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Was war. Was wird.

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Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** "Im Hafengang schwamm ein Gesicht, ein kleiner Mond aus Quark. Und einer unterm Ampellicht, rot wie Tomatenmark" ... tralala. Heute kommt die kleine Wochenschau direkt von der Küste, wo die Kräne kreisen und die Möwen scheißen. Ich schaue zu, wie die Reste der alten Bundesrepublik in Containern verladen werden, zum Recycling irgendwo in Asien. Die Zeit ist vorbei, als Probleme mit einer Kofferladung voller Geld behoben wurden, so schwer die Koffer, dass leidgeplagte Manager davon ein Rückenleiden bekamen. Was war, was Würth, wenn aus der BRD eine Edel-DDR wird, komplett mit dem Zentralkomitee der Steinemerkels?

*** Aber was solls, heute mache ich an dieser Stelle Schluss: Wenn selbst unsere allerliebste Diva Cassandra Wilson zum Great American Songbook zurückkehrt, oder, noch besser, ihr ganz ureigenes Great American Songbook definiert, dann kann die Welt doch nicht ganz schlecht sein. Der Sommer kann kommen, die debilen Sommerhits können uns schnurz sein.

*** Mancher mag es schon befürchtet haben: Ich kann nicht an mich halten, nix ist mit Schlussmachen: Denn es entsteht die neue Republik, in der ehemalige Stasi-Mitarbeiter das privatisierte Schnüffeln übernehmen, nicht von heute auf morgen. Eine solche Republik braucht Menschen, die das nonchalant akzeptieren und Stasikomm nicht so schlimm finden, wie ein angesagter Blogger es vormacht: "Gut, gut, wird ein bisserl Staub aufgewirbelt, es wird einen Prozess geben womöglich, einige Köpfe werden rollen und wir werden trotzdem die Netze der Telekom weiter nutzen:))" Auch in den Heise-Foren gibt es ähnliche Einschätzungen von der Sorte, dass es langsam mal gut ist mit dem Thema Telekom, das gar nichts Besonderes ist. Dass Scheiße magentafarben sein kann, ist schließlich nur eine Frage der richtigen Dosis Chemie.

*** Und doch, mit Schaum vor dem Mund ist jede Berichterstattung über noch den größten Skandal nur ein Steinchen mehr in dem Ist-doch-alles- nur-halb-so-schlimm-und-die-Medien- sind-eh-an-allem-Schuld-Sichtschutz, den manche Manager und ihnen geneigte Politiker gerne um ihre Aktionen herumbauen. Wenn sich Berichte über Zöllner, die angeblich an der Grenze jeden iPod auf geklaute Musikstücke durchsuchen, und über Verwertungsgesellschaften, die vermeintlich Musikplayer um mehrere hundert Euro verteuern, per gar nicht so stiller Post völlig unhinterfragt in Blogs und Newsdiensten verbreiten, wundert man sich nicht mehr, wenn das Publikum auf die Berichte über die Bespitzelungen durch die Telekom eher abwehrend und ungläubig reagiert. Mögen ACTA oder ZPÜ auch Aufreger sein: Mit Schaum vor dem Mund gibts schnell Risse in der Glaubwürdigkeit. Etwas mehr Gelassenheit ist angebracht, selbst wenn man auch als Journalist manches Mal wirklich aus dem Staunen nicht herauskommt.

*** Gelassenheit hin, Staunen her: Der Blick zurück auf die Wandlung der Republik lohnt sich auf jeden Fall. Wenn es zutrifft, dass Telekomgate im Jahre 2000 unter Ron Sommer entstand, dann ist die neue Republik der Krieger in Nadelstreifen mit der Lizenz zum Ausspähen ein Produkt der Dotcom-Blase. In einer hochnervösen Zeit, in der die kleinste falsche Nachricht den tödlichen Pieks bringen kann, ist die Eigensicherung eben keine pathologische Verformung, sondern schlichte Notwendigkeit. Und wo Daten vorhanden sind, werden Daten missbraucht, so einfach ist das. Wie war noch einmal der Namen des betrieblichen Datenschutzbeauftragten der Deutschen Telekom? Wer den pessimistischen Vortrag von Thomas Königshofen auf dem Chaos Computer Congress 2001 aus dem Alltag in der Magenta-Blase gehört hat, wird sich vielleicht noch daran erinnern, dass der Datenschutzbeauftragte danach versetzt wurde – und als "Sicherheitsbevollmächtigter für den Geheim- und Sabotageschutz" für die Sicherheitsstrategie des Konzerns verantwortlich zeichnete. Das Ganze zu der Zeit, als man auf Stasi-Knowledge zurückgriff. Erst 2004 kam der ehemalige BKA-Mann Harald Steininger zur Telekom, der später vom schönen René gefeuert wurde. Zuvor arbeitete Steininger bei SAP als Führungsoffizier.

