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Was war. Was wird.

Das Zeitalter der Extreme nannte Eric Hobsbawm das 20. Jahrhundert. Und das war es wohl, nicht nur wegen Jahrhundert-Katapstrophen wie 1. Weltkrieg und Genozid der Nazis, meint Hal Faber. Auch die Informations-Technik hat einiges beizutragen.

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Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** "Es ist nichts, es ist nichts." Das waren die letzten Worte des osterreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand am 28. Juni 1914, dem Sankt-Veits-Tag. Nur eine Fleischwunde und das beim größten Jäger aller Zeiten, der 272511 Tiere erschossen haben soll, unter ihnen mehrere Elefanten? Franz Ferdinands Phaeton war einfach nicht schusssicher konstruiert, die Überwachungstechnik selbst auf dem damaligen Stand der Technik alles andere als korrekte "Situational Awareness", wie dies im heutigen Polizeijargon heißt. Denn zuvor war eine Bombe geworfen worden, nur kullerte sie unter den falschen Wagen. Franz Ferdinand war ungehalten: "Da kommt man nach Sarajevo, um einen Besuch zu machen, und wird mit Bomben beworfen! Das ist empörend." Als dann sein Wagen falsch abbog und steckenblieb, konnte Gavrilo Princip unbedrängt schießen. Der Name des Anarchisten war bosnisch, der Wahnsinn kam aus Serbien, die Waffen ebenso.

*** Danach begann das große Gemetzel, das wir heute unter dem Namen "1. Weltkrieg" einordnen. Anderswo wird das Abschlachten nur Grand Guerre, Großer Krieg genannt. Etwa in Ypern, Start: 26. Juni 2014, Ende: 26. Juni 2014, Land:Belgien. Neben der Neuaflage der Kriegsschulddebatte gibt es zum Jubiläum zeitgenössischen Unsinn, etwa die Geschichte mit den Selfies von der Front. Die Pläne, diesen Krieg kurz und schmerzlos zu führen, lagen in den Schubladen der Kriegstreiber bereit und führten dennoch geradewegs in die Stahlgewitter. Kundige Warner gab es zum Kriegsausbruch wenige, der Hurra-Patriotismus war gefragt. Da sollte man an Norman Angell erinnern, der damals schrieb, dass der Krieg eine nutzlose Sache sei, angesichts der internationalen Arbeitsteilung und der ungeheuer gewachsenen Schnelligkeit der Informationsverarbeitung gerade im Aktiengeschäft. Die Welt könne es sich nicht erlauben, mit der dank Telegraphie vernetzten Wirtschaft einen Krieg zu tolerieren. Auch ein Irrtum. Die Welt ging nicht offline und die Kryptographen und Codebrecher aller Länder spielten eine wichtige Rolle. Bis heute gilt die Entschlüsselung des ADFGX-Verfahrens durch die Franzosen als Grund dafür, dass Paris nicht eingenommen werden konnte.

*** Die Entschlüsselung der Zimmermann-Depesche gehört zu dieser Geschichte, denn sie zwang die USA zur Aufgabe ihrer Neutralität. Die Vereinigten Staaten schickten 4,3 Millionen Menschen in den Krieg und waren später die ersten, die den Versailler Vertrag unterzeichneten, der ebenfallls Geburtstag hat. Am 28. Juni 1919 unterzeichneten die deutschen Vertreter unter Protest den Vertrag, der mit den Reparationszahlungen in der Weimarer Republik als politische Folie für den Republikhass auf den Weg zum 2. Weltkrieg eine Rolle spielte. Gibt es einen Zusammenhang zum NSA-Skandal, der in dieser Woche vom Bundestags-Untersuchungsausschuss so mustergültig Licht in das Dunkel bringt? Es gibt ihn. Ross Anderson macht darauf aufmerksam:

"Als Großbritannien und die USA Deutschland im Jahre 1944 angriffen, schickten wir nicht wie im I. Weltkrieg Millionen Menschen nach Europa, sondern eine Kampftruppe von einigen Hunderttausend Männern mit Tausenden von Panzern, gestützt von Tausenden von Flugzeugen und Schiffen. Heute ist der Übergang von der Kriegsarbeit zum Kapitaleinsatz noch größer geworden. Um einen ausländischen Führer zu töten, können wir eine Drohne nehmen, die eine Rakete abfeuert, die gerade einmal 30.000 Dollar teuer ist. Aber sie ist gestützt durch ein kolossal teures Investment — der Marktwert all der Firmen, die mit PRISM angezapft wurden, liegt über einer Billion Dollar."

*** In der letzten Wochenschau habe ich belustigt das Logo des Transatlantischen Cyber-Dialoges kommentiert, der inzwischen ziemlich geräuschlos über die Bühne ging. Besorgte Kommentatoren erwähnen zwar, wie der US-Vertreter John Podesta eine trockene Auflistung vorlegte, während unser Außenminister mit Pathos von der Freiheit des Menschen sprach. Aber, huch, nun soll Edward Snowden per Video am 11. September befragt werden, dem Schicksalstag der Amerikaner schlechthin. Damit würde Deutschland die Gefühle der Amerikaner nun richtig verletzen und das geht doch überhaupt nicht unter Freunden. Wer so argumentiert, findet auch nichts dabei zu schreiben, dass "Terroristen das World-Trade-Center in die Luft sprengten". Einsturz und Explosion sind nunmal unterschiedliche paar Schuhe.

