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Was war. Was wird.

Der Rest ist Schweigen? Ach, der kleine Philae hat es gut, er kann sich nach weitgehend getaner Arbeit friedlich zur Ruhe begeben. Träumen Hal Fabers von elektrischen Brüdern im Geiste?

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Schweigen (Nationalpark Khao Yai in Thailand

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

Es riefen Menschen ...

*** Gut gemacht, kleiner Philae, schlaf schön. Träume von elektrischen Schafen und sonn dich ein bisschen (und vielen Dank an xkcd für die eindeutige beste Darstellung der Landung). Besser als auf der Erde hast du es allemal, kleiner Philae, da auf Tschurjumow-Gerassimenko. Hier bei uns würde allein dieser Name ausreichen, dass diese unsere deutsche Bundeskanzlerin diktatorische Anfälle bekäme. Tschurjumow, das klingt ja fast nach diesem Ramelow, der Europa in den Abgrund treiben könnte. Kleiner Philae, so ein Abgrund ist viel größer als ein Komet oder als ein Wal, ich kann das kaum in Saarländer oder Fussballfelder umrechnen. Auf alle Fälle geht es bergab und bergabber, und ein Europa "in völliger Abhängigkeit von der Linken" droht: Gegen die Bösartigkeit dieser Argumentation von Frau Merkel mutet sich das Biermann-Debakel der letzten Woche recht harmlos aus. Was machen wir eigentlich mit den 274.000 Thüringern, die als Putins fünfte Kolonne die Linke gewählt haben? Kann man sie nicht als Europa-Totengräber sofort verhaften und zum Grenzdienst bei Frontex verdonnern? Da möchte man lieber schlafen, schlafen, schlafen. Lange schlafen, wie wohl unser aller elektrischer Bruder im Geiste.

*** Es gab eine Zeit, da war er "Mister AOL" persönlich und stellte – zumindest in Europa – Steve Case, den Gründer von America Online, in den Schatten. Mit seiner Beteiligung am ehemals weltgrößten geschlossenen Online-Dienst hatte "Big T" Thomas Middelhoff den Deal seines Lebens abgeschlossen, der nach dem Verkauf der Anteile an Time-Warner einen satten Gewinn produzierte. Dabei begann er ganz klein mit einer Promotion über die Einführung von Btx. Nun ist er dafür verurteilt worden, den Unterschied von Ehre und Ehrlichkeit nicht so genau zu nehmen. Der Mann, der sich für unangreifbar hielt, muss für drei Jahre ins Gefängnis, unter anderem für eine 180.000 Euro teure Festschrift "Ethik für Führungskräfte" für seinen alten Kumpel Mark Wössner. Sie wurde bei Bertelsmann für Bertelsmänner gedruckt, zahlen musste aber Arcandor, das in die Pleite schlitterte. Prompt spricht Mark Wössner von einem unfassbar harten Urteil und auch sonst ist die Bestürzung groß, in der ach so lampedusafreien heilen Bürgerwelt: "Aber dass ihn nun die höchste Strafe trifft, die eine bürgerliche Gesellschaft gegen einen der Ihren verhängt – die Gefängnisstrafe –, ist unangemessen. Und dann noch drei Jahre." Wie, was, was habe ich da verpasst? Die höchste Strafe der bürgerlichen Gesellschaft gegen einen der Ihren muss unter drei Jahren liegen? Man wird doch wohl ein bisschen schummeln dürfen, als Gegenstück zu diesem elenden, unsäglichen das wird man ja wohl noch sagen dürfen, das möchte ich eigentlich nicht schreiben wollen, aber dieses nochdürfen und kommt bekanntlich von Notdurft. Der Rest ist Sch ...

*** "Guten Tag. Sie haben mit dem immunologischen Labor Bla telefoniert, danach mit der AIDS-Hilfe und dem Arzt Dr. Blubb. Dann haben Sie die Versicherung Balljanz angerufen und einen Termin im Sanatörium Blörp gebucht. Nein, wir überwachen Sie nicht. Wir haben doch nur ihre Metadaten, wissensschon." Ganz ohne Internet und geheimste EXIF-Einstellungen zeigt dieser kleine Ausschnitt eines Telefonates über Telefonverbindungen, was es mit diesen Metadaten auf sich hat. Da gibt es "einzelne Ereignisse wie Telefonate [,die] schon Dutzende Verbindungsdaten produzierten" und Schwuppdiwupp, kommen schon mal an die 500 Millionen Datensätze zusammen, selbst nach der Aussiebung von "Grundrechtsträgern". Die absurden Aussagen im NSA-Untersuchungsausschuss nehmen zu: Metadaten ohne Personenbezug sind Sachdaten, so einfach ist das, ebenso grundrechts- wie nervenschonend. Wenn die Zusammenfassungen und die Protkolle dieser Befragungsfarce stimmen, so müsste der Artikel 10 des Grundgesetzes geändert werden. IANAL, aber wie wäre es mit folgender Lösung, die zwischen Grundrechtsträgern und Hilfsträgern unter Rückgriff auf den bewährten Arierparagraphen ausreichend genau differenziert:

(1) Das Briefgeheimnis sowie das Post- und Fernmeldegeheimnis sind unverletzlich. Das Briefgeheimnis sowie das Post- und Fernmeldegeheimnis gilt nicht für Personen, die einen Eltern- oder Großelternteil haben, der nicht in der Bundesrepublik Deutschland, der Deutschen Demokratischen Republik, dem Deutschen Reich oder dem Heiligen Reich Deutscher Nation geboren wurde.

