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Was war. Was wird.

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Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Sisyphos war ein glücklicher Mann. Er türmte $indula $tbs auf $tbs, setzte ein knackiges $mfg drunter und fertig. Soweit eine der schönsten Sagen des klassischen IT-Altertums. Etwas realistischer ist die Geschichte von Len Deighton, dessen 1970 erschienener Roman Bomber das erste Buch war, das mit den Mitteln der Texverarbeitung geschrieben wurde, einschließlich der Nutzung von Textbausteinen. Bomber erzählt die Geschichte eines missglückten Flächenbombardements der Royal Air Force im 2. Weltkrieg, in dem der Marktflecken Altgarten vernichtet wird. Aber auch hier fehlt die ganze Wahrheit: Len Deighton nutzte eine normale Schreibmaschine und schrieb Kürzel ähnlich wie Jack Kerouac, dessen Buchcover "Unterwegs" Deighton illustrierte. Die Geschichte mit den Textbausteinen passierte in seinem Arbeitszimmer, doch die Bausteine türmte jemand anderes: Die wahre Sisypha war Ellenor Handley, Deightons Assistentin, die in kürzester Zeit die Technik der Textverarbeitung auf der IBM MT/ST erlernte. Frauen, Büsroassistentinnen genannt oder Sachbearbeiterinnen, manchmal auch schon Phonotypistinnen, brachten es auf den ersten Geräten wie der MT/ST zu großer Meisterschaft. Doch wer erzählt schon die Geschichte einer glücklichen Frau? Statt Ellenor Handley kassiert Len Deighton den Ruhm, was vielleicht zu der Geschichte passt, dass mit Ulrich Steinhilper ein deutscher Jagdflieger die Bestimmung der Textverarbeitung analog zur Datenverarbeitung durchsetzte. Er wurde am 27 Oktober 1940 bei der Luftschlacht über Deightons Heimatland abgeschossen.

*** $indula: In diesem unseren Land bereitet sich diese unsere Bundeskanzlerin auf die CeBIT vor und ist davon überzeugt, dass das Internet "ganz automatisch mit allem verschmelzen wird, was wir im Leben tun". In ihrem Video-Podcast hofft sie auf bessere Chancen für Internet-Startups. Private Investoren können ab dem 1. März einen neu aufgelegten "Investitionszuschuss Wagniskapital" erhalten, wenn sie in junge Technologieunternehmen investieren, um deren Eigenkapital zu stärken. Ja, Deutschland tut etwas für das alles einschmelzende Internet! Man denke nur an die vergangene Open Education Week und den Moodle-Kongress: Freies Lernen mit freien Inhalten! Offensichtlich gibt es aber zwei Internets $indula. In dem anderen freut man sich, das dank des unter Protest doch noch verabschiedeten Leistungsschutzrechtes nun Textbausteine vor Gericht geschleppt werden können: "Man kann lange darum kämpfen, und Anwälte und Gerichte werden das tun, welche Textbausteine künftig lizenzpflichtig sein werden." Auf "Dieser Satz kein Verb" folgt "Dieser Satz keine Leistung", und Journalisten winken neue Jobs als Suchmaschinenschnippseloptimierer, nur nicht beim Bayernkurier, dem einzigen Blatt mit der Nosnippets-Option. Hurra und Fiderallala, nach der Melodie von gah von mi:

Es gilt zu berich­ten, was neu­lich geschah,
Im Dienste der Presse und Ver­le­ger­schar
Fide­ra­lalala Fide­ra­lalala,
Im Dienste der Presse und Verlegerschar:

Es wurde beschlos­sen, dass Google sogar
Lizen­zen benö­tigt fürs Tra­lalala
Fide­ra­lalala Fide­ra­lalala,
Lizen­zen benö­tigt fürs Hopsassasa

Im Meer vol­ler Lügen schwimmt Keese und Co.
Sie haben gewon­nen und freuen sich so.
Fide­ra­lalala Fide­ra­lalala,
Die haben gewon­nen und freuen sich so.

Ver­lie­ren den Krieg und gewin­nen die Schlacht
Und kön­nen nicht hören, wie Google laut lacht
Fide­ra­lalala Fide­ra­lalala,
Und kön­nen nicht hören, wie Google laut lacht

*** Google lacht und stellt die "Deutschland-Ausgabe" von news.google.de per default auf "Schlagzeilen" um. Mehr ist nicht nötig, Fideralalala. Drum Leistung, wem Leistung gebührt: Der volle Text dieses Volxliedes von Polyhem findet sich bei Stefan Niggemeier in den Kommentaren. Ja, das neue Recht wirft viele Fragen auf, nicht zuletzt eine zum Abstimmungsverhalten der Polit-Prominenz. Folgt die große Klatsche im Bundesrat – der nicht ablehnen, nur das Scheinschutzgesetz in den Vermittlungsausschuss schicken kann?

