen Computern Nachrichten zu schicken, die gefressen werden? Ich meine, da ist so ein Netz voller entzückender Webseiten und dann die niedlichen Blogs mit den Kastenkippern und all das und dann kommt der schlaue Wolf daher und frisst alles weg, einfach alles."

"Das ist doch Quatsch. Ein Wolf frisst Zicklein und Großmütter, meinetwegen auch Katzen, aber doch nicht Computer und Webseiten."

"Doch Darling, es gibt solche Wölfe", hauchte Sabrina und raschelte in einem Berg Papier herum. Wie brachte sie es nur fertig, selbst die profansten Gesten mit so viel Eleganz auszuführen, als sei sie bei Hofe? Huldvoll überreichte sie mir eine Pressemitteilung des Innenministers von Nordrhein-Westfalen:

"Wer die Überprüfung von Daten auf Rechnern potenzieller Terroristen für einen Einbruch in den grundgesetzlich geschützten Wohnraum hält, hat das Wesen des Internet nicht verstanden. Der Nutzer befindet sich weltweit online und verlässt damit bewusst und zielgerichtet die geschützte häusliche Sphäre. Der Standort des Computers ist dabei völlig unerheblich. Es findet zudem keinerlei Überwachung der Vorgänge in der Wohnung selbst statt."

Sabrina lächelte triumphierend, aber vor allem so bezaubernd, und ihre grünen Augen glitzerten: "Siehst du, der Ingo Wolf ist doch ein kluger Mensch. FDP! Der würde doch nicht einfach so von einem 'Wesen' reden, wenn es kein 'Wesen' gibt. Dieses Internet, das ist gar nicht unter uns Menschen, sondern weit weg da draußen. Das ist praktisch eine Überschicht, die dem Staat gehört. Die Überwachung der Überschicht ist dann seine Aufgabe, genau wie die Unterdrückung der Unterschicht."

Ich spürte, wie meine Stimmung langsam aber sicher wegbröckelte wie die Marktanteile des Internet Explorer. Will dieses zauberhafte Wesen Sabrina das Wesen des Internet etwa mit dem OSI-Modell erklären? Das Versprechen im roten Samtkleid, eine ferne, schier unerreichbare Anwendungsschicht vor Augen, gab ich mir die Parole 'jetzt oder nie'.

"Sabrina, erinnerst du dich noch an den wunderbaren hübschen kleinen Wecker, den ich dir geschenkt habe? Auch der gehört zum Wesen des Internet, weil er über diese Technik namens Powerline mit einem Rechner verbunden ist, damit ich dich abends räkeln sehen kann. Da würde der Staat glatt in der Wohnung mit dabei sein, wenn ..."

"Du hast WAS gemacht? WAS macht der Wecker, wenn ich mich räkel? Was für ein Schwein bist denn du? Ich fass' es nicht." Mit ihren Pantöffelchen stürmte sie aus dem Zimmer, es krachte und knallte in ihrem Schlafzimmer. Die schöne Technik. Eine Person erschien, eine Furie, ein Monster mit einer geöffneten Flasche, einer Magnumflasche, meiner Magnumflasche.

"Sabrina, nun hör doch mal zu, Sabrina! Nein!! Hör auf!" Pitschpatschnass das schöne Sakko, die Hose hinüber. Wenigstens hatte ich dem Telefon ein Kondom übergezogen, in Erinnerung an alte klebrige Glühweingeschichten.

"Du Spanner, du Niete, du Wichser! Du bist unterste Unterschicht! Du ..."

"Sabrina, nun hör mir doch endlich mal zu! Unterschicht, das sind doch die Leute, die nicht die Fußnoten im neuen Angebot der T-Com verstehen. Ich habe es nur gut gemeint, wenn jemand ein Auge auf dich wirft."

"Vielleicht hat Twister ja das Handtuch geworfen, weil es immer mehr werden, die es gut meinen und Güter überwachen wollen. Die 1984 nicht stoppen, sondern einen Big Brother wie anno 1984 haben wollen. Wegen der Sicherheit. Am Ende wird die Sicherheit auch noch ein Wesen sein und das Grundgesetz Futter für den Reißwolf. Nee, nee. Deine Mission 1017 ist hier beendet, mein Lieber."

