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Was war. Was wird.

Der Sommer ist vorbei und Hal Faber steigt in die Jahresendplanung ein. Das jährliche Hamburger Hackertreffen wirft seine Schatten voraus. Aber was ist eigentlich ein Hacker? Bill Gates?

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Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Nein, man kann wirklich nicht sagen, dass es bei uns Sommer ist. Die Hacker-Rätsel sind längst vorbei. Dennoch hat das Thema Konjunktur. Da ist die Geschichte mit dem Altair, der eine ganze Hacker-Generation beeinflusste. Bill Gates, ein Hacker? Als solcher wird er jedenfalls in dem Nachwort von 2010 in dem Evergreen von Steven Levy beschrieben. Ein Buch, das derzeit seinen 30. Geburtstag feiert, mit Menschen wie John Carmack, die sich für das Buch bedankten, weil es half, ihr Anderssein zu erklären und zu akzeptieren. Die ganze Passage mit Bill Gates, ist bemerkenswert, denn Gates nahm es Levy jahrelang sehr übel, dass dieser seinen Open Letter to Hobbyists einer breiteren Öffentlichkeit bekannt machte. Die Passage anno 2010, die geht so:

Es ist schon lustig. Als ich jung war, kannte ich überhaupt keine alten Leute. Als wir die Mikroprozessor-Revolution in Gang setzten, war niemand als, wirklich niemand. Man traf sich nicht mit Journalisten, die alte Leute waren. Ich verhandelte nicht einmal mit Leuten, die um die Dreißig alt waren. Nun sind Menschen mit Fünfzig, Sechszig dabei. Und nun bin ich alt und habe micht damit abzufinden. Es ist schon verrückt, wie alt diese Industrie geworden ist. Als ich jung war, habe ich Sie getroffen und nun bin ich alt und treffe Sie wieder. Jesus!

*** Es ist bezeichnend, dass bei den Geburtstagsfeierlichkeiten wieder einmal die alte Hacker-Ethik ein Thema geworden ist: "Der Hacker-Geist kann helfen", heißt es da, sehr schlicht und kontextlos, ohne den Geist der frühen Jahre. Prompt fühlt man sich an die Lanier-Bewunderer erinnert, die von einem hippokratischen Eid der ITler schwafeln. Bei der tageszeitung muss Steven Levy auf die Frage antworten, was er denn von den neuesten Aktionen von Anonymous halte. Die Antwort zeigt, dass er ein typisches Kind der 60er Jahre ist:

Ich halten nichts von Leuten, die ihre Computer dazu benutzen, einfach aus Gaudi zu stehlen oder zu zerstören. Aber Leute, die so etwas aus legitimen politischen Motiven machen, sind für mich Aktivisten. Ich bin in den 1960er Jahren groß geworden, daher habe ich großen Respekt vor zivilem Ungehorsam. Ich bin aber nicht mit allem einverstanden, was Anonymous tut. Wenn man zum Beispiel eine Nachrichtenwebsite hackt, weil einem nicht gefällt, was die schreiben, ist das Zensur.

*** Parallel zum Erscheinen von "Hackers" gab es im November 1984 die erste originäre Hacker-Konferenz, veranstaltet von Stewart Brand und seinem Whole Earth Catalog. Unter dem Motto "Keep Designing" (und nicht etwa Keep Hacking) lud Steward Brand jede Menge Hobbyisten und Techno-Bastler zum Stelldichein, um die Frage zu diskutieren, wie die von Levy zusammengestellte "Hacker Ethik" eine "Informationsökonomie für das nächste Jahrtausend" entwickeln könne – kleiner als millenial dachte man in den 60ern nicht. Liest man die Berichte von damals, diskutierte man scheinbar einfache Sätze wie Brands Bonmot "Information should be free", aber auch tiefe Einsichten wie die von Steve Wozniak: "Information should be free but your time should not": Lebenszeit ist ein kostbares Gut. Brand sah später das große Ganze fast als heiliges Ereignis:

Ich denke, dass Hacker – konzentrierte, innovative, respektlose Computer-Programmierer – die interessantestes und effektivste Gruppe der Intellektuellen sind, die es seit den Denkern der US-Verfassung gegeben hat. Keine andere Gruppe hat sich so der Idee verschrieben, eine Technologie zu befreien und ist damit erfolgreich gewesen. Sie setzten sich nicht nur gegen das aktive Desinteresse US-amerikanischer Unternhemen durch, sondern ihr Erfolg zwang amerikanische Unternehmen, ihren Stil zu übernehmen. Indem sie das Informationszeitalter auf den Einzelnen und auf den Personal Computer herunterbrachen, haben sie die amerikanische Wirtschaft gerettet. Die stillste all der Subkulturen der 60er Jahre hat sich als die innovativste und mächtigste all dieser Kulturen erwiesen.

