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Was war. Was wird.

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Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Hallo Leser, eine Warnung. Ich habe gerade die Lektüre der Behandlung von Slashdot-Süchtigen hinter mir, definiert als Geeks, die so vernarrt in /. sind, dass sie alle 5 Minuten nachschauen, was dort passiert. Aus der Sicht von Ärzten ist das natürlich ein krankhaftes Verhalten, eine Sucht, die mit einer ordentlichen Portion Ritalin "geheilt" werden kann. Die behandelnde Psychologin (nachzulesen hier) sieht es anders, sie ließ sich auf lange Gespräche mit den Süchtigen ein, die ihre Abhängigkeit sehr positiv erleben und fühlen. Sie haben zwar die Fähigkeit verloren, ihre Lebenszeit kontrolliert zu gestalten, aber ein Universum anregender Debatten gefunden, von denen sie lernen und in denen sie nach eigener Einschätzung sich sogar politisch engagieren. Zwangsweise stellt sich nach einer solchen Lektüre der neuen, durch Technologie veränderten Selbstwahrnehmung die Vorstellung von einem Leser ein, der alle 5 Minuten bei Heise nachschaut, durch die Foren streift und dazwischen noch das Ausfallforum konsumieren muss. Wobei, halt, da muss ja noch Twitter rein, diese Zigarettenpause für Online-Junkies.

*** Was kann der herkömmliche Journalismus einem Süchtigen geben? Eigentlich nichts. Wer den Blick nicht von den ständig einlaufenden Nachrichten abwenden kann, hat kein Interesse für Hintergrundrecherche, findet komplizierte Zusammenhänge und ihre Erklärung blass und zieht im Zweifelsfall eine ordentliche Verschwörungstheorie vor. Die einzige Lösung ist eine Berichterstattung, die selbst im hohen Maße wie ein Junkie abhängig ist von der Technik, suchmaschinenoptimiert und voller Web 2.0. Wer tatsächlich diesen zusammengeklaubten Mist glaubt, sollte sich schnell in Behandlung begeben. Suchmaschinenoptimierte Meldungen verzapfen groben Unsinn. Dann wird anschleimend der Bill Gates von Köln gelobt, ein schlichter Hosting-Anbieter, der für sehr wenig Geld beste Werbung von lallenden Netzökonomen bekommt. Disclaimer: Serversoft schaltet(e) in der c't Anzeigen, was nun wiederum eine sehr sinnvolle Tätigkeit ist. Die Schrottrush-Prämie von 46.902 Euro mag ein hübsches Sümmchen für den abgewrackten Blogger Basic sein, für den Rest der deutschen Blogosphäre ist sie einfach Scheisse, aber ohne Geruch.

*** suum cuique hat mal wieder zugeschlagen. Bekanntlich stand "Jedem das Seine", auf der Innenseite des Eingangstores des KZ Buchenwald. Lesen konnten diesen Satz die Häftlinge, wie Häftling Nr. 44904 Jorge Semprun in seinem Buch "Was für ein schöner Sonntag" beschreibt. Dort auf dem Ettersberg, wo Goethe und Eckermann Rebhühner, Weißbrot und Rotwein verspeisten, konnten die Deutschen dank der verwendeten Schrift nur etwas lesen, was wie eine jüdische Inschrift aussah. Nun sollte "Jedem den Seinen" nicht für Cato, sondern für Tchibo werben: Jeder soll den Kaffee trinken, den er sich eingebrockt hat, bis die Halluzinationen durch Alzheimer abgelöst sind. Die Rechnung mit dem durchaus kalkulierten Mißgeschick – ich glaube nicht an ahnungslose Werbeagenturen – ist aufgegangen: Jeder weiß nun, dass Tschibo-Kaffe nach Esso schmeckt. Im Kontext deutsch-israelischer Empörung über die ach so dummen Werber schlage ich gazamäßig vor, dass künftig nur noch Denen das Unsere erlaubt ist, derweil globalisierungskritische Gutmenschen ihrem antisemitischen Reflex folgen: "Kauft nicht bei Juden!" hat man auch schon mal gehört.

