Menü
4W

Was war. Was wird

Lesezeit: 4 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 53 Beiträge
Von

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** "Der Tod bedeutet,
dass du nie zu sagen brauchst,,
du wärest unvollkommen"
,
Richard Hell, Blank Generation

Wacko Jacko ist tot und "das" Internet vibriert. Selbst in hartgesottenen BSD-Blogs jammern Menschen in schwülstigen Tönen vom "genialsten Genie". Selbst die Frankfurter Allgemeine Zeitung muss sich den nötigen Kitsch in der Kirche ausleihen: "Uns ist ein Kind gestorben". In den USA singen Barak Obama und Angela Merkel einträchtig mit "We are the world, we are the children, we are the ones who make a brighter day ..." Die alte Musikindustrie feiert neue Rekorde, die neue Musikindustrie hat ein hübsches Thema: Wer wird der neue King of Pop? Zum King wurde Jackson mit seinem revolutionären Album Off the Wall. Danach begann ein Thriller: der meistverkaufte Abstieg aller Zeiten, die Demontage eines vielfach missbrauchten Menschen.

*** Don't Stop ... muss heute ohne Audio-Link bleiben, die Kanäle sind an diesem Wochende verstopft, unter anderem auch mit komischen Texten über Michael Jackson als den "Repräsentanten einer postmodernen Form afroamerikanischer Spiritualität". Viele Erinnerungen werden wach, etwa an die Domino-Theorie von Crawdaddy!, nach der im Pop immer drei Giganten sterben müssen, ehe die nächste Stufe gezündet wird. Es begann mit Buddy Holly, Ritchie Valens und Big Bopper, es folgten Jimi Hendrix, Jim Morrison und Janis Joplin. Kurt Demmler! Michael Jackson! Wer ist der Dritte?

*** "We are the children", ja, ha, da war doch was. Michael Jackson ist gern mit kleinen Jungs ins Bett gegangen, aber ganz sittsam. Und Demmler sang, dass jeder Mensch jeden lieben kann. Wie ist das eigentlich, wenn man sich eine Haut macht miteinander, und sei es nur mit Photoshop? Es ist alles schwer verboten und wird täglich verbotener und verworrener, genau wie die Behauptungen über ein angebliches Millionengeschäft mit Kinderpornographie. Wer mutwillig das geplante Stopp-Schild über die bald ins Internet eingebaute Zugangserschwernis ansurft, wird ebenso zum Ermittlungsfall, wie alle Menschen, die Zensurlisten prüfen wollen. Es wären Menschen, die bei Berichten über China als "mutige Kämpfer für Demokratie und Meinungsfreiheit" genannt werden.

*** Im letzten WWWW mokierte ich mich über die Phrase vom Internet als rechtsfreien Raum. Andere haben nachgelegt, mal mit lustigen Artikeln, mal mit schlampig recherchierten Schnellschüssen. Will man sich wirklich nicht mehr beispielsweise an den von Jörg Tauss gegründeten virtuellen Ortsverein der SPD erinnern, dessen erstes Thema "Zensur im Internet" war? Das Ganze komplett mit der Frage, ob das Netz eigentlich ein rechtsfreier Raum ist. Wer die Ruinen besucht, wird die Texte nicht mehr finden, ebenso die Geschichte mit der Kinderpornographie, die einstmals Compuserve und seinen Geschäftsführer ein Verfahren einbrachten. Was bleibt, ist die Aussenansicht. Zu den durchgeknallten Politikern (doch, das darf man noch sagen, denken und schreiben) gesellen sich mit schöner Regelmäßigkeit durchgeknallte Journalisten, die an einem besonders schlimmen Teil des Internet angeschlossen sind, vorzugsweise in Hamburg, die besonders geschickt in der Vorverurteilung sind und die Formulierung "Lappalie" aus einem anonymen Leserbrief an den Tagesspiegel aufgreifen, um die "Netzgemeinde" zu charakterisieren.

*** Was aber ist die Netzgemeinde, wenn nicht ein Haufen von Menschen, die seit mehr als 20 Jahren elektronisch kommunizieren? Viele von ihnen sind von der aktuellen Schwafelei um den rechtsfreien Internetraum und die Funktion von Stoppschildern irritiert und wähnen sich auf dem falschen Planeten oder mindestens im falschen Jahrtausend. Dabei ist es doch ganz einfach, wenn man es analog rückübersetzt. Deutschland ist kein rechtsfreier Raum:

Hin und wieder verschicken Menschen in Deutschland Morddrohungen. Mit der Post. Das Schlimmste: die Täter vergessen immer öfter, diese Briefe mit einem korrekten Absender zu versehen.

