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Was war. Was wird.

Auch der oberste Kriminaler dieser unserer Republik lebt anscheinend in einer Parallelgesellschaft, in der nur König Ubu das Sagen haben kann, anders sind die pataphysischen Verwerfungen dieser unserer Realität kaum zu erklären, grübelt Hal Faber.

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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Schreiße! Scheize! Schoiße! Wir haben zwar einen Weltherrscher, aber keinen König Ubu mehr, einen richtig feigen und verfressenen Tyrannen, dem jede Enthirnung recht ist und jede Steuererhöhung für sein "Pfuinanzministerium" hochwillkommen. Scheiße, wo bleibt Ubu 2.0, wenn es darum geht, die ubueskische Verfassung unserer Regierung aufzudecken? Vor hundert Jahren starb der große Radfahrer Alfred Jarry, nach vielen hunderten Ch's, Ch's, Ch's. Der Begründer der Pataphysik, der auf seinem Fahrrad die Klingel durch den Revolver ersetzte (wovon jeder Fahrradfahrer träumt), übt bis heute einen großen Einfluss auf unsere Kultur aus, von den Ignobel-Preisen bis zum Freitags-Flamewar im Forum, gleich nach dem Donnerstag, dem großen König-Ubu-Staatsstreichtag.

*** Wie gesagt: Auch unsere Regierung ist nachhaltig pataphysisch beeinflusst und auf dem besten Weg in die ubutistische Diktaktur. Anders kann ich mir die ubuesken Äußerungen einer Justizministerin nicht erklären, die nicht weiß, was ein Browser ist (Video, 26 MByte), aber dennoch von den Gegnern der Vorratsdatenspeicherung den Sachverstand einfordert, den sie nicht besitzt. Eine Karrieristin im Fahrwasser jenes Otto Schilys, der als der Unantastbare in die Geschichtsbücher eingehen will, behauptet wahrheitswidrig, dass gleichsam "nur der Briefumschlag" eines Telefonates einer Internetsitzung oder einer E-Mail aufbewahrt werden. Sollte die Analogie stimmen, so müsste die Post wie ihre Mitbewerber PIN, TNT und alle übrigen sorgsam geöffneten Umschläge aller Briefe ein halbes Jahr lang aufbewahren.

*** Die Pataphysik hat nicht nur das Büro für Patenterei hervorgebracht, in dem die unsinnigsten Patente gesammelt werden, wie etwa jenes Patent, das die erfindungsreichen Cowboys von SCO an die Cattleback Holdings verkauften. Nein, die Pataphsik ergänzte auch die Mathematik um nützliche Rechnereien zwischen Null und Unendlich. Pataphsysisch angehaucht freute sich in dieser Woche ein Polizeigewerkschaftler, dass mit den neuen Reisepässen – nur echt mit erkennungsdienstlicher Behandlung – Fälschungen weitestgehend ausgeschlossen seien. Zwar ist bekannt, dass seit 2001 ganze 6 gefälschte Pässe aufgeflogen sind. Doch 6 von ausgestellten 28 Millionen Pässen, das ist pataphysisch gesehen ein großes Loch, durch das eine komplette terroristische Bedrohungslage mit Revolver, Fahrrad und ein paar Kanistern Wasserstoffperoxid, einem Kännchen Salzsäure, einem Sattelzug Aceton und einem ordentlichen Eisberg zur Kühlung locker passen können.

*** In diesem Zusammenhang spielt der oberste deutsche Polizist Jörg Ziercke eine wundersame, gewissermaßen zauberische Rolle: Haarklein will er aufklären, wie sein Charlottenburger Kriminalamt entstanden ist, doch ebenso haarnäckig will er niemals seinen ePass in eine Hülle gesteckt haben. Das ließ er von seinem Sprecher energisch dokumentieren, obwohl in dieser Anhörung vor dem Bundestag (PDF-Datei) der oberste Polizist sagt: "– ich habe hier einen ähnlichen. Man benutzt diesen Umschlag nur, um den Ausweis dort hineinzustecken, und dann ist dieses Szenario völlig entzaubert." Mit dem tollen ePass ist es wie mit dem Kaninchen im Hut des Zauberers: Der Hut ist eine großartige Täuschung und nur der Rammler echt.

*** Zum neuen Reisepass sei dieser Remix empfohlen, der die etwas verwirrenden Aussagen unseres Innenministers ordnet und in der korrekten sequenziellen Reihenfolge wiedergibt. Dagegen steht aus aktuellem Anlass die Anstrengung am Text, denn besagter Minister hat in dieser Woche keine Hinweise auf das Trennungsgebot von Polizei und Geheimdiensten finden können. Vielleicht meint er hier, dass die Polizei seit dem Fall Daschner ein positives Verhältnis zum Foltern aufbieten kann, vielleicht meint er eine andere Sammlung von Gesetzen.

