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Was war. Was wird.

Was ist schon eine Kreuzigung gegen ein Kreuzworträtsel? Bei den Leiden des IT-Geplagten ist "jeder nur ein Kreuz" eine Wellness-Empfehlung. Hal Faber gibt lieber Spenden-Tipps; vielleicht existiert es ja doch, das Universum freundlicher Menschen.

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Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** "Ein gutes Leben im falschen ist gar nicht so schlecht": Fischfingers Paraphrase auf den guten alten Adorno mag für viele Lebensgelegenheiten der passende Spruch sein, für die IT-Welt gilt er allemal. Denn man ist ja immer noch so blöd und gibt Open-Source-Software einen Vertrauensvorschuss, statt sie wie jede andere Software auch zu behandeln. Aber irgendwann ist auch die größte Portion guten Willens aufgebraucht; irgendwann ist auch die Mühe nicht mehr zu viel, die Arbeitsumgebung mit all den lieb gewordenen Gewohnheiten auf ein neues Programm umzustellen; irgendwann ist einem das gute Leben lieber als das vermeintlich richtige, das es im falschen eh nicht gibt. Also weg mit diesem Ding, das als angeblich schlanker Webbrowser wegen der Aufgeblähtheit und Fettleibigkeit von Mozillas Websuite startete und mittlerweile jeder Software-Schlankheitskur spottet: Es war meist nicht besonders gut, das Leben mit dem Firefox, aber allemal besser als mit der Konkurrenz aus der Redmonder Webküche. Üben wir uns jetzt aber nicht in der Kunst des Vergessens, wie sehr uns der Firefox die ganze Zeit gequält hat, preisen wir lieber den Opera. Hach, wie das flutscht ...

*** Aber ja: "... und vor allem träumt man von einem Universum freundlicher Menschen." Das gute Leben im falschen hat eben auch so seine Illusionen. Und es begab sich zu der Zeit, als Merkel Kanzlerin in Berlin war und ihre Familienministerin von der Leyen in einer Altpapiertonne. Zu jener Zeit, als der Stern der Internationalen Raumstation über dem Bundeskanzleramt stand, hörten beide, dass wieder einmal ein Kindlein per Subventionsempfang erscheinen sollte. So beschlossen sie mit ihrer Regierung, das Kindergeld zu erhöhen, denn die Menschen im Lande waren arm und dazu verängstigt, nachdem der reiche Jude Madoff 50 Milliarden Dollar vernichtet hatte und kein Auto mehr gebaut wurde. Für jedes Kindlein sollte es 10 Euro mehr geben, ab dem dritten sogar 16 Euro. Die hungernden Familien frohlockten, nur nicht die Ärmsten der Armen, die Hartz IV-Empfänger genannt wurden. Bei ihnen wurde die Erhöhung auf die Sozialleistung angerechnet und diese entsprechend gekürzt, denn die Menschen waren faul und glaubten nicht an die Segnungen des "Fordern und Förderns" mehr.

*** Zu dieser himmlischen Zeit, als der Post-Mindestlohn gekippt wurde, weil das Geschäft namens "Hungern und Befördern" nicht gefährdet werden durfte, hatten zwei Kuriere Hunger. Sie vergingen sich an einem Gebäck, das wie ein gewickeltes Kleinkind christlichen Glaubens aussieht. Als die beiden jeweils ein Stollenkindlein vernichtet hatten, klebten sie die Packzettel um. Doch der liebe Gott sieht alles – aber er petzt nicht, steht in großen Lettern mahnend auf dem Jahresplaner 2009 des FoeBuD. Auf der Erde sieht es freilich anders aus, oder auch nicht. Singend und preisend kamen die Schafe vom Felde und fragten nach ihren Kreditkarten, denn der Missbrauch war groß.

*** Das christliche Treiben, dem Millionen unschuldiger Tannengewächse zum Opfer fallen, ist für Außenstehende voller Rätsel und Wunder. Hektische Kollegen, die mit flackernden Augen wie entzugsbedrohte Computerspieler nach Ideen für Weihnachtsgeschenke fragen, sind noch das Normalste. Seltsamer ist es schon, dass eine gefährliche heiße Chemikalie namens "Glühwein" (Hydroxymethylfurfural) ausgeschenkt werden darf, gegen die das Gebräu der "Sauerland-Gruppe" Tiramisu ist. Dabei ist alles doch so simplifyistisch. Statt Glühwein trinke man einfach Spülwasser mit einem Schuss Rote Beete, das passt zum Start des Speedee Service Systems heute vor 60 Jahren. Noch kein Geschenk zur Hand? Der Newsletter der deutschen Simpel weiß einen bestrickenden Ausweg:

"Ruhm schenken
Wikipedia, die riesige Internet-Enzyklopädie, bietet eine wunderbare Möglichkeit: Schenken Sie einem Ihrer Freunde Online-Ruhm, indem Sie einen Persönlichkeitseintrag für ihn erstellen. Voraussetzung ist, dass derjenige nicht öffentlichkeitsscheu ist und eine gewisse berufliche Wichtigkeit besitzt. Der Artikel sollte von (zumindest lokalem) öffentlichem Interesse sein, sonst verstößt Ihr lexikalischer Eintrag gegen die Wikipedia-Grundregeln."

