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Was war. Was wird.

Manchmal wünscht sich Hal Faber die Schlichtheit jener IT-Experten, die Andersdenkende einfach zum Troll erklären. Schließlich sind wir nicht im Waffeleisenzeitalter.

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Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Angeblich herrscht im Nahen Osten Waffenstillstand, nur in den Tunneln wird gekämpft und im Internet. In meiner Twitter-Timeline sind die Raketenwarnungen von #IDF verschwunden, doch Aufatmen gilt nicht, die Schizophrenie ist in Schussweite. Die gruselige Frage, wo die Kritik an Israel aufhört und wo der Antisemitismus beginnt, steht wieder einmal vor der Tür und tritt diese mit Krawumm ein. In dieser Lage wünscht man sich die Schlichtheit jener IT-Experten, die Andersdenkende einfach zum Troll erklären und dann mit Nichtbeachtung strafen. Doch so einfach geht es nicht, hier hilft kein Kochrezept und kein Ausblenden unerwünschter Wirklichkeiten.

Algorithmen sind Vorschriften und Schrittfolgen, nach denen Computer Prozesse abarbeiten und Aufgaben lösen, vergleichbar einem Kochrezept. Dienste wie Google News oder Rivva erstellen so eine automatisierte Nachrichten-Übersicht, beim US-Unternehmen Narrative Science werden ganze Texte erstellt.

So erklärt das Handbuch Groundbreaking Journalism von Vodafone und irights das Ende des klassischen Journalismus und den Übergang zum Kochrezept, 30 Jahre nach dem Sachertorte-Algorithmus, dem ultimativen Buch gegen die Computer-Angst. Ja, heiter ist aller Anfang und am Ende schreibt der Roboter die Tora. Übrigens ist nicht nur der Journalismus bedroht, auch die Tage des System-Administrators sind gezählt. Und die Wikipedia wird auch kein Menschenwerk mehr sein.

*** Bis es soweit ist, lernen wir alle noch eine Programmiersprache: leider nicht online, sondern nur auf Papier, erzählt das Wochenend-Feuilleton lang und breit vom Programmieren als oberste Bürgerpflicht der inneren digitalen Agenda: "Wer den Computer beherrschen will, muss sich mit ihm verstehen." Na dann, die geschickt geschaltete Werbung für Codeacadamy, Team Treehouse und Udacity macht uns alle zu besseren Menschen wie Ranga Yogeshwar. Apropos Kochrezept, wie wäre es mit dieser erweiterten kochtechnischen Frage:

Ein Waffeleisen kann Waffeln machen, ein Computer kann Programme ausführen. Warum aber sind wir im Computer-Zeitalter und nicht im Waffeleisenzeitalter?

Digitale Agenda? Da war doch was? Genau, ein CeBIT-Auftritt der drei Superminister, die die Digitalisierung Deutschlands schultern wollen. In dieser Woche ist termingerecht zur Sommerpause der Politik ein erster Entwurf dieser digitalen Agenda "zufällig veröffentlicht" worden, nachdem er bereits durch alle Redaktionen kursierte, bis er im Briefkasten von Netzpolitik aufschlug. Er liest sich, als habe ein besonders schlechter Algorithmus Bullshit-Bingo gespielt, dabei auf Kriegsfuß mit der deutschen Sprache stehend: Aus einer Koordinationsaufgabe wird eine "koordinative Aufgabe", ein "runder Tisch Internet und Menschenrechte" wird "verstetigt" und wenn schon mal der Mensch und seine Arbeit im Mittelpunkt der Agenda steht, dann qualmt der Assoziationsblaster:

Forschung für die Zukunft der Arbeit in einer digitalisierten Welt leistet einen Beitrag dazu, eine gewinnbringende Koevolution von Technik und sozialen Faktoren wie Kompetenzentwicklung, (Arbeits-)Prozessinnovationen und gesundheitlichen Präventionskonzepten zu ermöglichen.

*** Phrasen wie die von der gewinnbringenden Koevolution zeigen den Verlust des Denkens. Dabei ist überall Aktionismus angesagt: Strategien werden gezimmert, Aktionspläne gezeichnet, Steuerkreise gemalt, Plattformen aufgebaut und ein noch zu schweißender Ordnungsrahmen muss auch noch her. Aus der klaren Sprache des Koalitionsvertrages ist unter Mithilfe von drei Ministerien ein digitaler Murks entstanden. Nicht länger ist forsch die Rede von "wir ergreifen Maßnahmen zur Rückgewinnung der technologischen Souveränität" Deutschlands, wie das im Koalitionsvertrag formuliert wurde. Stattdessen heißt es nun:

Gemeinsam mit der Wirtschaft wollen wir die deutsche Technologiekompetenz für vertrauenswürdige IT stärken und dauerhaft sichern. Hierzu richten wir eine Plattform "vertrauenswürdige IT" ein.

*** Am Ende steht dann der TÜV, der heute schon alles zertifiziert, was nicht bei Drei auf die Bäume geklettert ist, und winkt mit einer hübschen Plakette. Manche Sätze der Agenda lesen sich, als wären wir im Waffeleisenzeitalter:

Wir wollen Verschlüsselungs-Standort Nr. 1 auf der Welt werden. Dazu soll die Verschlüsselung von privater Kommunikation in der Breite zum Standard werden. Die Anwendung von Sicherheitstechnologien wie De-Mail bauen wir aus.

