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Was war. Was wird.

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Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Der Sturm bläst durch die norddeutsche Tiefebene, die Windräder sind abgeschaltet und der Engel der Geschichte hat Schnupfen. Vielleicht ist das alles ein gutes Zeichen. Nach all den Bemerkungen und Diskussionen über gute und schlechte Musik im letzten WWWW ist diese Wochenschau der großen Mariska Veres gewidmet, die heute den ersten Todestag hat. Die in den Niederlanden geborene Deutsch-Ungarin, Tochter des Zigeunerjazzers Lajos Veres, trat in all ihren Konzerten immer mit Perücke auf und spielte schon mal vor Orang-Utans mit Shocking Blue die Venus. Zusammen mit Mariska sollte man einmal der prächtigen Musik gedenken, die von den Kaasjeköppens aus den Dünen zu uns rüber kam, direkt in die arschsteifigen Beat-Sendungen hinein, in denen Typen wie Claus Holms trällerten. Gut, es gab auch noch die Petards, Eloy und natürlich Can, ganz ohne Perücken. Und im tiefsten deutschen Forst werkelte Harmonia, die in dieser Woche ihr erstes Konzert seit 30 Jahren gaben.

*** Tja, Deutschland. Ein Land, in dem kümmerliche 38 Millionen Euro einen Ansturm bei den Lottobuden auslösen können. Das, bitteschön, reicht gerade einmal aus, die sechs Vorständler von Porsche vier Monate lang dafür zu bezahlen, ihre unnützen Autos unter das Volk zu bringen. Ok, ich gebe zu, es gibt Auto-Fanatiker, denen ich die Passion für schnelle Geschosse nachsehe. Wer erleben muss, wie ein mittlerweile als Außenminister herumirrender Technokrat unfähig ist, sich zu entschuldigen, wie Computerdateien verschwinden und dann wieder auftauchen, dabei möglicherweise nicht ganz vollständig entlöscht, sollte schon einmal losheizen können. Und allen Lesern, die gerne im Heise-Forum vom Auswandern plappern, schreib Murat Kurnaz ins Stammbuch: "Aber bloß wegen ein paar Versagern unter den Politikern muss ich ja nicht unbedingt wegziehen oder so."

*** "Dies ist ein schockierendes Buch. Es erschüttert den Glauben an die charakterliche Reife des Parlaments, an den Menschenverstand seiner Mitglieder. Jetzt wissen wir endlich, warum wir so oft an unseren Politikern verzweifeln." So beginnt eine Rezension in der FAZ, der Zeitung für kluge Köpfe und schlappe Schwänze. Holla. Wird hier etwa Peter Schaars "Das Ende der Privatsphäre" rezensiert, das ultimative Geschenkbuch für alle, die nichts zu verbergen haben? Aber nicht doch. Der Weg in die Überwachungsgesellschaft ist für die FAZ mit guten Vorsätzen und einem schlechten Geschmack gepflastert. Die leider nicht kostenfrei anklickbare Besprechung gilt dem Buch "Das Parlament kocht. Was Politiker so anrichten" und schildert einen Haufen abartiger Gerichte. Die großen Überwachungs-Connaisseure Schäuble und Wiefelspütz sind nicht vertreten, doch was da an Rezepten die "Volkstümlichkeit" der Politik suggerieren soll, lässt schaudern. Inmitten all der Sauerkraut-Schmalzbrot-Orgien vermisst man mindestens die Toskana-Fraktion, die versteht, dass der Sinn des Lebens mehr ist als ein Metzger mit seinen Kohlehydraten. Am Schluss passt die Rezension wieder, die sich über den Abgeordnetensatz aufregt, nur wenig vom guten Essen zu verstehen: "Und von den übrigen Dingen des Lebens?"

*** Ja, was verstehen deutsche Politiker von den übrigen Dingen des Lebens? Mit erschreckend geringen EDV-Kenntnissen sind alle geschlagenen, die nun die Vorratsdatenspeicherung durchgewunken haben. Gerade in der zuletzt noch im Bundesrat angemahnten Idee, dass Rechteinhaber einen Auskunftsanspruch gegenüber Internetprovidern haben sollen, zeigt sich, wie schnell man vom Pfad der gegen die Terroristen kämpfenden Tugend abkommen kann. So verlegt sich der deutsche Buchhandel auf das, was nach dem Konken als Wiefelspützen Eingang in die deutsche Sprache hält. Das Festhalten an der Einführung des Präventivstaates ganz ohne Terrormäntelchen: "Ich wäre für die Vorratsdatenspeicherung auch dann, wenn es überhaupt keinen Terrorismus gäbe." So lesen wir von den Menschen, die totes Holz bedrucken, dass ihnen das Ende der Privatsphäre ziemlich egal ist: "Der Börsenverein hat großes Verständnis für das sensible Thema Datenschutz, es darf aber nicht sein, dass Verlage von der Verfolgung ihrer Rechte im Netz ausgeschlossen sind." So lamentieren die Strazze, die mit der Internet-Piraterie ein ganzes Volk unter Anfangsverdacht stellen wollen.