*** Vor 156 Jahren machte sich ein Gefängnisinsasse über das Finanzsystem lustig: "Glaubt ihr, ihr könnt lange von euren Agios, euren Prämien, euren Skonti, euren Hypotheken leben? Glaubt ihr, das menschliche Denken würde sich, trotz dieser Wunder, mit diesem ganzen Maschinenbetrieb begnügen? Und dass wir zufrieden sind, wenn wir Bergbau-, Wasser-, Eisenbahngesellschaften, Kredit-, Depot-, Spar-, Giro-, Assekuranz-, Diskont- und Kompensationsbanken in Hülle und Fülle haben, und die Arbeit garantiert und das Leben billig?" Das schrieb das Geburtstagskind der Woche, Pierre-Joseph Proudhon, und Le Monde diplomatique druckt es unter dem Titel Jetzt beklagen sich die Trottel ab. Der Theoretiker des Mutualisme hätte wohl noch lustige Beschreibungen für die Trottel gefunden, die im Namen der "guten Banken" eine Bad Bank fordern, bei der sie ihren gesammelten Giftmüll von 300 Milliarden Euro abladen dürfen, all den Mist aus dem Hypothekengeschäft, die LD100-artigen Credit Default Swaps und die ungesicherten Derivative. Verlinkt sind in einem Land gedruckte Geschichten, das glaubt, mit einem Schädchen davon zu kommen, bekannt für einen hochgelegenen Ort, an dem sich die Aasgeier treffen und ihre Aasgeiermärchen erzählen.

Was wird.

Keine Frage, wo das Positive bleibt, wenn selbst die konservative tageszeitung sich auf die Bescherung freut. Obamas Inthronisierung mit seinem Satz "Wir sind diejenigen, auf die wir gewartet haben" kontrastiert gut mit dem deutschen Superwahljahr, das brutalstmöglich den größten anzunehmenden Opportunisten mit Stahlhelm-Gen die Wahl gewinnen lässt.

Amerika, du hast es besser als unser Kontinent, der alte, hast keine verfallenen Schlösser und keine Basalte. Dich stört nicht im Innern zu lebendiger Zeit unnützes Erinnern und vergeblicher Streit.

Das schrieb Goethe in den zahmen Xenien. Unnützes Erinnern, wo die Zukunft lockt, das ist auch ein Konzept. Dont look back hieß das erste Rockumentary, und es zeigte Bob Dylan auf seiner England-Tournee 1965. Seine Unterstützung von Obama verkündete Dylan sinnigerweise in England, das heute ganz andere Probleme hat. Schließlich jährt sich bald der Tod von Brian Jones, komplett mit dem Hyde-Park-Konzert der Stones. Yo, isch kann, heißt es auch bei uns. Schließlich ist der Fahrer von Thorsten-Schäfer-Gümbel mal Wettkönig von Thomas-Grabbel-Gottschalk gewesen. Auch Deutschland ist das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, nur in der Variante, dass zuverlässig die schlechteste aller Möglichkeiten wählt. Obama wird dagegen über den Wassern schweben wie der Airbus im Hudson, während bei uns der letzte Mensch die Maschine verlässt.

Im Jahr der Super-Jubiläen von Charles Darwin und der ur-urdeutschen Varusschlacht kommt der 200. Geburtstag von Edgar Allan Poe etwas ungelegen. Den Urvater der Science Fiction, der Roboter und der Horror-Stories wird es nicht stören, war er selbst doch eine einzige Ungelegenheit, ein Vorbild für jeden Worteverwerter und prompt als 'Fürst des Grauens' missverstanden. Zeit seines Lebens hatte sich Poe mit den Gräueln der Cholera auseinandersetzen müssen, welche in unseren zivilisierten Bereichen abseits von Simbabwe längst durch die Flash-Seuche ersetzt wurde. Sei's drum.

Ganz ohne Bezug auf Poe startet T-Mobile am selben Tag mit dem G1 in Deutschland, komplett mit einem kleinen Shop im Vorfeld der CeBIT, wo dieses Gerät den Old Shatterhand geben soll. Der erste Inhaber soll Bond, Peter Bond sein. Der sitzt derzeit als Verhaltensauffälliger in einer Unterhaltungsshow für Grenzdebile. Die dazu passenden PR-Texte treffen das Niveau dieses "Dschungelcamps". Ich hätte es mir nicht träumen können, dass ich eines Tages sogar die Nulpe Chad Kroski als Retter vor dem grassierenden Stumpfsinn begrüßen könnte. Es gibt eben Zeiten, in denen nicht nur ein Obama die Welt erlöst, sondern, siehe Microsoft, das ewig grüßende Murmeltier spannender ist als, naja, eine Love Parade in Bochum. Aber ach, sie wurde abgesagt, weil ausgerechnet der Hauptbahnhof zu klein ist. Der Dorn in meinem Fleisch ist immer der Mehdorn im Auge der Anderen. (Hal Faber) / (jk)