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Was war. Was wird.

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Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** "Muß immer der Morgen wiederkommen? Endet nie des Irdischen Gewalt? Unselige Geschäftigkeit verzehrt den himmlischen Anflug der Nacht. Wird nie der Liebe geheimes Opfer ewig brennen?" Nein, nicht der Schmerzensruf eines lichtscheuen Kolumnisten ist hier zu lesen, der sich mit einer gewissen Computermesse quält und sich deshalb an diesem grauen März-Morgen in der norddeutschen Tiefebene an den Rechner setzt, sondern eine Lobpreisung durch den deutschen Dichter Novalis mittels Hymnen an die Nacht. Aber dieser Georg Philipp Friedrich Freiherr von Hardenberg ist morgen auch schon 200 Jahre tot, und kann sich dessen glücklich schätzen, sonst müsste er sich ganz in die Nacht zurückziehen, um nicht für den "Stolz, ein Deutscher zu sein", vereinnahmt zu werden. Nun wird selbst der Romantiker Novalis gewusst haben, dass es keine besondere Eigenleistung ist, als Deutscher geboren zu werden – und stolz könne man doch eigentlich nur auf seine eigenen Leistungen sein, meinte der Bundespräsident. Nein, keiner, den man zum Rücktritt auffordern könnte – denn dieses Mal war es Roman Herzog, der von der CDU nominierte Ex-Präsident, der sich, scheint's, in einer Reihe mit Gustav Heinemann sieht. Denn der liebte seine Frau, aber nicht Deutschland. So darf der Streit also weitergehen, von wem der Mensch abstammt: vom Affen oder vom Skinhead – oder ob er gar, ganz kreationistisch, aus Gottes leerer Hand zu Boden fiel. Träfe letzteres zu, könnten jedoch leise Zweifel an den Leistungen dieses Herrn aufkommen, zumal, wenn man sich Kreationen wie einen gewissen Politiker in Rheinland-Pfalz oder manchen CSU-Generalsekretär so anhört – um von einem Umweltminister ganz zu schweigen. Und da erfüllt es den Beobachter der deutschen Szene doch etwas mit Sorge, dass der Computer uns täglich beweist, dass er vom Menschen abstammt. Besonders deutlich wird die Verwandschaft immer wieder im Umgang mit der Sprache. Sprachliche Mitteilungen, die ein Computer übermittelt, haben — wie beim Menschen auch – selten etwas mit dem zu tun, was uns die Maschine erzählen will und insbesondere nicht mit ihrem Befinden. Von Sinn gar nicht erst zu reden.

*** Mit der Sinnhaftigkeit gewisser Computer-Mitteilungen macht jeder jedoch so seine eigenen Erfahrungen. Systemadministratoren kennen die schöne, schlichte Weisheit: Was hochgeht, muss auch wieder runterkommen. Die Weisheit gilt für ausfallsichere Server, Börsenkurse und die Mir. Der Stolz des russischen Volkes versank im Geschwabbel des Pazifiks. Nach 86.000 Umrundungen der Erde wurde die letzte Hoffnung aufgegeben, doch noch intelligentes Leben auf diesem Planeten zu finden. Immerhin waren die Ingenieure des Stolzes voll, das Schwabbeltuch zu ignorieren, das die Schnellfutterkette Taco Bell vor der Küste Australiens treiben ließ. Ein mexikanischer Taco für jeden Amerikaner, wenn russisches Metall in das Meer vor .to stürzt, das ist die Globalisierung, die vom Geist von Davos beseelt ist. "Wir träumen von den Reisen durch das Weltall: Ist denn das Weltall nicht in uns?", fragte schon Novalis.

*** Novalis, im Lexikon gemeinhin als Incubator einer Blauen Blume geführt, suchte den heiligen Gral der Schönheit, Reinheit und tiefen Ruhe. Stressfrei nennt man das heute in Zeiten, in denen sich die Firma Logitech rühmt, den "Heiligen Gral der Mäuse" gefunden zu haben. Wer traut einer an sich harmlosen Zeige- und Klickdrauf-Vorrichtung so viel Tiefgang zu? Da ziehen die Ritter der Tafelrunde aus, den heiligen Gral zu finden, da legt Indiana Jones los – und nur Logitech schafft es, diesen heiligen Gral in die Jetztzeit hinüberzuretten. Solch eine Leistung macht die Aufregung der Journalisten verständlich, die sich zur CeBIT einfanden, um auf einer Logitech-Pressekonferenz den Worten über die Gralsmaus zu lauschen. Am Ende verteilte Logitech eine Hundertschaft Mäuse, die bei weitem nicht ausreichten. So prügelten sich denn hart gesottene IT-Journalisten um eine Maus wie Ritter um den Gral. Anschließend mussten einige Schürfwunden vom Messe-Sanitäter behandelt werden. So scharf war man darauf, am Grals-Glück Teil zu haben. Inmitten der allgemeinen Knufferei hätte der NEC-Roboter gut gepasst, der mit künstlicher Intelligenz und Windows 98 Familienstreitigkeiten schlichten soll. Manche mögen in solch einem Projekt auch eine contradictio in adjecto sehen – der Streit, ob dem so ist, darf weitergehen, denn das Ding schaffte es nicht nach Hannover.