*** Auf jeden Fall ist die Gemengelage heikel, was Pässe, Aufenthaltserlaubnisse und Geheimdienste anbelangt. Am vergangenen Wochenende tagte die evangelische Akademie in Berlin zur Frage, ob Geheimdienste ethisch handeln. Dass Verfassungsschützer es völlig normal finden, von Abschiebung bedrohte Asylanten zur Mitarbeit im "Dienst" heranzuziehen, war noch die kleinste Überraschung. Überraschender war das harmlose Geplapper der einbestellten Journalisten, eine selbstverliebte Wehleidigkeit, wie es selbst der Moderator, ein ehemaliger BND-Direktor, befand – das nur zum Verständnis der folgenden Beschreibung der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, die leider nicht frei online verfügbar ist. Was Spion & Spion & Schäuble so treiben, spottet allem Gerede von der neuen Transparenz des Nachrichtendienstes, der neue Fachabteilungen mit den schicken Namen "Produktion", "Produktionsunterstützung" und "Service" bekommt. Vergessen wir, woran "Beschaffung" und "Auswertung" erinnern und freuen uns über den guten Service: "Der BND ließ die Journalisten in einen rötlich illuminierten Barbereich des Hotels von einer Empfangsdame begrüßen, ehe man sie auf eine abgedunkelte Empore des Kongresssaales führte. Von dort konnten sie die Gäste der Tagung unter Aufsicht des hauseigenen Sicherheitspersonals nur von hinten betrachten."

*** Im Kampf gegen den Terror müssen Opfer gebracht werden. Der Brasilianer Jean Charles de Menezes war solch ein Opfer. Für seine Ermordung muss die London Metropolitan Police nun 175.000 englische Pfund an die Hinterbliebenen zahlen. Die Ermittler rekonstruierten Details, die eigentlich nur bei Monty Python im Drehbuch stehen. So mussten die ausrückenden Spezialisten unterwegs tanken. De Menezes wurde daher von Polizisten getötet, die über keinerlei Erfahrungen im Umgang mit potenziellen Attentätern verfügten. Der Brasilianer wurde zum Terroristen, weil er in einem Haus zusammen mit Hussain Osman wohnte. Der Spezialist vom Erkennungsdienst war pinkeln, als de Menezes das Haus verließ. In der U-Bahn funktionierten wiederum die tollen Digitalfunkgeräte nicht, die die unerfahrenen Polizisten stoppen sollten. Schreiße aber auch.

Was wird.

Gleich werde ich mich auf mein wunderbares Fahrrad schwingen, im leichten Nieseln durch das bezaubernde Hannover, die Hauptstadt der norddeutschen Tiefebene, gleiten, natürlich mit Pere Ubu im Ohr. Auf dem großen dunklen Heiseparkplatz werde ich zur Manuskriptübergabe im Gedenken an Jarry ein bisschen mit dem Revolver knallen, bis ich das Weiße im Auge des Redakteurs sehe. Nichtsahnend wird er gekommen sein, schwer über die Frage grübelnd, ob Content noch etwas wert ist. Peng! Peng! Schreiße! Ja, in jedem Hannoveraner schlummert ein kleiner Haarmann, stets bereit, sein Hackebeilchen zu zücken. "Aus den Augen macht er Sülze, aus dem Hintern macht er Speck, aus den Därmen macht er Würste und den Rest, den schmeißt er weg", tralala, das gehört zu den Kinderliedern im Hannöverschen, die jede(r) kennt. Ach, wie anstößig ist denn das? Während in der gespaltenen Stadt, hehe, wie witzig, die Kalender vergriffen sind, die letztes Jahr unbeanstandet verkauft werden konnten, wünsche ich einen unruhigen Advent.

Unruhig, weil wir längst nicht mehr den Nachtwächterstaat zu Haarmans Zeiten haben, der eine Zelle voller Schädel und Gebeine illuminierte, um an ein Geständnis zu kommen. Nein, heute sind wir fortschrittlich und haben ein muffiges Gebilde, in dem eine misstrauische große Koalition nichts lieber tut, als die staatsbürgerliche Gefährdungslage zu überwachen. Wenn selbst ein nicht besonders radikales Blatt wie der Donaukurier seine Titelseite schwärzt, sollte klar sein, dass etwas faul ist im Staat von König Ubu und seiner nimmersatten Mére Ubu. Darum sei hier auf den 6. November hingewiesen, den alternativen Nikolaustag aller Menschen, denen die Privatsphäre noch etwas wert ist. Mein Sack gehört mir! (Hal Faber) / (jk)