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Was war. Was wird.

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Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Irgendwas ist hier faul. Wenn die Nachbarn schon mit vorwurfsvoller Blockwart-Miene fragen, warum man denn keine Deutschland-Fahne aus dem Fenster hänge, wenn im ZDF und in der ARD Ballacks Wadenzipperlein die erste Meldung in den Hauptnachrichten sind (natürlich mit ausführlichen Hintergrundberichten und besorgten Sportreporterkommentaren), ja, dann ist hier irgendwas faul. All die Lobeshymnen über die wiedergefundene neue Leichtigkeit entlarven sich als übler Schwindel. Schade, der Tipp Türkei gegen Russland fürs EM-Endspiel war falsch. Verdient hätte es die Türkei zumindest gehabt. So aber entdecken die Blockwarte neue Leichtigkeit und fehlende Deutschland-Fahnen, Journalisten ihren Nationalstolz statt ihrer Unabhängigkeit. Irgendwas ist hier faul.

*** Noch fauler als die nationale Fußballbegeisterung gestandener Politikjournalisten ist aber nur die Ahnungslosigkeit mancher Berichterstatter in Tageszeitung, TV und selbst IT-Blättern über die Innereien des Internet und die seltsam byzantinischen Verwicklungen seiner Verwaltung, die unter dem Namen ICANN geführt wird. Welch Überschwang der Gefühle für Top Level Domains war da zu lesen, der höchstens noch von einer geheilten Ballack-Wade übertroffen werden könnte: Freie Wahl der Internet-Adressbezeichnungen, eine Top Level Domain für jeden Weltbürger, neue Domains so einfach wie das Aufdrehen des Wasserhahns im Bad, ja gar eine Revolution schien im Internet ausgebrochen! Die mediale Öffentlichkeit überschlug sich und ignorierte völlig, dass die Bürokraten der ICANN eigentlich nur eine bislang in Abständen von mehreren Jahren durchgeführte komplizierte Antragsprozedur für neue Domains in einen mehr oder weniger kontinuierlich geöffnetes Antragsbüro überführten. Wer aber die ICANN nur ein bisschen kennt, wird eher Antrags- und Bescheinigsungsorgien erwarten, die an den Bürokratiehimmel in "Asterix erobert Rom" erinnern denn an die große neue Freiheit im Internet. Die Internet-Verwaltung, die Verrückte macht? Zumindest manchen Medien erging es schon so. Man möchte angesichts solcher Verrücktheiten nicht wissen, was da sonst noch so faul ist.

*** Apropos faul: Ist er wirklich weg? Wirklich Tschüs, aus und vorbei? Das war ja nicht auszuhalten diese Woche mit Bill Gates, der nicht gestorben ist, sondern schlicht hinübermachte von der Exekutive in die Samaritive. All die Rückblicke für einen Mann, dem man nicht einmal mehr mit seinem 640 KB-Spruch kommen kann. Oder die Diskussionen, was Bill Gates als Programmierer taugte: Wenn überhaupt, müsste der Vergleich in vergleichbaren Kategorien her, mit Programmen, die damals entwickelt wurden. Etwa mit dem legendären deutschen Programmierer, der 1977 in Trance mit 45.000 Assemblerbefehlen ein Realtime-System schrieb, das angeblich niemals abstürzte. Dagegen sieht ein fehlerhafter FORTRAN-Interpreter alt aus. Was allerdings für Microsoft besser ausging als für die deutsche Firma mit ihrem Supercrack und seiner extrem stabilen Software, über die der verstorbene Informatiker Peter Molzberger schrieb: "Als meine Firma später mit dem Kunden wegen finanzieller Schwierigkeiten in Streit geriet und die Wartungsarbeiten einstellte, machte das auf diesen wenig Eindruck." Die Software lief jahrelang weiter und Molzbergers Firma musste Konkurs anmelden. Das musste Bill Gates nur einmal, mit Traf-O-Data.