*** Ganz anders die Politiker. Sie bevölkerten die CeBIT ungeniert und nicht nur zur obligaten Eröffnungsrede. Ob Schröder, Schily, Bulmahn, Regierungssprecher Heye oder Oppositionsführerin Merkel, sie alle kamen mehrfach zu Worte und durften das Messegelände befahren. Dafür gab es von der Messe eine Green Card für die bereiften Panzer. Hübscher Gag oder Rache der Zunft? Jede Rede wurde mit Schnitzern gespickt, über die Häme billig und Spott wohlfeil ist. Politiker haben nun einmal anderes zu tun als über den korrekten Gebrauch der Fachbegriffe mehr zu wissen als in ihrem Redemanuskript steht. Dennoch müssen wir den Hal-Faber-Oscar (zum schon etwas verflossenen Jubiläum dieser Kolumne) dem Gerhard Schröder in seiner Rolle als Bundeskanzler im Film "Findulin, der Bundesgeier" verleihen. Bezaubernd, glaubwürdig die Nonchalance, wie Schröder inmitten der Kinderschar (hervorragend pointiert: die 4. Klasse einer Grundschule aus Görlitz) da über das Internet plauderte und das Zeitungsausschnittsbüro Paperball lobte. Bevor Gerhard auf der Bildfläche erschien, plauderte eine Viva-Moderatorin mit den Kindern über das Internet. Was denn die Lieblingssache mit dem Netz sei, fragte sie. Musik aus dem Internet holen, mit Napster und so, kam die Antwort. Und welche Musik? "Franz Schubert natürlich", antwortete ein trutziger Junge aus dem Grenzland. Was die Moderatorin zur Frage veranlasste, ob es nicht Frauke heißen müsste, weil sie von einem Franz keine Hits kennte. Und alle fühlten sich so voll kuhl, ey.

*** Vergessen werden soll an dieser Stelle nicht die Erinnerung, und nicht nur die an Novalis: gedacht werden muss also der CeBIT vor (etwas mehr als) einem Jahr. War doch dort schon vom M-Commerce als nächstem Buzzword die Rede und IBM verkündete die nächste große Strategie, von der heute nichts mehr zu hören ist. EON – nein, nicht der Energiekonzern, der mit der Telekommunikation nichts mehr zu tun haben will – ist in der Versenkung verschwunden, nun stürzt sich Big Blue auf Linux. Ein Schreck fährt der Gemeinde in die Knochen, die sich nur allzu gut an das traurige Schicksal von OS/2 erinnert. Gedacht werden soll nun aber nicht etwa eines prophetisch in die Nacht verschwindenden Pinguins, der sich die Blaue Blume ins nicht vorhandene Knopfloch steckt, sondern eines Buchstabens: Das E hat sich inzwischen ganz gut von der letztjährigen Auszeichnung als "Unwort der Computer-Branche" an dieser Stelle erholt. Kandidaten für den diesjährigen Award kann ich mir nun viele vorstellen – allein, bislang fehlt das Feedback. Ich nehme also noch Vorschläge entgegen. Und wenn jetzt jemand Bobo sagt, dann überlege ich mir, ob ich nicht ernsthaft böse werden muss...

Was wird.

Schauen wir in die Zukunft und bleiben einmal bei der CeBIT. Unter den vielen dort vergebenen Preisen fällt die unscheinbare Auszeichnung kaum ins Gewicht, die der CCC am kommenden Dienstag verleiht. Diesmal an die Firma Siemens, die mit ihrem Smartfilter ein Programm auf den Markt bringen möchte, das die Produktivität der Mitarbeiter beim arbeitsbedingten Surfen steigern will. Der Smartfilter schließt schmutzige Webseiten aus, aber auch den CCC höchstselbst, weil dieser skurrile Verein beim FilterTeam unter die Kategorie "Anleitung zum Datenmissbrauch" fällt. Schon vor dem Smartfilter hatte Siemens mit dem Webwasher eine Lösung im Programm, die filtern konnte und Banner-Werbung austrickste. Mittlerweile ist der Scheibenwischer eine eigene Firma. Eigentlich ist die Verleihung an Siemens nicht unbedingt eine gute Tat des CCC. Was fehlt, sind positive Beispiele, wie man zum Beispiel mit Perl kreativ umgeht, um Filter zu schreiben, die das Web wieder in eine lesbare Form bringen. Freilich wird so etwas nicht auf einer Messe ausgestellt, die den "Spirit of Tomorrow" in kleinen Grals-Dosierungen unter die Massen bringt.

Was wird kann manchmal auch weit im Gestern liegen und dennoch für die Zukunft wichtig sein. Am Dienstag findet in Paderborn eine Konferenz zur Geschichte der Kryptographie statt, auf der es um vergangene Verschlüsselungsformen geht. Ob Bletchley Park, ob MfS, sie alle rufen ins Gedächtnis, wie wichtig Kryptographie als Bürgerrecht ist. Und jetzt rast diese Wochenschau ganz unverschlüsselt aus dem Heise-Ticker in die Weiten des Web. (Hal Faber) / (jk)