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Was war. Was wird.

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Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Und das, wo doch ein neues Jahr bevorsteht. So sei es gestattet, dass die Wochenschau sich dem allgemeinen Endjahrestrend, der in gewissen Medien bereits im November einsetzt, ganz zum Schluss doch nicht entziehen mag: Ein gar nicht so kleiner, wenn auch notwendigerweise unvollständiger Rückblick auf das vergangene Jahr soll nicht fehlen.

Was war.

*** Das Universum ist undicht. Irgendwo da draußen oder hier drinnen zieht es, weil ein Bulk-Universum unserem Universum die Vakuumenergie absaugt. Was mit dem Bulk-Vakuum passiert, wissen unsere Wissenschaftler noch nicht. Das Internet ist auch undicht. Etwa fünf Prozent des Netzes ist versickert und niemand da, der die undichte Stelle gefunden hat. Von heute auf morgen kann es jeden treffen. Vielleicht ist ja eine Vakuumpumpe für die Schweinerei verantwortlich, doch das weiß nicht einmal Vacman, der unermüdliche Kämpfer im Filter-War. Wir wissen nichts.

*** Leser des Heisetickers wird dies kaum überraschen. Ich dagegen tauche kurz aus den Tiefen der Arno-Schmidt-Lektüre auf, die eine freundliche Weihnachtsfrau ermöglichte, schüttele schnell meine Gedanken in eine gewisse Ordnung und siehe da, tatsächlich: Wir wissen zwar auch nichts, ahnen aber immerhin, dass wir nur in kleinteiligen handlichen Taschenuniversen existieren. Beim einen ist das Universum magentin gefärbt, beim anderen ist ein Blubb-Vakuum in der Mitte, wieder andere sind schimmrig in borisblau. Im Universum der 33 Millionen AOL-Anwender war dieses Jahr kein schlechtes Jahr. Im Chat dominierten die Themen Grammy Award, American Music Award und die Oscar-Verleihung, während in den Foren das Thema Diät die Mitglieder interssierte. Barbie hatte die meisten Anfragen, Britney Spears war die meistgesuchte Person der AOLer, gefolgt von Nostradamus, Ophrah, Jennifer Lopez, Martha Stewart, Aaliyah, Lil Bow Wow, Eminem, Pam Anderson und bin Laden. Dass der Führer von Al Quaida an zehnter Stelle auftaucht, zeigt klar, dass sich Universen irgendwo berühren müssen -- immerhin sind Nostradamus und bin Laden auch bei Google zu entdecken, der Firma, die sooo gerne das Internet repräsentieren möchte. Und, hey Kids, Britney ist auch hier auf Platz 1 gegooglet worden.

*** Kreuzt man die Liste der Google-Tops mit anderen Jahresend-Rankings, so wird die Sache schon interessanter. Nehmen wir einmal Naomi Klein, Autorin von No Logo!, die von Amerikas Business-Frauen zur Person des Jahres gewählt wurde, und zwar vor Carly Fiorina. Das ist natürlich eine ungerechte Wahl gewesen: Carly hat mit ihrem Versuch, HP und Compaq zu kreuzen, einer Marke weit mehr Schaden zugefügt, als jede No-Logo-Kampagne in Turnschuhen das schafft. Nach den Thesen von Klein müsste Nokia als Top-Brand bei Google mit den meistgesuchten Produkten eine gefährdete Marke sein. Oder Finnland: Nach einem Bericht in der gerade erschienenen "FIfF-Kommunikation" ist das Image von Finnland und das von Nokia identisch -- wie das Verteidigungsbudget der Finnen und die Steuern übrigens, die Nokia in Finnland zahlt. Dabei ist Nokia eine Firma, deren Aktien sich zu 90% in ausländischen Händen befindet.