*** Aber lassen wir das, was alles faul ist ... Bill Gates geht, Hal Faber kommt: Einfallsreicher als Programmierer sind nur die Journalisten, jener Berufsstand, der durch geduldiges Schmoren im eigenen Saft für die leckersten Nachrichten sorgt. Dabei kann es schon mal vorkommen, das gründlich ausgekochte Nachrichten als Neuigkeiten verfrühstückt werden, wenn es brav paritätisch um Gute Nachrichten, Schlechte Nachrichten gehen muss. Zur wirklich ausgekochten Spezies gehört die seit dem Herbst 2007 bekannte Nachricht von den Versuchen, ein zentrales Melderegister komplett mit der Speicherung der Steueridentifikationsnummer einzurichten. Insofern sieht die Aufregung um das geplante Zentralregister künstlich aus und etwas weit hergeholt, um nicht schon wieder wiefelspützbubisch zu schreiben. Da gibt es Kritiker, die allen Ernstes behaupten, dass unsere Feuerwehr keinen Zugriff auf ein zentrales Melderegister braucht, wenn sie einen Brand löschen muss. Dabei geht es bei Steuernummer und Waffenschein-Angaben viel mehr um die Wahl der richtigen Orte, an denen Feuer gelegt werden muss. Mann muss sich nur die schädlichen Folgen ausmalen, die falsches Datenmaterial beim Brandstiften haben könnte, dann verschwinden die Bedenken gegen ein solches Register schneller als gegorener Traubensaft im schmorenden Journalisten. Insofern ist die Datenpanne der Woche ein feiner Zug, ein Fingerzeig, wie es hier weitergehen kann. Denn was jetzt noch fehlt, sind schwedische Verhältnisse bei der Veröffentlichung von Steuerzahlungen. Die Mildmädchenrechnungen von 100 Millionen Euro Einsparungen für die Kommunen sind schon da, frisch geliefert von der Volksdatenküche. Womit wir dann doch wieder dabei wären, was so alles faul ist nicht nur im Staate Dänemark.

*** Aber was ist die einheitliche Steuernummer gegen die einheitliche Rentenversicherungsnummer, die in dem vom Bundeskabinett beschlossenen, gelobten wie kritisierten ELENA-Verfahren umgerechnet wird? Komplett mit allen Märchen über eine neue Chipkarte, die jetzt eingeführt wird, komplett mit der putzigen Erklärung, dass man sich eine qualifizierte digitale Signatur im Fachhandel besorgen kann. Wahrscheinlich für umme bei den Discountern, gemessen an den schlappen 3,33 Euro, die eine solche Signatur per anno kosten soll. Aufladen zum Supertarif, die PIN im Rubbellos, ein Volk von Sparern macht begeistert mit, zur Not gibt's auch ein Piercing, das allerdings meldepflichtig ist. Und Journalisten schreiben begeistert im Schmorsaft über die sagenhaften Einsparungen, die das Verfahren mit sich bringt. Wie war das mit dem, was so alles faul ist?

*** Genug des Fäulnisgeruchs. Journalisten sind übrigens nicht nur Schmorbratzen, sondern können auch hart wie Stahl sein. Denken wir nur an Kal-El, jenem "G^tt in Allem", der von Jor-El auf dem Planeten Krypton in ein Raumschiff gesetzt wurde wie weiland Moses, der Ägypter in ein Schilfkästchen. Feiern wir also den 70. Geburtstag von Superman alias Clark Kent, dem schüchternen Journalisten. Zwei jüdischen Jungen erfanden den Weltenretter, den Goebbels sofort als Juden erkannte. Mit seinem feschen Kostüm, das direkt aus einer Parade vom laufenden Christopher Street Day stammen könnte, rettete Superman die Welt, doch hatte er gravierende Probleme mit Monika Lierhaus, oder war das Lois Lane? Lanu? Das Wertpapier Uschi mit der schriflichen Bereitschaft zum Beischlaf sollte hier auch nicht vergessen werden. Egal. Superman, Superman, rausch heran und bekämpfe doch nicht diesen bescheuerten Troll Lex Luthor, sonder die Kinderarmut der SIM-Cardlosen oder sorge wenigstens für ordentliche deutschlandweit standardisierte Datenblätter.

