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Was war. Was wird.

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Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** In dieser Woche stürmte Windows XP die Nachrichten, begleitet von sorgsam ausgetüftelten Werbeauftritten. Zeitungen schrieben vom beeindruckenden Erfolg des Systems Microsoft, hartgesottene Tester priesen die unerhörte Stabilität des neuen Betriebssystems, und unerschrockene Marktanalysten wagten mutige Prognosen, um wieviel durch XP das Vermögen von Bill Gates wachsen wird. Widmen wir uns lieber den leisen Tönen einer Branche mit menschlichem Antlitz. Gratulieren wir William Gates III., der heute, am 28. Oktober, 46 Jahre alt wird und langsam in ein Alter kommt, in dem man andere Präferenzen hat als ein stabiles Betriebssystem. So hat Gates nach Ballmer und neuerdings Kevin Mitnick seine komödiantische Ader entdeckt und sich an einen Auftritt von shakespearianischen Dimensionen gewagt. Doch die hehre Kunst ist nicht umsunst, wusste schon Bill Busch. So haben unsere Verschwörungstheoretiker längst herausgefunden, dass der Auftritt von Gates im Fernsehen genau dann gesendet wird, wenn Larry Ellison in Las Vegas seine Comdex-Keynote hält. Da Larry in Vegas seine Kartenpläne zum Besten geben wird, muss er Gates in seinen Auftritt integrieren. Die Spannung der kunstsinnlichen Computerfreunde steigt und steigt.

*** Die von Frasier, seinem exzentrischen Vater, der exaltieren Haushälterin und Frasiers' paranoidem Bruder wohl weniger. Genau am 11. November soll in einer Folge der US-Serie Microsofts Urvater den Radiopsychologen Frasier mit länglichen Elobaraten über die Grandesse der Firma Microsoft langweilen. Wer Frasier schon einmal gesehen hat (Sat.1 zeigt dankenswerterweise und für einen deutschen Privat-Sender recht überraschend ziemlich gut synchronisierte Folgen), freut sich sicher schon auf die neurotischen und den Zuschauer neurotisierenden Kommentare des nahezu psychotischen Radio-Psychologen, der die Hauptfigur der Fernsehserie abgibt. Verrückte Welt? Ja, natürlich, wer erwartet etwas anderes?

*** Apropos verrückte Welt: Neben Gates hat auch die Freiheitsstatue Geburtstag. Heute vor 115 Jahren wurde sie von Stephen Grover Cleveland als Symbol des freien Amerikas enthüllt. Bei den von allen verurteilten Terror-Anschlägen auf das World Trade Center blieb sie unversehrt. Sie soll nicht einmal gegen Anschläge versichert sein, weil die Freiheit keine Versicherung braucht. Sie ist gewissermaßen unverletzbar, im Gegensatz zu Computernetzen.

*** "Nach einem feindlichen Angriff aus dem All fürchten die Wesen unseres Systems hauptsächlich den Verlust von Daten." Selten wurde der Mensch so rätselhaft umschrieben wie in der neuen Werbekampagne von Iomega für das New Generation Zip. Vielleicht, weil als Wesen unseres Systems schon längst die Computer die Menschen überrundet haben? Dass Werbung immer wahr ist, weiß auch die Firma Dell, die mit dem Film Password Swordfish wirbt: "Stanley Jobson (Hugh Jackman), einer der besten Hacker der Welt. Und natürlich das entsprechende Equipment. Welches Notebook wäre da besser geeignet als das Dell(TM) Inspiron(TM) 8100 Notebook?" Doch wie kommt der beste Hacker der Welt an das wichtigste Passwort der Welt? Mit liebevoller fellativer Unterstützung schafft er es, den Grips aufs Höchste anzustrengen und die starke Verschlüsselung zu brechen. Danach schnieft er lautstark. Braucht er Dell, braucht er eine Nasendusche? Wir wissen es nicht und erschaudern, frösteln vor dem Können. Dagegen hilft natürlich die "innovative Software mit Fleece-Funktion und benutzerfreundlicher Oberfläche", die letzte Woche in zahlreichen Anzeigen angeboten wurde. Windows XP? Nix da: eine Lands'-End-Jacke. Spätestens der Untertitel klärt die Lage: "Permanentes Update? Nicht nötig!" Da sind wir aber echt beruhigt.

