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Was war. Was wird.

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Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Ein wundersamer Nordwind bläst über die Norddeutsche Tiefebene. Was man im schönen Hannover riechen kann, ist Hamburger Mief mit einer minzigen grünen Beimischung. Nun wird die Elbe doch ausgebaggert, damit sie mit der Vertiefung des Panama-Kanals kompatibel ist. Und das Kraftwerk Moorburg wird nur ein Moorbürgchen, ein Schwachwerk und ein Vattenfällchen. Immerhin ist schwarz-grün nicht nagelfest, was hoffentlich nicht der Beginn einer kriminellen Karriere für Deutschlands schärfsten Videoüberwacher ist. Der Liebhaber von Schülerregistern und Gewalttäter-Dateien aller Art mag nun allein in die Kaufhäuser ziehen und kontrollieren, ob die Daddelkisten am Vormittag abgeschaltet sind. Sollte die idiotische Schülerschutzmaßnahme kommen, geht eine große Tradition zu Ende: Welcher Leser dieser Wochenschau kennt nicht die lustigen Befehle, mit denen der C64 und seine diversen Nachfolger in den Kaufhäusern zur Verzweiflung des Personals zum Absturz gebracht werden konnten? In dieser Hinsicht ist muss die tageszeitung gelobt werden für ihre Herumhänger-Serie der schönsten deutschen Schwänz- und Freistunden-Cafés aller Zeiten.

*** Ja, ich habe gerne die Schule geschwänzt –und wurde Journalist. Nachdem in der letzten Woche so viel von den ungeschminkte Wahrheiten des Journalismus die Rede war, serviere ich diesmal die geschminkten Geschmacklosigkeiten. Nummer 1: Journalisten sind Gedankenverbrecher. Ihr Verbrechen besteht darin, Worte aufzuschreiben, die es von Staats wegen gar nicht geben darf. Nehmen wir nur die Rede von der Lidlisierung des deutschen Rechtes, der Versuch der Politik, mit dem BKA-Gesetz aus einer verschlafenen technischen Laboreinheit in Wiesbaden eine hochtechnische kriminalpolizeiliche Zentralbehörde zu schaffen. Lidlisierung heißt in diesem Fall, dass der erweiterte umstrittene Spähangriff sich nur pro forma um die Privatsphäre kümmert, wenn BKA-Beamte "mit der Befähigung zum Richteramt" sich die "Richterbänder" anschauen. Die Strategie, die Proles zu verblöden, ist heute schlichter als alle der Aufwand, der 1984 getrieben wurde: Mit Hochdruck arbeitet das künftige Ministerium der Wahrheit am Bundestrojaner, für den keine einzige Tür aufgebrochen werden darf, während die Installation von Kleinstkameras im Lidlstil für den Spähangriff erlaubt wird. Das reicht doch, um aus Versehen einen unverdächtigen USB-Stick in der Terroristenbude liegen zu lassen. Wer stickt, muss stocken: Die 500 neuen Mitarbeiter, mit denen das BKA aufgestockt wird, sollen einen bunten Misch allerbester Qualifikationen mitbringen.

*** Überhaupt sind diese Kleinstkameras besser als jeder Bundestrojaner und können locker mit den Teleschirmen des großen Bruders mithalten. Da sollte man diesen Bericht aus der freien Schnüffelwirtschaft lesen, in dem es heißt: "Bevor wir Kameras montieren, stellen wir die Situation im Labor nach, messen also Brennweite, Objektiveinstellung und Kamerawinkel. /.../ Auch für unsere Minikameras brauchen wir Verstecke. Deshalb modifizieren wir auch baugleiche Gegenstände, die sich in dem betreffenden Büro befinden, in unserer Werkstatt – und tauschen sie dann aus." In jedem Deckenstrahler, Lüfter oder in der Jalousie können sie lauern, die Ziercken für den großen Spähangriff. Gehören bald der Spyfinder oder der Superbroom zum Alltagswerkzeug kritischer Bürgerrechtler und verdächtiger Schwarzbeutler?