*** Womit ich bei unserem kleinen Universum angelangt bin. Fast 9.500 mal hat es getickert in diesem Jahr, durchschnittlich rund 25 Mal am Tag. Unter den 100 meistgelesenen Meldungen des Heisetickers -- dabei gezählt nur die Zugriffe auf die Meldung selbst, Foren und etwaige in ihnen enthaltene Flamewars sind in diese meine Statistik nicht eingangen -- findet sich keine zur Firma Nokia, die sich als größter PDA-Hersteller der Welt feiert. Wer über den AOL-Kosmos lacht, kommt bei Heise aus dem Staunen gar nicht mehr heraus: Viren, Würmer und das nächste Schnäppchen bei Aldi spielen im Leben der Ticker-Leser die mit Abstand größte Rolle. Doch Halt! Auf Platz 6 steht, eingeklemmt zwischen Aldi-Meldungen, die Nachricht vom Terrorangriff auf die USA, die 142.359 mal abgerufen wurde. Das ist zwar weniger als der Nimda-Wurm, der mit zwei Meldungen und 543.796 Zugriffen Spitzenreiter der Tickerstatistik ist. Ehe mich nun Leser wie Redakteure zerfetzen: Jawohl, das Heiseversum ist ein eigenes Gebilde und der viel gepriesene Nutzwert bestimmt die Optik seiner Bewohner. Also Viren, Würmer und Aldi bis die Maus raucht. Und wenn man der Statistik traut, die Churchill nach einem Spruch von Goebbels immer fälschte, dann haben nicht nur die 17 Viren-Nachrichten aus dem Jahr des Virus und die 11 Aldi-Hämmer ihren Platz unter den aus 392.227.526 Zugriffen ermittelten Top 100, sondern auch Windows. Den 22 Nachrichten zu Windows stehen 6 zum Thema Linux gegenüber, wobei die Dauerbrenner in beiden Kategorien vorkommen, wenn nämlich Microsoft vor dem Einsatz von Linux warnt.

*** Da muss ich doch gleich mich selbst zitieren, wenn es denn ausnahmsweise einmal gestattet ist: "Es wird neue E-Mail-Würmer und Viren geben, neue Flatrate-Anbieter, die Pleite gehen oder auch nicht, noch mehr Milliarden-Kredite für die Telecom-Firmen, mehr Dot.Com-Pleiten und neue Bobo-Ideen, neuer Streit, wer eigentlich für all das Zeug, das es im Internet so gibt, wie viel bezahlen soll -- und was da all der welt- und menschheitsbewegenden Angelegenheiten mehr wäre. Eines jedenfalls feierte dieses Jahr fröhliche Urständ , wie es dies nicht einmal zu den seligen Zeiten von OS/2 gab, und dürfte auch im neuen Jahr von Höhepunkt zu Höhepunkt schreiten: Das Proselyten-Machen unter den EDV-Freaks. Kaum eine Firma, Software oder eine Technik, die sich nicht eines eigenen, eifrigen Fan-Clubs erfreuen darf." Ist Hal ein Prophet? Nun, wenn das alles ist, was es braucht, Prophet geheißen zu werden, dann ist jeder Heiseticker-Leser ein Prophet. Aber ich bin des Prophetentums leid, vor allem deshalb, weil die ganze Sache so unendlich langweilig ist. Und mit ständiger Wiederholung auch nur noch mehr Aggressionen auslösend: Ist es nur mir so ergangen, dass mir in diesem Jahr der Ton zwischen Linux- und Microsoft-Jüngern, zwischen Intel- und AMD-Adepten härter zu werden schien? "Knowledge corresponds to the past, it is technology. Wisdom is the future. While knowledge may provide useful point of reference, it cannot become a force to guide the future", um es mit den Worten von Altmeister Herbie Hancock zu sagen. Weisheit, ja, das wäre etwas, was manche Hightech-Sekten gebrauchen könnten. Vielleicht würden sie sich dann endlich auflösen und vernünftigen Dingen zuwenden.