Was wird.

In der kommenden Woche geht es rund. Den Auftakt macht die Wau Holland-Stiftung mit ihrem Gedenken an den Btx-Hack. Über die Woche hinweg hat sie interressante Stücke aus dem Archiv veröffentlicht, wie verpeilt die Öffentlichkeit auf den Hack reagierte. Gleich mehrmals kam der Informatiker Klaus Brunnstein zu Wort, wie er die damals recht kleine CCC-Truppe zu kriminalisieren versuchte mit dem Verdacht, der CCC hätte weitere Geldinstitute erpresst. Dass der CCC damals gar kein rechtmäßig etablierter Verein war und alles Geld, wenn es dies je gegeben hätte, auf dem Fernmeldekonto eines Einzelnen gelandet wäre, wird bis heute gekonnt vernebelt, von Kritikern und Waufans gleichermaßen. Der eigentliche Skandal ist darob schnell in Vergessenheit geraten: Das gesamte, frisch von IBM gelieferte Btx-System hatte grundlegende Design-Fehler.

Ähnlich ergeht es dieser Tage der elektronischen Gesundheitskarte (eGK): Wenn in dieser Woche beim Bundessozialgericht über das Foto auf der Karte verhandelt wird, wird die Kürmelmonster-Geschichte verhandelt, nicht die gefährlichen Vernetzungsfantasien des medizinischen Teils der IT-Branche, die jeden Arzt mit iPad auf Visite schicken und Fitbit-Tracker am liebsten an den Anus heften will.

Ein Zeitalter geht zu Ende: Zehn Jahre lang führte Jörg Ziercke das Bundeskriminalamt in Wiesbaden und wird nun mit "The Duke" musikalisch in den Ruhestand geschickt. Zehn Jahre lang kämpfte der oberste deutsche Kriminalist für die Vorratsdatenspeicherung, von der Argumentation mit Terroranschlägen in Madrid bis zum letzten Strategiegespräch mit einem gelangweilten Mitarbeiter einer Nachrichtenagentur. Es gehört zu den großen Leistungen der deutschen Demokratie, dass Abgeordnete mit einem Sinn für die überwältigende Dimension einer solchen Überwachungsmaßnahme dem Ansinnen des Kriminalisten nicht nachkamen. Im Sinne dieser Widerständigkeit wird der anstehende Wachwechsel beim BKA auf der Herbsttagung 2014 zwar nicht gefeiert werden, aber das muss uns nicht stören. Es gibt halt viele Gründe zum Feiern und noch mehr ehrenvolle Abschiedsreden, als Engel auf einer Nadelspitze Platz haben. Insofern ist es auch eine Art Abschiedsgeschenk für Jörg Ziercke, wenn eine Kleine Anfrage der Linksfraktion pünktlich vor der Feier offenbart, was das BKA an Hard- und Software einsetzt, um passwort- oder PIN-geschützte Geräte von Verdächtigen analysieren zu können. Die Auskunft, dass dafür keine selbst entwickelten Systeme oder Verfahren benutzt werden, sondern käufliche Cracker aus Russland und Israel, ist leicht beunruhigend. Müssen es wirklich Programme und Hardwarevorrichtungen aus Ländern sein, in denen Polizeien Spuren verwischen? Ganz nebenbei sollte auch die Frage bei einem von allen deutschen Ermittlern benutzten US-Produkt erlaubt sein, warum ein Polizeiinspektor von einem deutschen Landeskriminalamt für den Hersteller in einem Testimonial damit Werbung machen darf, dass seine Truppe auf eine mit Truecrypt verschlüsselte Partition zugreifen konnte.

... doch es kamen Affen

Die Antworten, die im Mainzer Schloss gegeben werden, dürften anders klingen. Denn da redet EC³-Chef Troels Oerting, der in dieser Woche mit markigen Statements über Tor aufgefallen ist, etwa in der tageszeitung, die gleich einen seitenfüllenden, aber nicht online verfügbaren Nachruf auf das böse "Tor zur Unterwelt" veröffentlichte: "Die Kriminellen können davonrennen, aber sie können sich nicht verstecken." Das entsrechende Dankeschön an Cisco ist erstmal ein kleiner Aufschwung. Auch EU-Generaldirektor Matthias Ruete ist auf der Abschiedsfeier zu Gast. Einer, der als Copyright-Spezialist gerne davon spricht, dass die Anarchie des Netzes und dieser "gesetzfreie Raum" zum Untergang unserer Kultur führen kann. Man darf gespannt sein, wie sich in diesem Setting der neue BKA-Chef Holger Münch präsentiert. Vielleicht so gesprächig und mitteilungsbedürftig wie EU-Kommissar Günther Oettinger in seinem Blog, dem unsere Drei von der digitalen Agenda etwas gefaxt haben. Ein Fax? Genau, wegen der abhörsicheren Kommunikation zwischen Brüssel und Berlin. Da lachen die Leerrohre. (jk)

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