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Was war. Was wird.

Flucht? Manch einer glaubt tatsächlich, die machen das aus Jux und Dollerei. Während andere am liebsten die Feuerleitern kappten, wenn die Flüchtlingsheime brennen. Dummes Deutschland, gesegnet nur mit einer dummen digitalen Agenda, zürnt Hal Faber.

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Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

Fairy Dust, in der Nacht. Am Boden ...

*** Sommer! Sonne! Deutschland feiert, etwa beim großen Abhörfestival Echelon Open Air in Bad Aibling, wo der Bundesnachrichtendienst einen satten Rave hinlegt und die Polizei Oberbayern-Süd begeistert twittert: "Let's be weird!" Tiefentspannt das ganze Land, es muss ja irgendwie weitergehen nach dem Ende des Hackercamps mit seinen krossen, braungebrannten Hackern. Dazu gehört der Start der Digital Freedom Alliance, mit anklickbarer Deutschlandkarte. Ja, wir leben schon ein besonders schönes Fleckchen Erde. Komme mir da keiner mit den faschistoiden Frührentnern und besoffenen Rechtsradikalen von Heidenau, die systematisch von der NPD aufgestachelt wurden. Sie repräsentieren nicht das Deutschland, das 12 Millionen Vertriebene, 3 Millionen rückkehrende Soldaten und 5 Millionen Aussiedler locker verkraftet hat. Es ist ein Land, das auch mit den Flüchtlingen anständig umgehen kann, die nicht über diesen wunderbar komfortablen Immigrations-Assistenten ihr Ziel auswählen konnten, sondern den nackten Arsch retten mussten.

*** Es kann überhaupt keinen Zweifel daran geben, dass Deutschland von diesem Zustrom neuer Talente profitiert, wenn diese bleiben werden, sollte Syrien untergehen. Wir werden mit diesen Menschen im Jahre 2030 ganz ohne idiotische Asyldebatten besser dastehen als heute. Man lese nur die netten Geschichten aus dieser Zukunft, wie sie edelst qualifizierte Forscher mit Mitteln des Bundesforschungsministerium als "Foresight" aufgeschrieben haben. "Deutschland selbermachen" heißt es, nicht "Deutsche machen selber", wo Maker-Spitzencluster mit der WerkRaum-Zertifizierung ihrer 3D-Drucker von der Afrika-Kooperationsstrategie "Nachhaltiges Selbermachen" profitieren kann und wo das Möbeldesign aus Eritrea kommt. Es wird ein glückliches Deutschland voller "Nachbarschafts-Waschrestaurants" und LeiLas sein, in denen jeder Mensch seine Qualitäten voll entfalten kann, ein Deutschland, in dem es keinen Philosophieunterricht mehr gibt, sondern das Schulfach "Wohlergehen und Lebensqualität" heißt und Lisa einen Aufsatz schreiben muss.
"Für die heutige Stunde sollte sie einen kurzen Aufsatz darüber verfassen, was 'ein glückliches Leben führen' genau bedeutet. Diese scheinbar einfache Aufgabe entpuppte sich für Lisa als echte Herausforderung. So richtig hatte sie noch nie darüber nachgedacht, was Glück für sie bedeutet. Auch ein Blick in ihr digitales Lebensbuch, das automatisch Lisas Tagesablauf im Zusammenhang mit ihren Körperwerten speichert, war nicht aufschlussreich. Sie sah darin zwar, dass ihre Glückshormone steigen, wenn sie sich einen neuen Pullover oder Schuhe aussuchen darf und dachte, dass Glück vielleicht vom Besitz schöner Dinge abhängig ist. Doch dann entdeckte sie, dass die Glückhormone auch in die Höhe schossen, als sie ihrer besten Freundin ein Geschenk machte."

*** Glückshormone in den Körperwerten, aufgezeichnet durch ein Lebensbuch, mit Hilfe zahlloser Sensoren in den T-Shirts, die in der Luxus-Ausgabe Hormon-Ausschüttungen erfassen und "Aussagen zum Immunstatus" geben. Das muss die Vollendung jener Digitalen Agenda und damit der Weg zur internationalen Vorreiterrolle Deutschlands sein, von der wir in dieser Woche eher Negatives hören mussten. Aber halt, noch ist es nicht soweit. Wenn schon die von einem TK-Unternehmen angebotene Volks-Verschlüsselung mit PGP als Ausdruck der regierungsseitig betriebenen digitalen Agenda herhalten muss, ist etwas schief gelaufen. Ganz abseits aller schlappen Breitbandinitiativen, die schon beim Start von UMTS zu verlogenen Sprüchen über Kundenorientierung und Netzqualität führten, ist es verdächtig, wie in der Agenda wie in den Foresight-Ergebnisbänden andauernd Wachstum und Beschäftigung betont wird.

