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Was war. Was wird.

"Um seine Zerstörungskraft zu entfalten, muss der Hass kollektiv werden. Der Einzelne, der in seiner Ecke hasst, bleibt ein armseliger Wicht", zitiert Hal Faber. Und: "Unsere Antwort auf Gewalt ist noch mehr Demokratie, noch mehr Menschlichkeit."

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Paris, Eiffelturm

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** "Das Objekt des Hasses ist nicht einfach der andere, sondern ein anderes Selbst, also ein anderer, der mich selbst in Frage stellt. Das erklärt die mörderischen Regungen des Hasses. Die Feindschaft will den anderen auf den ihm angeblich zukommenden, niederrangigen Platz verweisen, der Hass hat immer den Tod als Horizont im Auge.

In Paris ist der Philosoph André Glucksmann gestorben, friedlich im Alter von 78 Jahren. Über 120 Pariser und 45 Beiruter erfuhren einen Tod durch Motive, die Glucksmann in seinem Spiegel-Interview über den Hass im Jahre 2005 diagnostiziert hatte.

"Um seine Zerstörungskraft zu entfalten, muss der Hass kollektiv werden. Der Einzelne, der in seiner Ecke hasst, bleibt ein armseliger Wicht oder wird schlimmstenfalls ein isolierter Mörder. Ideologien können der Kollektivierung des Hasses dienen, aber sie sind nicht dessen Ursache. /.../Auch die Religion scheint mir nur ein Vorwand. /.../Der islamische Fundamentalismus ist eine Säkularisierung der Religion, das heißt eine politische Benutzung der Theologie.

*** Was sich in Paris ereignet hat, hat nichts mit dem Islam zu tun, sondern ist eine politische Nutzung der Religion, die ihre Wurzeln im relativ jungen Wahhabismus hat, der in Saudi-Arabien weiter entwickelt wurde. Der auf diesen gedanken fußende Islamische Staat ist keine rückwärts gewandte religiöse Form, sondern eine höchst moderne Ausprägung des politischen Terrorismus. Muhammed Ibn Abd al-Wahhab hatte jeden Gedanken an einen Märtyrer-Tod als Selbsterhöhung von Menschen im heiligen Krieg abgelehnt. Schließlich wird gerne vergessen, dass der Handel mit Aufputschmitteln und Drogen in Saudi-Arabien noch vor dem Ölhandel eine Haupteinnahmequelle des Islamischen States ist, wie dies Louise Shelley in Dirty Entanglements nachgewiesen hat.

*** Einen Monat vor dem Gespräch mit dem Philosophen André Glucksmann erschien im Spiegel ein Artikel, der den Zeitplan von Al Qaida analysierte, die einzelnen Eskalationsstufen ziemlich genau beschreibt und zeitlich präzise vorhersagt. In der jetztigen Phase der Konfrontation nach den Anschlägen von Beirut und Paris, wenn die Großtonsprecher der Rächer und Rechthaber und Untersteller in der Politik voll aufgedreht werden, klingt Glucksmanns Stimme wie eine leise Mahnung. Auf die Frage, ob man fatalistisch resignieren muss, weil der Hass nicht Vernunft und Aufklärung zu überwinden sei, antwortete er:

"Keineswegs. Man kann und muss dem Hass widerstehen, das ist die Grundlage aller Zivilisation - die Fähigkeit einer Gemeinschaft, ihre Todestriebe und Mordinstinkte zu meistern."

*** Unzivilisiert und vulgär ist da ein Matthias Matussek mit seiner Bemerkung über eine Viertelmillion unregistrierter junger muslimischer Männer oder ein Julian Assange mit seiner funny getweeteten Meinung, dass Frankreich, Großbritannien und die USA für den Islamischen Staat verantwortlich sind. Zu erinnern ist an den Norweger Jens Stoltenberg, der bessere Worte fand als die Scharfmacher im politischen Feld, die da Glauben machen, dass Terroristen über den Fluchtweg als Asylanten das Abendland heimsuchen, während die Fahnder noch in den Anfangsermittlungen stecken. Paris ändert alles? Gegen die Grenzschließer und Abschotterdenker sagte Stoltenberg:

"Unsere Antwort auf Gewalt ist noch mehr Demokratie, noch mehr Menschlichkeit, aber nicht noch mehr Naivität. Das sind wir den Opfern schuldig."