*** Wer diesen Sonntag irgendwo beim Hüten eines Sacks voller Server seine Zeit totschlagen muss, könnte dieses Protokoll lesen. Wer's eilig hat, darf diesen Ausschnitt aus der Rede des Grünen Wolfgang Wieland lesen. Ob das Geplänkel im angestrebten Bundestags-Fernsehkanal noch hübscher wird, bleibt abzuwarten:

"Noch vor einem Jahr haben wir hier eine Debatte über Antiterrordatei und Terrorismusbekämpfungsergänzungsgesetz geführt. Das war eine Debatte sozusagen unter Fachleuten. Heute haben wir die Situation, dass Zehntausende auf die Straßen gehen, hier in Berlin, in Frankfurt am Main, in anderen Orten (Dr. Dieter Wiefelspütz (SPD): Waren Sie etwa dabei?), mit Transparenten 'Meine Daten gehören mir' und insbesondere auch gegen Sie demonstrieren, Herr Kollege Wiefelspütz (Dr. Dieter Wiefelspütz (SPD): Gegen mich?). – Auch gegen Sie, Herr Kollege Wiefelspütz. (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Dr. Dieter Wiefelspütz (SPD): Unglaublich!) Die Parolen der 80er-Jahre von Orwell und vom Überwachungsstaat gehen um. Wir hatten sie beinahe vergessen. Der Stern titelt wieder: 'SOS – Freiheit in Deutschland'. Eine ganze Generation erklärt ihren Laptop per Aufkleber zur schäublefreien Zone. Deswegen, Kompliment, Herr Bundesinnenminister! Das haben Sie beinahe als Solist geschafft. (Zuruf des Abg. Dr. Dieter Wiefelspütz (SPD)) - Sie haben sich auch Mühe gegeben, aber Schäuble war noch besser, Herr Wiefelspütz. Glauben Sie es doch endlich!"

*** Die FAZ, seit Bambis Dröhnung das Zentralorgan des heiligen Deutschlands, hat zum Wochenende einen Text veröffentlicht, der sich mit der Tötung um des Gemeinwohls willen beschäftigt. Kommunikationsunwillige Terroristen, ob sie in einem Flugzeug fliegen oder mit dem Rolli auf dem Bahnsteig stehen, können erschossen werden, denn: "Das Leben ist der Rechte höchstes nicht." Bei Terroristen gibt es dem Text nach drei Möglichkeiten: Laufenlassen, Wegsperren und Töten. Nach der Lektüre der Kampferklärung aus dem heiligen Deutschland mögen die Hardliner im BKA und im Innenministerium jubeln. Andere werden erleichtert sein, dass nicht jeder militante Widerstand gegen die herrschenden Verhältnisse Terror ist.

*** Wo ist bloß der Chianti? Schließlich muss doch irgendwie gefeiert werden, dass heute vor 65 Jahren die erste kontrollierte nukleare Kettenreaktion stattfand, in einer Squash-Halle, bei der zur Feier der tickenden, ticketickenden, ratternden Geigerzähler Chianti aus Pappbechern getrunken wurde. Passend mit dem musikalischen Beginn ist darum auch der beschauliche musikalische Ausklang dieser kleinen Wochenschau das heute vor 25 Jahren aufspielende Sun Ra Archestra mit Nuclear War.

Was wird.

Halt, halt. Noch ist die Welt nicht am Ende und der Rock erst recht nicht. Morgen wird um 14:00 im Gibson Showroom zu Berlin der Klang der ersten Robot Guitar zu hören sein, gespielt von Baard Torstensen, dem Gitarristen von Clawfinger. Jaja, "Life will kill you", das wusste schon Enrico Fermi. Jaja, jaja, "Alles, was du zu tun hast, ist, sie zu spielen" klingt leicht bescheuert. Spielen muss man aber schon können. Das in Erinnerung an Jimi Hendrix, der 65 Jahre alt geworden wäre.

Halt, halt, noch einmal halt. Seit der Erfindung des Autos braucht auch die Polizei Autos, hat Bundesinnenminister Schäuble verkündet, gewissermaßen als Begründung der heimlichen Online-Durchsuchung. Diese denkbar danebengeratene Analogie zeigt exemplarisch den Unsinn auf, auf den Politiker und ihre Redenschreiber verfallen, für die Sicherheit Vorfahrt vor der Freiheit hat. Ein Polizist in jedem Auto, der unseren Fahrstil fortlaufend überwacht, wäre als Analogie schon angemessener für den Präventionsstaat, in den wir gerade schlittern. Passend zum Jahresausklang soll hier der ultimative Wettbewerb um die dümmsten Polit-Metaphern und die blamabelsten Zitate des Jahres stattfinden. Sehen wir darum mit der Hommage an Mariska Veres den harten Tatsachen ins Auge: Das Leben ist nun einmal eine freiheitseinschränkende Maßnahme. Das bis zur letzten Klappe rockt. (Hal Faber) / (jk)