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Was war. Was wird.

Es ist so schön, ein Schwein zu sein. Oder wie war das mit dem Alltagszynismus, der für das Überleben in dieser Welt der Ackermänner und Mehdorns notwendig ist, fragt sich Hal Faber. Man schafft es jedenfalls auch damit nur knapp ins Web 3.0.

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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Eigentlich war es eine ruhige gemütliche Herbstwoche. Die Bäume entledigten sich ihrer Blätter, die Banken ihrer faulen Hypotheken. Die Computer stellten ihre Uhren um und Microsoft stellte die Antwort auf alle Fragen online. Nein, sie lautet nicht 42, sondern jeder ist ein PC. Was sind 2008 Jahre abendländischer Identitätsphilosophie gegen diese Frage und ihre Antwort aus der FAQ:

"I have a Mac, can I participate? Of course you can. A Mac can be a PC too, most notably when it runs Windows Vista."

Sollte die Antwort auf alle Fragen nicht etwas ernster sein? Das dachte sich die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung und druckte daher einen Text vom Bildungsgipfel ab, geschrieben vom deutschen Microsoft-Chef Achim Berg: Mit dem PC kommt die Gerechtigkeit. der Text ist kein Plädoyer für das gerechte Windows, sondern für einen besseren Schulunterricht in Sachen Medienkompetenz und eine "digitale Bildung für alle." Folgende Fragen muss nach Achim Berg ein Schüler im Zeitalter der Globalisierung beantworten können wenn er eine deutsche Schule absolviert hat:

"Wie funktioniert das Internet? Wie arbeiten Soziale Netzwerke? Wie recherchiere ich im Internet? Mit welchen Chancen und Risiken habe ich es zu tun, wenn ich an YouToube, MySpace oder anderen Web 2.0-Aktivitäten teilnehme? Welche Manipulationsmöglichkeiten bietet die audiovisuelle Kommunikation?"

Möglicherweise haben Leser der Sonntagszeitung verwirrt weitergeblättert und den beliebten Reiseteil aufgeschlagen. Dort präsentierte sich unter dem Titel Ein Fenster in eine bessere Welt ein Reisebericht aus Äthiopien, das seine Schulkinder mit OLPC-Laptops ausrüstet. Ein Text darüber, wie unwichtig Windows sein kann, wenn nur die aktuellen Schulbücher auf dem Gerät vorhanden sind. So kommt Gerechtigkeit nach Äthiopien, so kann eine gemütliche Herbstwoche anfangen, in der die Blätter von den Bäumen rieseln.

*** Auch Montags um sieben war die Welt noch in Ordnung. Die britische Royal Society of Arts veröffentlichte die Ergebnisse einer Umfrage, ob Zynismus gut für die Gesellschaft und die Demokratie ist. 51 Prozent der Befragten sahen Zynismus als besonders nützliches Ausstattungsmerkmal von Politikern an, während 31 Prozent eine generell zynische Einstellung dem eigenen Leben gegenüber als vorteilhaft ansahen. 30 Prozent glaubten, das Zynismus im Geschäftsleben nützlich ist. Wir kennen es ja von den Ackermännern und Porschebauern in dieser mehdornigen Welt: Ehrliche Häute, wohin man sieht. Ehrlich gesagt, beeindruckt mich die Umfrage weniger als die Kreation eines (für mich) neuen Wortes, das den gemäßigten Alltagszynismus beschreiben soll, ganz ohne Rückgriff auf Ky-Moppel Sloterdijk: Syntony statt Zynismus, ohne Syntony kein Bizzznesz, denn im Zustand der Syntony lebt man sicher in einer Welt, in der man Schwein sein muss als harter Hund.

*** Oh Syntony, komm in meinen Wortschatz und troll dich zur Webciety, eine Albernheit, in der die digitale "Homebase" 9900 Tacken kostet. Das ist fast so günstig wie die Homepage früherer Zeiten, als man Web 3.0 noch nicht kannte. Dieses Web 3.0 hat man sensationellerweise in dieser Woche in Feldafing erfunden und beschreibt es so:

"Die Verbindung von Semantischem Web mit dem Internet der Dienste und dem 3D-Internet wird zusammen mit einer neuen Sicherheitsinfrastruktur als Web 3.0 das Internet der nächsten Generation bilden. Das 3D-Internet, das auf extrem breitbandigen Kommunikationsinfrastrukturen und neuen multimodalen Interaktionstechniken beruht, wird die Vernetzung verteilter virtueller Welten in Echtzeit ermöglichen."

Bei diesen Worten kann man ganz schwindelig werden oder syntonisch oder beides zusammen, schwintonisch, syntodelig. Man kann den Unsinn zum Web 3.0 wahlweise als herbstliches Sprachlaub einstufen und nach /dev/null entsorgen oder das Ganze vergessen. Vergessen? Vergessen, so klärt uns das Deutsche Wörterbuch auf, ist das althochdeutsche firgezzan und steht für "etwas aus dem (geistigen) Besitz verlieren".