*** Nun heischt es nach Flames, das abgelaufene Jahr in einem Universum nur nach den Werten zu betrachten, die irgendein Webserver speichert. Es gab genug in diesem Jahr, das Erwähnung verdient. Doch was ist die Einheit Jahr inmitten undichter Universen? Vielleicht müsste man treffender von zwei Jahren sprechen, einem Jahr der platzenden Dot.Com-Träume und dem Jahr nach 911, in dem der Ruf nach Sicherheit die Menschenrechte platt zu machen droht. Ehren wir die Toten: Claude Shannon, Douglas Adams und Wau Holland etwa tauchen sicher nicht in den Rückblicken der Hochglanzblätter auf, haben aber das Leben in unserem Universum geprägt. Stellvertretend für so viele andere möchte ich Paul Battaglia nennen, der an seinem Arbeitsplatz starb. In einem kleinen Restaurant am Ende eines Universums wird ein Tisch für sie alle gedeckt worden sein.

*** Zu den Meldungen, die über Jahr und Tag hinaus Bestand haben werden, gehören für viele Rückblicke der Start epochal neuer Betriebssysteme. Was freilich eine zweifelhafte Sache ist: Mac OS X von Apple, Windows XP und Novells Netware 6 wurden in diesem Jahr als epochal bezeichnet -- doch sind sie längst der gut mahlenden Versionsmühle übergeben. Zumindest in diesem Punkt ist Linux mit Distributions-Varianten irgendwo zwischen 6.2 und 8.1 bescheidener. Auf ein System folgt ein nächstes, auf einen Prozessor sein schnellerer Nachfolger. Das wird auch der Transmetaner Linus Torvalds wissen, der dieses Jahr mit einem Buch überraschte, nicht eben positiv. Habent sua fata libelli...

*** Doch es gab, was Bücher anbelangt, auch schöne Überraschungen. Auf Deutsch erschien Bruce Schneiers "Secrets & Lies" über die Sicherheit in einer vernetzten Welt, auf Englisch Lawrence Lessigs "The Future of Ideas". In dem Buch beschreibt Lessig das Internet als Kommunikations-Allmende, die extrem gefährdet ist, dem Zugriff der Allgemeinheit entzogen und privatisiert zu werden. Dieser Entzug der allgemeinen Sphäre des Wissens hat das Jahr 2001 geprägt, das zeigen zahlreiche Nachrichten zu ICANN, von der Neuwahl des Präsidenten bis zum resignierenden Fazit eines gewählten Vertreters.

*** Weniger schöne Überraschungen zeigten sich außerhalb der Welt der gedruckten Buchstaben, die auch ein Werk wie "Cryptonomicon" auf Deutsch enthält, das schon im amerikanischen Original wohl als der Roman aller Nerds herhalten musste, die mit ihrer Verschlüsselungs-Paranoia auch noch zum Bobo aufsteigen wollten. Sollte nun aber ein Mensch aus einem Paralleluniversum oder einer anderen Zeit im Ticker des Jahres 2001 stöbern, so wird er sich schwer wundern, welche Worte da die Nerds benutzen. Nein, gemeint ist nicht die "humanitäre Bombardierung", die Zeugs genug zum Unwort des Jahres hat, gemeint sind Fleischfresser, Magische Laternen und Otto-Kataloge, allesamt Techniken und Verordnungen, die sich mit dem geheimen Zugriff auf bislang geschützte Datenbestände beschäftigen. Rasterfahndung hieß das früher präziser wie offener. So offen geben sich heute nur die, die keine Bedenken gegen die Technik haben. Für die ausgebaute Telefonüberwachung wird sich hoffentlich auch ein Wort finden, ein Luftlauscherl vielleicht.

*** Welche Worte in der Umgangssprache für das bestens zu überwachende UMTS gefunden werden, wird sich im nächsten Jahr zeigen. Zu den übergangenen Meldungen des Jahres zählen die vielen kleinen Nachrichten, die von diesem oder jenem erfolgreichen Test der telefonierenden Terminals berichten. Inmitten all der Unkenrufe und Lästereien über die fragwürdigen Auktionen des öffentlichen Gutes der Sendefrequenzen sollte nicht vergessen werden, dass hier eine wirklich neue Baustelle kommt. Schauen wir etwas weiter zurück und ein bisserl nach vorne, so gelangen wir zum 2. Januar 1882, als vor 120 Jahren in den USA John D. Rockefeller 40 Ölfirmen zum Standard Oil Trust zusammenlegte und das härteste Monpol der Wirtschaftsgeschichte zimmerte. Es währte nicht ewig, ganz im Gegensatz zu zahlreichen Tickermeldungen über die fortlaufenden Auseinandersetzungen um die Zerschlagung von Microsoft. Der gerichtlich anerkannte Monopolist ist derweil besser denn je damit beschäftigt, seine Innovationen an seine treuesten Kunden weiter zu reichen.

