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Was war. Was wird.

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

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Was war.

*** Es ist ein grauer, regnerischer und stürmischer Samstag in der norddeutschen Tiefebene. Der Wind pfeift laut wie die Dot.coms, die sich auflösen, weil die Investoren kein frisches Geld mehr zuschießen wollen. All die farbigen, witzigen, spannenden neuen Angebote, die uns alle so elektrisieren, verschwinden aus dem Netz. Das Internet wird grau wie dieser Samstag. "Keine Farben mehr, die Sinne zu erwecken; keine Musik, die die Seele fliegen lässt, keine Schriften mehr, die die Fantasie anstacheln, keine Programmiersprachen, an denen man sich erfreuen kann" – ist das Leben nicht elend? Ja, sooo kann es kommen, sooo wird es kommen, am 1. Oktober 2000, am Tag des Großen Internet Grau. An diesem Tag werden auch Menschen, die an den Hängen unserer Tiefebene leben, das leibhaftige Grau bekommen. Das Große Internet Grau ist ein Protesttag gegen die fortgesetzten Urheberrechtsverletzungen im Internet. Alle, die beim Protest mitmachen, werden einen feschen Grauschleier auf ihre Seiten legen (die Vorlagen dafür liegen hier: http://www.greyday.org/german_main.html). Die Organisatoren des Großen Internet Grau geben sich kämpferisch bis zum Umfallen der Logik: "Nur durch Aufklärung und Verständnis können wir bewirken, dass das Web mit ursprünglichem, kreativen Inhalt gefüllt bleibt und dass das stumpfe Grau harte Realität wird."

*** Das stumpfe Grau ist eigentlich eine schicke Farbe. Sie ist sogar die Lieblingsfarbe der Bobos, sozusagen der Erkennungswimpel der Bobo-Kultur. Nach den Babyboomern oder den Schlaffis der Generation X, nach dem großen Plopp der Generation@ im Loch von Bielefeld haben die Soziologen der Gegenwartskultur nun die Bobos gefunden. Bobo ist das Modewort für "Bohemian Bourgeoisie", die sich an Orten wie dem Silicon Valley, in London oder Berlin herumtreibt. Bobos sind die Neureichen des Internet-Booms, die Millionen gescheffelt haben, aber sich nicht anständig anziehen. Die, die die teuerste Uhr am Handgelenk tragen, sich aber mit einem eBay-T-Shirt und dreckigen Jeans in die Berliner U-Bahn werfen, um zur Internet World zu fahren. Der Erfinder der Bobos ist David Brooks, der mit seinem Buch Bobos in Paradise: The New Upper Class and How They Got There den Bobos die Leviten lesen will. Das Buch des konservativen Journalisten, der in den Untersuchungen gegen Clinton der Spezialist für unappetitliche Details á la Paula Jones war, wird sicher in die Charts klettern. Den Bobos wird es herzlich egal sein. Amerika ist auf ihre Erfolge angewiesen und wird die Jungmillionäre sicher nicht in Arbeitslager stecken, wie sich das Brooks insgeheim wünscht.

*** Ein Bobo in Spe trampte als Hobo zu früh nach Hause. Auf der Blubber- und Labermesse Internet World in Berlin musste die Preisverleihung des Venture-Kapitalisten Econa abgeblasen werden. Als erster Preis für die beste StartUp-Idee winkte eine kostenlose Werbekampagne der Agentur Scholz & Friends. Doch der Sieger, ein Hamburger Student mit einem Preisvergleichssystem namens eVendi, war einfach schon abgereist. Wir hoffen mit dem glücklichen Unglücklichen, dass er sich nun nicht aus Geldmangel in die Arme gewisser Billigwerber werfen muss, die zur Internet World in die Vollen gingen, um den Redakteuren den letzten Rest von Verstand zu rauben: "das größte Web- und WAP-Commerce-Zentrum für komplexe E-Business-Applikationen in Europa", "die größte Online-Videothek Europas on demand via IP-Netz", die "weltweit einzigartige E-Commerce-Basistechnologie für User-Tracking-Power-Shopping" und vieles mehr machte die Vorstellung eines grauen Internet eigentlich richtig attraktiv.

