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Was war. Was wird.

Der Kapitalismus ist alternativloser denn je, auch in Deutschland, wo alles supertoll ist, Bis auf das Asylrecht. Die Börse feiert 'ne Party, bei der Hal Faber mit langem Gesicht in der Ecke steht. War was? Ein Milliardär ist ein bisschen zurücktreten.

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Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** War was? Larry Ellison ist weg, aber nur ein kleines Bisschen. Die ölreichen Schotten essen weiter ihren Haggis und die Camper haben ihre iPhones, fünf Minuten Ruhm inklusive. Der chinesische Kapitalismus feiert seinen Börsengang von Alibaba und Damabisa Moyo kann jubeln über das "turbokapitalistische Feuerwerk". Freuen wir uns auf die Fusion von Alipay und Apple Pay, ebenso über den großen Zusammenschmiss von SAP und Concur, das Firmen wie Airbnb und Uber als Kunden hat. Eigentlich müsste der Kapitalismus mit der Klimakatastrophe verschwinden, aber war der nicht eigentlich schon vor 25 Jahren am Ende, als die Sache mit dem Klima bekannt wurde? Jedenfalls ist dank Naomi Klein etwas Hoffnung da, jedenfalls hinter der Paywall der Süddeutschen Zeitung:

"Die Entmachtung der Öl-und Kohleverbrenner könnte die ermatteten Widerstandsbewegungen des 20. Jahrhunderts revitalisieren und zusammenbringen, um 'die unerledigte Aufgabe der Befreiung' endlich zu vollenden: ökonomische Gerechtigkeit."

*** Der Kapitalismus ist alternativloser denn je, besonders in Deutschland, wo alles supertoll ist, mal abgesehen von ein paar kleinen Korrekturen, etwa beim Asylrecht. Mit Hilfe eines Grünen wurden Bosnien-Herzegowina, Serbien und Mazedonien zu sicheren Herkunftsstaaten erklärt. "Wir können mehr Verfolgte aus Syrien aufnehmen, wenn weniger Nichtverfolgte aus Serbien zu uns kommen." Das sagte ausgerechnet Bundesinnenminister Thomas de Maizière, mithin Vorsitzender einer Behörde, die das Kontingent bei der Aufnahme syrischer Flüchtlinge auf 10.000 Menschen festgesetzt hat und dieses auch nicht erhöhen will. 10.000 von 3,5 Millionen, nicht gerechnet die Fluchtwellen aus dem Irak. Natürlich ist die Abschaffung der Residenzpflicht ein Fortschritt, auch die Arbeitserlaubnis für Flüchtlinge nach drei Monaten kann als Verbesserung gelten. Irgendwie müssen doch auch Flüchtlinge an ein Mobiltelefon kommen können.

*** Zu den seltsamsten Geschichten dieser Tage gehören die bewundernden Schilderungen über die Cryptophones der Firma GSMK, die aufmucken, wenn sie von illegale Funkzellen oder IMSI-Catchern angebohrt werden. "Dieser Text soll keine Werbung für GSMK machen", heißt es in der Zeit ausgerechnet in einem Artikel, der vor Werbung nur so strotzt. Gelobt wird die Firewall, die in den Cryptophones überwacht, was der Baseband-Prozessor tut. Ganz toll, was die "kleine Berliner Firma, die vor mehr als zehn Jahren von Mitgliedern des Chaos Computer Clubs gegründet wurde", da geschafft hat. Dass dies mit Fördermitteln aus dem Forschungsministerium im Rahmen des SMOG-Projektes passierte, das muss man ja nicht im real existierenden Kapitalismus erwähnen, oder? Besonders schön ist diese Passage aus dem offiziellen Abschlussbericht von SMOG:

Das Ziel dieses Teilprojekts, fertig verwendbare Softwarekomponenten für den Schutz vor Angriffen über die Luftschnittstelle zu entwickeln und diese als softwareseitig nachrüstbare Produktsuite in moderne Smartphones mit leistungsfähigen Betriebssystemen zu integrieren, ist mit diesem kommerziellen Produkt somit voll erreicht worden. Die kommerzielle Vermarktung dieses Produkts hat zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Schlußberichts bereits begonnen; die verwendete Methodik wurde sowohl in Europa wie auch in Nordamerika zum Patent angemeldet.