*** Die Geschichte des Fernspähangriffes begann mit einem Hünen. Der erste Big Brother hieß Herbert Televox und wurde mit Trillerpfeifen über das Telefon so gesteuert, dass er über aufgesprochene Tonfilmschleifen "berichten" konnte, was im Haus vorgeht. "Grundsätzlich dürfte in unserm technisch so entwickelten Zeitalter kein Platz mehr sein für so genannte Androiden, das heißt Automaten in mehr oder weniger gelungener Nachbildung der menschlichen Gestalt", kommentierte das Neue Universum im Jahre 1929 den Televox aus europäischer Sicht. Messgeräte, die in eine Wohnung spähen, sollten besser irgendwo an einer Wand angebracht werden und dort schweigend und unauffällig ihren Dienst verrichten, erklärte das Neue Universum. Das Aufnehmen von Gesprächen aus dem "Leben der Anderen" ist ohne Hampelmann einfacher, wie seit den Tagen des Pfandleihers Charrington bekannt ist, der wie der Seher Teiresias im hier bereits erwähnten wüsten Land zuschaut.

*** Der große Spähangriff mit Richterband ist erst der Anfang der Lidlisierung in diesem unseren Lande, in dem im Knickfußverfahren die Bürgerrechte von der Politik weggesprengt werden. Ja, wir sind ein Land, in dem man wieder darauf achtet, wer an beiden Unterarmen tätowiert ist. So leben wir in einem Land, in dem man, traurig, traurig, Mailinglisten anlegen muss, um auf dem Laufenden zu bleiben, was die SprengmeisterInnen der Demokratie so treiben. Zwischen 20a und 20x ist Platz genug für Demontagespezialisten und Flash-Warmduscher.

*** Während sich der Journalismus entbündelt und vor der Entleibung eine Line Extension nach der anderen aufgebrezelt wird, beruhigt noch, dass der Journalist als solcher Leser hat, die auch den kleinsten Fehlerpickel ausdrücken, bis der Text mit Eiter übersät ist. Das mag nicht unbedingt schön aussehen, ist aber besser als die Einfältigkeiten, die hüben wie drüben veröffentlicht werden, während die Protagonistin offenbar nicht daran denkt, ihre Recherche offenzulegen. So verhallt der Ruf "Susanne, sag was!", bei dem immerhin beruhigt, dass Boocompany (seit Wochen schon) wieder da ist, after all. Wir gehen irrsinnigen Zeiten entgegen, in denen Späh- und Spürnasen ihren rollenden Wahnsinn ausbreiten, darum sei trotz Planck und Ethel Smyth zum heutigen Geburtstagskind Philippe Pinel verlinkt, mit dem die Aufklärung in der Psychiatrie begann. Menschen können unter Druck beliebig verbogen und um den Verstand gebracht werden, schrieb er im Fructidor des Jahres 7. Winston Smith und seine Julia können es bezeugen.

Was wird.

In meinem beschaulichen Städtchen ist wieder einmal eine Messe angesagt. Roboter werden ausgestellt, ihre schnelle Vernetzung gepriesen und ihr kaltes, genaues Herz erklärt, das unter Linux schlägt. Freuen wir uns mit diesen Marx-Maschinen und Mehrzweckwerkzeugmaschinen für unvorhergesehene Ereignisse, dass sie unermüdlich produzieren und produzieren, damit ein von allen materiellen und wirtschaftlichen Sorgen freier Mensch geboren wird.

Lieber Bill Gates heißt ein Film, der auf dem "EMAF" gezeigt wird, auf einem Festival, das als fröhlicher Experimentalfilmquatsch begann und sich nunmehr mit der Kommunikationsgesellschaft und ihren Feinden mit Vorratsdatenspeicherung und Identitätsfragen befasst, komplett mit den unschuldigen Experimentalbildern des Last Riot-Zyklus, gesponsert vom Kulturprogramm des Deutschen Katholikentages. Wundersame Nordwinde fügen zusammen, was nicht zusammengehört. Ist es an der Zeit, wieder zu lernen, was Bürgergehorsam ist, was Pflicht im Angesicht von meterdicken Mauern, den schönen neuen Großen Spähangriff zu bejubeln?

Die Alternative wartet im schönen München und sie hat eine schlichte Message: Daddel! – der Arzt kommt früh genug zur Eingabe der letzten PIN. Und wer noch nicht genug vom Spähen und Spüren, vom Denunzieren und Terrorisieren hat, dem sei diese Fundstelle empfohlen, eingereicht bei einem korrupten Preis, der ganz ohne unsere IOC-Sponsoren vergeben wird. (Hal Faber) / (jk)

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