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Was war. Was wird.

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Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** 500 Wochenschauen und dann Schluss? Aber nein, nix da. Natürlich gebe ich nicht auf, so ausgelaugt diese Textfetzel auch sein mögen im Urteil der geschätzten Leser. Oder sind sie eher ausgeleitet, wie dies im Sprachgebrauch des BKA heißt? Ganz sicher jedenfalls sind sie ausgelutscht im Urteil der deutschen Rechteverwerter, die beharrlich einen deutschen Trumm namens Zählpixel fordern: 499 * 3 = 1497 Euronen Tantieme. So platzen die Blütenträume vieler Einreicher, während die Verwerter Millionen in die Rücklage stecken und über das böse Internet jammern, in dem Texte so sagenhaft schnell entwertet werden.

*** Ja, das Jammern über das böse Internet und all die neuen Kommunikationsformen ist derzeit schwer im Kommen unter den Kollegen, die sich über das Geschnatter der Massen aufregen und dann schlimm entgleisen. Warum soll ein Online-Pendant zur Scheuermilch blos das Netz von dem "Geschmiere" befreien? Deutsche Kärcherlichkeit muss her, ja wäre denn nicht bei diesen dreckigen Klowänden eine Reichsschriftstumskammer wieder opportun, in der die lizensierten "Schreiberlinge" (Goebbels) das Internet mit Texten füllen? Wie wäre es mit der schlichten Erkenntniss, dass man nicht Twittern muss, wie man nicht die Belanglosigkeiten hören muss, die ein Jens Uehleke etwa in der Kantine von sich gibt.

*** Dann wäre danoch die journalistische Tugend der Recherche, die bei den Pöbeleien zum Thema Internet entfallen kann. Dummdreist wird da die Independance Declaration von Perry Barlow als Argument ins Spiel gebracht, ohne die historischen Zusammenhänge zu erwähnen, die zu dem pathetischen Manifest führten. Das übrigens 1996 auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos wie auf der anschließenden Multimedia-Messe Milia in Cannes mit Standing Ovations bedacht wurde. Bereits 1994 schrieb Barlow Leaving the Physical World. Es war die Zeit, als der Export des Verschlüsselungsprogrammes PGP aus den USA verboten war und nur gelang, weil der Quellcode als Buch veröffentlicht wurde. Die angebliche schrankenlose Freiheit des Internet stand nicht zur Debatte, wohl aber die staatlichen Bestrebungen zur Zensur, zur Verhinderung geschützter Kommunikation. Wer das vergisst, hält schnell das ganze Internet für böse. Und Perry Barlow, den Internet-Berater von JFK Jr am Ende für einen linken Gleichmacher.

*** Ja, das Internet ist ein furchtbarer Tatort, für manche Politiker ein riesiger Tiananmen-Platz im Cyberspace. Noch sind solche Bilder bei uns nicht möglich, weil bei den Beratungen der Innenminister in Fischtown erst einmal die Killerspiele zur Wahlkampfwaffe umfunktioniert werden mussten. Doch der aus polizeilicher Sicht notwendige Einsatz der Bundeswehr im Innern dürfte kommen, schließlich verschärft sich der Terror Tag für Tag. Der Wahlkampf hat natürlich Schuld daran, der Bundestagswahlkampf wohlgemerkt. Denn der Europawahlkampf, der heute zu Ende geht, verlief weitgehend friedlich, sieht man einmal von der FDP ab. Die Partei, die sich sonst für Bürgerrechte stark macht, zeigte kurzerhand, was sie vom unabhängigen Journalismus hält: nichts. Journalisten sind gefährlich, Blogger auch, wenn es um Serienerklärungen und Reisekosten zum virtuellen Wohnsitz geht. Denn Arbeit muss sich wieder lohnen: all die eidesstattlichen Erklärungen, all die Reisekostenanträge sind schweißtreibende Angelegenheiten.