*** "Wir sind die Könige der Gewinnspiele", behauptet dooyoo.de von sich, obwohl dooyoo als so genannte "Meinungsplattform" im Internet reüssiert. Die Idee hinter dem Angebot ist es, dem durchschnittlichen Anwender, Benutzer, Tierhalter oder Wagenwäscher den Raum zu geben, seine Meinung zu veröffentlichen. Wer die selben Vorlieben wie ein anderer Meinungsführer hat, kann praktischerweise auf ein eigenes Urteil verzichten und die Meinung übernehmen, etwa, dass www.renate-wallert.de einen Trost für die Geiseln auf den Philippinen ebenso wie eine Aufmunterung an die moslemischen Geiselnehmer enthalten müsse. Mitunter hilft die schönste Meinungsführung nicht, weil Kleinvieh nun einmal Mist macht. So meldete dooyoo in der letzten Woche ganz aufgeregt, dass Handy-Betrüger auf Kosten ahnungsloser Handy-Besitzer telefonieren können, die auf eine SMS-Nachricht hin die Nummer 01414554414 anrufen. Und überhaupt: Die Nummer der SIM-Karte könnten die bösen Verbrecher gleich auch noch auslesen. – Diese Warnung offensichtlich etwas hilfloser Kriminalbeamter recherchierte dooyoo laut einer E-Mail an einen zweifelnden Benutzer des Dienstes knallhart nach. Ergebnis: Offensichtlich machte sich kein Meinungsforscher die Mühe nachzufragen, ob 0141 überhaupt eine in Deutschland zugelassene Nummer ist; offensichtlich fiel keinem der knallharten Jung-Rechercheure auf, wie oft dieser Fake schon durch das Netz der Netze gewandert ist. Dafür stand später die stolze Nachricht im System, "dass dooyoo-Teilnehmer erfolgreiche 'Enten-Jäger' sind" und schnell den Schwindel hinter der Meinung entdeckt hatten. Recherche ist halt ein Glücksspiel, wenn die Dollars (oder Euros, meinetwegen) aus einem möglichen Börsengang den Verstand vernebeln.

*** Apropos Könige: Da gab es doch eine Meldung auf heise online, dass jemand von Bertelsmann, oder einer vom Pixelpark, oder gar einer von der Telekom, "Internet-König" sei. Heftige Proteste unter den Newsticker-Lesern: Einen König, das ist das Letzte, was das Internet braucht (noch weniger als E-Commerce). Recht so: Die monarchische Staatsform ist dem basisdemokratischen Gedanken des Netzes sui generis völlig wesensfern. Die feine Ironie, mit der eine Kollegin die "wichtigste Persönlichkeit des deutschen Internet-Business", wie der Titel des Preisträgers offiziell hieß, gleich zum "Internet-König" ernannt hatte, entging allerdings manchem Kritiker. Wenn aber schon all diese lächerlichen Awards und Preise und Labels vergeben werden müssen, die ja allesamt nach dem Motto "Nenn mich Schiller, sag ich Goethe" funktionieren, indem die Preisträger das nächste Mal den Preisvergebern den Preis geben und sich damit wechselseitig immer wieder auf die Schulter klopfen, dann sollte der Preis an sich wenigstens nicht im Widerspruch stehen zum Medium, mit dem er zusammenhängen will. Ob "wichtigste Persönlichkeit des Internet" oder "Internet-König": Ausgerechnet den Chef eines der mächtigsten Medienkonzerne der Welt dazu zu ernennen, zeigt von einer gewissen Autoritätshörigkeit. Die brauchen aber anscheinend auch Bewerber, die sich für eine Stelle bei eben diesem Medienkonzern interessieren. Heißt es doch in Stellenanzeigen von Bertelsmann: "Hier wird nicht verwaltet, sondern gestaltet". Das meint zumindest Reinhard Mohn, Vorstand der Bertelsmann-Stiftung und Granddaddy des Konzerns, in einer Stellenanzeige der ZEIT vom 25. Mai 2000. Antreten: "Los, los, kreativ sein, aber sofort", könnte so ein Chef sagen: "Hier wird nicht geraucht..." Die Art, wie in Gütersloh Kreativität, Modernität und Offenheit befohlen wird, offenbart eine zutiefst autoritäre Verfassung der "Reformwerkstatt Bertelsmann".