Vielleicht müsste der Vorschlag ergänzt werden, weil nicht jeder Mensch eine gewisse berufliche Wichtigkeit hat, sondern etwa ein schlichter Verlagsmitarbeiter ist. Schenken Sie durch die Blume, etwa einen Wikipedia-Eintrag zum "Startloch", von dem so viel die Rede ist, mit einem dezenten Wink, dass das korrekte Wort vergeben war. Für öffentlichkeitsscheue Mitmenschen, die nicht in den Startlöchern der nächsten Konjunktur hocken, muss man sich etwas anderes ausdenken, vielleicht einen kleinen Blog aufsetzen, damit er oder sie sich schon mal an den Gedanken gewöhnen können, eine kleine Bildzeitung zu sein. Dann klappt's auch mit dem Eintrag in der Wikipedia, es sein denn, der Löschkönig zerrt mit kalten Fingern am Eintrag:

Wer schreibt so spät noch bei Nacht wie verhext?
Es ist der Autor mit seinem Text.
Er schreibt den Artikel mit der Tastatur,
vergisst die Zeit, sieht nicht zur Uhr.

Lemma, was birgst du so bang dein Gesicht?
– Siehst, Autor, du den Löschkönig nicht?
Den Löschekönig mit Bier und Schaum?
– Artikel, es ist nur ein Traum ...

*** An Weihnachten wird nicht nur lauteren Herzens verschenkt, sondern bereitwillig gespendet. Eigens zum Fest möchte ich darum einen guten Freund vorstellen, der einen guten Freund vorstellen möchte. Die längere Einleitung kann man natürlich bei der Byteburg lesen.

"Martin hat sich da konsequent etwas ausgesucht, vorgenommen und hat es durchgezogen. Mit seinem Partner Luke, einem French Canadian, sind die beiden in die allerunterste Schublade der nötigen Hilfe gekrabbelt die man sich wohl überhaupt vorstellen kann: im fast ärmsten Land der Welt, Haiti, und dort Waisenkinder und die auch noch mit AIDS, wirklich die extremste aller Notsituationen. Der Plan war vor einigen Jahren nach einigen Besuchen: dort ein brandneues Waisenhaus aufbauen. Und das allein wär' schon ein beträchtliches Unterfangen, schwierig, intensiv, sowohl in Zeit, Energie, Geld und rundherum der Fokus. Hut ab also allein schon für die Idee und die Nerven, anzufangen und den nächsten Hut dann dafür, das durchzuhalten, über Jahre hinweg.
Die beiden haben mit wirklich intensivem Aufwand es dann auch geschafft: Da steht es, ein neues Häuschen, sogar mehrere, und die ersten Kinder sind dort, die ersten Krankenschwestern, Ärzte, Lehrer kommen, Essen, Medizin, alles ist in der ersten Phase angekommen und absolut klasse umgesetzt.
Martin hat mit seinem Team aus dem IT Bereich zu der ganzen Sache eine Webseite entwickelt, und zwar nicht eine simple Spendenaufrufseite, sondern ein ganzes System für sich. Ich sehe es fast als eine generelle Lösung für alle möglichen Projekte, die auf Spenden angewiesen sind. Hier ist es zugeschneidert auf dieses erste Projekt, aber es könnte eigentlich auf HUNDERTE andere passen.
Und ich sage das mal einfach so in den Raum hinein: Ich glaube kaum, dass ich je irgendeine andere Seite gesehen habe, die so effektiv das Ziel verfolgt, jemanden zu einer Spende für einen guten Zweck zu verleiten, und das ohne Schreckensnachrichten, ohne pathetisch zu werden, ohne nur Schuldgefühle auszulösen oder ewig auf die gleichen Pavlov Knöpfchen zu drücken, ohne Tricks ehrlich und offen, und dann aber auch nicht blauäugig oder schönredend - oder noch schlimmer -schöngerechnet. Mit einem kleinen Lächeln, einer kleinen Träne und einem großen Herzen. Mit der Seite wird einem erst wirklich bewusst, wie viele Dinge nötig sind, von der Milch Flasche für $1.25 zum Kabel und Windeln und Benzin und Medizin, bis hin zu den Betten und Waschbecken, und dann das Land, das Holz, die Werkzeuge und schließlich eine Stunde Krankenschwester, ein Tag Kinderhelferin, ein Tag Lehrer, Zimmermann, Koch."

Wir können ein Waisenhaus bauen. Punkt. Aus.