*** Montagnachmittag um halb fünf war die Welt nicht mehr in Ordnung. Die Blätter fielen immer noch von den Bäumen, aber ein heftiger Sturm tobte durch Digitalien, weil geistiges Kulturgut in Gefahr war. Die Ankündigung "Wir löschen in den nächsten Tagen eure alte Welt, liebe Forumsteilnehmer" füllte meine Inbox mit Dutzenden von besorgten Anfragen, ob in Hannover alle Tassen aus allen Schränken gefallen sind. Millionen Foren-Beiträge, ein Teil der deutschen Digitalkultur, sollten zum Löschen freigegeben werden. Ja, ja, die deutsche Kultur, die nur Wagner oder Brecht kennt, treibt manchmal seltsame Blüten.

*** Unter den Millionen Beiträgen finden sich sicher Diskussionen, "die keine Bedeutung mehr haben". Aber auch Geschichten wie die große Fischkeilerei oder die Geschichte vom Krääg. Erwähnen möchte ich die Traueranzeige für einen der ganz Großen. Der Kondolenzthread zum Tod von Douglas Adams wurde übrigens archiviert und auf CD der Familie übergeben, wofür sich später seine Angehörigen sehr bedankt haben. In Heises heiligen Hallen mag es lustig zugehen, doch draußen gibt es auch ein Leben und Lernen, dass sich unter anderem in den Foren abspielt. Mehrfach im WWWW verlinkt, findet sich noch diese Hommage, während der Autor andere Skizzen längst gelöscht hat. Was sein gutes Recht ist und die Frage aufwirft, wem Foren eigentlich gehören, wenn sie von einer großen Öffentlichkeit getragen werden. Die ultimative Löschung von einem Verlag, der Datensicherheit predigt und eine Vorreiterrolle bei vielen juristischen Auseinandersetzungen um die Forenhaftung gespielt hat, war ein Schock für viele Leser.

*** Freitagnachmittag um zwei war die Welt wieder in Ordnung. Die Formulierung "im Auftrag des Forenbetreibers" löste so manch verwundertes Posting aus, doch der Inhalt stimmte. Während zum 25. Geburtstag der c't Besuchergruppe um Besuchergruppe durch die Testlabors und Kältekammern taperte, mitunter in heftigen Diskussionen um Sinusströme verstrickt, beruhigte sich die Lage in Digitalien. Vielleicht wird dieser Satz des Forenbetreibers ausgedruckt und zwischen all die Editorials gehängt, die die Flure des Verlages zieren:

"1. Ihm war nicht bewusst, wie sehr einzelne User an alten Beiträgen hängen."

Ich glaube nicht, dass "hängen" der richtige Ausdruck ist. Ich hänge beispielsweise nicht an meinen Jugendsünden, dokumentiert im Usenet, die mit einem schlichten Suchlauf gefunden werden können. Aber sie gehören dazu, wie sich eine bestimmte Kultur entwickelt hat und weiter entwickeln wird, nicht nur bei den Nachrufen. Ein guter Freund schrieb einmal einen Nachruf für eine kleine Gruppe, die seine Freundin kannte. Er schwappte ins Usenet, lief über Hunderte von Newsgruppen und wird bis heute als große Literatur zitiert – oder als der erste Spam. Auch innerhalb des Heise-Hauses ging es offenbar hoch her, mit zahlreichen Mails und entrüsteten Kommentaren. Doch als die Party begann, hatten sich alle wieder lieb und Peter Glaser hielt eine beeindruckende Laudatio auf die technikbegeisterte und technikskeptische c't. Aber die Bäume hat auch das nicht beeindruckt. Während Digital-Deutschland den Atem anhielt, wurde Blatt um Blatt gelöscht. Rund um die Helstorfer Straße gibt es wirklich stattliche Ahornhaufen.

Was wird.

In den USA wird ein neuer Präsident gewählt. Was bisher über Obama, McCain, oder über einen Pitbull mit Lippenstift als Diva geschrieben wurde, dürfte locker jedes Foren-Backup übertreffen. Vielleicht die schönste Art, den erhofften Wandel Amerikas zu beschreiben, findet sich im Offenen Brief an Led Zeppelin, keine Reunion ohne Robert Plant zu starten. Ob der Brief wirklich hilft, bleibt abzuwarten. Eigentlich sind die Beispiele von Doors bis Queen abschreckend genug. Passend zur Jahreszeit, für Halloween und für die Gesellschaft zur Rettung schiffbrüchiger Digitalkultur verweise ich darum auf die Top Ten der Toten.

Alles wird gut, hat diese Woche bewiesen. Alles wird immer besser, das wird schon die nächste Woche zeigen. Den Anfang hat BKA-Chef Ziercke mit einer seltsamen Aussage gemacht: "Benutzen Sie zwei voneinander getrennte Betriebssysteme, eines fürs Online-Banking und ein anderes fürs Surfen." Sieht man davon ab, dass Banking heutzutage auch eine Form des Surfens ist, dürfte Ziercke kaum die Microsoft-Variante gemeint haben, nach der ein Mac ein PC ist. Besser wäre sicher die Erklärung, dass man zwei getrennte Rechner benutzen sollte. Vielleicht liefert Jörg Ziercke die Erklärung beim Jahrestreffen der Sicherheitstechniker nach, wenn er den Tatort Internet erkundet. Eine frei nach Achim Berg gedoppelte wie gerechte PC-Teilung in Exekutive und abgetrennte Homebase wäre eine gute Antwort auf die "Daseinsfrage der Sicherheitsbranche", allerdings eine schlechte für die heimliche Online-Durchsuchung, die nur bei partizpativen Festplatten funktioniert. (Hal Faber) / (jk)