*** Aber kehren wir zu den wirklichen Helden zurück, den TV-Helden. Deren sind ganz neue in Sicht. Sie kommen – natürlich, aus dem Internet. Einer heißt Ricardo, stammt aus Hamburg und startet im Herbst bei SAT.1 mit einer Verkaufs-Show, die "klassische Show-Elemente mit den Online-Auktionen von ricardo.de verbindet". Ein anderer heißt LetsBuyIt, kommt aus Schweden und kündigt beim BSkyB-Channel eine Verkaufs-Show an, an der auch ProSieben beteiligt ist. "Jetzt stehen uns rund 50 Millionen Euro sowie einmalige Verbreitungskanäle fürs Marketing zur Verfügung. Damit können wir die größte Einkaufsgemeinschaft der Welt werden", sagte LetsBuyIt-Sprecher Andreas Engel. Hey, RTL und Primus Online, lest ihr mit? Nur nicht lange zögern ... Ricardo.de jedenfalls hat herausgefunden, dass der typische Ricardo-Fan männlich, besserverdienend und 30 Jahre alt ist sowie Abitur hat. Da stellt sich mir doch die Frage, warum so ein toller Hecht am Wochenende zur Prime-Time nichts Besseres vorhat, denn genau um diese Zeit soll die Sendung im Femsehen und im Internet laufen. Neben den permanenten Lieferschwierigkeiten sorgte Ricardo zuletzt mit der hauseigenen Mode-Kollekion für Aufsehen: Sweatshirts, Pullover, ja sogar Krawatten mit Ricardo-Schildchen markierten die Zugehörigkeit zur berühmten Generation@. Jetzt stellt sich raus, dass die Generation@ aus Langeweilern besteht, die wochenends zur Prime-Time @Home sitzen.

Was wird.

Für die nächste Woche darf ich nach all dem Geblubber der Internet World auf eine Konferenz aufmerksam machen, die Tulipomania Dotcom heißt und in Amsterdam und Frankfurt stattfinden soll. Das muss man sich so vorstellen: Mitten in den heißen Debatten über die Rolle der Linken im Internet-Boom schmeißen sich alle Beteiligten in einen Flieger der KLM und kurven nach Frankfurt. Oder nach Seattle? Dort wird uns Bill Gates den ganz großen Knaller bescheren. Er wollte vor der Wirtschaftspresse am 1. Juni die nächste, dritte Generation des Internet vorstellen, die gerade in Seattle entdeckt wurde. Allerdings musste Microsofts Übervater das nun verschieben – der Kartellprozess beschäftigt die Mannen aus Redmond doch zu sehr. Vor 140 Firmenführern hat Bill Gates allerdings auf einem privaten dooyoo-Meeting in seinem Häuschen schon einmal die feinen Sachen springen lassen, die da kommen werden. SOAP, das Simple Object Access Protocol, oder ASP+, die Active ServerPages Plus, ein Webstore Foundation Layer, ein AppCenter Layer und vieles mehr will er nun bald einer Presse vorstellen, die ohnehin der Meinung ist, dass Bill Gates das Internet erfunden hat, zusammen mit Al Gore natürlich. Auf diesem Treffen, das nun verschoben wurde, und das all die schönen Pläne auch einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen soll, sind übrigens nur Börsenanalysten und Finanzpresse zugelassen – es gibt eben kein richtiges Leben im Falschen ... Der große Zauber wird jedenfalls bestimmt helfen, die blöde Sache mit Outlook vergessen zu machen, das dieser Tage so manchen netten Virus transportiert. Genauso wie die fesche TV-Kampagne, die Microsoft zur Rettung von Outlook vor der öffentlichen Meinung in den USA gestartet hart. Die Musik zum Werbespot klingt erhaben. Es ist das Confutatis Maledictis aus Mozarts Requiem: "Die Verdammten und Verfluchten fahren in die Flammen der Hölle". (Hal Faber) (Hal Faber) / (jk)

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