*** Das wichtigste Dokument dieser Woche kann man hier lesen oder hier oder hier, vielleicht auch einmal hier oder gar hier. Die multiple Verlinkung möge verhindern, dass das Dokument eines Tages verschwindet. Denn es ist die Verteidigungsrede von Bradley Manning, die sich sehr anders liest als die heroischen Worte, die seine Unterstützer gerne veröffentlichen. Es ist die Geschichte von der Entstehung eines Zweifels, der in einer großen Verzweiflung endet. Es ist eine Rede, die von der Gewissensnot eines US-Gefreiten berichtet, aber auch von der Empörung über die Arbeit der "Embedded Journalists" vom Schlage eines David Finkel. Manning liest zuerst einen Zeitungsartikel über Finkel, dann geht er zu Google Books und liest ein Excerpt aus Finkels Buch über die Good Soldiers im Irak. Finkel ist der Journalist, der die US-Soldaten im Jahre 2007 begleitete, die Mitarbeiter von Reuters aus dem Hubschrauber erschossen. Seine im Vagen bleibende Schilderung veranlasste Reuters zu Nachforschungen, die von der US-Armee blockiert wurden. Seine Schilderung des Vorfalls, als würde etwas den Irakis heimgezahlt und besonders die Szene, in der ein Sterbender das Freundeszeichen macht, verstörten Manning nachhaltig: Ein US-Soldat antwortete mit dem Stinkefinger. Erst als das Video bei Wikileaks erscheint, wird Finkel gesprächiger, ein Zeichen, das Manning zu weiteren Taten anspornt. Bradley Mannings Motivation ist das klassische Plädoyer eines Whistleblowers, der an die Fähigkeit seines Landes glaubt, in offener Diskussion Fehler zu erkennen und zu korrigieren. Es wird in die Geschichte eingehen:

" I believe that if the general public, especially the American public, had access to the information contained within the CIDNE-I and CIDNE-A tables this could spark a domestic debate on the role of the military and our foreign policy in general as [missed word] as it related to Iraq and Afghanistan. I also believed the detailed analysis of the data over a long period of time by different sectors of society might cause society to reevaluate the need or even the desire to even to engage in counterterrorism and counterinsurgency operations that ignore the complex dynamics of the people living in the effected environment everyday."

*** In einer früheren Vernehmung des Untersuchungsgerichtes hatte die vorsitzende Richterin den Chefankläger Angel Overgaard gefragt, ob Manning dieselbe Strafe drohte, wenn er die Dokumente direkt der New York Times statt Wikileaks gegeben hätte. Die Antwort war eindeutig: "Yes, ma'am". In seiner Rede berichtet Manning nun davon, dass er versucht hatte, die Washington Post oder die New York Times zu kontaktieren. Auch wollte er eine CD mit dem Material bei der Redaktion von Politico abgeben, doch schließlich endete es bei Wikileaks, wo er mit einem gewissen "Nathaniel" eine Chat-Freundschaft geschlossen hatte. Aus dem knappen "Yes, ma'am" schließt der Jurist Yochai Benkler, dass mit Manning und der juristischen Konstruktion seiner staatsfeindlichen Handlungen ein Exempel statuiert werden soll, mit dem das Whistleblowing in baldiger Zukunft entsorgt wird. Dass der Friedensnobelpreisträger Barack Obama diesem Rechtsraubbau seinen Segen gibt, ist einer der ganz miesen Witze der Geschichte.

Was wird.

Das Positive kommt natürlich aus einer bekannten Tiefebene. Die Sonne lacht über Hannover, wo sonst? Hier und nur hier startet am Montag die CeBIT mit Pressekonferenzen und Showeinlagen von Heise mittendrin. Wolken gibt es bei uns nicht, denn Wolkenschubsen ist angesagt. Das Leitthema ist bekanntlich die Shareconomy, von der Deutschen Messe ganz offiziell definiert als "Veränderung des gesellschaftlichen Verständnisses vom Haben zum Teilen." Potz Merkel, da verschmilzt was und das Internet ist auch noch dabei! Das Gesetz der Sharea ist einfach: Wir nehmen uns, was wir brauchen, und teilen, was wir haben, ganz wie damals mit den Spielsachen und Süßigkeiten. Und wo wir schon damals sooo friedlich Spielsachen und Süßigkeiten geteilt haben, ist es doch bombig, wenn wir in dieser "Facebookisierung der globalen Wirtschaft" auch kleine und kleinste Details teilen, die andere brauchen. Das betrifft nicht nur Snippets oder Textbausteine, sondern auch Kinderbrei und Katzenfutter. Wir brauchen z.B. alle über kurz oder lang einen neuen Personalausweis und teilen dann wunderbar unsere Daten, die neue Super-Duper-Selbstauskunft anzeigt.

Nein, nein, trotz aller Mails keine Lästereien über die pressemäßig rührige Piratenpartei, die morgen zum gepflegten Presse-Brunch ins Berliner St. Oberholz einlädt, um die Ergebnisse einer Umfrage unter ihren Mitgliedern zu präsentieren. Erinnerungen an die große K-Gruppen-Spaltung der 70er werden wach. Und Italien? "Doch mit den Clowns kamen die Tränen", heißt es in einem 25 Jahre alten Simmel-Roman über eine Terror-Attacke auf Gen-Techniker, der allenthalben schief zitiert wird. Schon dumm, dass Tränen fließen können. (jk)

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