*** Schuhe, Schuhe, natürlich ist die Assoziation an diese bunten Dinger der Fußballer bei ihrer Weltmeisterschaft da, die häufig in unterschiedlichen Farben getragen werden müssen, warum auch immer. In besagter Wochenschau hieß es, dass mit der WM am Volk vorbei schmutzige Politik betrieben wird und Gesetze verabschiedet werden, die niemand groß beachtet. Die tageszeitung hat nun den Faktencheck versucht und dabei wenig gefunden, was in den letzten Sitzungen vor der Sommerpause verklappt werden kann. Beim Fracking passiert jedenfalls nichts. Die Auswahl der Themen irritiert, denn wer hat allen Ernstes gedacht, das Alexander Dobrindt, in der großen Tradition unfähiger CSU-Verkehrsminister stehend, vor der Pause ein Gesetz zur PKW-Maut einbringen würde? Zumal in der kommenden Woche, in der die in Bayern so hassgeliebte Republik Österreich den 10. Jahrestag des "erfolgreichsten Mautsystems der Welt" begeht? Immerhin, das Gesetz zur Absicherung stabiler und fairer Leistungen für Lebensversicherte ist zur Freude der Versicherungswirtschaft ist auf gutem Wege. Das viele Lebensversicherungen nun drastisch verschlechtert werden, geschenkt, geschenkt: Dafür sind die Fußballmatches doch sooo lebendig und werden mit Bierchen in der Hand herrlich unverbissen geführt. Und die deutsche Torlinientechnik erst!

Was wird.

Das Luis Suarez jetzt bei einem Remake des Aufstandes der Untoten mitspielen soll, ist vorerst nur ein Gerücht. Kein Gerücht ist, dass der Zombie namens De-Mail neu belebt wird, obwohl er in Sachen Verschlüsselung nicht "state of the art" ist, wegen dieser schlimmen Virengefahr in den Mails, weshalb alles durchsucht werden muss. Was denkt sich bloß Herr Justizminister, der da vom Bundesinnenminister prompt korrigiert wurde? Morgen wird Dresden zur De-Mail-City Deutschlands ausgerufen. Die Dresdener haben richtig viel Dussel und bekommen alle schicke De-Mail-Adressen für ihren Gombschudor. Nun müssen wir nur noch klären, wie De-Mail auf sächsisch ausgesprochen wird. Ich setzte da auf meine treuen Leser. Irgendein Eggschbärde wird sicherlich die Antwort wissen, auch wenn das Sommerrätsel noch fern ist. Hier gilt übrigens, dass auch Trolle, die Hacker der Gefühle, mitmachen können. Oder muss es Drolle heißen? Man müsste die trolligen Piraten fragen, die daggen in Halle in Sachsen.

Dann ist da noch die anstehende Expertenanhörung zum deutschen Drohnenproblem. Die gesammelte Liste der schriftlichen Expertenaussagen ist sehr interessant, zumal sich nun auch der Wehrbeauftragte des Bundestages öffentlich für die Anschaffung von Kampfdrohnen ausgesprochen hat. Wie wäre es mit einem waffentragenden Predator, der beim Verlust des Kommunkationslinks souverän die vorprogrammierte Notlandeprozedur abarbeitet, mit einem klitzekleinen unprogrammed pitch over? Was noch fehlt, was sicher kommen wird, ist die Antwort der Bundesregierung auf die Frage, welch neuer Impuls das Verteidigungsministerium beflügelte.

[i]"Durch den 'Impuls' des Bundesministeriums der Verteidigung ist den beteiligten Nationen bewusst geworden, dass eine Harmonisierung des Betriebes und des Zulassungswesens für UAS in Europa -- besonders im Hinblick auf eine kurz- bis mittelfristige Nutzung ihrer verschiedenen UAS-Systeme im nationalen Luftraum -- notwendig ist. Bisher wurden diese Systeme fast ausschließlich in den Einsatzländern eingesetzt."[/]

Deutschland, deine Oberlehrer. Ach, glückliches Österreich, könnte man da seufzen. Einfach mal mit dem Hinweis, dass man nicht in der NATO ist, den Überflug der Global Hawk verweigern, das steht dem Deutschen nicht zu.

Das war's. Ois hod sei End. Its all over now, zumindest für Bobby Womack. Aber in allem steckt auch ein Anfang. Womacks Song war der erste, den Bruce Springsteen auf der Gitarre lernte. "Warmer Wind wirft Weite her." Manche Musik passt einfach zur Lage des Individuums, aber keinesfalls zur Lage der Nation. (jk)