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Was war. Was wird.

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Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Im Jahre 1988, die ersten Soundkarten und CD-ROM-Laufwerke wurden in die PC-Architektur geknebelt, erhielt ich einen Anruf. Damals erschienen in der c't ein Artikel über DOS und Windows mit Multimedia und wie schön grauslich das doch alles sei. Der Anruf kam aus Hamburg und war voller technischer Fragen zu diesem Multimedia. Weil es wirklich witzig wurde, besuchte ich den Mann und geriet in seinem Keller in eine Art Labor-Atelier voller Konstruktionen und Zeichnungen. Als der Rechner wieder lief, stellte mir Stephan von Huene einige Projekte vor, an denen er als BIG, als Bildhauer/Informatiker/Geschichtenerzähler, arbeitete. Unter ihnen einen Berg von Skizzen, die allesamt dasselbe zeigten: einen männlichen Unterkörper, mit Hose und Schuhen bekleidet, gezeichnet in der Art, wie sie von Modeentwürfen her bekannt ist. Die Hose tanzte und Stephan von Huene suchte nach einer Software, die dieses Tanzen mit Musik und Bewegung füllen konnte. Allein, die Software gab es nicht, noch nicht, weder für den PC noch für den Mac, auf dem gerade die ersten Versionen von Freehand und Illustrator erschienen waren. Der Poser kam viel später. Das hinderte von Huene nicht, seine Tischtänzer zu realisieren. Später wurden sie auf der Biennale in Venedig gezeigt, heute stehen sie im Zentrum für Kunst und Medientechnologie. Der Amerikaner Stephan von Huene ist am 5. September in Hamburg gestorben, er wurde 67 Jahre alt. Seine letzte große Installation ist der Halbleiter im Hörsaalgebäude der technischen Universität Chemnitz.

*** Halbleiter werden auch immer wichtiger für das große Unternehmen mit dem gelben Horn, schließlich sind Halbleiter modern und das will die Deutsche Post World Net ja auch sein. Nachdem wir alle jetzt endlich ganz leicht über das Internet Aktien kaufen und verkaufen können, fragen wir uns natürlich auch, was denn das überhaupt ist, dieses komische Internet. In großformatigen Anzeigen klärte uns letzte Woche das früher schlicht "Post" genannte Unternehmen auf: Ein Computerspiel mit zig Millionen Teilnehmern und der deutschen Post als einem der Gewinner. Bei solcher Auskunft fragen wir natürlich weiter: Was hat denn die deutsche Post in dem Spiel gewonnen? Leider schweigt die Anzeige dazu und erklärt nur, dass der "große Gewinner der großen Internetrevolution" die Post sei, weil sie einen kleinen Zipfel besäße, nämlich das Verbindungsglied zwischen der Old Economy und der New Economy, vulgo Transportlogistik genannt. Auf Neudeutsch ist das dann das "to" im B2B. Was aber ist, wenn das Internet kein Computerspiel ist, wenn sich nicht alles im Netz um E-Commerce, M-Commerce, G-Commerce und Was-weiß-ich-was-Commerce dreht? Dann ist die Post kein Gewinner und darf sich Aktie.Gelb ärgern.

*** Noch mehr Aufklärung gab es dann auf den Webseiten des "Forums für Männer mit Stil". Was wir ja irgendwie schon geahnt haben, erfuhren wir jetzt aus berufenem Munde: "Nichts ist für uns Frauen sinnlicher als mit den Fingern durch eine dichte Mähne zu fahren." Keiner Geringeren als unser aller Liebling Naddel verdanken wir diese weltbewegende Einsicht. Die war dann auch so wichtig, dass darüber gleich gechattet werden musste. Ich wollte eigentlich auch mitchatten, verhedderte mich aber mit meiner Mähne im Mixer und musste mir erst mal die Haare wieder waschen – Naddel mag Männer, die ihre Haare pflegen. Ich kam just in dem Moment auf die haarige Seite, als der Chat gerade rum war. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben: Nie werde ich erfahren, warum Männer mit vollem Haar sexy sind.