*** Mehr Menschlichkeit, mehr Demokratie in einer Zeit, in der mehr Überwachung gefordert werden wird, mehr Datenspeicherung und -Analyse, bis hin zu Mail-Inhalten, einhergehend mit dem Verbot der Verschlüsselung "nach Paris". Das erfordert echten Mut, die Hand von den IT-Werkzeugen zu lassen, die angeblich alles mehr vorhersehbar machen sollen. Dabei ist dieser Freitag, der 13., ein 11. September nach dem 11. September, ein zweites Zeichen, dass die französischen Behörden mit ihren jüngst erweiterten Rechten für alle Geheimdienste bzw. Polizeien und ihrer predikativen Analysesoftware auf ganzer Linie gescheitert sind. Mindestens einer der Terroristen soll ihnen bekannt gewesen sein. Das deutet darauf hin, dass es Kommunikationsstrukturen gibt, auf die der umfassend ermächtigte Staat nicht zugreifen kann. Auch die Rekrutierungsstrukturen des "Home-Grown-Terrorism" sind bekannt. Es ist nicht einfach, den aus Statistiken entschlüpften Gedanken von Emmanuel Todd zu folgen, doch der Hinweis auf die in den Vorstädten verfaulende Jugend dürfte wichtiger sein als das Draufhauen auf den verbohrten Laizismus der Franzosen. Mehr Religion kann nicht die Antwort sein, genau wie man nicht für Paris beten muss.

*** Mehr Demokratie, daran kann man auch mit Helmut Schmidt erinnern, den Mann, der es schaffte, im Bundestag nicht zu rauchen. Diese Vebeugung vor dem Hohen Haus sollte in Erinnerung bleiben, und wird es auch, mit einem schönen Gedicht. Zugegeben, gegen Schmidt und den von ihm mitertüftelten NATO-Doppelbeschluss habe ich in Bonn demonstriert, ansonsten waren wir ja Hysteriker, wie es geschichtsklitternd heißt. Klittern und Zukleistern, ist das nicht das Wesen der deutschen Regierungskunst? In dieser Woche wunderbar zu bestaunen beim BND und beim Kanzleramt, nicht nur bei der Aussage einer Dienst-Datenschützerin und der Debatte über die Weltraumtheorie, wonach das Internet ab 15.000 Meter Höhe ein rechtsfreier Raum ist, in dem nicht nur der Euro Hawk abschnorcheln kann. Wie schön, dass im geselligen Datenverkehr mit den amerikanischen Freunden eine grob entwickelte Argumentationslinie gab, die unter allen Umständen beibehalten werden musste. Jetzt aber flugs die KK, im BND-Sprachgebrauch die kleine kosmetische Korrektur mit den "begründeten Ausnahmefällen" wie diesem Franzos' Laurent Fabius.

Was wird.

Was bleibt nach alledem, wenn sich Heerscharen an Terrorismus-Experten ans Einordnen, Auskünfteln und Vorausdeuteln machen? Wissen sie die absolute Wahrheit, unbeirrbarr, jederzeit? Vielleicht ist eine kleine Kultur des Irrtums angebracht, wie Carolin Emcke schreibt, die einst den Regierungsantritt des jungen Augenarztes Baschar al-Assad begrüßte:

"In Zeiten wie diesen, in denen der öffentliche Diskurs durch eine zunehmend enthemmte Aggression vergiftet wird, tut es gut, sich der eigenen Anfälligkeit für Irrtümer gewahr zu bleiben."

So ein Irrtumsvorbehalt könnte unserem Innenminister Thomas de Maizière gut zu Gesicht stehen, der mit seltsamen Dienstanweisungen für ein Schnellverfahren irrlichterte, die sein Bundesamt BAM selbst für nicht rechtsstaatlich mit systemischen Mängeln behaftet sieht. Während zum IT-Gipfel der Bundesregierung Berlin die Hauptstadt der Digitalisierung wird, tritt de Maizière in Mainz auf. Auf der Herbsttagung des Bundeskriminalamtes, die sich in seltener Aktualität mit dem internationalen Terrorismus beschäftigt, wird über die Bedeutung des Internets für Radikalisierungsprozesse gesprochen und über "Prävention oder Repression" philosophiert. Integration scheint wohl nicht gefragt zu sein, ganz anders als in Bayern, wo es kurz und knapp sagt, wir packen's an. Und das dann halt macht, ganz ohne eiskalte Arroganz derer, die mitten in der Nacht von Paris schon die Messer zücken.

Tja, Bayern hat seine guten Seiten, nicht nur das gute Bier und den fränkischen Wein. Hier kümmert man sich um das Elementare und packt es halt an, wie der erste Bayduino mit dem hübschen Namen Tassilo zeigt, der Kindern und Jugendlichen aus Deutschland wie aus Syrien oder Sonstwohnehin das Basteln und Tüfteln nahebringen soll. Tassilo ist eng verwandt mit dem englischen Micro-Bit, doch radikal als Open Source-System ausgelegt, ganz ohne NDA, der dort unterschrieben werden muss. Schamlose Werbung im WWWW für eine Geschichte, die ganz am Anfang steht? Inmitten all der Flüchtlings- und Flüchtlingskinder und unserer Kindeskinder-Debatten darüber, wie es weitergehen soll, hat mir der Aspekt gefehlt, wie man es IT-gerecht von unten angehen kann in einer Welt, in der es nicht mehr den Kosmos-Baukasten (BRD) oder das identische "Computer-Spielzeug PIKOdat" (DDR) gibt. Darum dieser Hinweis. (jk)

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