Doch Deutschland ist kein rechtsfreier Raum – also werden ab sofort jeden Morgen alle Briefe vom örtlichen Polizeipräsidenten untersucht. Wenn er etwas entdeckt, was er für eine Morddrohung hält, dann verbrennt er den Brief. Den Absender ermitteln kann er nicht, das ist zu schwierig. Den Empfänger informieren lohnt nicht, denn Morddrohungen werden meistens sowieso nicht in die Tat umgesetzt und beunruhigen will man ja auch niemanden. Einmal im Jahr darf ihm bei der Kontrolle der Briefe ein Richter zusehen, wir leben ja schließlich in einem Rechtsstaat. /.../

Ja, mit dem Internet wird diese geniale Idee in die Tat umgesetzt. Wer wird da schon von Zensur reden, wenn es nur um grundböse Menschen geht? Stünde der Satz vom rechtsfreien Raum Internet tatsächlich unter Strafe, würden die Reihen im Bundestag ganz schön gelichtet werden.

*** War da noch was? Aber sicher doch, was wären wir ohne Kulturpreise? Ein Volk von Preisschilddruckern und Guckern. Die Grimme Online Awards wurden verteilt, auf dass wir uns mit dem Kollegen Jens Weinreich freuen können, dessen Blog tatsächlich der alternative Sportausschuss der verlotterten Republik geworden ist. Freuen wir uns außerdem mit Theo Zwanziger, der in der nächsten Woche auf dem CSD-Empfang des schwulen Netzwerks Nordrhein Westfalens die Goldene Kompassnadel 2009 bekommt, im Beisein von Franz Müntefering.

Was wird.

Damit sind die Themen der kommenden Woche aufgeschlagen. Die deutsche U21-Fußballnationalmannschaft steht im Endspiel der Europameisterschaft. Nein, jetzt wehen keine schwarzrotgoldenen Fahnen wie in Klinsmanns Sommertagen, jetzt tobt sich der Hass der Nazis und "Gesamtrechten" über diese Mannschaft in den diversen Sportforen aus. Der Hass gegen Multikulti und alles andere, was nicht als deutsch empfunden wird, schließt auch das Ereignis ein, das heute vor 40 Jahren zum Aufbruch der Schwulen- und Lesbenbewegung führte. Vielleicht wird es was, mit diesem Aufbruch, wie etwas bei den jungen Kickern geworden ist. "Typisch deutsche Tugenden vereint mit der Phantasie ihrer Migranten", hieß es im italienischen Urteil über die Truppe aus Dönerland.

Eine ganz andere Fusion soll sich in Potsdam abspielen. Dort startet die Internationale Integrabilitäts-Konferenz in Eich- und Stringtheorien und versucht nichts Geringeres als die Weltformel zu finden. Seitdem vor kurzem entdeckt wurde, dass mit dem Bethe-Ansatz höherdimensionale Quantenfeldtheorien integrabel sein können, gibt es neue Versuche, die Allgemeine Relativitätstheorie mit der Quantenmechanik zu verbinden. Die Antwort auf die große ungelöste Frage der Menschheit lautet eben nicht nur 42, wenn man noch die Ausgangsfrage weiß. Sie wird im Anti-de-Sitter-Raum beantwortet.

Die Woche endet in Kairo mit dem Start des diesjährigen Finales von Microsofts Imagine Cup, der thematisch an der Milleniumkampagne der UN ausgerichtet ist. Als deutsche Teilnehmer hat sich ein Team der TU Dresden für die Endausscheidung qualifiziert, was irgendwie ganz tröstlich ist: Dresden mag mit seiner "Waldschlösschenbrücke" richtig Scheiße aussehen und den UNESCO-Titel als Weltkulturerbe verlieren, dafür bessern Programmierertaten das Image umso nachhaltiger aus. Erst recht, wenn das interessierte Publikum mitwählen kann. Außerdem muss man ganz ehrlich sein, liebe Sachsen: Was gibt es schöneres als den Schlamm am Rande der norddeutschen Tiefebene? (Hal Faber) / (jk)