*** Kein Geschäftsführer, der einen Funken Verstand hat, wird sich dieser Tage mit Schäuble und Obermann, den wahren Proponenten der Neuen Deutschen Republik, ablichten lassen. Nicht nur unter diesem Aspekt ist eine "Selbstverpflichtung" der großen TK-Provider das Papier nicht wert, mit dem der Schaden aufgewischt werden soll. Viel zeitgemäßer ist da doch das gemeinsame Sicherheitscenter von Polizei und TK-Unternehmen, komplett mit fetter Standleitung zur Bundesabhörzentrale, beide natürlich bewacht von der Bundeswehr, die im Innern die Daten vor dem bösen Ausland schützt. Wird man dann doch diese lästigen parlamentarischen Kontrollen los, die "der Freiheit" einen Bärendienst erweisen. In der Neuen Deutschen Republik wird das Wort Freiheit ohnehin entsorgt und durch Sicherheit ersetzt. Und wie bei der Gesundheitskarte gut zu sehen ist, wird in der Neuen Deutschen Republik die professionelle Hilfe eine wichtige Rolle spielen, auch im Zeichen des Datenschutzes, sichert sie doch bestens die IT-Arbeitsplätze. Nun, immerhin, ein paar Leute gibt es noch, denen das alles nicht egal ist.

*** In der Logik der Steinemerkels hat das Neue Deutschland in dieser Woche viel getan, um die Streubomben zu ächten. Die gute Nachricht will sich jedoch nicht einstellen, weil Deutschland natürlich weiter mitmachen wird, wenn es mit den USA in den Friedenskampf zieht. Denn diese haben zusammen mit Russland, China und Israel das Abkommen nicht unterschrieben. Wie gut, dass auch bei uns die Militärausgaben wieder gestiegen sind. In einer Welt, in der 28 Millionen Menschen unter Waffen stehen, würde man sich sonst nicht frei und sicher fühlen können. Die Neue Deutsche Republik ist schließlich nicht Costa Rica, sondern ist von bedrohlichen Nachbarn umgeben, gegen die es nicht immer hilft, ab und an mal Fußball zu spielen.

*** Jaja, toujours zickzack. An der Küste geht schnell der Blick für die IT verloren. Man schaut den dicken Schiffen zu und behält die Möwen im Auge. So könnte im Wochenrückblick fast die Nachricht fehlen, dass Microsoft gegen Monopole ist und sich lieber dem Wettbewerb stellt, wenn es darum geht, die Dessertmaschine Windows zu verkaufen. Wobei sich Multitouch schon ganz gefährlich wettbewerbend anhört und an eine dieser Küchenmaschinen erinnert, die die Veganer bei Google zum Schnippeln von Gemüse einsetzen, während die Server kochen.

*** So am Hafen den Möven ausweichend, muss ich die Geschichte von Hägar dem Schrecklichen aus der letzten Wochenschau zu Ende erzählen. Der wusste bekanntlich, dass die Erde eine Scheibe ist, an deren Rand man schnell um die Ecke segeln muss. Das geht viel schneller als dieses angebliche Umrunden auf einer apfelsinenartigen Erde, die womöglich hohl ist innen drinnen. Wer zwischen Linux und Windows beim Start wechselt, wird die Technik kennen. Apple-Nutzer lasse ich ausnahmsweise außen vor, denn sie starten ja ins Delirium, wenn Apple sich einen Namen zulegt, den Volde^^^^ SCO für sich beansprucht. Aber auch Linux ist manchmal eine Glaubenssache, wie es derzeit die Blogger-Bilder zeigen. Wahrscheinlich hat der Linux-Tag niemals stattgefunden. Sollte es doch der Fall gewesen sein, so zeigt uns eine bekannt verlässige Quelle, dass es mit Linux aus und vorbei ist, weil die Community mit Openoffice verblödet ist und keine Präsentationen mit vi mehr vertragen kann. Nicht jedes System kann die lyrischen Qualitäten von Powerpoint haben. Dann wären da noch die 17-jährigen Schüler, die in ihrer Freizeit keine Kernel mehr bauen wollen, sondern sich lieber mit Twitter und GTA vergnügen.

*** Dieser Tage wurde von Umweltaktivisten der letzte freie Indianerstamm im brasilianischen Urwald von oben herab gefilmt. In Red Hat-Farben angemalt versuchten sie, mit Pfeilen und Speeren den Hubschraubr zu treffen: Offensichtlich kannten sie Twitter noch nicht, wie die Aktivisten bedauernd feststellen mussten. Das wird sich bald ändern, wenn sie sich nicht schnell fortmachen, auf die andere Seite der Scheibe. Ich verlasse derweil den Hafen mit dem Flieger, beruhigenderweise mit einem handgeschriebenen Ticket, weil gerade alle Systeme kaputt sind. Lang lebe die digitale ABM.

Was wird.

Jaja, die Fußball-EM kommt immer näher. Angeblich wird die Neue Deutsche Republik von einem Fieber heimgesucht. In Österreich und der Schweiz haben sie es schon. Beide Länder verkündeten in dieser Woche, dass die Wirtschaft schon ihr 1. Tor gemacht hat. Dabei weiß man seit der WM, dass das Gekicke keine Langzeitarbeitsplätze bringt, nur die staatschützerische Durchleuchtung der Würstlverkäufer. Aber was wären wir Deutschen denn ohne Österreich? Dank der Österreicher begreifen wir uns. Und natürlich muss aus Österreich die Kunde kommen, dass Linux baden geht.

Owohl der Datenschutz in der Neuen Deutschen Republik bisher ziemlich zweckbefreit agierte, kann man sich durchaus fragen, was er in Zukunft leisten kann, wenn der Staat in die Körper der Staatsbürger eindringt und direkt an der Synapse schnüffelt. Was dann vom Ich bleibt, ist eine Softwarelösung, die auf dem ersten deutschen Identity Camp diskutiert wird, natürlich unter strenger Berücksichtigung der Anstoßzeiten. (Hal Faber) / (jk)

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