*** Aus? Aber nicht doch, lieber Kai. Wir träumen weiter von einem Universum freundlicher Menschen. Denn die Welt braucht mehr als Spenden, sie braucht auch noch Freude am Fördern, Geschichten und ein paar Träume. Und sie braucht Kommunikation wie das WWWW, was natürlich keine Eigenwerbung ist, sondern diesmal für Wortwechsel weltweit steht, um noch eine Spendenmöglichkeit zu nennen.

*** Had I the heavens' embroidered cloths,
Enwrought with golden and silver light,
The blue and the dim and the dark cloths
Of night and light and the half light,
I would spread the cloths under your feet:
But I, being poor, have only my dreams;
I have spread my dreams under your feet;
Tread softly because you tread on my dreams.

Das schrieb William Butler Yeats an die von ihm angebetete Maud Gonne, die am Samstag vor 143 Jahren geboren wurde. Ein Dutzend Heiratsanträge waren erfolglos. Die irische Aktivistin ließ sich nicht auf den Poeten ein, sondern heiratete den irischen Major MacBride. Ihr Sohn Seán MacBride, einer der Gründer von Amnesty International, wurde 1977 von der UNESCO beauftragt, einen Bericht über die Kommunikationsprobleme in der Welt zu veröffentlichen. Dieser Bericht "Viele Stimmen, eine Welt", auch MacBride-Report genannt, erschien vor 30 Jahren in der ersten Fassung und sorgte für einen weihnachtlichen Eklat. Die USA und Großbritannien sahen die Freiheit ihrer Presse gefährdet und traten aus der Kommission aus. Britischen wie US-amerikanischen Presseagenturen wurde verboten, über den Report zu berichten, der die Einbahnstrasse der der durch westliche Medien und besonders durch Nachrichtenagenturen monopolisierten Informationsflüsse scharf kritisierte. Fast vergessen ist das Kapitel "Der Schutz des einzelnen, seiner Freiheit und seiner Privatsphäre im Computerbereich", das vom Schweden Jan Freese verfasst wurde. Der Kampf um das informationelle Selbstbestimmungsrecht hatte auch internationale Dimensionen.

*** Damit ein letzter Tip für den Gabentisch, für Bastler wie Käufer, die nicht an jedes Weihnachtsmärchen glauben, was mit den Worten "Es war einmal in einigen herausragenden Fällen" beginnt. Erinnern wir uns nur daran, dass ein deutsches Magazin eine mysteriöse "Online-Durchsuchung" beim Bundesnachrichtendienst gemeldet hatte, bei der "eine kleine fette Schwuchtel" eine herausragende Rolle spielt. War da der Weihnachtsmann gemeint, der all die Geschenke bringt und mit seinem Sack bepackt leicht adipös herumsaust? Oder ist das nur eine geschickte Tarnung von Spion und Spion? Wer diese Notizblock-Posse liest, wird an der neuesten Wendung seine helle Freude haben. Nach den drei Amateurfotografen mit Notizblock und ihren reaktionsunfähigen Kollegen im Hauptquartier geht der Tanz der Vampire im Kosovo offenbar weiter. Kleine fette Schwuchteln, soweit das Auge reicht. Europa, du hast es gut.

Was wird.

Weihnachten wird, und dann sind endlich auch die großen Schmidt-Festpiele zu Ende, die uns aus allen Gazetten entgegenquellen und endlos nerven. Dabei ist das finale Wort zur Beendigung dieser Veranstaltung schon gesprochen:"Der große Respekt vor ihm, er ist auch ein Produkt der Nostalgie der Deutschen. Und ihrer zentnerschweren Sehnsucht nach einfacheren Zeiten", resümiert Kurt Kister die Schmidt-Epen auch seines eigenen Blattes im Rahmen der großen Festspiele. Einfacherer Zeiten, die es nie gab und nie geben wird, möchte man fast automatisch hinzufügen.

Aber nun gut, ehe bald die bunten Raketen gezündet werden und das nächste Jahr beginnt, begleitet von einem Jahresend-WWWW mit all den Statistiken und Statistiküssen, die den Fluss der Nachrichten zeigen wollen, gibt es also ein Fest. Hier in der norddeutschen Tiefebene werden die Höfe blitzblank gefegt sein, die Windräder abgestellt; und peinlichst wird darauf geachtet, dass kein Rad im Freien sichtbar ist. Böse Geister könnten in der Nähe sein und so ein Rad benutzen und damit das abgelaufene Jahr erneut anschmeißen, wie eine Klagerunde von SCO. Wer kann das wollen, wer will schon alles noch einmal erleben, was 2008 geschah, das zieht einem doch die Schuhe aus? Allen meinem einen Leser wünsche ich einen darum schönen Datenstollen, viele Dataschenke und Grappa statt Data. Für die ohne Krippe, Ochs und Esel, denen Räder egal sind, Geschenke sowieso, empfehle ich eine ordentliche Kreuzigung: Heute vor 95 Jahren erschien das erste Kreuzworträtsel der Welt. (Hal Faber) / (jk)