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Was war. Was wird.

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Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

9:00 Politische Morgenfeier
9:45 Kriegsdichter erzählen
10:00 Treue um Treue
10:30 Ewiges Deutschland (Vortrag des Leiters der Gauschulenburg Kronburg der NSDAP)
15:00 Ein Kämpfer aus dem großen Krieg berichtet
15:45 Uns formte der Krieg
16:00 Die Wehrmacht singt
16:50 Sudentendeutsche Märsche
17:05 Blasmusik aus sieben deutschen Kriegen
18:00 Vom Leben und Sterben eines deutschen Offiziers
19:10 Die Treue. Eine Kriegserzählung
20:00 Vermächtnis der grauen Front

*** Das, liebe Hörer und Hörerinnen dieser kleinen Wochenschau, ist das leicht gekürzte Programm des deutschen Rundfunks vom 13. März 1938, eineinhalb Jahre vor Beginn des Zweiten Weltkriegs. An diesem Tag soll die Zahl der in Deutschland angemeldeten Radiohörer die 10 Millionen-Grenze überschritten haben. Möglich machte das ein Gerät namens VE 301, das auf der Großen Deutschen Funkaustellung vor 80 Jahren am 18. August 1933 von 28 Firmen präsentiert wurde. VE steht für Volksempfänger, 301 für den 30. 1. 1933, als Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt wurde. Bis heute ist dieses Radiogerät das erfolgreichste Produkt aller Funkausstellungen und damit ein Star der IFA. Noch während der Messe wurden über 100.000 Stück zum Selbstkostenpreis von 76 Reichsmark verkauft. Millionen Deutsche zahlten die stolze Rundfunkgebühr von 2 Reichsmark pro Monat und machten die Massenpropaganda damit zu einem einträglichen Geschäft für die Nationalsozialisten. In den Behörden und Betrieben wurden "Funkwalter" ernannt, die den Deutschen Arbeitsfront-Empfänger (DAF 1011) an Lautsprecheranlagen anschließen mussten, wenn die Fabriksirenen im Reich ertönten und die Arbeitsruhe ankündigten, weil Hitler eine Rede hielt.

*** Nein, nein, 80 Jahre Gleichschaltung der Medien, das ist doch nichts, was in dieser heiter unbeschwerte Volkstütenfeststimmung passt, mit dem Jubiläum von Btx und der Kunstkopfhörerei. Wenn schon, dann wird das 75-jährige Jubiläum einer Firma gefeiert, die etwas später in die Empfänger-Produktion einstieg. Vergessen ist auch die Provokation zum früheren Jubiläum des Volksempfängers, als die Ärzte Eva Braun auf der IFA besangen. Die Jugend von heute will bespaßt werden und der Volksempfänger ist nur noch eine Äpp, mit der man Alternativlos, Chaos Radio Express und Chaosradio hören kann. Wie war das noch? "Wir erziehen die heranwachsende Jugend zu einer richtigen Handhabung des Radiogerätes, denn nichts ist kulturloser als jene liberalistische Bedienungsweise, die sich darin ergeht, immer nur aus den Sendungen das herauszupicken, was im Augenblick der Stimmung entspricht."

*** Wie wäre es mit einem anderen Jubiläum passend zur IFA? Am 7. September 1927 gelang Philo Farnsworth seine erste elektronische Bildübertragung. Farnsworth ist einer der unglücklichen Väter des Fernsehens, an den nur noch erinnert wird, weil am Anfang seiner Erfindung das Ziehen von Ackerfurchen auf dem Feld stand. Aufzeichnungen darüber verwahrte sein Lehrer, bis zu jenem Patentprozess gegen die übermächtige RCA, der Fransworth letztlich ruinierte. So machte sein Konkurrent Zworykin das Rennen. Jedes Land hat beim Start des Fernsehens seine Helden und Verlierer; bei uns sind es bekanntlich Ehren-Reichsrundfunkführer Paul Nipkow und Siegmund Loewe, der als jüdischer Erfinder von den Nationalsozialisten ignoriert wurde. Seine Firma wurde vor 75 Jahren arisiert. Heute kämpft Loewe ums Überleben, denn der klassische Fernseh-Markt existiert nicht mehr. Liberalistisch pickt sich die Jugend, was Lifestyle und Geldbeutel diktieren. Nur komisch, dass es dann noch lange Debatten über das Ende des Fernsehens gibt.

*** IFA, IFA und aller Tickermeldungen rot gefärbt? Weit gefehlt. Auch diese Woche sorgte die NSA für Schlagzeilen. Besonders lustige kamen von uninformierten Leuten, die behaupteten, dass jedwede Verschlüsselung "geknackt" ist. Die Wahrheit ist komplizierter, das spricht gegen sie. Die Taten des ehrenwerten Dienstes sorgen nicht nur dafür, dass Open Source im Internet ab nun schlagartig eine eminent wichtige Rolle spielt, sie sorgten dafür, dass etwa 15.000 Menschen in Berlin bei der Freiheit statt Angst demonstrierten. Manche Plakate waren richtig gut, etwa dieses hier: "Die NSA wusste schon vorher, was ich malen würde", könnte ein Klassiker von Orwellschen Dimensionen werden. Die Frage ist nicht mehr, was die NSA alles macht und von uns weiß, sondern vielmehr, was sie eigentlich nicht macht. Und besser noch, was sie nicht kann, was andere Dienste auch nicht können, wie es diese entfefelte Nachricht im Fall von Truecrypt zeigt. Man muss nachhaken und fragen wie diese stellen: Was überlässt die NSA eigentlich befreundeten Diensten, die ihre "Boots on the ground" haben, etwa in Deutschland?