*** Die Realität sieht anders aus. Das Wachstum hat Grenzen, wie seit Jahren bekannt. Uns wird das Öl ausgehen, dann das Wasser. Auch Computer müssen sich auf dem Weg ins Paradies anpassen, die Software sowieso. Wer keine Arbeit hat, wird halt Maker oder eine Bricoleuse, die Weitwurf-Toaster repariert.
"Von draußen winkt ihr Nachbar Ralf, ein Umweltaktivist, und schaut herein: 'Kann ich Dir meinen Toaster zum Reparieren hierlassen? Heute Morgen hat er den Toast drei Meter weit geschleudert!' 'Klar, kein Problem', sagt Tinka und denkt: 'Dass er Stammkunde bei mir geworden ist, habe ich auch der Zertifizierung als Grüner WerkRaum zu verdanken. Ich habe Schalldämmungen eingebaut, und das Quartier hat durch den WerkRaum seinen Öko-Fußabdruck stark reduzieren können. Wer hätte je gedacht, dass ich 2030 schon so etabliert bin', überlegt sie weiter. 'Noch vor fünf Jahren habe ich hier nur mit meinen technologieverrückten Maker-Freunden an Platinen rumgebastelt. Wir sahen uns als eine kleine exklusive Tech-Community. Über die vielen Nachbarn jeden Alters, die stricken, nähen und Kuckucksuhren bauen, Umweltaktivisten oder programmierende Senioren hätten wir uns wohl eher gewundert. Inzwischen gehen hier alle ein und aus und lernen voneinander.'"

*** Aus der ganz weit weg gelegenen Zukunft des Jahres 2030, in dem diese kleine Wochenschau nicht mehr existieren wird (obwohl, wer weiß ...), ist der Sprung in die nahe Zukunft der nächsten Wochen ein ziemlich harter. Noch immer waberloht die Netzpolitik-Affäre, wenngleich nicht mehr mit größter Flamme. Die Spekulatius-Zeit ist angebrochen, in der jeder über die Motive hinter dem Landesverratsvorwurf rätseln darf. Besonders apart ist hier die Zeit, die einen eigenen Abwurfkasten für Whistleblower betreibt und Netzpolitik.org kurz vor der Geburtstagsfeier anathematisiert. Whistleblower wären schön doof, wenn sie nach diesem Vorfall Dokumente an Netzpolitik schickten, wo die Cryptophones längst überwacht seien. Das erinnert glatt an den ominösen Beamten, der Netzpolitik auf die Abteilung SI (für EigenSIcherung) des Bundesnachrichtendienstes aufmerksam machte, wo erfolgreich eine "abschreckende Drohkulisse" aufgebaut wurde. Beim Bruderdienst Verfassungsschutz dürfte diese Kulisse noch pompöser sein, denn dort geht es um das Existenzrecht einer überflüssigen Behörde, die sich wie eine Polizei aufspielt. Erinnert sei daran, dass der aus Heidenau stammende Mitverfasser der Dresdener Thesen als unbedenklicher Mitläufer eingestuft wurde.

*** Aus der Welt der Geheimdienste sind in Ecuador Dokumente aufgetaucht, die von der noch vorhandenen Opposition – nach einem Vulkanausbruch wurde die Pressezensur eingeführt – zu Fragen an Präsident Correa genutzt werden. Nach einem auf den Dokumenten fußenden Zeitungsbericht beschattet der ecuadorianische Geheimdienst Senain den Australier Julian Assange in der Landesbotschaft zu London und sorgt mit der Operation Hotel dafür, dass sein Lebensstil sich dem botschaftlichen Leben anpasst. Interessanter als die Details zum Alltagsleben von Assange ist die Information, dass der Senain 535.000 Dollar an Hacking Team überwies, um den Oppositionsführer Carlos Figueroa überwachen zu können. Am Ende ging die fortlaufende Forderung nach neuen Sicherheitslücken zum Eindringen in Figueroas Geräte selbst den Support von Hacking Team auf die Nerven. Dass Wikileaks mit den Mails von Hacking Team half, das alles aufzudecken, ehrt die Truppe.

Was wird.

Irgendetwas dreht sich und das Lebbe geht weider. Noch läuft die Froscon und bald danach gibt es gleich nebenan die Kölner Woche deiner Privatheit, komplett mit Cryptoworkshop und einer Demonstration. Auch am Rande der norddeutschen Tiefebene tut sich was, wenn das Spamfilter-Festival beginnt. So wie Netzpolitik keine abwegige Spezialpolitik ist, ist auch die Netzkultur eine Spielart unter anderen im möglichst bunten Kulturbetrieb.

... und tschüss, Erde!

Wer die Schmiergelder von Strauß vermisst, das Ehrenwort von Kohl und Adenauers Werk sowie Schäubles Beitrag, dem antworte ich mit einem Zitat des ehemaligen Bundespräsidenten Heinrich Lübke aus dem Jahre 1961 zu diesem Thema: "Glücklich die Staaten, in denen die Bürger wissen wollen, aus welchen geistigen und moralischen Quellen diejenigen ihre Kräfte schöpfen, die führend sind in Gesellschaft und Staat; und weiter, ob ihre Fähigkeiten und ihr natürlicher Ehrgeiz, etwas leisten zu wollen, im rechten Verhältnis stehen zu ihrem Rechtsinn, ihrer Wahrheitsliebe und den anderen Werten unserer sittlichen Ordnung." (jk)