*** Ob John D. Rockefeller oder William H. Gates "Moby Dick" gelesen haben? Herman Melville war möglicherweise prophetischer als die No-Logo-Protagonistin Klein: Er solle Starbuck nicht fürchten, erklärt Steuermann und Ahab-Gegner Starbuck seinem Chef, sondern sich selbst. Klein erklärt Starbucks nur zur erfolgreichen Marke, während Ahabs Steuermann als religiöser Rationalist erscheint, der die Mythologien dem Kapitalismus nutzbar macht. Davon träumt heute jeder Bobo -- aber ich bin ja kein wirklich edler Mensch, daher halte ich es in diesem Fall eher mit Wiglaf Droste statt mit Melville: "Wer Aktien keuft oder verkeuft, gehört in altem Bier ersäuft. Vom Scheitel bis zur Sohle", reimte Droste. Ganz so drastische Konsequenzen habe ich mir natürlich nie gewünscht (ganz ehrlich, echt!), aber kräftig auf die Nerven gegangen sind sie mir schon, all die schnellen jungen Menschen mit der eingebauten Vorfahrt. Die lebende Verkörperung der geheiligten Konkurrenz -- Cleverle, die sich mit schweißnassen Händen die fünfunddreißigste Wiederholung von "Wallstreet" reingetan und aus jeder Pore geatmet haben, man müsse nur schlau genug sein, um reich zu werden. Dass sie jetzt ihren Karriereplan überdenken müssen, lässt mich zwar nicht automatisch an eine höhere Gerechtigkeit glauben, gibt mir aber den Glauben an die Macht des Faktischen zurück. New Economy war halt doch Fassade: Wer glaubt, Kapitalismus funktioniert wie Bingo, teilt das Schicksal der meisten Zocker. Eine gewisse Schadenfreude mag da aufkommen, dass ausgerechnet eine der Vorzeigefirmen des E-Commerce, die Software für elektronisches Bezahlen strickte und bei fast allen großen Banken gut im Geschäft war, ins Aus schlidderte. Wie, gleich zwei Wünsche auf einmal? Das geht ja wirklich!

*** Es gab dieses Jahr natürlich weit mehr spektakuläre Pleiten und jammervolle Zusammenbrüche. Mancher ging mit wehenden Fahnen unter, mancher nur mit einem Wimmern. Nicht einmal mehr ein Wimmern ist von Napster zu hören, da mag die große Mutti Bertelsmann noch so dicke Sprüche klopfen. Da hat Thomas Middelhoff aus lauter Angst, das Gorbatschow-Verdikt vom Zuspätkommenden, den das Leben bestrafe, würde auf die Gütersloher Biedermänner angewandt, etwas zu schnell zugeschlagen: Denn wenn es nach den Nachtigallen geht, die man im Web schon länger trapsen hört, wird das Jahr 2002 das Jahr, in dem wir bezahlen werden. Nicht für unsere Sünden, wie ungeahnt viele Surfer meinen -- nein, zuvörderst für alles, was über Propaganda-Seiten irgendwelcher Markeninhaber oder Gerüchteküche auf Schülerzeitungsniveau hinausgeht. Wer meint, das ginge nicht, weil er alle Informationen auch kostenlos finde, nun, der wird auch die Ansicht vertreten, er brauche keine Tageszeitung, da er Fernsehen und das kostenlose Anzeigenblättle habe, das fast schon in Hunderterpacks vor den Haustüren abgeworfen wird. Viel Spaß mit einem Internet in dieser Verfassung -- die Kostenlos-Kultur ist nur ein höfliches Wort für Schmarotzertum, dessen Protagonisten sich bald nicht mehr über IVW-Zählungen aufregen müssen, da es sich nicht mehr lohnt, irgendetwas durch die IVW zählen zu lassen.