*** Mit dem überaus europäisch gemeinten Endspieltipp Türkei gegen Russland lag ich falsch, wie gesagt. Wenn diese kleine Wochenschau ihre letzten Leser verlieren wird, spielt Deutschland gegen Spanien, Korn gegen Brandy, die Löwetreter gegen den Media-Markt, der 100 Euro für jedes nicht im Elferschießen geballerte Siegtor zahlen will. Sofern sich die deutschen Fußballer nicht im Dickicht der Defizite verirren, und der muskelzugemachte Kapitän nicht irritiert, könnte Spanien in die Pfanne gehauen werden. Unterstützt von einem Fraß, den nur Deutsche Ballermänner "Paella" nennen können. Es ist wie mit den Stromausfällen, die Experten als Mikroausfälle deklarierten, eben alles eine Frage der richtigen Wortwahl. Bleibt zum Schluss die Frage, ob der Sieg der deutschen gegen die türkischen Fußballer in einem IT-Ticker peinlich und kläglich genannt werden darf. Vielleicht muss man hier etwas differenzieren: Peinlich war es zumindest, dass zunächst Ugur Boral zum "Man of the Match" deklariert wurde und kurz danach durch Lahm ausgewechselt wurde. Ansonsten sollte nach dieser EM das Expertengerede über 4-4-2 oder 4-2-3-1-"Systeme" verstummen wie Monika Lierhaus. Wenn dann noch die amtierende Regierende wie Paris Hilton die Faust zum Torschrei ballt und reckt, dann kann der "Sangria" genannte Chemopunsch in Strömen fließen. Ach, und was hier alles faul ist ...

Was wird.

Wo bleiben denn nur die Jubiläen? Am Montag vor 30 Jahren wurde Rudolf Bahro in der DDR zu acht Jahren Gefängnis verurteilt, weil er eine "landesverräterische Sammlung von Nachrichten" im Ausland veröffentlicht hatte. Die schlichte Nachricht von Bahro war in seinem Buch "Die Alternative" zu lesen und trug den Namen "Industrialisierungsdespotismus": Staatsapparat und Partei hatten die Rolle der kapitalistischen Ausbeuter übernommen und herrschten über das Volk. Das Buch wie die Verhaftung provozierte außerhalb des Ostblocks eine lebhafte Diskussion, die manchem Gutmenschen die Augen öffnete.

"Haben Sie schon einmal hier telephoniert, ja? Nun also dann werden Sie mich vielleicht verstehen. Im Schloß funktioniert das Telefon offenbar ausgezeichnet; wie man mir erzählt hat, wird dort ununterbrochen telefoniert, was natürlich das Arbeiten sehr beschleunigt. Dieses ununterbrochene Telefonieren hören wir in den hiesigen Telefonen als Rauschen und Gesang, das haben Sie gewiss auch gehört. Nun ist aber dieses Rauschen und dieser Gesang das einzig Richtige und Vertrauenswerte, was uns die Telefone übermitteln, alles andere ist trügerisch." In dieser Woche wird der 125. Geburtstag von Franz Kafka gefeiert. Die zitierte Passage aus "Das Schloss" zählt zu den Notaten, die Claude Shannon bei der Abfassung seiner Arbeit über das Rauschen studierte, die ihn schließlich zur seiner Theorie der Kommunikation führten.

Damit schließt sich der Kreis, dreht das Hamsterrad der Wochenschauen seine nächsten Runden. Von der nicht beweisbaren Kunst des Programmierens des großen Abwesenden gelangen wir über den Stil der Sourcen nach Prag, wo in dieser Woche Lenka Reinerová gestorben ist, die letzte Zeugin einer großen Epoche. Der stählerne Blick geht nach vorn, direkt in das unendlich große Sommerloch.

Sommerloch, Sommerzeit, da war doch was: Das Sommerrätsel wartet und das gleich in doppelter Form. Mittenmang zur Olympiade sollen sich die Rätsel-Episoden um Sport und IT drehen. Als bekennender Unsportler bin ich dabei auf die Weisheit der Massen angewiesen und bitte um Rätselvorschläge, einzureichen bei hal@heise.de. Den Anfang macht ein anderer berühmter Prager, dessen IT-Vetter bei einer Olympiade sämtliche Rekorde brach. Wie viele Zeichen hatte der Arbeitsspeicher? (Hal Faber) / (jk)

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