*** Vielleicht sollte ich mir also doch lieber eine Glatze schneiden, dann fliegen die Haare auch nicht so im Wind. In den könnte ich dann auch viel besser die PR-Mitteilungen der Firma Searchengine.com schlagen, pardon, werfen. Das Papier über die "einzigartigen Findtools fürs Internet" war nämlich in Form eines Papierfliegers gefaltet. Mangels Wind wegen Haaren konnte ich ihn nur noch in den Papierkorb werfen – wohin er auch wirklich gelungen flog. Weiter so, liebe PR-Leute! Früher konnte man die nutzlosen Sendungen an dem Dr. Entg. gepr. erkennen, was kein akademischer Titel, sondern ein Hinweis auf Drucksache, Entgelt geprüft war. Heute muss man barcoderesistent alles über sich ergehen lassen. Im Internet ist das natürlich anders. Im diesem Gewinnspiel mit dem P-Gewinner ist jede Mail wichtig, auch wenn das Spam-Gesülze nur so aus den Anhängen trieft. Wer nicht um Gewinne spielen will, sondern kommunizieren möchte, wird das vielleicht anders sehen. Aus diesem Grunde hat eine Damanis AG mit der schönen Absenderadresse damanisag@aol.com nun ein international anerkanntes Gütesiegel namens trust-mail entwickelt. Das lässt nur noch Mails mit diesem Gütesiegel, Gebr. gepr. zum Anwender durch, wenn man erst einmal seine Gütepräferenzen eingestellt hat. Das geschieht auf einer Site mit der wohlklingenden Versprechung "Gratis-service für Verbraucherinformationen". Danach bekommt man nur noch garantiert "keimfreie Werbe-E-Mails". Der Service soll so begeistert aufgenommen werden, dass die größte europäische E-Mail-Datenbank entsteht, in der bereits 50 Millionen Datensätze vorhanden sein sollen. Diesen Zahlen wollen wir trauen. Database Nation. The death of Privacy in the 21st Century nannte Simson Garfinkel sein Buch in der ersten Auflage. In der Zweiten soll es nur noch Death of privacy heißen.

*** Mein nächstes Buch nenne ich übrigens Death of translation. Gelungene Formulierungen wie die "Findtools fürs Internet" lassen ein Begräbnis erster Güte der hohen Kunst des Übersetzens erwarten. Wenn Firmen, die sich sicher gern zu den globalen Spielern rechnen lassen, bei der Registrierung einen "letzten Namen" verlangen und eine PIN, die benutzt wird, um "Privatleben auf Ihrem Konto" – ja was, abzutöten, zu erwecken? –, dann stellt man sich doch gerne "eine Frage und eine Antwort, falls Sie Ihr vergessen PIN-Nummer". Zwar wird sich die Provinz des Benutzers bei solchen Hinweisen nicht verändern, wohl aber sein Zustand: Er wird entweder lauthals auflachend die Registrierung nicht zu Ende führen können, oder aber er greift ins Bücherregal und sucht nach dem Guide für den Fisch, der all diese Probleme lösen könnte.

*** Neulich bin ich bei einem solchen Anlass wieder ins Schmökern geraten und habe dann viel über den Unendlichen Unwahrscheinlichkeitsdrive erfahren. Wie ausgesprochen unwahrscheinlich es ist, dass ausgerechnet mir die Anzeige von der Firma GraTaech aufgefallen ist, bemerkte ich erst viel später. GraTech bildet auf jeden Fall "Führungskräfte Virtual Reality" aus. Zum Lehrprogramm gehören "best of breed realities", was nachgerade philosophisch stimmt. Die beste aller Realitäten, ist das die, die Kant für seinen Diener Lampe zimmert oder die, in der sich unsere Bobos aufhalten? Was ist mit den Realitäten, die die wirkliche Wahrheit enthalten, den Plätzen, die beweisen, dass Hal doch nur ein alter Affe ist, oder den Erlebnis-Parks, in denen der gepflegte SETI strolcht? "There are more things in Heaven and Earth, Horatio, than are dreamt of in your philosophy", sagte schon Shakespeare. Es ist eben alles eine Frage der Zugangskontrolle.

*** Und diese ist am Neuen Markt in letzter Zeit nicht mehr so toll. Sonst würden sich da nämlich nicht so viele Möchtegern-CEOs – oder sind es Bobos? – an der Spitze von Aktiengesellschaften rumtreiben und per Handstreich Börsenwerte in Millionenhöhe vernichten. Dass sich dann ihre Firmen schnell im Nemwax, dem Nemax all waste share index, wiederfinden, wird sie sicherlich nicht besonders freuen, ist aber auch nicht besonders erstaunlich. Aber was soll man mit Firmen wie Gigabell und Infomatec auch anderes machen, als sie in diesen ganz besonderen Index aufzunehmen? Gegenwärtig streiten sich die Diskutanten im Forum des Abfall-Index darum, ob die beiden Firmen aus dem Zuchthaus auf den Friedhof verschoben werden sollen - requiescant in pacem möchte man ihnen nachrufen und sich darüber freuen, doch noch zu altmodisch für den schnellen Trade mit dem großen Geld zu sein.

Was wird

Getrunken, und nicht zu knapp. O'zapft ist nämlich. Und wer die Bierseligkeit nicht ausstehen kann, der kann sich in den hohen Norden zu einem Ereignis aus der Sphäre der Philoso-Viehtreiber begeben. Am 22. September gibt es im Kunstverein Hamburg einen Workshop mit dem unverfänglichen Titel "Information wants to be free". Aber was die Linux-Spatzen von den Dächern pfeifen, können die Professoren-Pinguine schon lange. Im Workshop wird der Wissenskommunismus der GNU GPL behandelt und das Anticopyright als subkulturelle Kunst gerade gebügelt. Das Ganze ist eine Veranstaltung der Wizards of Oz. Leider ohne Richard Stallmann mit seiner 8''-Diskette auf dem gelockten Kopf, den Windows-Laptop in der Hand. Der lebt bekanntlich in einer anderen Realität. (Hal Faber) (Hal Faber) / (chr)

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