*** Aber die kleine Wochenschau, die dieses Mal dem Jahre angemessen sich etwas ausgewachsen hat, kostet noch immer keinen Pfennig, und der Heiseticker, dem sie ihre Existenz außerhalb meines Kopfes verdankt, schöpft aus Finanzierungsquellen, die hoffentlich noch lange reichlich sprudeln. Und trotzdem: "Dieses Jahr war lang und ich bin es langsam müde: Gut, dass ein neues kommt, nichts im alten war so entscheidend, dass es im neuen nicht schlimmer oder besser kommen könnte." Es sei noch einmal auf den Jahresrückblick des Jahres 2000 verwiesen, der auch an tausend Jahre Computerei erinnerte und sich nicht vorstellen konnte, wie schlimm es werden sollte. Es gibt den noch gar nicht so alten Spruch: "Ich weiß nicht, ob es besser wird, wenn es anders wird, ich weiß nur, dass es anderes werden muss, wenn es besser werden soll." So anders wie 2001 aber, das wird sich niemand gewünscht haben, auch unter der Prämisse, dass das "Andere" auch ein "Besseres" hätte sein können. War es aber nicht. Bei all dem Ballihoo um Dot.Com-Pleiten, Tux-Kriege und Gates-Attacken ist dies doch ein Jahr, das den schalen Geschmack von Bielefeld hinterlässt: Eigentlich gab es dieses Jahr gar nicht, morgen wache ich auf, reibe ich mir die Augen, und stelle fest, dass 2001 Teil eines Traums über die Bielefeld-Verschwörung war. Diesem Jahr stünde es gut an, ein Bielefeld-Jahr zu sein, das durch das Leck eines undichten Universums sickerte. Wer erinnert sich noch daran, dass wir in diesem Jahr kurz nach seinem Beginn schon 150.000 Toten zählten, Opfer eines Erdbebens in Südindien? Kaum jemand, sind die Augen und Hirne doch verklebt durch Bilder von Menschen, die in Todesangst aus dem World Trade Center springen -- und die sich gewisse Magazine nicht zu schade sind, auch noch in einem Jahresrückblick in größtmöglicher Vergrößerung zu zeigen. Verklebt aber auch sind die Gehirne durch gerechte Kriege. Schauen wir der Realität ins Auge: Otto Schily hat Recht. Es mag sich an dieser Stelle seltsam ausnehmen, aber am Ende des Jahres 2001 stellt sich die Frage nach den Werten: Den Menschenrechten etwa, oder dem ominösen Begriff Freiheit, den viele schon wieder mit Gefahr assoziieren -- auch Schily, womit er nun wieder Unrecht hat und damit die gewohnten Grenzlinien glücklicherweise wieder in ihr Recht gesetzt werden könnten. Wirklich? Die Altvorderen erzählen uns seit vielen Jahren, das ganze Problem liege an einem Mangel an Werten -- nun sind wir selbst die Altvorderen und haben der Werte zuviel, die es zu verteidigen gilt: Zur Not nach herrschender Meinung auch mit "bellizistischen Allianzen", wie das heutzutage so schön heißt und Krieg meint. Zieht man nach dem 11. September an irgendeinem der Fäden, die aus der Wertediskussion heraushängen, landet man unweigerlich an einem Punkt: Hätte man Hitler gewähren lassen sollen, da er sich letztlich nur mit Krieg beseitigen ließ? Und: Die Fürsten, die im Westfälischen Frieden das Prinzip der Nichteinmischung in die Angelegenheiten anderer Staaten festschrieben, kümmerten sich einen feuchten Kehricht um die Menschenrechte. Heute kümmern sie sich, unsere nicht mehr Fürsten genannten Herrscher vom Schlage eines George W. Bush oder Gerhard Schröder. In ihren Anti-Terror-Allianzen mit solchen Menschenrechtsverteidigern wie Pakistans Militärdiktator oder Chinas KP-Chef und den inneren Absicherungen vom Schlage der Otto-Kataloge gefährden sie inzwischen jedoch das zu verteidigende Gut mehr als jeder Terroristen-Haufen könnte. "Noch größer als die Gefahr, die von Selbstmordattentätern droht, ist die Gefahr, dass aus dem Islamismus, in der Nachfolge des Marxismus, die Religion der Armen wird. Gegen diese Gefahr hat die US-solidarische Allianz des Westens bisher nichts unternommen", meint Heribert Prantl in der Süddeutschen Zeitung. Dem bleibt nichts weiter hinzuzufügen zum Abschluss einer Anmerkung, die so gar nichts mit Computern zu tun zu haben scheint.