*** Die derzeit darüber herumschwirrenden Gerüchte sind so skurrill, dass sie eigentlich nur für hartgesottene Verschwörungstheoretiker geeignet sind und in Fefes Blog landen müssten. So soll die NSA an unseren Verfassungsschutz Werkzeuge zur Analyse des Routings zwischen Kommunikationsnetzen, zur Dekodierung von "verschleierter Übertragung" sowie zur Dekodierung von "herstellerspezifischen Übertragungsverfahren" übergeben haben. Sogar das berüchtigte XKeyScore soll sich unter den Programmen befinden, mit der Maßgabe, dass das Programm nicht gegen US-Bürger eingesetzt werden darf und per XKeyScore ermittelte Erkenntnisse des Verfassungsschutzes auch an die NSA weitergeleitet werden. Diese Erkenntnisse aus XKeyScore dürfen aber laut EULA der NSA nicht vor Gericht verwendet werden, wenn dies sich zum Nachteil eines US-Bürgers auswirken würde oder wenn das vor Gericht verhandelte Vergehen in den USA nicht strafbar wäre.

*** Ganz nebenbei musste unser Verfassungsschutz angeblich die gesamte XKeyScore Hard- und Software kaufen, weil er eine "Fähigkeitslücke" im eigenen TKÜ-System gefunden wurde. Hier wird es völlig unglaubwürdig, bei all dem Gerede über Terror und Sicherheit und die Notwendigkeit der Überwachung: Da soll doch glatt eine veraltete Anlage läuft, die "ergänzt" werden muss. Zwei deutsche Experten wurden angeblich wochenlang in den USA in der Programmierung von XKeyScore geschult, damit die Verfassungsschützer eine "tiefere Durchdringung von Datenströmen" erreichen können.

*** So mögen sie dringen und durchdringen, doch eines schaffen sie nicht, ha! : die De-Mail zu öffnen. Denn, halli, hallo, hurra, die De-Mail kennt seit dieser Woche eine einfach zu bedienende End-to-End-Verschlüsslung. Jawohl. Das funktioniert zwar nur dann, wenn Sender wie Empfanger Gateways von Francotyp-Postalia einsetzen, aber wir wollen doch nicht kleinlich sein. Vielleicht zieht ja die Telekom nach, ebenso GMX und 1 und 1. Der frohlockende De-Mail-Anwender muss sich dann nur erkundigen, ob sein Gegenüber auch bei demselben Provider ist. Dass nennt sich dann Fortschritt beim eErraten. eGovernment geht anders. Aber dafür ist bei uns ab sofort der Normenkontrollrat zuständig. Nie gehört? Das sind die, die unter erheblichen bürokratischen Kosten die Bürokratiekosten in Deutschland ermitteln.

Was wird.

Während diese kleine Wochenschau auf einem videoüberwachungsfreien Parkplatz in Hannover unter vermummten Gestalten von Hand zu Hand wandert, läuft in Australien die Stimmenauszählung bei der Wahl des Parlaments. Insbesondere die komplizierte Bestimmung der Präferenzstimmen braucht ihre Zeit. Über die Päferenzen der Wikileaks Party gab es Ärger und Verdruss, bis hin zum Austritt prominenter Kandidaten. Durch einen sauber hingelegten Leak von Wikileaks wurde bekannt, dass Assange höchstpersönlich die Beschlüsse des Parteirates unterlief, Wahlempfehlungen für die Grünen abzugeben. Während zur Stunde noch nicht bekannt ist, ob die Wikileaks Party einen Sitz im Senat bekommt, ist es nach dieser Auszählung bereits geklärt, dass Assange selbst nicht gewählt wurde. Der fragliche Sitz ging an die Australian Motoring Enthusiasts Party, deren Slogan übersetzt als "Freie Fahrt für freie Bürger" irgendwie bekannt vorkommt.

Während die Meldungen eintrudeln, dass der Kandidat von Rupert Murdoch die Wahl gewonnen hat, kann man trefflich spekulieren, wie es mit Assange weitergeht. Einen Trost hat er ja: Der in Kanada angelaufene Film über ihn und Daniel Domscheit-Berg scheint so lala zu sein, aber der vom Assange-Fan Benedikt Cumberbach gespielte Assange soll alle deutschen Darsteller (Daniel Brühl, Moritz Bleibtreu) an die Wand gespielt haben. Und sonst noch so? In Deutschland läuft seit dieser Woche eine von Assange initiierte Strafanzeige gegen einen US-Bürger, der als IT-Spezialist den 26. Kongress des Chaos Computer Clubs besuchte. Zur Stunde ist nicht klar, ob besagter US-Bürger ordentlich ein Business Ticket gelöst hat, wie das unsere Verfassungsschutzbehörden das machen, feinsäuberlich mit Rechnungsstellung an den Hauptsitz der Behörde. So muss das sein. Sonst könnte ja jeder kommen. (vbr)