Wer diese drei Sätze Ernst nimmt, muss seinen Bürgern die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung von De-Mail kostenlos anbieten, möglichst mit verschiedenen Verfahren und Verzeichnisdiensten für öffentliche Schlüssel. Derzeit ist das nicht der Fall, nur ein Plätzchen für die Hinterlegung von S/Mime-Zertifikaten ist da. Hilfestellung oder gar Erklärungen, was man sich unter X.509 vorzustellen hat, sucht man im System vergebens. Auffällig ist auch, wie häufig vom Algorithmus der Agenda betont wird, dass Netzpolitik Europapolitik ist. Gerade hat ja auf europäischer Ebene der Verordnungsentwurf zur elektronischen Identifikation die letzten Hürden genommen. Damit ist das Aus des deutschen Sonderweges einer qualifizierten elektronischen Signatur programmiert, durch Politik und ganz ohne Algorithmus.

*** Die Digitale Agenda spricht von Cybercrime, Cyberspionage und Cybersecurity – und von einer Cyber-Sicherheitspolitik gegen einen Cyber-Rüstungswettlauf. Klingt nett, doch ein Blick auf die aktuellen Nachrichten zeigt, dass es längst cybermäßig lichterloh brennt an allen Ecken und Enden. Auch die Tagespolitik spricht eine andere Sprache, nämlich diese hier:

"Der BND handelt bei seiner Aufgabenerfüllung im Einklang mit den bestehenden verfassungsrechtlichen und gesetzlichen Vorschriften.'

Dieser dürre Satz ist im Kern die regierungsoffizielle Antwort auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion mit elf Einzelfragen. Zuvor heißt es lediglich, das die Fragen 1 bis 11 gemeinsam beantwortet würden. Das nennt man eine symbolische Klatsche. Für diesen einmaligen Vorgang bedauert es der Journalist und Jurist Heribert Prantl, dass es keinen Straftatsbestand der "Missachtung des Parlamentes" gibt und er schreibt, leider nicht online, gewissermaßen den Gegenkommentar zur Agenda dieser Regierung:

Die Art und Weise, wie die Bundesregierung mit den Anfragen des Parlaments umgeht, ist skandalös. Das Bundesverfassungsgericht hat die Herablassung, die Oberflächlichkeit und die Dürftigkeit, mit der die Regierung immer wieder Fragen der Parlamentarier behandelt, für verfassungswidrig erklärt. Die Regierung schert sich wenig darum. Wie wenig, das zeigt die Antwort zu den Rechtsgrundlagen der Arbeit des BND im Ausland.

*** Diese Herablassung hat Methode, kann Prantl ergänzt werden. Denn die Regierung gibt auf Anfrage zwar Auskunft über Software, die die Bundeswehr einsetzt oder einsetzen will, wenn soziale Medien in den Einsatzländern beobachtet werden. Kommt die Anfrage auf den BND, wird eisern geschwiegen oder vage von "statistischen Verfahren" geschwafelt, mit denen der BND Echtzeitanalyse von Streaming-Daten betreibt. Die wenig gesicherte Meldung hinzugenommen, nach der sich der BND für die In-Memory-Datenbank SAP HANA interessiert, um schneller gigantische Datenmengen durchsuchen zu können, könnte man fast auf die Idee kommen, dass es eine zweite digitale Agenda gibt.

Was wird.

Mit den Kriegen in Israel und der Ukraine sind wir weit von einem Sommerloch entfernt, in dem sich das traditionelle Sommerrätsel breit machen kann, in dem in der Kategorie Spyware sicherlich auch der BND sein Plätzchen unter all den Geschichten von Spion & Spion hat. Geht es nach dieser Meldung, so schnorchelt unser Auslandsgeheimdienst in Frankfurt am weltgrößten Peering Point mit, wo Milliarden von E-Mails über die Systeme geschaltet werden. Technisch sieht das so aus:

Frage: Mit diesem Bild ist ein kleines Jubiläum verbunden, das in der nächsten Woche gefeiert wird, wenn die nächste Wochenschau am Rande der norddeutschen Tiefebene entsteht. Worum geht es?

Ein weiteres Jubiläum naht am 5. August mit dem Tag im Jahre 2014, als Großbritannien Deutschland den Krieg erklärte. Technisch wichtiger war der Betrieb der ersten elektrischen Straßenampel im US-amerikanischen Cleveland. Das muss doch gefeiert werden, wie der Mensch sich erstmals freiwillig dem Signalgeber unterwarf. Seit langem werden Verkehrsampeln von Computern gesteuert, womit wir vom Waffeleisen zurück bei den finsteren Algorithmen sind, die unser Leben in Rot- und Grünphasen aufteilen. Besonders schick sind jene Systeme, die im Verbund mit der Kennzeichenerkennung die Fahrgeschwindigkeiten errechnen und weitergeben können. Da wird es nicht nur den Geheimdienstlern warm ums Herz. (anw)

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