*** Das Informationszeitalter von heute zeigt in diesen kalten Tagen seine unschönen Seiten. Das Internet soll uns gefälligst die Demokratie bringen, die mit den richtigen, guten Daten, fordert die Zeit mit einer seltsamen Illustration, der heilige Dreieinigkeit aus Hacker-Hoodie, Dreitastenmaus und Baseballschläger. Das ist nicht nur ein gewagtes Bild, sondern auch eine seltsame Vorstellung vom Internet, die nicht einmal zu der Zeit funktionierte, als Mail-Adressen noch uunet!ora!nuts geschrieben wurden. Die tageszeitung hat in dieser Woche ein wichtiges Dokument des zivilen Ungehorsams veröffentlicht, nämlich die Rede von Edward Snowden zur Verleihung des Stuttgarter Friedenspreises. Dabei veredelte die Chefredakteurin Snowden in ihrer Rede Snowden zum fünften Musketier, der mit den vier anderen (Julian Assange, Glenn Greenwald, Chelsea Manning und Laura Poitras) eine "unglaublich gelungene Choreografie der publizistischen Enthüllungsskandale" produzierte. In seiner nüchterneren Rede kündigte Snowden an, dass er als Journalist arbeiten und Artikel schreiben werde, um den Verhältnissen die Stirn bieten. Das Kind der 90er Jahre sprach von echten Informationen und trügerischen Absichten:

Als Bürger müssen wir uns darauf verlassen, dass unsere Regierung uns mit wahrheitsgemäßen Informationen über ihre Politik und ihre Aktivitäten versorgt. Damit meine ich nicht, dass wir die Namen jedes einzelnen Terrorverdächtigen kennen müssen oder jede Polizeiuntersuchung, die stattfindet. Aber wir müssen wenigstens die groben Züge der politischen Strategien verstehen, die unsere Regierung verfolgt.

*** Damit kommen wir zu den wahrheitsgemäßen Verdrehungen. Wenn nur die Hälfte aller Aussagen zutrifft, die in dieser Woche im NSA-Untersuchungsauschuss öffentlich zu hören waren, dann dehnt der BND nicht nur seine Befugnisse aus, sondern überdehnt die Gesetze oder biegt sie zurecht. Heraus kommt eine angeblich zulässige Totalüberwachung durch einen Dienst bar jeder funktionierenden Kontrolle. Sollten die Einzelheiten stimmen, hat der BND größere Rechtsbefugnisse als sie die Dienste in den USA haben. Besonders die Definition des Juristen, dass deutsche Journalisten ohne Weiteres ausspioniert werden können, wenn sie für ein ausländisches Medium arbeiten, ist von einiger Sprengkraft: Wer länger in diesem Geschäft dabei ist, hat zwangsläufig für ausländische Blätter oder sonstige Medien gearbeitet. Illegal, Scheißegal, A-sozial, scheint die Devise zu lauten.

*** Wie heißt es im Gesetz: In den Fällen der §§ 5 und 8 sind die Suchbegriffe in der Anordnung zu benennen. Ferner sind das Gebiet, über das Informationen gesammelt werden sollen, und die Übertragungswege, die der Beschränkung unterliegen, zu bezeichnen. Weiterhin ist festzulegen, welcher Anteil der auf diesen Übertragungswegen zur Verfügung stehenden Übertragungskapazität überwacht werden darf. In den Fällen des § 5 darf dieser Anteil höchstens 20 vom Hundert betragen. Die willkürliche Definition dessen, was diese 20 Prozent einer abgeschöpften Kommunikations-Ausleitung sind, dürfte sogar verfassungswidrig sein. So neu ist das nicht bei einem Dienst, der Auslandsspionage betreiben soll, aber in seiner Geschichte munter Inlands-Spitzel beschäftigte. Wen stört schon diese Verfassung und dieses unsere Grundgesetz? Über allem steht die Südmilch AG, wie die Geheimarbeiter in Pullach von ihren Kollegen genannt wurden. Darauf ein kleines Käsebrötchen.

Was wird.

In der letzten Wochenschau wurde das Schicksal des von Barrett Brown erwähnt, der auf sein Gerichtsurteil wartet. Hier ist der Link, der zum erwähnten Artikel über den "Staatsfeind Nummer Zwei" führt, der nach wie vor am Warten ist. Denn noch ist nichts entschieden: Nach einem Eilantrag der Kläger ist die Verkündung des Strafmaßes auf den 16. Dezember verschoben worden.

In Deutschland hat unterdessen die Suche nach Verschenksofas begonnen, ebenso das nunmehr Halfnarp genannte Auspendeln der Termine zum 31. Jahresendtreffen der nicht unbedingt athletischen Personen, die sich gerne Hacker nennen. Für sie dürfte die Lektüre von Levys Hacker-Buch wahrscheinlich irritierend sein. Dieses kleine Update von 2003 mag helfen. Immerhin gibt es auch bei diesem Congress ein Jubiläum zu feiern, denn anno 1984 fing es an mit chaotischen Kongressen und Geldsorgen abseits der Super-Hacks. Erst 1987 erzielte man den ersten Überschuss, der diesmal mit dem besofaten Riesenbau des Congress Centrum Hamburg noch einmal üppig ausfallen dürfte. Danach ist erst einmal Ende in diesem Gelände, denn bis 2019 wird renoviert und alles so piekfein gemacht, dass Poppen mit Folie nicht mehr möglich ist. Doch in der Kälte dieser Tage kann man ja auch an den Sommer denken, wenn das Chaoscamp vom 11. bis 17. August zum gemeinsamen Abschwitzen einlädt.

(vbr)