So hatte ich Sabrina ja noch nie erlebt. Nein, das war nicht mehr das zarte verhuschte Wesen, das 1999 in der Frauen-WG Fanta aus der Teetasse trank, nur darauf wartend, in die Welt des guten Geschmacks eingeführt zu werden. Eine Furie, die nicht mehr erkennen will, dass Webcams eine gute Sache sind, wird sicher nicht mehr erkennen können, was für ein Schutzengel ich für sie war, immer bereit, mit Autoschlüssel und Sakko, mit Kreditkarte und Handy. Auf dem Rückweg überlegte ich, dass eigentlich Twister Schuld an dem ganzen Schlamassel ist. Dass die Situation so aus dem Ruder gelaufen ist. Diese ganze Sensibilität und Scheu vor harmlosen Überwachungskameras, das kann nicht gut sein. "Ich ist ein Anderer", wollten diese Typen da in Bielefeld auf ihrer Demo als Parole brüllen. Vielleicht hat Twister wie Rimbaud in die Wüste rübergemacht, weil es da keine Kameras gibt. Au, verdammt, die Polypen ...

"Führerschein und Fahrzeugpapiere bitte."

"Was ist denn los? Bin ich zu schnell gefahren? Stimmt was mit dem Licht nicht? Das kann ich erklären, das ist ein Opel, der mal von Bloggern getestet wurde und nun bei uns ...."

"Alles in Ordnung. Aber sie sind durch unsere neue Geruchsschranke gefahren. Und ihr Wagen stinkt wie ein Bordell nach einem Politikerbesuch. Wenn Sie mal bitte in dieses Röhrchen blasen wollen."

"Aber ..."

"Kein Aber. Gleich erklären sie mir noch, Sie wüssten nicht einmal, dass wir in einem Schnüffelstaat leben."

*** Mit Sabrinas Entdeckung ist die Geschichte sicher nicht zu Ende. Vielleicht lernt sie ja eines Tages Hal Faber kennen, diesen rachsüchtigen Computer, dieses labernde und linkende Schreibprogramm oder diesen sonstwie entbürgerten Journalisten, so genau weiß man das nicht – der Heise-Parkplatz ist notorisch ziemlich dunkel, wenn das Manuskript übergeben wird.

*** Das heutige WWWW steht auch im Zeichen von John Gould, der heute vor 98 Jahren geboren wurde. Gould schrieb 60 Jahre lang eine wöchentliche Kolumne für den Christian Science Monitor und stellte damit einen bis heute ungebrochenen Rekord auf.

Was wird.

Auch die Diskussion um Überwachung und Sicherheit ist noch längst nicht vorbei. Die Gefahr, dass wir ziemlich gedankenlos in einen Überwachungsstaat schlittern, besteht nach wie vor. In München startet die Systems, und gleich am ersten Tag hält der rege Branchenverband Bitkom eine Pressekonferenz darüber ab, wie unverzichtbar die Biometrie ist, wenn es um einen sicheren Staat geht. Positiv erwähnt werden muss natürlich das Computermuseum München, das seine Exponate auf der Messe ausstellt und damit hilft, die eine oder andere leere Fläche zu füllen. Nur wer vergisst, aus welchen Wurzeln sich die heutige Technik speist, wird unkritisch die Fortschritte in der Biometrie und der Homeland Security bejubeln können.

Südlich von München beginnt die RSA Security Conference, über die der große Aryabhata seinen Schutzschild hält. Der Streit hält an, ob er wirklich Einsteins Relativitätstheorie 1400 Jahre früher entdeckte. Er erinnert an die alten Debatten, wie alt die Zivilisation wirklich ist.

Doch was ist Zeit, was ist Vergangenheit und was wird Zukunft sein? Der vorletzte Beitrag, mit dem sich Twister im Heiseforum verabschiedete, trug die Unterschrift "The future's so bright I'm gonna wear shades." Mit einer großen Umarmung für Twister schließt dieser Wochenrückblick mit den letzten Zeilen aus dem Gedicht "What You Realize When Cancer Comes" von Larry Smith.

When they take your picture now
you wet your lips, swallow once
and truly smile.

Talk of your lost parents
pulls you out, and
brings you home again.

You are in a river
flowing in and through you.
Take a breath. Reach out your arms.
You can survive.

(Hal Faber) / (jk)

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