Was wird.

Das neue Jahr beginnt in diesen Breiten immer mit einer großen Knallerei. So gedenken die Menschen der Dynamit-Produktion, die Alfred Nobel vor dann 135 Jahren, am 1. 1. 1867, aufnahm, um seinen Nobel-Preis zu finanzieren. Es wurmte ihn zeitlebens, dass die Anarchisten, die mit Dynamit diverse Potentaten wegsprengten, nicht ausreichend den Humanismus seines Stoffes würdigten.

Gleich nach der Knallerei beginnt das große Aufräumen. Etwa bei Media Markt, wo man auf die wonnige Idee kam, den Slogan "Mehr drin, als man glaubt" mal nicht mit einem Steinhöfel zu illustrieren. In dem Mann, den mehr als 60% aller Deutschen kennen, ist offenbar nicht genug "Mehr" drin. Statt Steinhöfel kam eine dralle Deutsche zum Zuge, mit drei Brüsten, etwa so: 20002 statt 2002. Dazu in einer Pose, die an die Wölfin gemahnt, die Romulus und Remus säugte. Meinetwegen auch an "Total Recall" nach Philip K. Dick. Die Werbung muss nun zum 4. Januar entfernt werden. "Wir sind vielleicht blöd" bietet sich als nächster Slogan an. Das dürfte zu bebildern sein. Aufgeräumt wird auch bei der Mark, weil der Euro kommt. Diese Kolumne kostet dann keinen Pfennig mehr, sondern keinen Eurocent. Das ist doppelt so billig! Da muss man einfach klicken!

Gleich am Anfang des Jahres ist ein Jubiläum fällig. Am 2. Januar 1967 begann in Deutschland das "Lernsehen". So nannte man damals das Telekolleg, mit dem Volkshochschulabsolventen die Fachhochschulreife erlangen konnten. 20 Monate vor der Glotze, mit Material für die Zeit nach dem Abschalten ergänzt, dafür wurde damals ein Slogan kreiert, auf den der Media-Markt niemals kommen dürfte: "Bildung ist Bürgerrecht". Zwischenzeitlich gab es zahlreiche Dot.Coms, die mit ihrem E-Learning das herkömmliche Fernstudium für obsolet erklärten und kräftig auf die Nase fielen. Im Dezember schloss in der Schweiz McGraw Hill Learning Systems, das die Lernkultur revolutionieren wollte und gleich den Lehrer für tot erklärte. Davor ging in Schweden M2S in die Brüche. Überleben werden wohl nur Firmen wie ILS, die -- wie altmodisch -- studienbegleitend Direktunterricht mit richtigen Lehrern bieten können. Apropos Fernstudium: "Dem Gefangenen ist ein Zugang zu einem Computer und die Möglichkeit zu einem Fernstudium vorenthalten." Reden wir von Kevin Mitnick?. Aber nicht doch, er ist fast frei. Das Verbot besteht für Christian Klar, Gefangener der RAF und seit 19 Jahren in Haft. Es gibt Universen, die sind nur aus Hass, Eisen und Beton gebaut.

Mögen wir alle undicht bleiben. Kommen Sie gesund ins neue Jahr -- und möge es für uns alle besser werden als das dann vergangene. (Hal Faber) / (Hal Faber) / (jk)

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