Eine softwareseitig nachrüstbare Produktsuite, die andere als Patent längst hätten lizensieren und einbauen können, erfordert natürlich Root-Zugriff auf die Hardware und den Baseband-Prozessor. So viel Freiheit darf es einfach nicht geben in diesem Ökosystem, das auf der systematischen Untertanisierung beruht. Handy kommt von Hand, nix Verstandy, von Verstehen und Nachdenken und so Zeugs.

*** Mit Reflexionen aus einem beschädigten Leben haben auch Politiker ihre liebe Mühe. Man nehme nur den amtierenden Justizminister Heiko Maas von der SPD, der im paywallgeschützten Interview mit der Financial Times die Forderung aufstellte, dass Google seinen Suchalgorithmus veröffentlichen soll. Dabei ist der Algorithmus längst öffentlich, da er von Google-Chef Larry Page zum Patent angemeldet wurde. Vor zwei Jahren erschien zudem John Mc Cormacks preisgekröntes Buch, in dem die Idee von Larry Page und Sergeij Brin laienkompatibel dargestellt wird. Bis heute ist es mangels Marktinteresse nicht übersetzt worden.

*** Und was diese Geschichte mit von Marktmächten und Marktinteressen im Turbokapitalismus anbelangt: Wie wäre es, wenn unser Justizminister von der Schufa die Offenlegung der Algorithmen fordern würde, die das Leben im Kapitalismus weit stärker prägen als Google? Das wäre systemsprengend und geht gar nicht, denn "Ohne Schufa kein Happy End". Das geht gar nicht in einer SPD, die es nicht mal schafft, bei der AfD antichambrierende Mitglieder vom Schlage eines Sarrazins rauszuschmeißen.

*** Mit 1,2 Prozent Stimmenanteil hat Kim Dotbomb mit seiner Internet Party das Mana Movement aus dem Parlament entfernt. "Mutti" John Key, der Sohn einer vor der Shoa geflüchteten österreichischen Jüdin, wird weiterhin Premierminister bleiben. Mit der unumwunden Niederlage von Kim Dotcom sind alle Pläne pulverisiert, die Internet Party in anderen Ländern zu etablieren. Der ganze Moment der Wahrheit hatte etwas ur-kimblianisches, denn der :Dicke im Geschäft blieb den Beweis dafür schuldig, dass Warner Brothers eine Mail an Key geschrieben haben.

*** Nun ist bekanntlich der Journalist Glenn Greenwald zusammen mit Kim aufgetreten, womit der Hacker seine speziellen Freunde vom Chaos Computer Club übertrumpfte: Die hatten Greenwald beim 30C3 nur per Videoschalte auf dem Kongress, wie Julian Assange und Edward Snowden beim "Moment der Wahrheit". Wie formulierte es der Twitterer MEGAprivacy Video: "We're honoured to have Edward Snowden demo our upcoming end-to-end encrypted video chat." Wer es freundlich nimmt, wird von einer Werbeverkaufsveranstaltung sprechen, auf die sich Snowden ahnungslos eingelassen hat. Unfreundlicher gesagt, hat Edward Snowden seinen Ruf als Whistleblower nachhaltig ramponiert. Wie von den zwei Körpern des Königs muss man nun von den zwei Körper Snowdens sprechen und die Funktion des Superhelden für die Hackerkultur analysieren.

Was wird.

Zum opulenten Bild in der letzten Wochenschau gab es viele Fragen. Der dort gezeigte deutsche Volksrechner stammt jedenfalls aus dem Jahre 1974 und soll daran erinnern, dass in diesem Jahr der Intel 4040 Geburtstag hat. Erinnert werden soll auch an eine Zeit, in der Deutschland oder Europa bei Hard- und Software auf gleicher Höhe lag. Bald startet das Vintage Computing Festival Berlin, auf dem dieser Rechner im Betrieb bestaunt werden kann. Neben der Ausstellung gibt es Vorträge und Workshops. 1974 waren bereits 20 Jahre vergangen, als am 21.9.1954 der erste Fortran-Code (zu sehen im Einstiegsbild dieser Wochenschau) auf einem Rechner lief. Heute kann man mit der Lupe suchen, was von der deutschen Souveranität in punkto IT zu halten ist. Angeblich soll ja "Made in Germany" gefragt wie nie zu vor sein, nicht nur in Gestalt von Cryptophones bei GSMK. Verschläft Deutschland die Zukunft? Ja, so ist es! Stimmt nicht! Aha, so geht also streiten. Ist ja fast wie bei den Piraten, nur dass diese keine noble analoge Bühne brauchen, sondern sich digital auf Twitter selbst zerlegen. Das ist doch einen Schrottplatz wert.

(vbr)

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