*** Unter den Nominierungen für den deutschen BigBrotherAward befand sich eine handschriftliche Eingabe. Noch denkwürdiger die Konstellation hinter dieser Handschrift: Gar nicht stolze Eltern schlagen ihre eigenen Kinder für einen Negativpreis vor. Sie erfassten, was den am Projekt beteiligten Lehrern völlig entgangen war. Die Schoolcard, nach Angaben der stolzen Erfinder konzipiert, um Schülern aus der "Schuldenfalle" zu helfen, enthält alle Merkmale, die sicherheitspolitische Hardliner entzücken. Sie ist, in den Worten der Erfinder, ein "weitverzahntes Systems, wie es kein Zweites gibt". Selbst die Gewöhnung an die Bezahlung mit Kreditkarten, mit der argumentiert wird, macht stutzig. Früher konnten die Getränkeautomaten in der Cafeteria, die die Schuldenfalle zuschnappen ließen, mit Zloty-Stücken ausgetrickst werden. Dieser gemeine Betrug am Schulkörper ist nun vorbei; Kinder haften für ihre Eltern.

Was wird.

Zu Frankfurt kommt die LinuxWorld, eine Messe für Pinguine mit Schlips. Sie wird nach Mitteilung des Veranstalters von einem Konferenzprogramm mit "hochkarätigen Rednern" begleitet, das manche Rätsel löst. Zum Beispiel das der Open-Source-Päpste: Geschickt spielen sie mit ihren Masken und täuschen vor, dass Linux viele Anhänger hat. Doch wer genau hinguckt, erkennt, dass Bruce Perens eigentlich Martin Fink heißt und vom Loyalist College kommt. Am selben Ort findet auch die European Banking Technology statt, mit einer ganzen Latte an Konferenzen und Workshops. Vielleicht mischen sich ja beide Veranstaltungen, um an ein Wort von Karl Marx zum allseits entfalteten Menschen zu erinnern: Morgens Banker, mittags Open-Source-Programmierer, abends Gates.

Mit einem Geburtstag begann unserer Rückblick, mit einem Geburtstag soll auch die Vorschau enden. Anders als bei Bill Gates oder der Freiheitsstatue weiß man zwar, dass das Internet geboren wurde. Es ist, also muss es ins Sein geworfen worden sein, würde der Philosoph schlussfolgern. Doch wann genau? Den Deutschen, denen Unsicherheiten immer schon ein Gräuel waren, verdankt das Netz nicht den Ursprung, dafür aber bald die offizielle Geburtsurkunde: Morgen beginnt in Deutschland die Abstimmung um den offiziellen Internetgeburtstag. Am 12. November wird das Datum verkündet und soll für das ganze Internet verbindlich sein. Vier ausgewählte Daten kämpfen um den Klick auf dem Stimmzettel. "Es ist der Fluch der Zeit, dass Tolle Blinde führen", wusste schon Shakespeare. Doch halt! Wann wurde dieser Mann geboren?

Ein anderer Geburtstag, an den zum Schluss nach dem Schluss (wer kennt noch Eric Satie?) erinnert sein soll, führt übrigens dazu, dass die Wochenschau dieser Woche recht kurz bleibt: Vor hundert Jahren erschienen die Buddenbrooks. Anlass genug, sich Manns Roman erneut zu Gemüte zu führen – zumal die dräuende Winterzeit dem nebligen Oktoberregen auch der Existenz in der norddeutschen Tiefebene keine größeren neuen Qualitäten zu verleihen vermag. In diesem Sinne mag auch Hal nur ein frohes Wochenende und glückliches Überleben des Winters in einem Jahr wünschen, das sicher nicht zu den besten Jahren der Menschheit gezählt werden wird. (Hal Faber) /