*** Friede den großen Seelen: Das gilt nicht nur für den großen Kung Fu schlechthin. Im Alter von 78 Jahren ist der Informatiker Wolfgang Giloi gestorben, maßgeblicher Entwickler der Hardware beim deutschen Parallelrechner-Projekt SUPRENUM, auf dem das Betriebssystem PEACE von Giloi lief. Leider gehörte die Arbeit an dem damals schnellsten Rechner der Welt wohl nicht zu den angenehmen, friedvollen Erinnerungen des Mannes, der noch gemeinsam mit Konrad Zuse analog/digitale Hybridrechner konstruierte: Der Rechner wurde mangels Unterstützung durch die deutsche Wirtschaft eine Forschungsruine wie der Transrapid. Am Ende waren 100 Millionen DM verpulvert, während 30 Millionen fehlten, um den Rechner zu Ende zu bauen. Sie sollten von der Industrie kommen, die indes keinen Bedarf an einem Parallelrechner hatte. Das Projekt verendete in einer Sackgasse, weil sich alle Beteiligten vertraglich verpflichten mussten, das Know-How nicht ins Ausland mitzunehmen. Ein Stück der seltsamen Geschichte kann man bei Wolfgang und Wolfgang vom Computerclub nachlesen, komplett mit einer kuriosen Bewertung der Studentenbewegung in Berlin, die Giloi wohl amüsiert hätte.

*** Peace, Baby. Obama war da. Abgestiegen aus dem Himmel oder aus der Airline, wer will das schon so genau wissen bei all den Elogen, die auf die Lichtgestalt gehalten wurden. Mit Obama kam Elie Wiesel und hielt das, was man gemeinhin eine bewegende Rede nennt, eine Ansprache an die Welt, die ihre Lektionen nicht lernen will. Leider gilt das auch für deutsche Übersetzer, die Wiesels "grave in the sky" nicht verstehen wollen. Man bleibe mir weg mit dem Grab im Himmel, hier geht es um das "Grab in den Lüften", wie es in der Todesfuge heißt:

Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
wir trinken und trinken
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng

Was wird.

Belustigung erzeugte in dieser Woche die Meldung des AK Zensur über die langsamen Dienstwege beim BKA. So kann der Kampf gegen Kinderpornographie natürlich nicht funktionieren. Prompt faseln regierungsnahe Journalisten mangels besserer IT-Kenntnisse etwas von einer leistungsfähigen Infrastruktur, die dem BKA fehle. Das mag für manche Polizeidienststelle gelten, aber kaum für die Spitzenleute im Kampf gegen den Terror, die mit links einen Bundestrojaner bauen können. Die beim Kampf gegen die Kinderpornographie lässig die XML-Struktur einer befreundeten Polizei übernehmen und erweitern kann, statt eine kleine Excel-Datei zu nehmen, wie es das Familienministerium.

Doch wo Gefahr ist, da wächst das Rettende, heißt es bekanntlich in der Baumarktwerbung. Womit die werdende, rosige, ja fast schon strahlende Zukunft, das "Was wird" ins rechte Bild rückt: In Hamburg trafen sich eine Menge Journalisten bei einer Veranstaltung des netzwerk recherche und hörten sich an, was künftig die Mindeststandards für Journalisten sein sollen, wenn sie mit einem Computer auf die Recherche gehen. Da finden sich so nette Sätze wie "Journalisten müssen in der Lage sein, digitale Zensurmaßnahmen zu umgehen, z.B. durch Wahl der genutzen DNS-Server." Pressefreiheit muss eben die Freiheit sein, vor keinem digitalen Stopppschild zu kapitulieren, selbst wenn ein Wiefelspütz, ein Politiker der Siedler, ähem, der Generation C64, massiv den Schilderwald aufrüsten will.

Sehr schön liest sich auch diese Forderung an die Kollegen: "Journalisten müssen starke Passwörter verwenden. Sie müssen ihre Daten und Computer durch fremde (auch staatliche) Zugriffe schützen. Dazu müssen sie Techniken und Programme der Rechnersicherheit und solche der Verschlüsselung wie VPN, PGP/GnuPG, TrueCrypt und TOR beherrschen und verwenden."

Doch halt! Schon steht der erste Journalist am Pranger! In dieser kleinen Wochenschau finden sich ein halbes Dutzend Links auf Wikipedia, die Online-Enzyklopädie, die so wunderbar in Microsoft Bing integriert ist. Wie aber heißt es in den Mindeststandards? "Wikipedia darf nicht als Quelle verwendet werden. Klar muss sein, dass die Texte der Wikipedia grundsätzlich zweifelhaft sind und niemals Quellencharakter haben." Asche auf mein Haupt, der Presseausweis wird morgen abgegeben. Fairerweise sollte ich auch die Anmerkung zitieren, die an das Wikipedia-Verbot angehängt wurde: "Journalisten müssen wissen, dass Wikipedia durch die externen Links, die Einzelbelege und die Einordnung der Artikel durch Kategorien und Listen einen guten Recherche-Einstieg bildet." Wer Widersprüche findet, darf sie behalten: wir leben alle nur einen Fischwurf vom Abgrund entfernt. (Hal Faber) / (vbr)

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